Martin Krallmann / LinkedIn
Deutschland sucht nach industrieller Stärke. In Sachsen-Anhalt kann man sehen, dass wir sie längst haben.
Rund zwei Drittel des dort erzeugten Stroms stammen inzwischen aus erneuerbaren Energien. Das Land gehört bei der Windenergie zur deutschen Spitzengruppe – und in Magdeburg werden Windenergieanlagen bzw. zentrale Komponenten gefertigt und Produktionskapazitäten ausgebaut.
Windenergie ist dort längst mehr als Klimapolitik.
- Sie ist Industriepolitik.
- Standortpolitik.
- Wertschöpfung.
- Arbeitsplätze.
- Und Energieunabhängigkeit.
Gleichzeitig erleben wir eine politische Debatte, in der nicht nur über das Tempo der Energiewende gestritten wird. Teilweise wird grundsätzlich infrage gestellt, ob wir diesen Weg überhaupt weitergehen sollten – verbunden mit der Vorstellung, zu Technologien und Strukturen der Vergangenheit zurückzukehren.
Mir greift das zu kurz.
Denn wer die Energiewende zurückdrehen will, verändert nicht nur unseren zukünftigen Energiemix.
Er beeinflusst Investitionsentscheidungen, Arbeitsplätze und industrielle Wertschöpfung – gerade dort, wo in den vergangenen Jahren neue industrielle Strukturen entstanden sind.
Deutschland diskutiert gleichzeitig darüber, wie wir unsere Industrie stärken, Energieabhängigkeiten reduzieren und Investitionen im Land halten können.
Dann sollten wir sehr genau überlegen, bevor wir ausgerechnet eine Industrie ausbremsen, die zu all diesen Zielen beitragen kann.
Industrielle Stärke zurückzugewinnen ist schwer.
Vorhandene industrielle Stärke zu erhalten, wäre vielleicht der bessere Anfang.
Wer sich vor dem Hintergrund des Wahlergebnisses anschauen möchte, wie unterschiedlich die Vorstellungen zur zukünftigen Energieversorgung Sachsen-Anhalts sind:
Der MDR hatte die Positionen zu Windenergie, Kohle, Kernenergie und Energiewende gegenübergestellt. Die Unterschiede sind erheblich.
Rolf Christian Kassel / LinkedIn
43,8 Prozent in Sachsen-Anhalt. Wer das für ein ostdeutsches Regionalthema hält, hat nicht verstanden, was gerade passiert.
Die CDU stürzt von 37,1 auf 17,2 Prozent. Die AfD verdoppelt ihr Ergebnis. 39 von 83 Sitzen, für die absolute Mehrheit wären 42 nötig gewesen. Neu ist nicht die Zahl. Ergebnisse dieser Höhe gab es. Neu ist, wer sie holt: eine Partei, die der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem einstuft. Das ist keine Einschätzung eines politischen Gegners. Das ist die Bewertung der Behörde, die für den Schutz der Verfassung zuständig ist.
Ich schreibe das als Unternehmer, an Unternehmer.
Wir sind nicht das billigste Land. Nicht das schnellste. Nicht das am wenigsten bürokratische.
Wir verkaufen etwas anderes, und wir verkaufen es seit siebzig Jahren erfolgreich: Berechenbarkeit. Verträge gelten. Gerichte urteilen unabhängig. Regeln ändern sich langsam und angekündigt. Wer hier investiert, weiß, dass die Bedingungen in fünf Jahren ungefähr dieselben sind.
Deshalb bauen ausländische Konzerne hier Werke. Deshalb kaufen sie deutsche Maschinen zum doppelten Preis. Deshalb bekommt der Mittelstand Aufträge, für die es billigere Anbieter gäbe.
Für mich ist der Rechtsstaat kein Nebenthema. Er ist meine Geschäftsgrundlage.
Rechtsstaatlichkeit ist die einzige Position in unserer Bilanz, die man nicht nachbestellen kann. Eine Maschine ersetzt du in sechs Monaten. Eine Fachkraft in zwei Jahren.
Das Vertrauen, dass in diesem Land Regeln gelten, ersetzt du in keiner Generation. Wer es einmal verspielt, verkauft danach über den Preis. Und über den Preis gewinnen wir nicht.
Ein Bundesland ist kein Randgebiet. Polizei, Schulen, Hochschulen, Verwaltung, Rundfunk. Das sind Landessachen. Was dort beginnt, beginnt nicht symbolisch.
Und weil das hier nicht der Anfang ist. In Thüringen wurde die AfD schon 2024 mit 32,8 Prozent stärkste Kraft, in Sachsen kam sie auf 30,6. Damals war es erstmals eine als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei, die eine Landtagswahl gewann. Wir haben das eingeordnet, kommentiert und abgewartet. Zwei Jahre später sind es 43,8. Und was die meisten von uns jetzt tun werden. Nichts.
Wir werden sagen, Politik gehöre nicht in den Betrieb. Wir werden auf unsere Kunden verweisen, auf unsere Belegschaft, auf die Sorge, jemanden vor den Kopf zu stoßen. Wer sich zu Steuern, Bürokratie und Energiepreisen laut äußert und hier schweigt, ist nicht neutral. Er hat eine Prioritätenliste. Und jeder in seinem Betrieb kann sie lesen.
Daher, sag es im eigenen Haus. Selbst, mit Namen, vor der Mannschaft. Nicht als Aushang fürs Personal. Sprich diese Woche mit den Kolleginnen und Kollegen, die nicht hier geboren sind. Und wenn du öffentlich schreibst, schreib, wo du stehst.
Was ist dein Unternehmen wert in einem Land, in dem Regeln verhandelbar werden?
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