Süddeutsche Zeitung
Den Unterschied im Wahlverhalten von Frauen und Männern gab es natürlich früher auch schon,
und in Deutschland kann man das sogar genau belegen, weil das Wahlverhalten von Frauen auch in der Weimarer Republik bereits untersucht wurde.
Nur war die Verteilung früher anders, Frauen wählten eher konservativ. In den Siebzigerjahren nahm der Vorsprung der Konservativen bei den Frauen deutlich ab, inzwischen hat sich das Phänomen in sein Gegenteil verkehrt. Es ist aber neu, dass die Abstände so groß sind.
Die Linke gilt mittlerweile tatsächlich als Frauen-Partei.
In der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung kann man die Veränderung dahin schon nachvollziehen: Die Partei wurde in den ersten Jahren nach ihrer Gründung 2007 eher von Männern bevorzugt, bei der Bundestagswahl 2021 hielten sich männliche und weibliche Wähler die Waage – und bei der Bundestagswahl 2025 war die Linke plötzlich eine Partei, die mehrheitlich von Frauen gewählt wurde. Letztlich erreichte sie nur 8,8 Prozent, aber auch das war schon ein Comeback.
Die Linke kam in der Berlin-Wahl insgesamt auf gut 26 Prozent. Stärkste Kraft in Mecklenburg-Vorpommern wurde zwar die AfD – es haben dennoch 54 Prozent der Frauen die SPD, die Linke oder die Grünen gewählt, und eben nur 44 Prozent der Männer. In Berlin haben diese drei Parteien 56 Prozent der Frauen gewählt, aber nur 49 Prozent der Männer.
Die Linke wird immer weiblicher, rechte Parteien männlicher. Dafür gibt es Gründe – deren politisches Potenzial womöglich noch gar nicht ausgeschöpft ist (SZ Plus): https://lnkd.in/eV3Utzbq
Süddeutsche hier 21.9.26 Von Susan Vahabzadeh
Die Linke wird immer weiblicher, rechte Parteien männlicher. Dafür gibt es Gründe – deren politisches Potenzial womöglich noch gar nicht ausgeschöpft ist.
Blättert man diverse Parteiprogramme durch, kommt man wahrscheinlich nicht sofort darauf, aber: 51,4 Prozent der Wahlberechtigten in Deutschland sind Frauen. Wenn diese Frauen wählen, treffen sie andere Entscheidungen als Männer, darüber sollten sich Parteien Gedanken machen.
Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung hat dazu eine im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie erstellen lassen: „Die Polarisierung der Geschlechter: Der moderne Gender-Gap im Wahlverhalten bis 2025.“ Das Kapitel über das Wahlverhalten junger Frauen trägt den schönen Titel „Off the Charts“. Es sprengt jede Statistik.
Dabei waren da die Berliner Wahlergebnisse vom Sonntagabend noch gar nicht dabei. Einer Nachwahlbefragung des RBB zufolge wählten 51 Prozent der Wählerinnen unter 25 Jahren die Linke. Mehr als jede zweite junge Frau in Berlin.
Wir leben ja eigentlich in einer Zeit, in der Volksparteien zu Kleinparteien schrumpfen, die Gesellschaft sich nicht nur polarisiert, sondern zersplittert. Da ist eine absolute Mehrheit, auch wenn sie nur für die kleine Gruppe der Frauen unter 25 Jahren gilt, schon sehr bemerkenswert. Warum gibt es in einer Gesellschaft, die sich auf immer weniger einigen kann, plötzlich eine solche Übereinkunft?
Frauen verdienen im Schnitt weniger – und halten das dann womöglich nicht für ein Privatproblem
Das liegt nicht nur an Heidi Reichinnek oder der Berliner Spitzenkandidatin Elif Eralp, obwohl ihre kuschlige „Die Liebe hat gewonnen“-Siegesrede tatsächlich nichts für Andrew-Tate-Fans war. Und es liegt auch nicht nur an sozialen Medien. Da dürften durchaus Inhalte eine Rolle spielen. Denn die Tendenz, eher links zu wählen, ist auch bei älteren Frauen zu beobachten – und die haben eher nicht Tiktok-Videos dazu gebracht.
Es gibt eine Reihe von Faktoren, die das Wahlverhalten von Frauen in den vergangenen Jahrzehnten geprägt haben. Frauen sind häufiger erwerbstätig als früher, es gibt aber immer noch die andere Lücke, die „Gender Pay Gap“ heißt. Wenn Frauen im Schnitt weniger verdienen, liegt es nahe, dass sie sich mehrheitlich für Parteien entscheiden, die das nicht für ein weibliches Privatproblem halten. In Berlin waren die Mieten das wichtigste Wahlkampfthema – wer weniger verdient, ist von hohen Mieten umso stärker betroffen.
Und die Umverteilung bei den höheren Bildungsabschlüssen spielt ebenfalls eine Rolle. Statistisch betrachtet haben auch die mit dem Wahlverhalten zu tun: Wer einen höheren Abschluss hat, wählt seltener rechts. Man kann ja die jungen Frauen, die in Berlin die Linke gewählt haben, nicht einzeln nach ihrem Werdegang befragen – aber, auch nur rein statistisch betrachtet, haben mehr von ihnen einen höheren Abschluss als ihre männlichen Altersgenossen (dieser vermeintliche Informationsvorsprung hat sie aber offensichtlich nicht dazu gebracht hat, von Eralp eine klare Abgrenzung gegen Antisemitismus zu verlangen).
Die linken Parteien stehen zumindest im Ruf, sich feministisch zu engagieren, sie haben paritätisch besetzte Spitzen und werden dadurch häufiger von Frauen repräsentiert. Zieht man die CDU als Konkurrenz dazu heran, gibt es schon eine Reihe guter Gründe, sich dort als junge Frau weniger zugehörig zu fühlen – etwa weil die Haltung der CDU zum Abtreibungsparagrafen 218 nicht von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung geteilt wird. Die wünscht sich nämlich, dass aus „illegal, aber straffrei“ ein einfaches „legal“ wird, was ja an den Fristen gar nichts ändern würde.
Ob Frauen sich besser in ihre Mitmenschen hineinversetzen können, wie manche Studien herausgefunden haben wollen, und sie deswegen empathischer sind, ob es gar ein Kümmer-Gen gibt – das sei dahingestellt. Vielleicht muss man aber gar nicht empathischer sein, um empathischer zu wählen. Tatsache ist: Solange Frauen mehr Care-Arbeit leisten, sind sie dafür prädestiniert, sich mehr für die Belange anderer zu interessieren. Zwangsläufig.
In Berlin wollte die Linke daran arbeiten, die Stadt bezahlbar zu machen, und zwar für alle. Es ging auch um Einfrierungen von Ticket-Preisen für öffentliche Verkehrsmittel, aber im Fokus standen eben die steigenden Mieten. Auf das Thema stürzte sich auch die AfD, machte aber in ihrem Gegenentwurf als Feind des Mieters nicht Wuchermieten aus, sondern „Asylmigranten“.
Das ist ein Nullsummenspiel, in dem man jemandem etwas nehmen muss, um anderen zu geben. Empathisch klingt das nicht. Es ist in Deutschland bislang keine Partei an der Macht, die Beförderungen von Frauen verhindern würde, so wie es US-Verteidigungsminister Pete Hegseth beim Militär tut.
Aber nur mal als kleine Mahnung: Obwohl Frauen natürlich überall sehr oft gegen ihre eigenen Interessen wählen, sollte man es von ihnen nicht erwarten.
Was auch schon vor der Wahl klar war und für alle gilt: Der Dauerkrisenmodus, in dem wir uns befinden, treibt die Wähler an die Ränder des politischen Spektrums. Junge Wähler fühlen sich an die traditionellen Parteien nicht gebunden, und sie fühlen sich von ihnen auch oft nicht repräsentiert – was auch in anderen Bundesländern zu einem Zulauf zur Linken und zur AfD bei jungen Wählern führt. Überall in einem nicht ganz ausgeglichenen Geschlechterverhältnis.
Die Linke gilt mittlerweile tatsächlich als Frauen-Partei. In der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung kann man die Veränderung dahin schon nachvollziehen: Die Partei wurde in den ersten Jahren nach ihrer Gründung 2007 eher von Männern bevorzugt, bei der Bundestagswahl 2021 hielten sich männliche und weibliche Wähler die Waage – und bei der Bundestagswahl 2025 war die Linke plötzlich eine Partei, die mehrheitlich von Frauen gewählt wurde. Letztlich erreichte sie nur 8,8 Prozent, aber auch das war schon ein Comeback.
Die Linke kam in der Berlin-Wahl insgesamt auf gut 26 Prozent. Stärkste Kraft in Mecklenburg-Vorpommern wurde zwar die AfD – es haben dennoch 54 Prozent der Frauen die SPD, die Linke oder die Grünen gewählt, und eben nur 44 Prozent der Männer. In Berlin haben diese drei Parteien 56 Prozent der Frauen gewählt, aber nur 49 Prozent der Männer.
In der Weimarer Republik haben Frauen sogar konservativer gewählt als Männer
Den Unterschied im Wahlverhalten von Frauen und Männern gab es natürlich früher auch schon, und in Deutschland kann man das sogar genau belegen, weil das Wahlverhalten von Frauen auch in der Weimarer Republik bereits untersucht wurde. Nur war die Verteilung früher anders, Frauen wählten eher konservativ. In den Siebzigerjahren nahm der Vorsprung der Konservativen bei den Frauen deutlich ab, inzwischen hat sich das Phänomen in sein Gegenteil verkehrt. Es ist aber neu, dass die Abstände so groß sind.
Besonders in den USA wird der Graben zwischen den Geschlechtern bei Wahlen immer größer: Frauen wählen eher die Demokraten – das ist, nachdem die Republikaner Frauenrechte systematisch demontieren, auch kein Wunder. Diesen Graben gab es allerdings bereits vor vielen Jahren, schon deswegen ist das Thema dort auch seit Längerem präsent. Nur zwei Parteien, Republikaner und Demokraten, beherrschen die politische Landschaft – und seit den Präsidentschaftswahlen von 2012 liegen die Zahlen bei Männern und Frauen immer mindestens zehn Prozentpunkte auseinander. Die Wahlverliererin Hillary Clinton beispielsweise hatten 2016 54 Prozent der Frauen gewählt.
Wenn die Entwicklungen hierzulande nun tatsächlich auch in diese Richtung gehen, gibt es vielleicht trotzdem Trost aus Amerika: Annäherung ist möglich. Bei den Wahlen zum Bürgermeister von New York im vergangenen Jahr hat der – besonders für amerikanische Verhältnisse – sehr linke Kandidat Zohran Mamdani gewonnen. Die Linke hat sich seinen Wahlkampf, in dem es um Bezahlbarkeit und soziale Gerechtigkeit ging, zum Vorbild genommen. Sehr gelobt wurde er nach der Wahl dafür, dass er so viele junge Männer erreicht hat. Die Werte, die er bei jungen Frauen erzielte, waren astronomisch: Achtzig Prozent der Frauen unter dreißig haben ihn gewählt. Aber eben auch fast so viele junge Männer. Der Gender-Gap spielte bei seiner Wahl keine Rolle.
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