Die 3 Kreise Ravensburg, Sigmaringen und Bodenseekreis haben trotz lauter Proteste keinen zukunftsfähigen Regionalplan bekommen. Wo steht Deutschland, Baden-Württemberg und seine Kommunen aktuell beim Klimaschutz? Welche Möglichkeiten gibt es und wo gibt es Anregungen, die übernommen werden könnten?
Dienstag, 14. September 2021
Wer rechnet denn auch mit so was...
Spiegel hier
Zerstörung von LebensraumUno-Hochkommissarin fordert legale Migration für Klimaflüchtlinge
In den vergangenen Monaten hätten Dürren von Marokko über Senegal bis nach Sibirien Millionen Menschen dem Risiko von Leid, Hunger und Flucht ausgesetzt, sagte Bachelet vor dem Gremium. Dazu seien noch die riesigen Brände und Überflutungen auf der ganzen Welt, unter anderem in Deutschland, gekommen.
Samstag, 11. September 2021
"Frag den Staat" berichtet im Newsletter
Nach einer stark verzögerten Zulässigkeitsprüfung steht nun fest: Der Entwurf für ein Berliner Transparenzgesetz des Bündnisses “Volksentscheid Transparenz” ist verfassungskonform → Weiterlesen.
Außerdem erhält das Ministerium von Scheuer eine dicke Rüge wegen Intransparenz → Weiterlesen.
Aus Brüssel gibt es eine gemeinsame Recherche mit der Seenotrettungsorganisation Sea-Watch, die zeigt, wie die EU-Grenzpolizei Frontex Ressourcen nicht zur Rettung von Menschenleben einsetzt und deren Ausbau entsprechend eine Erhöhung der Lebensgefahr von Flüchtenden darstellen würde → Weiterlesen
Montag, 6. September 2021
Spiegel hier
Mehr Starkregen in DeutschlandWenn es regnet, dann so richtig
Samstag, 4. September 2021
"Eine Welt ohne Kleidung | Doku"
Nachhaltige Klamotten
- BR
Fernsehen
- Shopping-Stopp! Die Produktion von Kleidung
verursacht große Mengen CO2 und verbraucht Unmengen Wasser. Nachhaltige
Konzepte sind unbedingt notwendig. Wie können diese aussehen?
Eine neue Jeans, einen Mantel – die Deutschen shoppen liebend gerne. Viel und billig: Etwa 60 Stücke kaufen wir pro Jahr im Durchschnitt, und mehr als die Hälfte wird bald wieder aussortiert – katastrophal für die Umwelt. Für die Produktion eines einzigen T-Shirts werden etwa 2.700 Liter Wasser verbraucht und elf Kilo CO2 freigesetzt. 70 Prozent unserer Kleidung enthalten Kunstfasern, die beim Waschen Mikroplastik freisetzen. Ein Jahr nichts Neues kaufen – schafft das ein Fashion-Junkie? Das Filmteam erkundet den wachsenden Second-Hand Modemarkt, und geht auf umweltfreundliche Shoppingtour. Viele Labels werben mit Textilien aus recyceltem Plastik. Doch oft ist der Anteil davon minimal und soll der Marke ein grünes Image verleihen. Welche Stoffe sind wirklich nachhaltig? Und wie kann man ein umweltbewusstes Konsumverhalten lernen? Professor/innen haben ein Projekt gestartet, wo Jugendliche ihren Klamottenkonsum hinterfragen können. Denn Nachhaltigkeit bedeutet vor allem, einfach weniger zu kaufen.
Sonntag, 29. August 2021
Energetisches Sanieren: Eine Hülle für Häuser
Spektrum hier von Willem Marx
Spannend! Sieht so die Zukunft der Haussanierung auch bei uns aus?
In diesem Bereich muss sich dringend etwas tun, momentan wird viel zu viel CO2 verschwendet. Auf der Grafik unten sehen wir den notwendigen! Reduktionspfad bis 2050 (hier entnommen)
Für diesen Rohstoff wird gemordet
Frankfurter Allgemeine hier
KNAPPE RESSOURCE SAND
Es
hört sich so an, als ginge es im Buch "nur" um den weltweiten
Verbrauch von Sand. Doch auch bei uns wird Sand abgebaut, ebenso wie Kies.
Daher denke ich, dass dieses Buch mit seinen Hintergrund-Infos auch für uns
interessant sein könnte.
Ein Grundpfeiler unseres Lebensstils: Vince
Beiser erzählt die Geschichte des Sands und schildert, warum wir dringend
alternative Bausubstanzen brauchen.
Spätestens als vor einigen Jahren die vermeintlich
kuriose Nachricht, dass Saudi-Arabien und Dubai Sand aus Australien
importieren, die Medienrunde machte, war das Thema in einer breiten
Öffentlichkeit angekommen: Sand ist nicht gleich Sand. Vielmehr ist Wüstensand
für die Herstellung von Beton ungeeignet, denn die Körner sind vom Wind zu rund
geschliffen. Weil nicht nur im Nahen Osten, sondern auch in China ganze Städte
neu gebaut werden, ist Bausand zur knappen Ressource geworden,
deren Preis immer weiter steigt.
Auch für die Herstellung von Zahnpasta (Anmerkung:
der äußerst umstrittene Kalkabbau im Donautal soll für Zahnpasta
erfolgen!) und Papier werden jeweils spezielle Sande
benötigt. Um die Risse offen zu halten, die beim Fracking, also der Gewinnung
von Öl und Gas aus Schiefergestein, entstehen, braucht es Sand. Wenn
Beachvolleyballer bei Olympia antreten und der türkische Staatspräsident für
seinen Sommersitz an der Ägäis einen Strand anlegen lässt, dann ist nur der
weichste und hellste Sand gut genug. Er wird von weit her angekarrt.
Der amerikanische Journalist Vince Beiser ist der Entwicklung des
Massenmaterials Sand zum knapp werdenden Grundstoff unserer
Zivilisation nachgegangen. Er musste dafür nicht weit in die
Geschichte zurückgehen. Beton ist, nachdem ihn die Römer erfunden
hatten, erst im zwanzigsten Jahrhundert zum vorherrschenden Baumaterial
geworden, mit dramatisch steigender Tendenz – China soll allein von
2011 bis 2013 mehr Beton verbaut haben als die USA zwischen 1900 und 2000.
Auch die Massenproduktion von Glas und erst recht die
von Computerchips, für die besonders feine Quarzsande benötigt werden, sind
jüngere Entwicklungen. Und selbst die hohe Wertschätzung von Sandstränden
datiert auf das neunzehnte Jahrhundert, als sie in England als Orte der
Erholung entdeckt wurden. Von den dortigen Seebädern aus verbreitete sich die
Idee im zwanzigsten Jahrhundert über die ganze Welt.
Samstag, 28. August 2021
Für Tierwohl und Klimaschutz: Berliner Unis streichen Fleisch fast komplett aus dem Speiseplan
In den Mensen der Hauptstadt wird künftig vegetarisch und vegan gekocht. Grund sind die Klimaziele der Hochschulen
Spiegel-Bericht hier
Tausende Plakate: Ominöse AfD-Unterstützer starten Kampagne gegen Grüne
t-online hier
Gegen die Grünen läuft eine massive Plakatkampagne. Verantwortlich ist offenbar einer, der in der Vergangenheit in fragwürdige Wahlkampfunterstützung der AfD verwickelt war
Mit angeblich mehreren Tausend Großplakaten in mehr als 50 deutschen Großstädten soll seit dieser Woche Anti-Werbung gegen die Grünen gemacht werden. Die Quellen der Finanzierung sind unklar, die Handelnden sind bekannt aus eher intransparenter Wahlkampf-Unterstützung für die AfD mit Spuren in die Schweiz.
Kampagnensprecher ist David Bendels, ein früheres CSU-Mitglied, der
im Streit um einen Auftritt bei der AfD Hessen im Juni 2016 einem
Ausschluss zuvorgekommen war. Er ist Vorsitzender eines im September
2016 gegründeten "Vereins zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und der
bürgerlichen Freiheiten". Die Organisation Lobbycontrol
hielt 2017 fest: "Das einzig erkennbare Ziel des Vereins ist es,
Wahlwerbung für die AfD zu machen." Von Bendels gibt es diverse Fotos
mit AfD-Spitzenpolitikern.
Sonntag, 8. August 2021
"Die Welt brennt"
Im Spiegel hier von Frank Patalong, Auszüge in blau
Waldbrand-Monitoring
Vollüberwachung: der Blick aus dem All
Vermehrte Waldbrände sind in den Sommermonaten und vor allem in allen Weltgegenden mit ausgedehnten Savannenlandschaften nicht überraschend. Dort ist das »Wildfeuer« seit jeher ein Phänomen, das typisch ist für den Lebensraum. Rund 70 Prozent aller wild ausbrechenden Brände sollen sich auf Savannenlandschaften konzentrieren. Wer sich die aktuellen Bilder und Karten des weltweiten Feuer-Monitorings ansieht, wird das bestätigt sehen: Unterhalb des Regenwald-Bereiches Zentralafrikas sieht es so aus, als würde der ganze Kontinent brennen, die einzelnen Feuer sind kaum voneinander zu unterscheiden.
Denn wir alle können uns heute jederzeit ansehen, wo in der Welt gerade die Flammen wüten. Beobachtet wird das aus dem All, mithilfe von Wetter- und anderen Satelliten. Die US-Weltraumbehörde Nasa führt die Daten auf einer Art Echtzeit-Weltkarte der Waldbrände zusammen, die auf ihrem öffentlich zugänglichen FIRMS-Server hinterlegt ist.....
Auch in den USA ist die Gesamtzahl der Feuer in den vergangenen Jahren nicht merklich gestiegen – auch aufgrund immer größerer Investments in Brandprophylaxe und -bekämpfung. Wir hören über die Waldbrände in den Vereinigten Staaten aber deshalb immer öfter, weil sie mit steigender Frequenz trotzdem wirklich katastrophale Ausmaße annehmen. Selbst wenn weniger Feuer wüten, verbrennen sie mehr Fläche – allen Bekämpfungsmaßnahmen zum Trotz.
Dass das vor allem daran liegt, dass der Klimawandel ausgedehnte Hitze- und Dürreperioden verursacht, ist inzwischen weitgehend Konsens. Aber es gibt auch ökonomische respektive kriminelle Gründe: Dass es im Herzen Südamerikas gerade derart brennt, ist auf andere Weise menschengemacht – seit Jahren ist die illegale, in Brasilien inzwischen oft wieder auch legalisierte Brandrodung gerade im Amazonasgebiet ein wachsendes Problem. Auch die Brände im Mittelmeerraum gehen oft genug auf Brandstiftung zurück, man vermutet das gerade auch bei den aktuellen Feuern in Griechenland.
"Das unbezahlbare Gut"
TAZ hier
Folgen der Klimakrise
Die
Flutkatastrophe im Westen Deutschlands zeigt:
In der Klimakrise ist nicht das
Geld knapp.
Vielmehr mangelt es an ausreichend Handwerkern.
Es ist richtig, den Flutopfern umfassend beizustehen.
Schließlich haben sie den Klimawandel nicht allein
verursacht, der ihre Heimat
nun zerstört hat. Allerdings ist abzusehen, dass die Milliardensummen ständig
steigen
werden, die an Klimaopfer ausgeschüttet werden müssen. Dürren,
Hitzewellen, Hagelstürme, Tornados und
weitere Hochwasser werden sich künftig
häufen.
Da taucht schnell die Frage auf, ob sich der Staat diese
Milliardenkosten noch leisten kann.
Doch fehlende Mittel sind nicht das
Problem, schließlich kann Geld „aus dem Nichts“ geschöpft werden, indem
der
Staat Kredite aufnimmt. Die eigentliche Schwierigkeit dürfte an einer Stelle
auftauchen, die bisher kaum
diskutiert wird: Die Handwerker werden knapp. Denn
es sind ja nicht nur Klimaschäden zu beseitigen –
vor allem muss auch die
gesamte Wirtschaft klimaneutral umgerüstet werden.
Doch bisher gibt es keinerlei Plan, woher die nötigen
Fachleute kommen sollen und wie man sie möglichst
schnell ausbildet. Um es
etwas polemisch zuzuspitzen:
Die Zukunft gehört nicht den PR-Beratern und
Investmentbankern.
Vielmehr mangelt es an ausreichend Handwerkern.
verursacht, der ihre Heimat nun zerstört hat. Allerdings ist abzusehen, dass die Milliardensummen ständig steigen
werden, die an Klimaopfer ausgeschüttet werden müssen. Dürren, Hitzewellen, Hagelstürme, Tornados und
weitere Hochwasser werden sich künftig häufen.
Doch fehlende Mittel sind nicht das Problem, schließlich kann Geld „aus dem Nichts“ geschöpft werden, indem
der Staat Kredite aufnimmt. Die eigentliche Schwierigkeit dürfte an einer Stelle auftauchen, die bisher kaum
diskutiert wird: Die Handwerker werden knapp. Denn es sind ja nicht nur Klimaschäden zu beseitigen –
vor allem muss auch die gesamte Wirtschaft klimaneutral umgerüstet werden.
schnell ausbildet. Um es etwas polemisch zuzuspitzen:
Die Zukunft gehört nicht den PR-Beratern und Investmentbankern.
"Was ist ein Parkplatz wert?"
Bestes Beispiel ist Weingarten, wo die Grünen wegen der gelungenen Umwandlung von 3! Parkplätzen in (gut genutzte) Fahrradstellplätze regelmäßig massiv angegangen werden.
Die Zeit hier von Peter Ilg
Parken in der Stadt
Neuerdings können Städte die Preise fürs Anwohnerparken selbst festlegen. Eine gute Gelegenheit, um Autos zurückzudrängen? Experten sind uneins.
Bisher war Anwohnerparken in Deutschland spottbillig. Maximal 30,70 Euro durften Kommunen im Jahr verlangen – eher eine Gebühr für den Parkausweis als ein Hebel, um den Verkehr zu steuern. Mitte 2020 wurde das Straßenverkehrsgesetz geändert. Seitdem können die Bundesländer festlegen, ob und wie viel Anwohnerinnen und Anwohner fürs Parken zahlen müssen – oder das den Kommunen überlassen, wie es etwa Baden-Württemberg handhabt.
Besonders konkrete Pläne hat nun Boris Palmer, grüner Bürgermeister von Tübingen. Demnach soll der Bewohnerparkausweis für Autos über 1.800 Kilogramm 360 Euro pro Jahr kosten. Die Gebühr für leichtere Fahrzeuge soll die Hälfte betragen, für Elektroautos ein Drittel, unabhängig vom Gewicht. Sozialhilfeempfänger und -empfängerinnen müssten jeweils die Hälfte bezahlen. Zunächst fand Palmers Vorschlag im Tübinger Klimaschutzausschuss keine Mehrheit, aber nach der Sommerpause wird erneut darüber verhandelt. Und auch andere Städte werden die neue Gestaltungsmöglichkeit nutzen.
Was aber wäre ein angemessener Preis für einen Parkplatz? Und könnten deutlich höhere Parkpreise die Menschen dazu bringen, ihre Autos abzuschaffen? Dazu haben wir drei Experten befragt.
Freitag, 6. August 2021
"Frühwarnzeichen für Zusammenbruch von Atlantik-Strömung"
Süddeutsche Zeitung - Direkt aus dem dpa-Newskanal hier
Eine wichtige Atlantik-Strömung, zu der auch der Golfstrom gehört, nähert sich womöglich einer kritischen Schwelle.
Die Atlantische Umwälzströmung (AMOC), die für den Austausch warmer und kalter Wassermassen in dem Ozean verantwortlich ist und so auch das Klima in Europa beeinflusst, hat möglicherweise an Stabilität verloren. Das schreibt Niklas Boers vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) im Fachmagazin "Nature Climate Change".
Die Atlantische Umwälzströmung ist ein komplexes Strömungssystem, das warmes Wasser aus den Tropen an der Ozeanoberfläche Richtung Norden befördert und kaltes Wasser in größerer Tiefe gen Süden bringt. In Westeuropa sorgt dieser Kreislauf für vergleichsweise milde Temperaturen, auch auf andere Regionen der Welt hat es Auswirkungen. Ein Zusammenbruch dieses wichtigen Systems hätte schwerwiegende Folgen für das weltweite und vor allem auf das europäische Klima.
Die Strömung ist Boers zufolge momentan so schwach wie nie zuvor in den vergangenen 1000 Jahren. Unklar ist jedoch, ob dahinter nur eine Veränderung des mittleren Zirkulationszustands oder aber ein wirklicher Verlust an dynamischer Stabilität steckt - und dieser Unterschied sei entscheidend, erläutert Boers in einer PIK-Mitteilung. Eine Verringerung der Stabilität würde heißen, dass sich die Atlantik-Strömung der kritischen Schwelle angenähert habe, hinter der das Zirkulationssystem zusammenbrechen könnte.
Um das zu beleuchten, hat sich Boers sogenannte Fingerabdrücke in Temperatur- und Salzgehaltmustern auf der Atlantik-Oberfläche angeschaut. "Eine detaillierte Analyse dieser Fingerabdrücke in acht unabhängigen Indizes deutet nun darauf hin, dass die Abschwächung der AMOC während des letzten Jahrhunderts in der Tat wahrscheinlich mit einem Stabilitätsverlust verbunden ist", wird er vom PIK zitiert. In seiner Studie kommt er zu dem beunruhigenden Schluss, dass sich die Umwälzströmung kurz vor einem kritischen Übergang zu ihrem schwachen Zirkulationsmodus befinden könnte.
Faktoren, die auf die Strömung einwirken, sind neben den direkten Auswirkungen der Atlantik-Erwärmung unter anderem der Zufluss von Süßwasser durch schmelzende Eismassen, zunehmender Niederschlag und Wasser aus Flüssen. Dass diese Süßwassermengen bereits eine solche Reaktion hervorrufen würden, hätte er nicht erwartet, so Boers. Die Faktoren müssten noch näher untersucht werden - klar sei aber schon jetzt, dass sie mit dem menschgemachten Klimawandel in Verbindung stünden.
Wann sich die Strömung genau abschwäche, sei sehr schwer abzuschätzen, erläuterte Boers der Deutschen Presse-Agentur. "Es hängt erstmal davon ab, wie viel CO2 freigesetzt wird und wie stark die Temperaturen dadurch steigen." Zudem gebe es Unsicherheiten etwa darüber, wie viel wärmer es in der Arktis werde und wie stark der Süßwasserfluss in den Atlantik durch den Temperaturanstieg zunehme.
Der entscheidende Punkt der Studie sei, "dass wir - früher und deutlicher als erwartet - klare Anzeichen für Stabilitätsverlust sehen", betonte Boers. "Das heißt, das System bewegt sich hin zum kritischen Schwellenwert, und jedes Gramm CO2, das noch freigesetzt wird, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die AMOC irgendwann den kritischen Wert erreicht." Wenn der kritische Punkt überschritten werde, werde die AMOC innerhalb weniger Jahrzehnte weitgehend zum Erliegen kommen.
Und das hätte dramatische Folgen weltweit, wie etwa der britische "Guardian" veranschaulichte: Ein Erliegen der Strömung würde etwa die Regenfälle ernsthaft durcheinanderbringen, von denen die Ernährung von Milliarden Menschen in Indien, Südamerika und Westafrika abhängig sei, erklärte die in Klimafragen führende Zeitung. Europa würde zunehmende Stürme und sinkende Temperaturen erleben, während neben dem Amazonas-Regenwald auch die Eisschilde der Antarktis stärker als bislang gefährdet seien. Kurzum: Ein Erliegen der Atlantik-Strömung würde die Welt grundlegend verändern.
Boers' Studie kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Klimakrise und ihre Folgen im Zuge der Hochwasser-Katastrophe in Deutschland und weiteren Ländern sowie den ebenso verheerenden Waldbränden in Südeuropa stärkere Beachtung erhalten haben. Am Montag legt zudem der Weltklimarat (IPCC) einen mit Spannung erwarteten Sachstandsbericht vor - seinen ersten seit rund sieben Jahren.
Über die möglichen Auswirkungen kann man hier bei wetter.com mehr lesen:
Schwerwiegende Folgen für unser Wetter: Golfstrom kurz vor dem Kollaps?
Samstag, 31. Juli 2021
"Klimakrise: Verantwortung nicht auf den Einzelnen abschieben"
Ein Blick nach Österreich zeigt dort ähnliche Probleme wie bei uns:
JULIA HERR hier
Ökologische Lebensführung allein wird das Klima nicht retten. Der moralische Druck auf den Einzelnen führt nur in die Sackgasse
Um in der Klimafrage zu erreichen, braucht es soziale Gerechtigkeit und ein anderes Wirtschaftssystem, sagt die SPÖ-Abgeordnete Julia Herr im Gastkommentar.
Sebastian Kurz..: Mit seinem Versprechen, die Klimakrise ohne "Verzicht" bekämpfen zu wollen, gibt er der Klimadebatte einen gefährlichen Drall. Mit seinem Steinzeit-Sager verspricht er etwas zu verhindern, was niemand gefordert hat. Seinem grünen Koalitionspartner weist er damit unausgesprochen die Rolle der Verbotspartei zu.
Dass sämtliche Wissenschafterinnen und Wissenschafter erklären, dass seine Aussagen Humbug sind, spielt keine Rolle. Im Gegenteil: Es passt gut in sein Drehbuch, in dem er wie der frühere US-Präsident Donald Trump die "städtischen Eliten" als Gegenpol zum Durchschnittsösterreicher konstruiert, der unter dem "Klimawahn" zu leiden hat.
Dass dieser Schmäh überhaupt funktioniert, hängt natürlich auch damit zusammen, dass die Klimadebatte tatsächlich oft auf der Ebene individueller Verzichtsrhetorik geführt wird: Man solle auf die Erdbeeren im Winter verzichten, auf die Billigmode, auf Kurzstreckenflüge und lieber das Getränk im Glas statt in der Dose kaufen. Da wir stets beim Thema Konsum steckenbleiben, diskutieren wir also über Lifestyle. Nicht selten steckt einiges an Selbstüberhöhung in der Debatte. Wer regionales Biogemüse kauft (und kaufen kann!), steigt als moralische Siegerin aus.
Doch diese Sichtweise ist bei genauerer Betrachtung einfach nur die andere Seite der Kurz’schen Verharmlosungsmedaille, die der Dimension der Klimakrise nicht einmal annähernd gerecht wird. Zu Recht weist der früher in Wien und aktuell in Hamburg lehrende Soziologe Sighard Neckel darauf hin, dass individuelle, ökologische Lebensführung die Klimakrise nicht erfolgreich bekämpfen kann. Der moralische Druck auf die Bürgerinnen und Bürger ist eine Sackgasse.
"Es ist nicht die Zeit der sinnlosen Verzichtsdebatten."
Ja, natürlich macht es einen Unterschied, ob wir für kurze Strecken in der Stadt das Auto nehmen oder mit Öffis fahren oder gleich zu Fuß gehen. Selbstverständlich macht es einen Unterschied, ob unsere Nahrungsmittel gesund und regional produziert werden oder ob sie unter ausbeuterischen Bedingungen hergestellt und quer um den Globus verschickt werden: nicht nur fürs Klima, sondern auch für unsere Gesundheit und Lebensqualität und für weltweite Arbeitsbedingungen. Aber all diese Fragen brauchen eine systemische Lösung, keine individuell-moralisierende.
Unsere Alltagsgewohnheiten bedürfen einer Änderung auf kollektiver, nicht auf individueller Ebene. Es ist also nicht die Zeit der sinnlosen Verzichtsdebatten, an denen sich ein paar wenige moralisch erhöhen und die Gefahr laufen, mit sozialer Verachtung all jener, die sich dem "grünen Konsum" nicht unterordnen, einherzugehen, sondern die des kollektiven Gesellschaftsumbaus.
Klimapolitik kann nur erfolgreich sein, wenn sie die Macht des großen Geldes infrage stellt, statt die Verantwortung auf den Einzelnen abzuschieben. Ein winziges Beispiel aus der aktuellen österreichischen Innenpolitik ist das unwürdige Gezerre um das Plastikpfand: Österreichs Regierung könnte längst für die Verwendung nachhaltiger Verpackungen in der Getränkeindustrie sorgen, statt an die Verantwortung der Konsumentinnen und Konsumenten zu appellieren. Dass sie es nicht tut und wichtige Entscheidungen weiter verschiebt, zeigt auch im Kleinen, welche Macht das große Geld im System Kurz hat. So gibt es zwar immer mehr Konsumentinnen und Konsumenten, die nachhaltige Produkte und Verpackungen einfordern, die es sogar auf den Markt schaffen: Es bleibt jedoch beim höherpreisigen Sortiment mit Bio-Bobo-Vermarktung.
Nicht zufällig hat die Bewegung rund um Bernie Sanders in den USA ein radikales Programm für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen mit einem radikalen Programm für Klimapolitik verbunden. Denn diese Fragen gehören zusammen, und nur wenn der Kampf gegen die Klimakrise auch ein Kampf für soziale Gerechtigkeit ist, wird er Erfolg haben......
Um unsere Gesellschaft Richtung Ressourcenschonung zu bewegen, brauchen wir aber einen gesamtwirtschaftlichen Plan, einen "Green New Deal", der unsere Klimaziele mit der Schaffung von guter Arbeit für alle verbindet; der eine Kreislaufwirtschaft mit regionaler Produktion statt CO2-belasteter Importe forciert; es braucht ein Ende der industriellen Landwirtschaft und Viehzucht, für die der Regenwald brennt, und ein Ende der industriellen Fischerei, die unsere Ozeane regelrecht zerstört und dadurch unseren größten CO2-Speicher attackiert.
Statt Scheindiskussionen in der Regierung zu führen, mit denen die Grünen und die ÖVP ihre jeweilige Klientel motivieren wollen, und statt individueller Konsumkritik brauchen wir einen kollektiven, staatlich vorangetriebenen Transformationsprozess. Nur wenn wir klimapolitische Maßnahmen mit einem Kampf für soziale Gerechtigkeit und mit einer grundlegenden Änderung unseres Wirtschaftssystems verbinden, haben wir eine reale Chance: einerseits um die enormen CO2-Einsparziele zu erreichen und andererseits um Mehrheiten für eine Politik zu schaffen, die Klimapolitik nicht in das Gewand eines moralischen Vorwurfs kleidet, sondern als Versprechen für ein gutes Leben für alle versteht. (Julia Herr, 31.7.2021)
Freitag, 9. Juli 2021
"Mehr Bäume, mehr Regen"
Süddeutsche Zeitung hier von Benjamin von Brackel
Der Klimawandel führt dazu, dass es trockener wird in Europa. Eine massive Aufforstung könnte nach Ansicht von Experten dem Trend entgegenwirken.
Dürrejahre wie 2003, 2018 und 2019 könnten in Zukunft Normalität werden, warnen Klimaforscher. In Europa dürfte der Niederschlag vor allem im Süden abnehmen, was nicht nur für die dortige Landwirtschaft fatale Konsequenzen hätte. Forscher aus der Schweiz und aus Großbritannien haben nun ein Gegenmittel ausgemacht: einen gigantischen Regenspender.
Die Rede ist nicht von Maschinen, sondern von Bäumen. Eine massive Aufforstung auf ehemals landwirtschaftlichen Flächen könnte die Regenfälle wieder ankurbeln, schreiben die Wissenschaftler um den Klimaforscher Ronny Meier von der ETH Zürich im Fachblatt Nature Geoscience.
Das Phänomen ist bekannt vom Amazonas-Regenwald: Dieser versorgt sich selbst mit Regen. Luftströme vom Atlantik leiten Feuchtigkeit in das Amazonasgebiet und es regnet herab. Gäbe es keinen Wald, würde das meiste Wasser einfach abfließen. Die Bäume aber saugen mit ihren Wurzeln das Wasser aus dem Boden und entlassen einen Teil davon über ihre Blätter wieder in die Luft. Es bildet sich eine eigene feuchte Atmosphärenschicht - Flüsse in der Luft. Das Wasser steigt immer wieder in die Luftmassen zurück, die nach Westen bis an den Rand der Anden wandern und dort abregnen.
Donnerstag, 8. Juli 2021
Hilfe für Städte und Gemeinden beim Umgang mit dem Klimawandel hier
Städte, Landkreise und Gemeinden können sich künftig bei einer bundesweiten Beratungsstelle darüber informieren, wie sie am besten auf die Folgen des Klimawandels reagieren. Dabei hilft ihnen das Zentrum Klimaanpassung, das Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) in Berlin eröffnet hat. Es bietet virtuell, telefonisch, per E-Mail oder auch über den Einsatz sogenannter Lotsen vor Ort Unterstützung an.
Fakten zum Thema Artensterben
In der Gegenwart sterben hundert Mal mehr Arten aus als bei einer natürlichen, evolutionsbedingten Rate zu erwarten wäre. Seitdem Menschen auf der Erde existieren, befand sich die Natur noch nie in einem derart schlechten Zustand wie heute.
ZDF-Doku hier
hier Die Anstalt - Politsatire
Das neue Lieferkettengesetz steht vor der Tür und im Studio von Max und Claus eine ominöse Blackbox. Was hat es damit auf sich?
Donnerstag, 1. Juli 2021
Klimakrise: CO2-Entnahmen haben weniger Wirkung als CO2-Emissionen
Golem hier
Nur die Einsparung von Kohlendioxid-Emissionen wird den Klimawandel stoppen. Die Wirkung von Kohlendioxid-Entnahme ist nämlich begrenzt.
Weg mit dem Kohlendioxid: Um den Klimawandel und die Erderwärmung aufzuhalten, muss der Anteil des Kohlendioxids in der Atmosphäre verringert werden. Doch das ist schwieriger als gedacht.
Bisher galt die Annahme, dass die Entnahme von einer Tonne des Gases die Emissionen von einer Tonne ausgleichen. Laut einer aktuellen Studie, die in der Fachzeitschrift Nature Climate Change erschien, ist das wahrscheinlich ein Fehlschluss.
Ein Team von Simon Fraser University in Burnaby in der kanadischen Provinz British Columbia hat die Auswirkungen von sogenannten negativen Emissionen, etwa durch das Anpflanzen von Bäumen in großer Zahl oder das Carbon Capture and Storage (CCS), also das Abscheiden von Kohlendioxid und das anschließende Speichern im Untergrund, untersucht. Es nutzte Klimamodell-Simulationen, um die Auswirkungen von Kohlendioxid-Emissionen und -Entnahmen festzustellen.
Es gibt eine Asymmetrie von Emissionen und Entnahmen
Dabei habe sich eine Asymmetrie gezeigt: Emissionen seien effektiver darin, die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre zu erhöhen, als Entnahmen darin, sie zu senken, sagte die deutsche Klimaforscherin Kirsten Zickfeld, die das Projekt leitete. "Aufgrund der Komplexität des Erdsystems sind die Dinge nicht so einfach wie 'eine Tonne CO2 hinein entspricht einer Tonne CO2 heraus'."
Grund dafür sind laut Zickfeld die komplexen Wechselwirkungen, die die Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre auf den globalen Kohlenstoff-Kreislauf haben. So nehmen Pflanzen bei Wachstum zwar Kohlendioxid auf, aber nicht unbegrenzt. Es scheint eine Obergrenze der Aufnahme zu geben: Trotz einer höheren Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre steigt die Aufnahme der Pflanzen nicht weiter. Auch die Fähigkeit des Ozeans, Kohlendioxid aufzunehmen, verringert sich bei höheren Konzentrationen in der Atmosphäre.
"Technik wird die Klimakrise nicht lösen"
Krautreporter hier von James Dyke mit Robert Watson und Wolfgang Knorr
Manchmal kommt die Erkenntnis blitzschnell. Verschwommene Umrisse nehmen
Gestalt an, plötzlich ergibt alles einen Sinn. Aber dem voraus geht oft ein
viel langsamerer Abwägungsprozess: Im Unterbewusstsein wachsen die Zweifel, ob
die Dinge zusammenpassen. Bis etwas klick macht und stimmt – oder vielleicht
zerbricht.
Zusammengenommen haben wir drei Autoren dieses Artikels wohl mehr als 80
Jahre damit verbracht, über den Klimawandel nachzudenken. Warum also hat es so
lange gedauert, bis wir uns zu den offensichtlichen Gefahren des Konzepts der
Klimaneutralität – Netto-Null genannt – zu Wort melden? Zu unserer
Verteidigung: Die Grundannahme von Netto-Null ist einfach, täuschend einfach –
und wir geben zu, dass sie selbst uns in die Irre geführt hat.
Der Klimawandel ist eine direkte Folge davon, dass sich zu viel
Treibhausgase, in erster Linie Kohlendioxid (CO2), in der Atmosphäre befinden.
Daraus folgt: Wir müssen aufhören, mehr davon auszustoßen, und sogar CO2
entfernen.
Diese CO2-Entfernung ist zentraler Bestandteil des aktuellen Plans, eine
Katastrophe auf der Erde zu verhindern. Für die Umsetzung gibt es viele
Vorschläge, von der massenhaften Anpflanzung von Bäumen bis hin zu
Hightech-Geräten, die Kohlendioxid aus der Luft absaugen.
Derzeit herrscht Einigkeit darüber, dass wir die globale Erwärmung schneller
stoppen können, wenn wir Kohlendioxid mit bestimmten Techniken entfernen und
gleichzeitig die Nutzung von Brennstoffen wie Kohle, Erdöl und Gas reduzieren.
So werden wir hoffentlich um die Mitte dieses Jahrhunderts die „Netto-Null“,
also die Klimaneutralität erreichen. Das ist der Punkt, an dem alle
verbleibenden Emissionen von Treibhausgasen durch Technologien ausgeglichen
werden, die diese aus der Atmosphäre entfernen.
Theoretisch ist das eine tolle Idee. Leider trägt sie in der Praxis dazu bei, den Glauben an eine technologische Lösung aufrechtzuerhalten. Die Dringlichkeit nimmt ab, die Emissionen jetzt einzudämmen.
Wir glauben, dass die Idee der Netto-Null-Emissionen einen rücksichtslosen,
leichtfertigen Ansatz zugelassen hat nach dem Motto: „Jetzt verbrennen, später
bezahlen.“ Mit der Folge, dass der CO2-Ausstoß weiter angestiegen ist. Diese
Idee hat auch die Zerstörung der Natur durch ständig steigende Abholzung
beschleunigt und das Risiko erhöht, dass diese Zerstörung in der Zukunft
weitergeht.
Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass die Menschheit ihre
Zivilisation auf der Basis von Versprechen künftiger Lösungen aufs Spiel gesetzt
hat, müssen wir in die späten 1980er Jahre zurückkehren. Damals war auf
internationaler Bühne erstmals vom Klimawandel die Rede.
1988 hätten die
Menschen die Klimakrise noch verhindern können
......Leider haben sie (Anmerkung: die Modelle) auch die Notwendigkeit für tiefgreifendes kritisches Denken beseitigt. Solche Modelle stellen die Gesellschaft als ein Netz von idealtypischen, emotionslosen Käufern und Verkäufern dar und ignorieren damit komplexe soziale und politische Realitäten oder sogar die Auswirkungen des Klimawandels selbst. Sie gehen davon aus, dass marktbasierte Ansätze immer funktionieren werden. Folglich beschränkten sich die Diskussionen über politische Maßnahmen auf das, was für die Politiker am bequemsten war: Sie änderten schrittweise Gesetze und Steuern.
Ungefähr zu der Zeit, als die Modelle entwickelt wurden, gab es
Bestrebungen, die USA zu Klimaschutzmaßnahmen zu bewegen, indem man ihnen
erlaubte, die Kohlenstoffsenken der Wälder ihres Landes anzurechnen. Das
Argument der USA war: Bei guter Bewirtschaftung der Wälder sind sie in der
Lage, eine große Menge an Kohlenstoff in Bäumen und Böden zu speichern. Diese
Menge sollte von ihren CO2-Einsparzielen abgezogen werden....
Wer eine Zukunft mit mehr Bäumen postuliert, könnte die Verbrennung von
Kohle, Öl und Gas in der Gegenwart ausgleichen. Da Modelle leicht Zahlen
ausspucken konnten, die den Kohlendioxidgehalt so weit sinken ließen, wie man
wollte, konnten immer ausgefeiltere Szenarien erforscht werden. Gleichzeitig
nahm die wahrgenommene Dringlichkeit ab, den Verbrauch fossiler Brennstoffe zu
reduzieren. Durch die Einbeziehung von Kohlenstoffsenken in klimaökonomische
Modelle wurde die Büchse der Pandora geöffnet.
An dieser Stelle entstand die heutige Netto-Null-Politik.
„Es war für mich ein echter Schock zu erkennen, dass ich persönlich zur
Netto-Null-Falle beigetragen haben muss. ......Aber da keiner der
Co-Autoren unserer Studie ein Experte war, haben wir nicht berücksichtigt, wie
viele dieser künstlichen Senken nötig wären, um unser Wirtschaftssystem
aufrechtzuerhalten oder ob es überhaupt technisch möglich wäre, sie zu
schaffen.“
Wolfgang Knorr,
leitender Wissenschaftler
für Physische Geografie und Ökosystem-Wissenschaften an der Universität Lund,
Schweden
Mitte der 1990er Jahre lag das Hauptaugenmerk jedoch auf der Steigerung der
Energieeffizienz und der Umstellung auf andere Energieträger (zum Beispiel der
Umstieg von Kohle auf Gas) sowie auf dem Potenzial der Atomenergie, große
Mengen an kohlenstofffreiem Strom zu liefern. Solche Innovationen würden
hoffentlich den Anstieg der Emissionen fossiler Brennstoffe schnell umkehren.
Doch um die Jahrtausendwende zeigte sich: Diese Hoffnungen waren vergeblich.
Angesichts der Kernannahme eines stufenweisen Wandels wurde es für ökonomische
Klimamodelle immer schwieriger, gangbare Wege zu finden, um einen gefährlichen
Klimawandel zu vermeiden. Als Reaktion darauf begannen die Modellierer, immer
mehr Beispiele für die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid
einzubeziehen. CO2 sollte aus Kohlekraftwerken aufgefangen und dann tief unter
der Erde für unbestimmte Zeit gespeichert werden.
Dass dies grundsätzlich möglich ist, zeigte eine Reihe von Projekten seit
den 1970er Jahren. Dabei wurde komprimiertes Kohlendioxid von fossilem Gas
getrennt und dann in den Untergrund gepresst. Ziel dieser „Enhanced Oil
Recovery“-Programme war eigentlich, Gase über Bohrlöcher einzuspeisen, damit
das Öl zu den Bohrtürmen gedrückt wird und so mehr gefördert werden kann – Öl,
das später verbrannt wird, wodurch noch mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre
gelangt.
Die Weiterentwicklung „Carbon Capture and Storage“ (CCS) bot den Dreh, das
Kohlendioxid nicht mehr zur Förderung von Öl zu verwenden, sondern im
Untergrund zu belassen und es aus der Atmosphäre zu entfernen. Diese angeblich
bahnbrechende Technologie sollte klimafreundliche Kohle und damit die weitere
Nutzung dieses fossilen Brennstoffs ermöglichen. Doch lange bevor die Welt
Zeuge eines solchen Vorhabens wurde, war der hypothetische Prozess bereits in
klimaökonomische Modelle eingeflossen. Am Ende bot die bloße Aussicht auf
Kohlenstoffabscheidung und -speicherung den politischen Entscheidungsträgern
einen Ausweg, die dringend benötigte Verminderung des Treibhausgasausstoßes zu
verschieben.
Der Aufstieg der
Netto-Null (oder: 2009 sollte Biomasse als „Senke“ das Klima retten)
Als sich die internationale Klimagemeinschaft 2009 in Kopenhagen traf, war
klar: Kohlenstoffabscheidung und -speicherung würde aus mehreren Gründen nicht
ausreichen. Niemand hatte Anlagen zur Abscheidung und Speicherung von
Kohlendioxid in einem Kohlekraftwerk in Betrieb. Es war auch nicht abzusehen,
dass diese Technologie in naher Zukunft irgendeinen Einfluss auf die steigenden
Emissionen aus der zunehmenden Nutzung von Kohle haben würde.
Das größte Hindernis für die Umsetzung waren im Wesentlichen die Kosten. ..
Da die Hoffnungen auf eine Lösung der Klimakrise wieder schwanden, war ein
weiteres Wundermittel gefragt. Es musste eine Technologie her, die den Anstieg
der Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre nicht nur verlangsamt, sondern
sogar umkehrt. Folglich griffen die klimaökonomischen Modellierer – die bereits
in der Lage waren, pflanzliche Kohlenstoffsenken und geologische
Kohlenstoffspeicher in ihre Modelle einzubeziehen – zunehmend auf die „Lösung“
zurück, diese beiden Auswege aus der CO2-Misere zu kombinieren.
So wurde die Bioenergie-Kohlenstoffabscheidung und -speicherung (Bioenergy
Carbon Capture and Storage, BECCS) schnell zur neuen Rettungstechnologie. Indem
man „austauschbare“ Biomasse wie Holz, Feldfrüchte und landwirtschaftliche
Abfälle anstelle von Kohle in Kraftwerken verbrennt und dann das Kohlendioxid
aus dem Schornstein des Kraftwerks abfängt und unterirdisch speichert, könnte
BECCS Strom erzeugen und gleichzeitig Kohlendioxid aus der Atmosphäre
entfernen.....
Mit dieser neuen Lösung in der Hand gruppierte sich die internationale
Gemeinschaft nach wiederholten Misserfolgen neu, um einen weiteren Versuch zu
starten, unsere gefährlichen Eingriffe in das Klima einzudämmen. Die Bühne war
bereitet für die entscheidende Klimakonferenz 2015 in Paris.
Im Jahr 2015 kommen
Zweifel an den Fantasiewelten auf
....Nach wochenlangen, zermürbenden Verhandlungen auf höchster Ebene war in Paris endlich ein Durchbruch erzielt worden. Wider Erwarten hatte sich die internationale Gemeinschaft nach Jahrzehnten der Fehlstarts und Misserfolge endlich darauf geeinigt, das Nötige zu tun, um die globale Erwärmung auf deutlich unter 2 Grad Celsius, am besten auf höchstens 1,5 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen.
„Sich auf ungetestete Mechanismen zur Beseitigung von Kohlendioxid zu
verlassen, um die Ziele von Paris zu erreichen, obwohl wir die Technologien
haben, um heute von fossilen Brennstoffen wegzukommen, ist schlichtweg falsch
und leichtsinnig.“
Robert Watson,
emeritierter Professor für Umweltwissenschaften, Universität von East Anglia,
Großbritannien
Man schätzt, dass BECCS zwischen 0,4 und 1,2 Milliarden Hektar Land
benötigen würde. Das sind 25 bis 80 Prozent aller derzeit bewirtschafteten
Flächen. Wie wollen wir das erreichen, wenn wir gleichzeitig 8 bis 10 Milliarden
Menschen in der Mitte des Jahrhunderts ernähren wollen? Wie, ohne die
einheimische Vegetation und Artenvielfalt zu zerstören?
Der Anbau von Milliarden von Bäumen würde riesige Mengen an Wasser
verbrauchen – teilweise an Orten, an denen die Menschen bereits durstig sind.
Eine zunehmende Walddecke in höheren Breitengraden kann mehr Erwärmung
bedeuten, weil die Landoberfläche dunkler wird, wenn Grasland oder Felder durch
Wälder ersetzt werden. Dieses dunklere Land absorbiert mehr Sonnenenergie, die
Temperaturen steigen. Und wer den Schwerpunkt auf die Entwicklung riesiger
Plantagen in ärmeren tropischen Ländern legt, riskiert, dass Menschen von ihrem
Land vertrieben werden.
„Der Vorläufer von Netto-Null wurde und wird immer noch Kompensation
genannt. Einst war ich voller Hoffnung, dass Kohlenstoff-Kompensationsprogramme
das Kunststück vollbringen könnten, intakte Waldökosysteme vor der fast
sicheren Zerstörung durch wirtschaftliche Entwicklung zu retten. Doch heute
erschrecken mich die Folgen von Netto-Null fast mehr als die der
Klimaerwärmung.“
Wolfgang Knorr
....
Neue Trugbilder
ersetzen fehlgeschlagene technische Lösungen
Als die Erkenntnis dämmerte, wie schwierig die Umsetzung von Paris
angesichts der ständig steigenden Emissionen und des begrenzten Potenzials von
BECCS sein würde, entstand in Politikerkreisen ein neues Schlagwort: das
„Überschreitungsszenario“. Danach dürfen die Temperaturen kurzfristig über 1,5
Grad Celsius steigen, müssen dann aber bis zum Ende des Jahrhunderts durch eine
Reihe von Maßnahmen zur Kohlendioxid-Entfernung gesenkt werden. Dies heißt,
dass Netto-Null eigentlich Kohlenstoff-negativ bedeutet. Innerhalb weniger
Jahrzehnte müssen wir unsere Zivilisation von einer Wirtschaftsweise, die
derzeit jährlich 40 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre pumpt, auf
eine umstellen, die netto 10 Milliarden Tonnen entfernt.
.....Es sollte nun klar werden, wohin die Reise geht. Wenn die Trugbilder einer magischen technischen Lösung verschwinden, taucht eine andere, ebenso untaugliche Alternative auf, um ihren Platz einzunehmen. Die nächste ist bereits am Horizont zu sehen – und sie ist sogar noch grauenhafter. Sobald wir erkennen, dass Netto-Null nicht rechtzeitig oder überhaupt nicht erreicht werden kann, wird wahrscheinlich Geo-Engineering – der absichtliche und großflächige Eingriff in das Klimasystem der Erde – beschworen werden als Lösung, um den Temperaturanstieg zu begrenzen.
„Es ist erstaunlich, wie die andauernde Abwesenheit einer glaubwürdigen
Technologie zur Kohlenstoffentfernung die Netto-Null-Politik nicht zu
beeinflussen scheint. Mittlerweile habe ich erkannt, dass wir alle einer Form
von Verarschung aufgesessen sind.“
James Dyke, Senior
Lecturer für Globale Systeme, Universität von Exeter, Großbritannien
Schwierige
Wahrheiten (oder: Netto-Null-Politik taugt nicht zur Begrenzung der
Erderwärmung)
Im Prinzip gibt es nichts Falsches oder Gefährliches an Vorschlägen zur
Kohlenstoffentfernung. .....
Problematisch wird es erst, wenn davon ausgegangen wird, dass diese Vorschläge in großem Maßstab eingesetzt werden können. Damit wird praktisch ein Blankoscheck für die weitere Verbrennung fossiler Brennstoffe und die zunehmende Zerstörung von Lebensräumen ausgestellt.....
Der einzige Weg, die Menschheit zu schützen, ist die sofortige und nachhaltige radikale Senkung der Treibhausgasemissionen auf sozial gerechte Weise.....
Es ist an der Zeit, unsere Ängste auszusprechen und gegenüber der
Allgemeinheit ehrlich zu sein. Die aktuelle Netto-Null-Politik wird die
Erwärmung nicht auf 1,5 Grad Celsius begrenzen, weil sie nie dazu gedacht war.
Sie wurde und wird immer noch von der Notwendigkeit angetrieben, Business as
usual zu schützen, nicht das Klima. Wenn wir die Menschen schützen wollen, dann
müssen wir die Kohlenstoffemissionen jetzt stark und nachhaltig reduzieren. Das
ist der ganz einfache Härtetest, der auf alle klimapolitischen Maßnahmen
angewendet werden muss. Für Wunschdenken ist es zu spät.
James Dyke ist Senior
Lecturer für Globale Systeme an der Universität Exeter in Großbritannien.
Robert Watson ist
emeritierter Professor für Umweltwissenschaften an der Universität von East
Anglia in Großbritannien.
Wolfgang Knorr ist
leitender Wissenschaftler für Physische Geografie und Ökosystem-Wissenschaften
an der Universität Lund in Schweden.
Ihren Artikel
veröffentlichten sie auf Englisch bei The
Conversation. Hier könnt ihr den Originalartikel
lesen.





