Spiegel hier Eine Kolumne von Christian Stöcker 01.01.2023
Zwei sehr erfolgreiche Bücher zeichnen ganz unterschiedliche Zukunftsszenarien: In dem einen wachsen Menschheit und Technologie weiter, bis hinaus ins All. Im anderen muss alles schrumpfen. Beide irren sich.
Wenn man die Debatten sortieren will, die heute über die Zukunft der Menschheit geführt werden, hilft dabei ein Buch. Ich habe »The Wizard and the Prophet« vom US-Autor Charles C. Mann schon oft weiterempfohlen, auch wenn es eine sperrige Lektüre ist. Das Buch zeichnet die Lebenswege von zwei sehr unterschiedlichen, sehr einflussreichen, aber bis heute kaum bekannten Männern nach.
Der eine ist Norman Borlaug, einer der Väter der sogenannten grünen Revolution. Sie hat uns die moderne Landwirtschaft mit all ihren Nachteilen beschert, aber auch die in den Sechzigern prophezeiten globalen Hungersnöte erspart. Borlaug ist der »Zauberer« aus dem Buchtitel. Er steht für eine Klasse von Menschen, die daran glaubt, dass die Menschheit auch ihre selbst geschaffenen Probleme mit technologischem Fortschritt lösen kann.
Zwei Visionen, einander vollständig entgegengesetzt
Der andere ist William Vogt, einer der Väter der modernen Umweltbewegung. Vogt ist der »Prophet« und laut Mann damit Vertreter der Gegenposition: Diese Menschen glauben daran, dass nur Rückbau, Reduktion, Dezentralisierung und Beschränkung die Menschheit und ihre Umwelt retten können.
Charles C. Mann kommt zu dem plausiblen Schluss, dass wir als Menschheit nur eine Zukunft haben, wenn wir die beiden Positionen miteinander versöhnen, das Beste aus beiden kombinieren. Auf Deutsch ist das Buch leider nicht erschienen.
Stattdessen hat das Jahr 2022 zwei Bücher hervorgebracht, die man als moderne Versionen der Wizard- und der Prophet-Position lesen kann. Es können nicht beide richtig liegen. Tatsächlich liegen beide falsch.