Donnerstag, 24. September 2026

Nun zeigt sich: Eine Abhängigkeit wurde durch eine andere ersetzt. Und die Gasspeicher sind in diesem Herbst so leer wie seit Jahren nicht mehr.


NTV  hier 22.09.2026  Von Christina Lohner

Nach Putin sitzt nun Trump am Gas-Erpressungshebel

Deutschlands neue Abhängigkeit

Statt russischem Gas importiert Deutschland heute eine entscheidende Menge Flüssiggas aus den USA. Kritiker sehen ein erhebliches Risiko für die Preise, aber auch die Versorgungssicherheit. Gezielt Europa könnte Donald Trump allerdings nicht so einfach unter Druck setzen. 

Die deutschen Gasspeicher sind so leer wie noch nie um diese Jahreszeit. Die niedrigen Füllstände sind zwar nicht direkt mit den vergangenen Jahren vergleichbar, weil sich über die inzwischen aufgebaute LNG-Infrastruktur bei Bedarf kurzfristig Flüssigerdgas einkaufen lässt. Unter anderem dadurch hat sich Deutschland aus der Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen befreit. Doch auf der anderen Seite sind dadurch neue Abhängigkeiten entstanden - etwa von den Launen des unberechenbaren US-Präsidenten.

Würde Donald Trump die Exporte von Flüssiggas (LNG) aus seinem Land stoppen, droht Deutschland im schlimmsten Fall ein Gasmangel. Wahrscheinlicher ist, dass die Gaspreise in einem solchen Fall in die Höhe schießen. "Allein die Ankündigung der US-Regierung, Exportgenehmigungen möglicherweise zu widerrufen, würde den Preis in Europa scharf nach oben treiben", sagt etwa Andreas Goldthau, Direktor der Willy Brandt School of Public Policy an der Universität Erfurt.

Der Iran-Krieg hat die Lage zusätzlich verschärft, durch die stark beschädigte katarische LNG-Exportinfrastruktur bleibt das Flüssiggas-Angebot auf dem Weltmarkt auch mittelfristig eingeschränkt. Umso größer ist inzwischen die Bedeutung von US-amerikanischem Erdgas.

Gas-Schock droht: Bei kaltem Winter "hilft nur beten"

Deutschland kauft heute etwa zwölf Prozent aller Gasimporte als Flüssiggas über die eigenen Terminals, wie Gasmarkt-Experte Sebastian Gulbis im Gespräch mit ntv.de erklärt. "Mehr als 90 Prozent davon kommen aus den USA", erläutert der Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Enervis. Dadurch deckt Deutschland etwa zehn Prozent seines gesamten Gasverbrauchs mit LNG aus den USA.

Da auch Deutschlands andere zentrale Gaslieferanten Belgien und Niederlande LNG aus den USA importieren und weiterleiten, stammt laut Gulbis unterm Strich sogar etwa ein Fünftel aller deutschen Gasimporte aus den USA. Auch die EU insgesamt bezieht demnach in dieser Größenordnung US-amerikanisches Erdgas. Die USA sind der größte LNG-Exporteur der Welt.

Deutschlands Abhängigkeit von etwa norwegischem Gas ist mit 42 Prozent aller Gasimporte deutlich größer, wie Gulbis klarstellt. Allerdings ist Norwegen ein weit zuverlässigerer Partner als die USA unter Trump.

"Die USA haben durch ihre LNG-Lieferungen nach Europa einen mächtigen Erpressungshebel", sagte etwa Politologe Goldthau dem "Handelsblatt". Loyle Campbell von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) ging noch einen Schritt weiter: Es bestehe "absolute Gewissheit, dass die USA Energieexporte als Hebel zur Durchsetzung politischer Ziele nutzen werden".

Würde der US-Präsident einen weiteren politischen Erpressungsversuch wie beispielsweise mit seinen Zöllen starten und die gesamten LNG-Ausfuhren aus den USA stoppen, würden alle Länder, die Flüssiggas importieren, um die auf dem Weltmarkt verbleibenden Mengen konkurrieren. Ein Preisschock wäre die Folge. "Dann fließt das LNG dorthin, wo die Zahlungsbereitschaft am größten ist", sagt Gulbis. Das müsste nicht zu einem Mangel in Europa führen, das Risiko besteht jedoch.

Alternative Quellen - zu einem hohen Preis

Gulbis geht eher davon aus, dass europäische Länder anderen Abnehmern wie beispielsweise asiatischen Staaten das LNG wegkaufen würden - zu einem sehr hohen Preis. Alternative Quellen zu den USA wären Kanada und afrikanische Länder.

Gezielt Europa könnte Trump schwer mit einem LNG-Entzug erpressen, wie Gulbis erklärt. "Würden die USA nur nicht mehr nach Europa exportieren, würde das zu einer Verschiebung auf dem Weltmarkt führen: Wir würden dann Flüssiggas aus anderen Ländern kaufen und andere Länder LNG aus den USA." Doch was wäre, wenn Trump andere Länder unter Druck setzen würde, ihre Lieferungen nach Europa ebenfalls zu drosseln?

Deutschland und Europa sind folglich mittelbar von amerikanischem Flüssiggas abhängig, der Weltmarkt ganz unmittelbar. Gulbis sieht auch das globale Erpressungspotenzial dennoch relativ gelassen, der Marktexperte hält das Bedrohungsszenario für unwahrscheinlich. So wäre ein Exportstopp durch Trump nicht nur ein harter Eingriff in die Geschäftstätigkeit von US-Unternehmen. "Der Export dieser Energiemengen ist auch ein großer Wirtschaftszweig."

Eine Diversifizierung von Deutschlands LNG-Bezugsquellen drängt in Gulbis' Augen daher nicht. "Wir kaufen ohnehin große Mengen kurzfristig ein, sind also nicht durch langfristige Verträge gebunden." Auch seien die Schiffslaufzeiten aus den USA nach Europa günstig. "Es ist naheliegend, dass wir erstmal von dort importieren. Wenn so eine Drohkulisse entstehen würde, gäbe es, wie gesagt, auch andere Importquellen."

Die allerdings würden teuer, besonders in diesem Winter. Angesichts der niedrigen Speicherfüllstände hat Deutschland LNG als Gasquelle fest eingeplant.

Quelle: ntv.de




Frankfurter Rundschau hier  23.09.2026  Von: Lara Hempel

Kein russisches Gas mehr, dafür Trump am Hebel: Deutschlands neues Gasrisiko vor dem Winter

Kein russisches Gas mehr, dafür Trump am Hebel: Deutschlands neues Gasrisiko vor dem Winter

Deutschlands Gasspeicher sind zu rund 56 Prozent gefüllt. So wenig wie seit Jahren nicht. Und ausgerechnet jetzt sitzt der unberechenbare Trump am Hebel.

Russland war einst Deutschlands wichtigster Gaslieferant – bis der Ukraine-Krieg diese Abhängigkeit schmerzhaft offenbarte. Seitdem hat Deutschland umgebaut, neue Terminals errichtet und neue Partner gewonnen. Doch nun zeigt sich: Eine Abhängigkeit wurde durch eine andere ersetzt. Und die Gasspeicher sind in diesem Herbst so leer wie seit Jahren nicht mehr.

Die deutschen Gasspeicher sind derzeit zu rund 56 Prozent gefüllt, so wenig wie seit mindestens 2018 nicht mehr um diese Jahreszeit, wie die dpa berichtet. Normalerweise kaufen Händler im Sommer Gas günstig ein und speichern es für den Winter. Dieser Mechanismus funktioniert derzeit kaum, denn wegen des Iran-Kriegs sind die Großhandelspreise hoch und das Einlagern lohnt sich wirtschaftlich kaum. Das gesetzliche Ziel von 80 Prozent zum 1. November ist nicht mehr erreichbar. Der Winter 2026 kommt und die Bedeutung von Gasimporten wächst mit jedem fallenden Grad Celsius.

Warum US-Flüssiggas für Deutschland immer wichtiger und verhängnisvoller wird

Rund zwölf Prozent aller deutschen Gasimporte kommen heute als Flüssigerdgas über die eigenen Terminals ins Land, wie Gasmarkt-Experte Sebastian Gulbis, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Enervis, gegenüber ntv erklärt. Mehr als 90 Prozent davon stammen aus den USA. Nach Angaben des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft waren es 2025 sogar rund 96 Prozent der deutschen LNG-Importe. Weil auch die Durchleitungsländer Belgien und Niederlande US-amerikanisches Flüssiggas importieren und weiterleiten, stammt laut Gulbis unterm Strich etwa ein Fünftel aller deutschen Gasimporte aus den USA.

Dass die USA so dominant geworden sind, hat praktische Gründe. Amerika dominiert den weltweiten LNG-Handel, bietet flexible Vertragsbedingungen und liegt für Europa geografisch günstiger als viele andere Exporteure. Zum Vergleich: Deutschlands wichtigster Lieferant bleibt Norwegen mit 42 Prozent aller Gasimporte – ein deutlich verlässlicherer Partner, wie Gulbis klarstellte.

Der Iran-Krieg verschärft die Lage zusätzlich. Vor Kriegsausbruch liefen rund 20 Prozent der weltweiten Energielieferungen durch die Straße von Hormus. Seit der Störung des Schiffsverkehrs ist das LNG-Angebot aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten stark eingebrochen. Das treibt die Preise, und für Händler lohnt sich das Einlagern kaum noch. Als Reaktion soll Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) den bundeseigenen Gasimporteur Sefe beauftragt haben, zusätzliches Gas einzukaufen – in kleinen Schritten, damit die Käufe am Markt möglichst unbemerkt bleiben.

Trump, Erpressungspotenzial und das eigentliche Risiko

Ob Trump Energie tatsächlich als Druckmittel einsetzt, ist offen. Loyle Campbell von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) sagte dem Handelsblatt, es bestehe „absolute Gewissheit, dass die USA Energieexporte als Hebel zur Durchsetzung politischer Ziele nutzen werden“. Andreas Goldthau, Direktor der Willy Brandt School of Public Policy an der Universität Erfurt, ergänzte: „Es reicht, wenn Trump eine Andeutung in Richtung Gas-Exportstopp macht, und der europäische Gaspreis steigt genug, dass es für Industrie und Verbraucher schmerzhaft wird.“

Der Gasmarkt-Experte, Sebastian Gulbis, relativiert diese Einschätzung. Ein vollständiger Exportstopp sei unwahrscheinlich, denn der LNG-Export sei ein bedeutender US-Wirtschaftszweig. Das eigentliche Risiko sei kein Versorgungsausfall, sondern ein Preisschock. In einem Winter mit fast leeren Speichern könnte das teuer werden. Indessen tätigte das Weiße Haus einen diplomatischen Schlag gegen den Kreml: Warum Putins USA-Reisen vor dem Aus stehen – und China unter Druck gerät.


Focus hier

Armenien will sich von Kreml lösen – Putin stellt Gas ab



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