Ein ganz und gar erhellender Artikel!
FAZ hier
Wachstum und Vielfalt in einer endlichen Welt: Wie sich mit dem
mathematischen Blick auf die bestehenden Probleme die Klimakrise lösen
ließe. Ein Gastbeitrag von ANDERS LEVERMANN
Wir
befinden uns am Ende eines Zeitalters, des Zeitalters der Expansion –
und brauchen ein neues Narrativ für den nächsten Schritt. Die
Begrenztheit unserer Erde kollidiert mit der Realität und Notwendigkeit
rasanter gesellschaftlicher Entwicklung. Wenn man akzeptiert, dass
beides harte Realitäten sind, dann stehen wir vor einem wirklichen
Dilemma von Begrenztheit und Dynamik. Der verzweifelte, wenn auch
verständliche Ruf nach Verzicht und Rückbesinnung ist hilflos und wenig
zielführend, denn er löst das Dilemma nicht auf. Das mathematische
Prinzip der Faltung könnte diese Lösung liefern, denn es erlaubt
unendliche Bewegung in einer endlichen Welt durch Wachstum in die
Vielfalt. Nicht Wachstum ins Mehr, sondern Wachstum in die Diversität.
Und zwar nicht theoretisch, sondern sehr praktisch.
Viele haben mittlerweile
begriffen, dass ungebremster Ressourcenverbrauch und die damit
produzierten Schadstoffe wie Kohlendioxid und Mikroplastik unsere Erde
an den Rand der Bewohnbarkeit treiben werden. Es ist evident, dass der
Klimawandel gestoppt werden muss und dass das nur der Anfang der Lösung
unseres Nachhaltigkeitsproblems ist. Wir leben auf einem endlichen
Planeten mit endlichen Ressourcen. Das ist den meisten klar, und nicht
nur Fridays for Future, sondern die große Mehrheit der Bevölkerung
fordert Lösungen.
Absolut essenziell ist aber, dass die
Lösung einer wichtigen Nebenbedingung verpflichtet sein muss: Wir müssen
uns weiterentwickeln und müssen gesellschaftliche Errungenschaften, wie
Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Gleichberechtigung und Verringerung
von Armut, die in den letzten Jahrhunderten erkämpft wurden, erhalten
und weiter verbessern.
Nachhaltigkeit muss Fortschritt sein, nicht
Rückschritt, wenn sie den Menschen dienen soll.
Das Argument, dass es
neben der Begrenzung des Klimawandels auch andere gesellschaftliche
Notwendigkeiten gibt, ist ebenso richtig wie trivial. Es wurde von
Bremsern über Jahrzehnte hin verwendet und ist deshalb von Unredlichkeit
beschmutzt. Aber es hat einen Kern, der genauso wahrhaftig ist wie die
Bedrohung durch das Kohlendioxid: Unsere Gesellschaft muss sich stetig
entwickeln können.
Einerseits weil wir noch lange nicht alles erreicht haben, was notwendig
ist. Es gibt weiterhin Not und enorme Ungerechtigkeit auf der Welt, und
das Nachhaltigkeitsproblem selbst erzwingt immer neue Innovationen auch
jenseits des Klimas. Tatsächlich ist der Grund aber wesentlich tiefer,
denn Gesellschaft muss sich bewegen können, um stabil zu sein. Bewegung
und Stabilität sind kein Gegensatz, sondern bedingen einander......
Die Herausforderung, unendliches Wachstum
im endlichen Raum zu ermöglichen ist der Kern der mathematischen
Chaosforschung und wurde in der Physik bereits vor dreißig Jahren
intensiv untersucht. ...
.....Die Existenz
von Grenzen ist hierbei nur eine notwendige Voraussetzung für die
Faltung. Die Faltung entsteht dadurch, dass das System sich entwickelt
und zu jedem Zeitpunkt voranschreitet. Im endlichen Raum ist das dadurch
möglich, dass sich die Richtung der Entwicklung stetig ändert. Das
Wertesystem ändert sich. Zum Beispiel ist es der neuen Generation nicht
mehr wichtig, das größte Auto zu haben, sondern möglichst schnell und
bequem von einem Ort zum anderen zu kommen. Diese Anpassung von Werten
erlaubt eine stetige „Verbesserung“ der Gesellschaft im Rahmen des
derzeitigen Wertesystems.......Jede Generation emanzipiert sich von der vorherigen
dadurch, dass sie ihre Kultur erneuert.
Das Wachstum in die Vielfalt ist ein sehr
hartes Prinzip. Es stabilisiert das Internet und die Ökosysteme.
Biodiversität ist ein Grundpfeiler der natürlichen Anpassungsfähigkeit
der Ökosysteme gegenüber Veränderungen. Das Internet wurde erschaffen,
um möglichst stabile Kommunikationsverbindungen zwischen zwei Punkten zu
erschaffen. Durch die Vielfalt der Verbindungen ist es wesentlich
stabiler als eine Einzelverbindung, sei sie auch noch so gut gesichert.
Und auch in der Wirtschaft ist die Vielfalt die allgegenwärtige Lösung:
Es werden ständig neue Dinge erschaffen, um die Nachfrage hoch und die
Wirtschaft in Bewegung zu halten. Es ist also ein wahrhaft
allgegenwärtiges Prinzip. Es entfaltet Wettbewerb und Innovationsgeist.
.... Wir müssen auch in der Zukunft Marktwirtschaft erlauben
und mit ihr die gesamte Palette der Errungenschaften einer freiheitlich
demokratischen Gesellschaft. Was verhindert werden muss, ist das
Wachstum in die faktische Unendlichkeit, das Sprengen unserer planetaren
Grenzen, das Erschöpfen unserer globalen Gemeinschaftsgüter. Schon
heute setzen wir unserem Handeln Grenzen, dort wo wir sie für ethisch
notwendig halten: etwa bei Sklaverei, bei Kinderarbeit, bei dem Handel
mit radioaktivem Material.
Der Europäische Emissionshandel ist solch eine Grenze. Er begrenzt den
Ausstoß von Treibhausgasen. Und auch er wird eine Faltung induzieren,
solange er konsequent von der Politik durchgehalten wird; und solange
die Wirtschaft, die in diesem Fall das dynamische System darstellt, fest
davon ausgehen kann, dass diese gesetzten Grenzen auch Grenzen bleiben.
Denn dann werden die Grenzen Teil des dynamischen Systems, und es kann
mit ihnen arbeiten. Sie in ihre Strategien einbauen. Erfinderisch
werden.
Lange hat sich die Weltwirtschaft
quasisynchron mit dem Ölpreis entwickelt, und damit bedeutete
wirtschaftliches Wachstum auch Kohlendioxidausstoß. Wir können heute
Wachstum und Emissionen entkoppeln. Mit dem Vertrauen der Wirtschaft da
hinein, dass die Politik die faktische Endlichkeit des Systems
Atmosphäre und damit die Notwendigkeit für Nullemissionen bis 2050
durchsetzt, wird eine Knappheit generiert, die zu Innovation führt, wenn
man sie lässt. Das ist das Prinzip der Faltung.
Wenn
die Erwärmungsgrenze unseres Planeten Teil des Wirtschaftssystems wird,
wie seit Jahrzehnten von Ökonomen wie Ottmar Edenhofer und anderen
gefordert, dann führt sie zu mehr Wettbewerb und Innovation, nicht
trotz, sondern gerade wegen der gesetzten Grenzen. Ein dynamisches
System, das sich unbegrenzt frei entfalten kann, kann in der Mathematik
keine Vielfalt entwickeln. Es stirbt, oder es explodiert. Nur die
Endlichkeit kreiert die Vielfalt. Oder etwas flapsig in der Sprache der
Ökonomie: Knappheiten machen kreativ.
Ein
Plastikverbot generiert alternative Verpackungen und alternative Wege
des Konsums. Das Entscheidende ist, dass der Weg nicht vorgegeben wird,
sondern nur die Grenzen gesetzt werden, die das System nicht
überschreiten darf. Das ist das Gegenteil von Planwirtschaft.
Grenzen generieren Wachstum
Warum aber kann das Prinzip der Faltung
tatsächlich mehr sein als nur eine mathematische Beschreibung
existierender Ideen? Es wird dann interessant, wenn wir es als Prinzip
neben die anderen gesellschaftlichen Grundprinzipien stellen. Wenn wir
die Endlichkeit unserer Ressourcen und anderer begrenzter Dinge als
Grundprinzip akzeptieren. Dann kann das Prinzip der Faltung die Antwort
auf eine Reihe großer Probleme sein. Das eine ist das Problem der
Nachhaltigkeit. Ein anderes ist die Explosion der Einkommens- und
Reichtumsunterschiede zwischen Ländern und Individuen. Und wieder ein
anderes ist die Monopolisierung unserer Wirtschaft, insbesondere unserer
digitalen Wirtschaft. Eine kleine Gruppe von Konzernen hat sich durch
unbegrenztes Wachstum aus dem Wettbewerb verabschiedet. Gleichzeitig
gefährden sie, um es gelinde auszudrücken, durch ihre Größe das Primat
der Politik über die Wirtschaft und beeinflussen unsere Weltwahrnehmung
in einem nicht kontrollierbaren Maße.Das liegt unter anderem an ihrer Größe.
.......
Neben der nationalen Beschränktheit der Kartellbehörden
ist ein grundsätzlicher Fehler, dass es eine Einzelfallentscheidung
bleibt. Es ist nicht wirklich Teil der Systemdynamik, sondern ein
Instrument, das von der Idee her eigentlich eher in eine Plan- als in
eine Marktwirtschaft passt. Das würde sich fundamental ändern, wenn das
Faltungsprinzip eingeführt würde, zum Beispiel durch die fiskale
Einführung einer faktischen Firmenobergrenze. Ebenso, wie im Pariser
Klimaabkommen 195 Staaten beschlossen haben, eine Obergrenze für die
Erderwärmung einzuführen, so kann sich eine Gesellschaft dazu
entschließen, dass ein Konzern nicht mächtiger sein darf als der Staat,
in dem er operiert, um die politische Macht im Staat bei der Bevölkerung
zu halten. Das würde fast alle Firmen nicht direkt oder nur marginal
betreffen.
Entscheidend für die Faltung ist, dass es
keine Einzelfallentscheidung von Kartellbehörden ist, sondern Teil der
Wirtschaftsdynamik. Die genaue Umsetzung ist eine wichtige Detailfrage,
entscheidend aber ist, dass eine faktische Obergrenze für
Unternehmensgewinne eingeführt wird, die allerdings für fast alle Firmen
keine Steuererhöhung bedeuten würde, sondern in weiten Teilen sogar
eine Steuerersparnis. Es geht explizit nicht darum, mehr Steuern für den
Staat zu generieren......
Die genaue
Umsetzung des Prinzips der Faltung ist natürlich zu diskutieren.
Entscheidend ist die Verlässlichkeit der Grenzen und die Einfachheit und
Transparenz der Regel, damit sie von der Gesellschaft getragen werden
kann. Wir brauchen einen fundamental neuen Zusatz zu unserem derzeitigen
Gesellschaftssystem, um ein Zerreißen unserer Gesellschaften und der
Erde, auf der wir leben, zu verhindern. Einen Zusatz, der unsere
Freiheit nicht ungebührend einschränkt, und einen, der ohne händische
Regelung wie in der Planwirtschaft auskommt. Aber auch einen, der unsere
Gesellschaften zusammenhält und die Endlichkeit unseres Planeten
akzeptiert.
Ebenso wie die
Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz und bei der Wahl müssen wir die
Endlichkeit unserer Erde und anderer Aspekte unseres Seins akzeptieren
und mit unserem Grundbedürfnis nach Entwicklung vereinen. Wie heißt es
in Shakespeares „Hamlet“: „Ich könnte eingesperrt sein in einer
Nussschale und mich doch wie der König unendlicher Weiten fühlen.“
Der Autor ist Physiker und Klimawissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.
