Wer verstehen will, dass sich der Präsident der TU München für eine PR-Kampagne für Verbrennungsmotoren einspannen ließ und viele Medien mitmachten oder darauf hereinfielen, der lese dieses hervorragende “Altpapier” von René Martens.
am 3. September 2026 von René Martens
Die Dolchstoßlegende der Verbrenner-Fans
Eine merkwürdige Zusammenfassung einer fragwürdigen Studie zu E-Autos dient den üblichen Verdächtigen als Munition für ihren Kreuzzug gegen die Klimastrategie der EU. Heute kommentiert René Martens die Medienberichterstattung.
Über Leugner und Apathiker
Der Irak ist das am fünfstärksten von der Klimakrise betroffene Land der Welt, die Temperaturen liegen teilweise über 50 Grad. Bei YouTube findet man dazu zum Beispiel einen sehr eindrücklichen "Auslandsjournal"-Beitrag der Grimme-Preisträgerin Golineh Atai.
Der Anlass, an dieser Stelle den Irak zu erwähnen, ist ein "Zeit"-Essay, in dem der freie Journalist Daniel Etter seine Erfahrungen, die er im Irak gemacht hat, als Ausgangspunkt für Überlegungen nimmt, warum "die Klimakrise in weiten Teilen von Politik, Journalismus und Bevölkerung" nicht "die Reaktionen hervorruft, die nötig wären". Etter schreibt:
"Ein Teil meiner Erklärung ist, dass die Klimakrise nicht im Koordinatensystem des tradierten politischen Diskurses zu verorten ist.
Da gibt es Themen, die Politik zu adressieren hat:
- Arbeitslosigkeit,
- Rente,
- Wirtschaftswachstum,
- Bevölkerungsentwicklung,
- Migration,
- Kriminalität
- und vor allem Wohlstand.
- Wahlen,
- Machtspiele,
- Intrigen und Verstrickungen.
Für mich erscheint etwa eine Debatte über Rente weniger relevant, wenn in Frankreich, Deutschland und Großbritannien dieses Jahr katastrophale Ernten drohen.
Doch vor allem konservativen Kreisen fällt es scheinbar schwer, das anzuerkennen."
Ein zentraler Satz des Artikels lautet:
"Es war nicht die Gewalt, die ich als Kriegsreporter gesehen habe, nicht die Zerstörung,
es war die Hitze hier, die mich am meisten mitgenommen hat."
es war die Hitze hier, die mich am meisten mitgenommen hat."
Klimaskepsis, schreibt Etter, sei ein Spektrum, und er teilt es in drei Gruppen ein:
- "die dumpfen Leugner, die sich zum Beispiel in den Reihen der AfD finden",
- "die Leugner der Folgen", zum Beispiel "den Chefreporter Wissenschaft des Axel Springer Verlages",
- und "die Klimaapathiker, von denen sich viele in vielen Parteien finden".
Um einen tagesaktuellen Bezug herzustellen: Die Apathiker sind die, die sich gestern mal wieder Augen und Ohren zugehalten haben, nachdem aus einem Bericht der UN hervorgegangen war, dass sie es "inzwischen für unvermeidlich hält, dass die 1,5-Grad-Marke überschritten wird" (dpa/"Spiegel", siehe auch "Guardian"). - Angelehnt an Etters Formulierung, er habe sich "klargemacht, dass dieser Planet den Menschen überdauern wird, dass Leben einen Weg findet", sollte man noch eine vierte Gruppe benennen:
Es sind jene, die mit obsessiver Beharrlichkeit darauf hinarbeiten, dass dieser Planet möglichst schnell menschheitsfrei wird.
Forscher zerlegen Falschberichterstattung
In der aktuellen Berichterstattung über einen Teilbereich der EU-Klimapolitik, ausgelöst durch eine Studie der Technischen Universität München (TMU) zu E-Autos, haben sich nun die zweite und die vierte Gruppe bemerkbar gemacht. Hintergrund der Veröffentlichung der Studie ist eine entscheidende Abstimmung des Europäischen Parlaments am 23. November – über die Reform der EU-CO₂-Flottengrenzwerte für Autos, das sogenannte Automobilpaket.
Im Zentrum dieses sogenannten White Papers steht eine Analyse der Treibhausgasemissionen, die den gesamten Lebenszyklus eines Auto berücksichtigt – also alles von der Produktion bis zum Recycling und nicht nur das, was aus dem Auspuff kommt. Aus einer vor der Veröffentlichung der "Bild am Sonntag" zugespielten Zusammenfassung dieser Studie leiteten Medien das Ergebnis ab, "dass die CO2-Minderung durch Elektroautos 'nur' bei 41 Prozent läge. Trotzdem wurde das White Paper als Beleg gewertet, dass die EU ihre Emissionspolitik, die auf Elektromobilität setzt, ändern müsse". So fasst es das Science Media Center zusammen.
Diese "Ergebnisse" präsentierte am Wochenende Peter Tiede in der "Bild am Sonntag" unter der Überschrift "Die Auto-Lüge der EU". Markus Söder forderte daraufhin: "Es braucht dringend das echte Aus vom Verbrenner-Aus der EU. Das belegt jetzt auch die Wissenschaft." Und Axel Bojanowski, der im zitierten "Zeit"-Essay erwähnte Chefreporter Wissenschaft des Axel Springer Verlages, sagte am Montagabend in der Bewegtbild-Abteilung der "Welt":
"E-Autos sind der ineffizienteste Weg, CO₂ einzusparen".
Weil es im Journalismus nun recht viele gewissensarme Gesellen gibt, die es für weitererzählenswert halten, was sie in der Springer-Presse gelesen haben, äußerten sich auf Basis der "Bild am Sonntag"-Berichterstattung weitere Medien zu der noch nicht veröffentlichten Studie, zum Beispiel "Focus" ("Forscher zerlegen Klimaschutz-Politik der EU im Auto-Sektor"), der Bayerische Rundfunk und der Münchner Merkur.
Christian Stöcker, Professor für Digitale Kommunikation und Kolumnist für den "Spiegel", wandte sich daher in den sozialen Medien, etwa bei Bluesky, direkt an unsere Branche:
"Liebe Kolleginnen und Kollegen: Das Muster 'jemand erfindet einen Strohmann, der dazu dienen soll, fossile Geschäftsmodelle länger am Leben zu erhalten, und 'BILD' und 'WELT' sind zentrale Verstärker für dieses neueste Nonsens-Narrativ’ sollte mittlerweile doch ersichtlich sein."
Als die Studie unter dem Titel "Defossilization, Not Decarbonization: Toward a Life Cycle-Based Standard for Automotive Greenhouse Gas Regulation" am Dienstag dann erschien, änderte sich das Bild der Berichterstattung.
Arvid Haitsch schrieb im "Spiegel":
"Aus der TUM selbst fürchten manche, vor den falschen Karren gespannt zu werden.
Autoexperten wie er seien in das Werk nicht eingebunden worden, schrieb Markus Lienkamp, der Leiter des Lehrstuhls für Fahrzeugtechnik.
Autoexperten wie er seien in das Werk nicht eingebunden worden, schrieb Markus Lienkamp, der Leiter des Lehrstuhls für Fahrzeugtechnik.
Die Autoren – ein Logistiker, ein Experte für Kreislaufwirtschaft und ein Professor für Internationale Beziehungen – seien 'methodisch ausgewiesen, aber nicht in der Domäne Automobil erfahren'".
Lienkamp bemängelte darüber hinaus,
"dass die Studie den Fokus auf grünen Stahl richte, statt auf die Batterie, auf die es beim Unterschied zwischen Verbrenner und E-Auto wirklich ankomme. Zudem seien vorwiegend in die Vergangenheit gerichtete Studien zur CO₂-Bilanz von Strom oder Batterien ausgewertet worden, sodass ein Blick auf die raschen Fortschritte in diesem Bereich fehle. Der Klimavorteil von 41 Prozent dürfte also für ein heute gebautes E-Auto zu niedrig gegriffen sein."
In dem Zusammenhang schreibt der "Spiegel":
"Müsste die Autoindustrie für alle Neuwagen (alle) Berechnungen vorlegen (die die Autoren der Studie fordern), wäre dies 'ein erheblicher bürokratischer Aufwand ohne echten Nutzen', kritisierte Lienkamp. Die Auspuffmessung sei nicht perfekt, 'aber einfach und klar'. Das Ergebnis bleibe das gleiche: 'Das Elektroauto ist die einzige langfristige Lösung zur Reduzierung der CO₂-Emissionen.' Genau das besage die Studie seiner Universitätskollegen im Kern – nur die Zusammenfassung enthalte merkwürdigerweise andere Schlüsse."
Interessant natürlich: Warum gibt eine "Eliteuni" ("Spiegel") eine inhaltlich in Teilen unkorrekte Zusammenfassung einer Studie vorab ausgerechnet an die "Bild am Sonntag"?
Was Lienkamp sagt, greift auch das Wirtschaftsmagazin cleanthinking.de auf. Die FAZ zitiert am Ende ihres Artikels einen Sprecher des Bundesumweltministeriums, der ebenfalls Kritisches zur Studie anmerkt.
Und die "Welt" titelt nun: "Aus fürs Verbrenner-Aus? Das steht wirklich in der Münchener E-Auto-Studie" – ohne natürlich zu erwähnen, dass es jemand aus dem eigenen Laden war, der vorher behauptet hatte, dass etwas drinsteht, was nicht drinsteht.
Das bereits erwähnte Science Media Center hat Einschätzungen zur Studie von sechs Wissenschaftlern zusammengestellt. Eine davon stammt von Julius Jöhrens vom Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg. Er sagt:
"Die Studie behauptet einen 'blinden Fleck' der europäischen Regulierung aufgetan zu haben, da diese nur die Auspuffemissionen der Fahrzeuge berücksichtige. Hier liegt der grundlegende logische Fehler der Studie: Sie tut so, als schwebten die europäischen CO2-Flottengrenzwerte für Neuwagen gleichsam im luftleeren Raum. Dabei sind die Flottengrenzwerte in ein System von klimapolitischen Instrumenten eingebunden, die sowohl unterschiedliche Akteure – Energieindustrie, Fahrzeughersteller, Verbraucher und weitere – als auch unterschiedliche Stufen des Lebenszyklus' eines Autos adressieren und dabei deren spezifische Gegebenheiten berücksichtigen."
Mit Blick auf die Abstimmung am 23. November schreibt cleanthinking.de, bis dahin "dürfte das TUM-Whitepaper weiter als Beleg für Positionen zitiert werden", die es gar nicht enthalte. Und:
"Die bewusste Missinterpretation durch
Peter Tiede, Markus Söder oder Axel Bojanowski
sowie rechte Medien zeigt,
dass hier durch die exklusive Vergabe des Whitepapers
an die Bild am Sonntag eine gezielte Kampagne lanciert wurde. Eine PR-Kampagne,
die nicht zum Anliegen des Whitepapers passt."
sowie rechte Medien zeigt,
dass hier durch die exklusive Vergabe des Whitepapers
an die Bild am Sonntag eine gezielte Kampagne lanciert wurde. Eine PR-Kampagne,
die nicht zum Anliegen des Whitepapers passt."
"Der Verbrenner ist tot"
Nun ist beim Thema E-Auto natürlich nicht nur der Klimaschutzaspekt relevant. Dirk Specht, der vor langer Zeit das Digitalgeschäft der FAZ mit aufgebaut hat und heute unter anderem über Energiethemen (Altpapier) und KI (Altpapier) schreibt, argumentiert in einem aktuellen Beitrag seines Newsletters ausschließlich ökonomisch und technologisch. Seit "ca. 2015" sei klar:
"Ein E-Auto ist von der Entwicklung über die Produktion bis zum Betrieb beim Endkunden ökonomisch bei weitem überlegen. Der Verbrenner ist tot (…) Das alles ist Geschichte und an den globalen Daten längst ablesbar (…) Der Verbrenner erodiert global seit 2017 während [Elektroautos] mit einer Wachstumsrate von anfangs 50% und seit 2022 eingependelt auf 30% wachsen. Global, inklusive der Märkte, deren Industrien und Regierungen das verhindern wollen. Im größten Markt, dem chinesischen, läuft das alles viel schneller."
Apodiktisch fährt Specht fort:
"Niemand hält das auf. Niemand! Das ist eine ökonomische und technologische Überlegenheit um ganze Faktoren, für Hersteller, für Kunden. Das ist nicht aufzuhalten."
Specht schreibt zudem, dass seit Jahren "die Haltedauer der Konsumenten, in allen Märkten" steige, also die Zeit zwischen der Anschaffung und dem Verkauf eines E-Autos. Seine Schlussfolgerung: "Trotz Desinformationskampagnen gegen E-Autos werden die Leute beim eigenen Geld irgendwie doch rationaler."
Unter Rückgriff auf ein Zitat des Historiker Adam Tooze weist Specht darüber hinaus darauf hin, dass das Thema
"kein rein ökonomisches, sondern ein hoch politisches (ist), weil hier Selbstverständnis und Identität verletzt werden. Mit der Bedeutungslosigkeit des Diesels wird der Deutsche weitaus mehr Probleme haben, als mit der Abwanderung von Hemden, Hosen und Sportschuhen.
Umso verantwortungsloser ist der Versuch von Söder, Merz, Reiche, Kubicki et al. das liebgewonnene rechtspopulistische Pferdchen noch weiter zu reiten".
Umso verantwortungsloser ist der Versuch von Söder, Merz, Reiche, Kubicki et al. das liebgewonnene rechtspopulistische Pferdchen noch weiter zu reiten".
Die "wissenschaftlich eklige" Studie der TUM und deren "natürlich willige Springer-Unterstützung" erwähnt Specht in dem Kontext auch. Er schreibt weiter:
"Wer sich politisch vor diesen Karren spannt,
schafft nichts Geringeres, als eine Dolchstoßlegende:
schafft nichts Geringeres, als eine Dolchstoßlegende:
Der deutsche Diesel, an der Front unbesiegt,
durch linksgrüne EU-Politik hinterrücks erdolcht.
Wem das politisch nutzen wird, ist hoffentlich klar?!"
durch linksgrüne EU-Politik hinterrücks erdolcht.
Wem das politisch nutzen wird, ist hoffentlich klar?!"
Wenn wir über die wirtschaftlichen Aspekte des E-Auto-Themas reden, ist es aber auch angebracht, über die möglichen wirtschaftlichen Folgen von Falschberichterstattung zu sprechen. Einer der Experten, die das Science Media Center befragt hat, ist Thomas Grube vom Institute of Climate and Energy Systems in Jülich. Und der sagt:
"Eine verzerrte mediale Berichterstattung – siehe beispielsweise der BamS-Artikel – könnte erneut zur Verunsicherung der Bürgerinnen und Bürger beitragen.
Zudem könnten politische Akteure die isolierte Aussage zu den (…) genannten 41 Prozent nutzen, um ihrerseits zur Verunsicherung der Öffentlichkeit beizutragen und Druck auf die EU-Gesetzgebung auszuüben – Stichwort 'Aus vom Verbrenner-Aus'. Ein möglicherweise geändertes Käuferverhalten würde dann auch die Industrie treffen, die über einen längeren Zeitraum unterschiedliche Antriebsarten parallel weiter anbieten müsste, was mit entsprechend höheren Kosten und geringeren Margen verbunden wäre."
Zudem könnten politische Akteure die isolierte Aussage zu den (…) genannten 41 Prozent nutzen, um ihrerseits zur Verunsicherung der Öffentlichkeit beizutragen und Druck auf die EU-Gesetzgebung auszuüben – Stichwort 'Aus vom Verbrenner-Aus'. Ein möglicherweise geändertes Käuferverhalten würde dann auch die Industrie treffen, die über einen längeren Zeitraum unterschiedliche Antriebsarten parallel weiter anbieten müsste, was mit entsprechend höheren Kosten und geringeren Margen verbunden wäre."
Ich würde zwar nicht schlechter schlafen, wenn es so käme. Ich halte aber auch ein anderes Szenario für möglich. Wenn "die Leute beim eigenen Geld irgendwie doch rationaler sind", wie Dirk Specht schreibt, besteht zumindest mittelfristig die Hoffnung, dass die Anti-E-Auto-Kampagne, die die Schoß- und Kettenhunde der Fossilindustrie in Politik und Medien betreiben, bei ihnen nicht mehr verfängt.
Am Freitag kommt "Das Altpapier – Dein tägliches Medienupdate" von Antonia Groß.
hier Spiegel 06.09.2026
Elektroautostudie
Zitierte Forscher beklagen »heftige Verzerrung« ihrer Forschungsergebnisse
Eine Untersuchung der TU München zur Klimawirkung von E-Autos, mit der EU-Politik beeinflusst werden soll, sorgt für Wirbel. Nun kritisieren niederländische Experten, darin würden sie falsch interpretiert.
Der Streit über eine Studie der Technischen Universität München (TUM) geht in eine neue Runde.
Am vergangenen Wochenende hatte die »Bild«-Zeitung unter der Überschrift »Die Auto-Lüge der EU« darüber berichtet , die Untersuchung der Eliteuni stelle die Annahme »frontal infrage«, wonach E-Autos zum Klimaretter taugen.
Der Fehler liege darin, dass nur die Abgase von Benzinern und Dieseln mit dem Ausstoß der Elektroautos verglichen würden – der natürlich gleich null ist. Man müsse aber den CO₂-Ausstoß in der Produktion ebenfalls berücksichtigen, und der sei durch die aufwendigen Akkus deutlich höher.
Vieles ist kurios daran: etwa, dass diese Betrachtungsweise keineswegs neu ist. Solche Gesamtrechnungen sind längst Standard, um ein realistisches Bild zu bekommen. Allerdings sind sie methodisch komplex, sodass unterschiedliche Studien zu verschiedenen Größenordnungen kommen, um den Beitrag von E-Autos zur CO₂-Bilanz zu beziffern. Gemeinsam haben sie, dass der Elektroantrieb stets im Vorteil bleibt.
Es geht um das Verbrenner-Aus
Die Münchner Studie liefere kein Argument gegen E-Autos, ließ sich der Verkehrsforscher Giulio Mattioli von der Technischen Universität Dortmund zitieren. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) folgerte aus der Berichterstattung aber gleich, es müsse nun »das echte Aus vom Verbrenner-Aus« folgen.
Söders Forderung wird nun noch wackeliger, weil sich Fachleute der renommierten Universität Leiden zu Wort melden. An zentraler Stelle hätten die Münchner Autoren ihre Forschung zitiert, schreibt Arnold Tukker auf der Plattform LinkedIn. Aber: »Unsere Studie kommt zu Schlussfolgerungen, die dem widersprechen, was die Pressemitteilung der TUM und die anschließende Medienberichterstattung nahelegen.« Tukker ist Professor der Universität, Vorsitzender der Internationalen Gesellschaft für industrielle Ökologie und ausgewiesener Experte auf dem Gebiet.
Dabei wird Tukker sehr deutlich: »Wir distanzieren uns entschieden von der Stellungnahme der TUM.« Zur eigentlichen Streitfrage schreibt er: »Wir haben festgestellt, dass Elektrofahrzeuge ein hervorragendes Mittel sind, um ein emissionsarmes Verkehrssystem zu verwirklichen. Wir kamen zu dem Schluss, dass der Ersatz von Benzinfahrzeugen durch Elektrofahrzeuge beschleunigt und nicht verzögert werden muss.«
Auch aus der TUM-Studie gehe hervor, dass Elektroautos die Atmosphäre mit deutlich weniger CO₂ belasten als Verbrenner, nämlich mit einem Minus von 41 Prozent über den gesamten Lebenszyklus des Produkts. (Erfahren Sie hier mehr über die TUM-Studie.) Wer Schlagzeilen über vermeintliche »E-Auto-Lügen« liest, kann das allerdings ganz anders verstehen. Kein Wunder, dass Tukker schreibt: »Wir sind zutiefst enttäuscht über diese Fehlinterpretation unserer Arbeit in der Pressemitteilung der TUM. Dadurch wurde die Aussage unserer Studie in den öffentlichen Medien stark verzerrt.«
TUM-Präsident Thomas Hofmann hatte das Papier in Auftrag gegeben, um auf Beratungen von EU-Kommission, Europaparlament und EU-Regierungen zum Thema Einfluss zu nehmen, die im Herbst anstehen. Die unionsgeführte Bundesregierung hat dafür ein »Automobilpaket« vorgelegt, das weniger strenge CO₂-Vorgaben für Autohersteller vorsieht. Hofmann hat Wissenschaftler aus anderen Fachrichtungen mit der Studie betraut, was bereits vom Leiter des Lehrstuhls für Fahrzeugtechnik, Markus Lienkamp, kritisiert wurde: »Relevante Professoren der TUM, wie Andreas Jossen, Malte Jaensch, Thomas Hamacher und Markus Lienkamp, wurden nicht eingebunden.«
»Er sollte es zurückziehen.«
Edgar Hertwich, leitender Forscher am IIASA, über das Statement von TUM-Präsident Hofmann zur Elektroauto-Studie
So wird von verschiedenen Seiten kritisiert, dass das Statement zur bestellten Studie erstaunliche Informationslücken aufweise. TUM-Präsident Hofmann fordert da, dass bei der EU-weiten CO₂-Bewertung Elektroautos nicht mehr allein danach beurteilt werden sollten, dass sie kein Abgas ausstoßen – die sogenannte Auspuffmessung. Vielmehr solle das System komplett auf eine Lebenszyklusanalyse umgestellt werden. Doch diese Forderung nennt der Energieökonom Edgar Hertwich »grob falschinformiert« (»seriously misinformed«).
Tatsächlich würde die EU-Klimapolitik die anderen CO₂-Faktoren von Elektroautos an anderen Stellen längst berücksichtigen, erläutert Hertwich, leitender Forscher im Programm Energie, Klima und Umwelt des Internationalen Instituts für angewandte Systemanalyse in Luxemburg (IIASA) in einem eigenen LinkedIn-Beitrag. Diese Politikinstrumente liegen demnach allerdings in anderen Feldern, etwa der Energiepolitik, nicht in der Regulierung speziell für Autos, um die es bei den Verhandlungen im Herbst geht.
Hertwich fordert daher von Hofmann mit Blick auf sein Statement: »Er sollte es zurückziehen.«
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