Dr. Susanne Götze
Alle reden von Rollback beim #Klimaschutz - und den gibt es auch.
Aber gleichzeitig vollzieht sich gerade eine weltweite Energie-Revolution: In unserem DER SPIEGEL-Aufmacher „Sieg der Sonne“ schreiben wir über die unglaubliche Erfolgsgeschichte der Solarenergie - auch in Deutschland.
Meine SPIEGEL-Kollegen berichten für den Text aus Indien und den USA, ich war in Freiburg beim Fraunhofer ISE: neben Speichern und potenteren Solarzellen testen die Forscher dort auch sogenannte Netzbildende Wechselrichter.
Noch nie was davon gehört?
Dann wird es Zeit: Dank dieser Technik dürfte die deutsche Energiewende schon bald ohne fossile Großkraftwerke auskommen. Unser Stromnetz wird dann von Millionenen dezentraler Erzeugungsanlagen stabil gehalten - 💯 Prozent EE sind dann möglich.
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Spiegel hier Von Susanne Götze, Claus Hecking, Julia Koch, Serafin Reiber und Nils-Viktor Sorge
30.08.2026,aus DER SPIEGEL 36/2026
Solarenergie überholt Atomkraft
Sieg der Sonne
Die lange belächelte Photovoltaik erlebt einen beispiellosen Aufschwung. Sie dürfte die Welt in ein neues Energiezeitalter führen, ganze Solarstädte werden denkbar. Deutsche Forscher arbeiten gleich an mehreren entscheidenden Technologien.
.....Die Schülerinnen und Schüler haben in den zurückliegenden vier Tagen 40 Solarmodule aufgestellt. Sie haben sie verkabelt und so befestigt, dass die Panels bei Wind nicht wegfliegen. Sie lernten, dass jedes der 22 Kilogramm schweren und knapp zwei Meter langen Teile aufrecht von zwei Menschen getragen werden muss, damit es seine Form hält.
»Ich habe mir die Arbeit komplizierter vorgestellt«, sagt Alina, 17. Alexander, 18, meint, er habe sich zuvor nicht intensiv mit der Energiewende beschäftigt. »Jetzt interessiert es mich richtig.«
Es sei wichtig, dass die Jugendlichen »nicht hilflos sind angesichts der Klimakrise, sondern selbst etwas tun können«, sagt die Umweltingenieurin Anna Schilling vom Kasseler Verein SoLocal Energy, der das Projekt begleitet hat. Auch finanziell werde sich die Anlage lohnen, das Gymnasium könne damit bis zu 20 Prozent seines Strombedarfs decken. Bis die Panels in voraussichtlich 30 Jahren ausgedient hätten, werde die Stadt nach Abzug der Investitionskosten etwa 100.000 Euro Stromkosten sparen, so kalkuliert die Verwaltung.
Billiger Strom durch die Kraft der Sonne, mit einfachen Mitteln verfügbar gemacht, das ist verlockend angesichts hoher Energiepreise und weltweiter Kämpfe um Rohstoffe. Die meist dunkelblauen oder schwarzen Module sind inzwischen so günstig, dass sie in Deutschland jedes Jahr millionenfach montiert werden, weltweit milliardenfach.
Zunehmend erzeugen Hausbesitzerinnen, Mieter und Unternehmer ihren Strom mithilfe der Sonnenkraft selbst: auf dem Dach einer Eisfabrik in Pakistan. In Australien, um Pools zu beheizen. Oder in Kenia, wo Menschen dank Photovoltaik auch ohne einen Anschluss ans Stromnetz mit Elektrizität versorgt sind. Hinzu kommen gigantische Solarparks, aus denen Strom in öffentliche Netze oder direkt in Industrieanlagen fließt. In China, Indien oder Südamerika sind sie mittlerweile teils so groß wie 5000 Fußballfelder.
Solarpark in China: Aufschwung, den Fachleute lange kaum für möglich hielten Foto: CY / CFOTO / AFP
Weltweit erlebt die Photovoltaik einen Aufschwung, den Fachleute lange kaum für möglich hielten. Alle Solaranlagen zusammen haben 2025 so viel Strom produziert wie etwa 350 Atomreaktoren.
2026 dürften Solarmodule zum ersten Mal in einem Jahr mehr Elektrizität erzeugen als alle Kernkraftwerke auf dem Globus zusammen. Im weltweiten Strommix aus Kohle, Gas, Atom und erneuerbaren Energien wuchs der Anteil von Solarenergie 2025 gegenüber dem Vorjahr so stark wie kein anderer Energieträger in einem einzelnen Jahr seit 1972 – auf knapp neun Prozent; in einzelnen Ländern wie Spanien ist die Solarenergie bereits die größte Stromquelle.
Mit einer zunehmend ausgefeilten Technik lässt Solarstrom sich immer besser und gewinnbringender in das Stromsystem einbinden. Zwischen der Jahrtausendwende und 2024 sanken die durchschnittlichen Kosten für Photovoltaikmodule inflationsbereinigt um knapp 96 Prozent.
Die Welt, so urteilen Experten, stehe am Beginn eines neuen Energiezeitalters.
Die Kraft der Sonne, für viele in diesem Sommer vor allem mit Dürre, Hitzetoten, Niedrigwasser und Waldbränden verbunden, könnte die Lösung für die Rettung des Planeten sein. Sie schenke den Menschen günstigen Strom und helfe ihnen, von teuren und klimaschädlichen Brennstoffen wie Kohle und Gas loszukommen. Ihre Rolle sei entscheidend für Deutschlands Ziel, 80 Prozent des Stroms bis 2030 aus erneuerbaren Energien zu gewinnen. Und: Richtig eingesetzt werde die Sonnen-Superkraft die Klimakatastrophe begrenzen.
»Die Sonne hat gewonnen«, so formuliert es der US-amerikanische Technologieinvestor Rob Carlson und zitiert die Internationale Organisation für erneuerbare Energien (Irena): Solarenergie sei die »günstigste Stromerzeugung der Geschichte«. Wer Geld in Photovoltaik investiere, erhalte pro eingesetzten Dollar viel mehr nutzbaren Strom als bei Kohle oder Gas. Mark Z. Jacobson von der Stanford University im US-Bundesstaat Kalifornien hält es für möglich, dass weltweit in etwa 25 Jahren die gesamte Energieversorgung auf erneuerbare Energie umgestellt sein könnte, auch im Verkehr und in der Industrie. Die Solarenergie werde dabei einen Anteil von rund der Hälfte ausmachen, sagt der Professor für Bau- und Umweltingenieurwissenschaften, den Rest deckten Wind- und Wasserkraft sowie Erdwärme ab. Käme es so weit, hätte die Menschheit im Kampf gegen die menschengemachte Erderhitzung einen bedeutenden Erfolg errungen.
Nicht alle Experten sind derart optimistisch. Die Geschichte habe gezeigt, dass neue Formen der Energiegewinnung vorwiegend zusätzliche Nachfrage befriedigen, sagt Dieter Helm, Professor für Wirtschaftspolitik an der University of Oxford. Der Brite mit deutschen Vorfahren gilt als führender Energieökonom; gerade »die neuen Industrien sind sehr energieintensiv«, sagt er. Die KI-Firmen mit ihren Rechenzentren oder die Halbleiterindustrie benötigten mittlerweile so viel Strom, dass die Photovoltaik kaum mitkomme. So lässt sich erklären, dass Kohle und Gas zwar Marktanteile an die Solarenergie verlieren, die Stromproduktion aus den fossilen Energieträgern in absoluten Zahlen jedoch bisher nicht sinkt.
»Wir sollten enthusiastisch sein, dass die Solarenergie so stark wächst«, sagt Helm. »Doch wenn Sie wirklich einen globalen Unterschied machen wollten, müssten Sie Solaranlagen im großen Stil in Nordafrika und dem Nahen Osten aufbauen und dann energieintensive Industrien dorthin umsiedeln.« Trotz sinkender Preise für Photovoltaikmodule hält Helm die Technik in weiten Teilen Europas noch immer für zu kostspielig: Damit die Energie von den Solarparks überall dorthin fließt, wo sie gebraucht wird, muss das öffentliche Stromnetz großflächig ausgebaut werden. Die Europäische Kommission rechnet mit anstehenden Infrastrukturinvestitionen für erneuerbare Energien von etwa 1,2 Billionen Euro.
Auf die Superkraft der Sonne skeptisch zu blicken, hat Tradition. Als der TV-Bastler Peter Lustig und der Wissenschaftsjournalist Hoimar von Ditfurth dem deutschen Fernsehpublikum in den Achtzigerjahren erklärten, wie Sonnenlicht Elektronen in einer Solarzelle in Bewegung bringt und dadurch Strom entsteht, erkannten die wenigsten darin großes Potenzial. Und als das damalige Eidgenössische Institut für Reaktorforschung (EIR) bei Zürich 1981 eine Solaranlage auf dem Dach eines Geräteschuppens errichtete, die wohl erstmals in Europa Strom ins öffentliche Netz speiste, blieb das lange eine Ausnahme.
Solarenergie in Deutschland sei so sinnvoll »wie Ananas züchten in Alaska«, urteilte der damalige Chef des Energieversorgers RWE, Jürgen Großmann, vor gerade mal 14 Jahren. Inzwischen betreibt RWE in Deutschland zahlreiche Solarparks, die Photovoltaik sei für die Energiewende »von zentraler Bedeutung«, gibt das Unternehmen an. Nach der Windkraft ist die Sonne die zweitwichtigste Energiequelle für die öffentliche Stromversorgung in Deutschland.
Auch die Analysten der Internationalen Energieagentur (IEA) mussten sich stark korrigieren. 2014 noch erwarteten sie, dass zwischen 2025 und 2030 pro Jahr bestenfalls Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von durchschnittlich 28 Gigawatt installiert würden. Tatsächlich wurden 2025 laut IEA Anlagen mit einer Leistung von etwa 605 Gigawatt gebaut. Sie können so viel Strom liefern wie etwa 130 Atomkraftwerke – und die IEA hält es für möglich, dass die Solarenergie die Kohle in spätestens neun Jahren als wichtigste Stromquelle auf der Erde verdrängt hat.
Zunächst allerdings muss die Photovoltaik noch einige Hindernisse überwinden. Bisher ließ sich die gewonnene Energie nicht so speichern, dass sie im Winter oder in anderen sonnenarmen Wochen einsetzbar gewesen wäre. In manchen Sommern liefern die Sonnenkraftwerke zudem mittags mehr Strom, als die Netze aufnehmen können. Immer wieder mussten deutsche Netzbetreiber Anlagen dann herunterregeln. 2025 klemmten sie etwa drei Prozent der gesamten Solarstromproduktion ab, indem sie die Leistung von Sonnenkraftwerken zeitweilig drosselten. Deren Eigentümer wurden mit schätzungsweise mehr als 100 Millionen Euro entschädigt.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche von der CDU will diese Entschädigung nun einschränken: Wo das Netz geringe Kapazitäten hat, sollen Entschädigungen für künftig installierte Solaranlagen teilweise gestrichen werden. Ihr Gesetzesvorhaben stößt allerdings bei manchen SPD-Politikern der Regierungskoalition auf Widerstand – und löst vor allem nicht das eigentliche Problem.
Wissenschaftler und Manager haben dagegen in jüngster Zeit zahlreiche Fortschritte dabei gemacht, überschüssigen Solarstrom zu speichern. Der Strom ist inzwischen auch nachts nutzbar, weil es günstigere und bessere Batterien gibt. Auch teure Subventionen für Photovoltaik sind kaum noch notwendig. »Die Sonne schickt uns keine Rechnung«, betitelte der Journalist Franz Alt 1994 sein Buch über die Notwendigkeit einer Energiewende. Auch wenn die Anfänge der Photovoltaik aufwendiger waren, als der Bestseller vermuten ließ: Die Superkraft der Sonne zu nutzen, wird immer leichter und günstiger – und das in immer schnellerem Tempo.
Die weltweit größte Solaranlage entsteht in Indien
Die Wucht, mit der Photovoltaik die Energiewelt verändert, zeigt sich besonders in Asien. Nicht nur China, wo weltweit der meiste Strom mit Sonnenkraft erzeugt wird, auch Pakistan entwickelt sich zum Solarboomer-Land, dank günstiger chinesischer Solarmodule. In Indien entsteht in der Wüste von Khavda im nordwestlichen Bundesstaat Gujarat fernab der Zivilisation die künftig größte Solaranlage der Welt. Sie wird genauso viel Fläche haben wie der Bodensee und soll einmal so viel Strom produzieren wie 30 Kernkraftwerke.
Schon bis Ende 2025 konnten in dem bevölkerungsreichsten Land der Erde 55 Solarparks mehr als 20 Millionen Haushalte auf dem Land versorgen. Hinzu kommt Energie aus unzähligen kleineren Photovoltaikanlagen, gefördert von der Regierung. Rund ein Viertel des indischen Stroms stammt bereits aus erneuerbaren Quellen.
Um die Anlage bei Khavda im Grenzgebiet zwischen Indien und Pakistan zu besuchen, bedarf es einer Sondergenehmigung, wegen des Konflikts zwischen den beiden Atommächten ist die Region Sperrgebiet. Dem SPIEGEL gewährte der Großkonzern Adani Zutritt, dem weite Teile der Anlage gehören.
Bis 2070 soll Indien klimaneutral werden
...Die Adani-Gruppe, die in Indien rund ein Viertel des Hafenumschlags und des Flugpassagieraufkommens abwickelt, kontrolliert ihr Image streng. In einem Imagefilm, den jeder Besucher in einem Showroom zu sehen bekommt, ist viel von grüner Revolution für eine bessere Zukunft die Rede.
Bislang stand der Konzern des regierungsnahen Milliardärs auch für ein gigantisches Kohleabbauprojekt in Australien, das seit Ende 2021 auch Indiens Kraftwerke versorgt hat. Kurze Zeit später begann der Konzern mit dem Bau des Solarkraftwerks der Superlative bei Khavda. Der Auftrag kam vom Bundesstaat Gujarat, Premierminister Narendra Modi, selbst von dort, ist politischer Unterstützer und will im Wettrennen um die erneuerbaren Energien gegen Pakistan und China aufholen. Die Regierung plant, die Kapazität von Sonnenkraftwerken in den kommenden Jahren zu vervielfachen; bis 2070 soll das Land klimaneutral werden.
Mit seinem Wüstengebiet hat das sonst eher rohstoffarme Land gute Voraussetzungen für den Energiewechsel. Ohne groß auf Landwirtschaft oder besiedelte Ortschaften Rücksicht nehmen zu müssen, haben bei Khavda mehr als 14.000 Arbeiter schon weit über zwei Millionen Solarpanels verlegt – die meisten auf automatisch verstellbaren Systemen, sodass sie im idealen Winkel zum Lauf der Sonne positioniert werden können. Die Anlage soll später weitgehend vollautomatisch laufen: Ein paar Menschen sind als Aufsichtspersonal vorgesehen, Roboter als Reinigungskräfte. Alle 200 Meter stehen Windräder, die nach Sonnenuntergang Strom produzieren. Ein Drittel der Anlage sei bereits in Betrieb, heißt es bei Adani.
Das Beispiel zeigt: Ob und wie schnell sich Solarenergie durchsetzt, ist auch eine Frage von Macht. Treibt ein Großkonzern ein Projekt voran, noch dazu gestützt von der Politik, ist rasantes Tempo möglich.
Die Abhängigkeit von Öl, Gas und Kohle hat sich in der Europäischen Union oder auch in China in den vergangenen Jahren der Krisen und Kriege als teuer und schädlich erwiesen, so wie derzeit im Irankrieg mitsamt der blockierten Straße von Hormus.
Dass sich in den USA Präsident Donald Trump auf die Seite der fossilen Energiewirtschaft stellt, in Naturschutzgebieten nach Öl bohren lässt und erneuerbare Energien den »Betrug des Jahrhunderts« nennt, halten Forscher wie Stanford-Experte Jacobson für ein vorübergehendes Problem. Trump werde die Erneuerbaren höchstens bremsen, nicht aber stoppen können, sagt er. Tatsächlich stieg die Solarstromproduktion in den USA 2025 im Rekordtempo, pro Einwohner fiel sie höher aus als in China. Die Entwicklung der erneuerbaren Energien sei »unaufhaltsam«, meint Jacobson, es sei »einfach eine Frage der Wirtschaftlichkeit«.
In Deutschland profitieren schon jetzt Millionen Hausbesitzerinnen und -besitzer vom günstigen Strom ihrer Solaranlagen. Mieter installieren kleine Balkonsolarkraftwerke, die es für ein paar Hundert Euro zu kaufen gibt. Eine Kilowattstunde Strom mit einer Dachanlage zu produzieren, kostet umgerechnet rund 10 Cent; der Strompreis der Energieversorger liegt bei etwa 30 Cent. Eine staatlich garantierte Vergütung erhält, wer Solarstrom ins Netz einspeist. Wirtschaftsministerin Reiche wollte auch diese Zahlungen in ihrem Gesetzesvorhaben bei neuen Solaranlagen streichen, sie hält den Anreiz für nicht mehr erforderlich. Für eine Übergangszeit soll eine Vergütung für eingespeisten Strom nach Protesten nun aber erhalten bleiben.
Ganze Solarstädte werden denkbar
Photovoltaikmodule holen heute deutlich mehr Energie aus Sonnenstrahlen heraus als vor ein paar Jahren. Auch deutsche Forscher treiben die Entwicklung voran, die Physikerin Juliane Borchert vom Freiburger Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE trägt die Zukunft um den Hals: An ihrer Kette baumelt eine 3D-gedruckte Kristallstruktur eines sogenannten Perowskits. Der Stoff könnte eine neue Generation von Supersolarmodulen hervorbringen.
Die Perowskit-Struktur wird künstlich hergestellt und ist eine Verbindung aus mehreren Elementen. Sie lässt sich aus Jod, Brom oder Chlor so zusammensetzen, dass sie, aufgetragen auf eine Solarzelle, das Licht besonders gut absorbiert und dadurch mehr Strom herausgeholt werden kann. Sehr dünne Perowskit-Module könnten eines Tages auch an Autos oder Fassaden angebracht werden, ganze Solarstädte werden denkbar......
Bei einer herkömmlichen Siliziumsolarzelle liegt die physikalische Obergrenze für den Wirkungsgrad bei rund 29 Prozent; diesen Anteil der Sonnenenergie wandelt sie in Strom um. Der bisherige Spitzenwert im Freiburger Sonnensimulator beträgt rund 33 Prozent, die Forscherinnen wollen 40 Prozent und mehr erreichen. »Der Schritt von der Laborzelle zur Dachanlage ist allerdings groß«, sagt Borchert. Marktreif ist die Technologie laut Fachleuten bisher nicht.
Forscher wie Solarskeptiker Helm überzeugen solche Aussichten nicht, weil nach wie vor mehr als 80 Prozent der weltweit verbrauchten Energie aus fossilen Brennstoffen stammen. Stanford-Forscher Jacobson und andere Wissenschaftler halten dem entgegen: Das Argument führe in die Irre, weil in diesem Primärenergieverbrauch auch Energie aus Öl, Kohle und Gas berücksichtigt sei, die als Abwärme aus Motoren oder Kraftwerken verpuffe.
Solaranlagen, Windkraftanlagen oder Elektromotoren arbeiten dagegen mit geringen Energieverlusten. So erklärt sich, dass Solarenergie zwar nur etwa ein bis zwei Prozent des heutigen Primärenergiebedarfs deckt, zugleich aber gut vier Prozent CO₂ einspart – was pro Jahr etwa 1,7 Milliarden Tonnen entspricht.
Jan Rosenow, Professor für Energie- und Klimapolitik an der University of Oxford rechnet vor:
Ein weitgehend elektrifiziertes Energiesystem auf Basis erneuerbarer Energien käme mit rund der Hälfte der heutigen Primärenergie aus und könnte dieselbe Versorgung sicherstellen.
An einer entscheidenden Technologie dafür arbeiten Forscherinnen und Forscher in dem 3000-Einwohner-Ort Föhren in Rheinland-Pfalz. Sie wollen die Stabilität von Stromnetzen sichern, wenn diese viel Solarenergie aufnehmen.....
Volker Schöller, 44, Technischer Geschäftsführer der Firma Schoenergie, steht auf einem eingezäunten Grundstück, umgeben von elf Großbatterien. Die weißen Stahlkästen sind so hoch wie Schiffscontainer und brummen leise in der Mittagssonne. Sie speichern Energie aus dem Solarpark nebenan – und entlasten auf diese Weise das Stromnetz: Ist tagsüber Solarstrom im Überfluss vorhanden, nehmen die Akkus ihn auf. Wird die Elektrizität gegen Abend knapper, geben sie ihn an die Stromnetze ab. »Sind die Akkus vollgeladen, können sie 5500 Zweipersonenhaushalte einen Tag lang versorgen«, sagt Schöller. Auf diese Weise wird Solarstrom zumindest im Sommer rund um die Uhr verfügbar.
Die Technik bedeutet nicht nur einen gewaltigen Fortschritt, sie lohnt sich auch für die Betreiber von Solarkraftwerken. Die Kosten für die Speicher sinken rapide, in vielen Ländern errichten Firmen Großbatterien, auch in Deutschland sind bereits Hunderte fertiggestellt. Zusammen mit den gut 2,5 Millionen Akkus privater Hausbesitzer können sie rechnerisch den Verbrauch von etwa drei Millionen Zweipersonenhaushalten für einen Tag abdecken. Im sonnenreichen US-Bundesstaat Kalifornien sind Batterien zeitweise bereits die größte Stromquelle im öffentlichen Netz.
»Katastrophal« sei, dass die Netzbetreiber in Deutschland Solaranlagen immer wieder abschalten, findet Schöller. »Wir verlieren dadurch jede Menge günstigen Strom.« Bevor die Batteriespeicher hinzukamen, war davon auch der Föhrener Solarpark mehrmals betroffen.
Wie Großkraftwerke überflüssig werden sollen
Ein Grund dafür ist, dass Kohlekraftwerke auch an sonnigen Tagen Strom ins Netz speisen und sich meist nicht mal eben für ein paar Stunden herunterfahren lassen. Bis spätestens 2038 sollen sie an allen Standorten in Deutschland abgeschaltet werden, so haben es Bundestag und Bundesrat beschlossen. Noch aber sind Kohlekraftwerke ein unverzichtbarer Schutz gegen Blackouts, also lang andauernde Stromausfälle, weil sie mit ihren großen, rotierenden Generatoren die Stromfrequenz und -Spannung in den Netzen im Gleichgewicht halten.
Photovoltaikanlagen leisten das bislang nicht; sie sind vielmehr ihrerseits auf ein stabiles Netz angewiesen, in das sie Elektrizität einspeisen können. Solarparks mit angeschlossenen Großbatterien aber, das ist die Vision, könnten ebenfalls für das Gleichgewicht in den Netzen sorgen, wenn sie den Strom je nach Bedarf speichern oder schnell wieder abgeben. Kohlekraftwerke wären damit als Schutz gegen Blackouts überflüssig.
In Föhren arbeiten Wissenschaftler vom Freiburger Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE daran, diese Vision zur Marktreife zu bringen. Auch das Solarparkunternehmen Schoenergie, die Universität Stuttgart und der Netzbetreiber Westnetz sind am Projekt beteiligt. Der 46-jährige Sönke Rogalla, Abteilungsleiter Leistungselektronik am ISE, sitzt in einem Container im Batteriepark und beobachtet auf seinem Laptop, wie sich die Sinuskurven aufbauen, die die Spannung und elektrische Ströme der Anlage widerspiegeln.
Das Zentrum des Projekts surrt draußen auf dem Gelände in sieben weißen, zweieinhalb Meter hohen Kästen. Darin befinden sich neuartige Wechselrichter: Schaltungen aus Halbleitern, Kondensatoren und Spulen. Sie wandeln Gleichstrom in Wechselstrom um und sind unverzichtbar, wenn Solar- oder Windstrom produziert wird. Erst so lässt sich die Elektrizität ins Netz überführen und in Haushaltsgeräten nutzen, die für 230 Volt und 50 Hertz ausgelegt sind.
Die neuen Wechselrichter in Föhren aber können mehr. Automatisiert wie ein Minicomputer regeln sie zusätzlich die Spannung und die Frequenz, um das Stromnetz bei Störungen zu stabilisieren, wenn etwa plötzlich weniger Energie eingespeist wird. Sie reagieren »innerhalb der ersten Millisekunde«, sagt Rogalla.
Möglich ist das dank superschneller Schalter im Wechselrichter, sogenannter Leistungshalbleiter. Sie dosieren den Strom in winzigen Häppchen – wie ein Wasserhahn, der sehr schnell auf- und zugedreht wird. Aus den Häppchen setzt der Wechselrichter eine glatte Welle zusammen. Knickt sie ein, gibt er sofort mehr Strom frei, indem er Energie aus den Batterien zieht. Spannung und Frequenz bleiben dadurch stabil.....
Funktionieren solche Wechselrichter erst einmal
zuverlässig und großflächig,
könnte Solarstrom die Energieversorgung in Europa
endgültig revolutionieren.
»Die größte Maschine der Welt erfindet sich gerade neu«,
so sagt es Rogalla und meint damit das Stromverbundnetz von Gibraltar bis zum Baltikum.
Simulation sieht Chancen für 100 Prozent Erneuerbare in 25 Jahren
Stanford-Wissenschaftler Jacobson hat mit seinem Team für 150 Nationen, darunter Deutschland, ausgerechnet, wie sich der Aufschwung der Solarenergie in den kommenden Jahren auswirken könnte. Die Wissenschaftler simulierten das Energiesystem der Jahre 2050 bis 2052 in 30-Sekunden-Schritten. Bei richtiger Planung, so das Ergebnis, ließe sich der akute Bedarf an Elektrizität zu jedem Zeitpunkt aus Sonnen-, Wind-, Wasserkraft oder Geothermie decken. »Entscheidend« sei es, »erneuerbare Energien und Speicherkapazitäten rasch auszubauen«, sagt der Forscher.
Selbst in Trumps US-Regierung wächst die Einsicht, dass die Kraft der Sonne wesentlich nützlicher ist, als der Präsident behauptet. »Die Solarenergie wird weiter wachsen«, sagte Energieminister Chris Wright, der erneuerbare Energien üblicherweise bekämpft, 2025 in einem Interview. Gegenüber der Windkraft zum Beispiel habe die Photovoltaik Vorteile. »Sie ist kostengünstiger und schneller zu installieren. Sie spielt eine Rolle.«
Sichtbar wird das auch auf dem Dach des Weißen Hauses in Washington, wo Donald Trump residiert. Dort oben glänzen Photovoltaikmodule, die Trumps Vorgänger Barack Obama installieren ließ. Der Präsident ist bisher offenbar nicht auf die Idee gekommen, sie abzubauen.
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