Klimareporter hier von Joachim Wille 13.9.26
Und sie erwärmt sich doch
In den USA ist ein wissenschaftlicher Leitfaden zum Klimawandel für Richter nach politischem Druck aus einem Standardwerk gestrichen worden. Hintergrund sind offenbar Klagen gegen Öl- und Gaskonzerne.
"Und sie erwärmt sich doch." Mit dieser Anspielung auf den Galileo Galilei zugeschriebenen Satz "Und sie bewegt sich doch" übertitelt der US-Bundesrichter Jed Rakoff einen bemerkenswerten Beitrag in der Zeitschrift New York Review of Books: "And Yet It Warms."
Rakoff beschreibt darin einen Vorgang, der zeigt, wie weit der politische Kampf um die Klimawissenschaft in den USA inzwischen reicht – bis in die Gerichtssäle.
Es geht um das "Reference Manual on Scientific Evidence", ein Standardwerk für US-Richter zum Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Das Federal Judicial Center (FJC), die Forschungs- und Fortbildungseinrichtung der US-Bundesjustiz, gibt den Leitfaden seit 1994 heraus.
Er soll Richtern helfen, wissenschaftliche Gutachten etwa aus Epidemiologie, Toxikologie oder Neurowissenschaften zu beurteilen. Nach Angaben von Autoren der jüngsten Ausgabe wurde das Werk von Gerichten bisher mehr als 1.300-mal zitiert.
Ende 2025 erschien die vierte Auflage. Erstmals enthielt sie ein fast 100 Seiten starkes Kapitel zur Klimawissenschaft. Geschrieben hatten es die Juristin und Klimaexpertin Jessica Wentz sowie der Klimaforscher Radley Horton, beide von der Columbia University. Sie erläutern Grundlagen des Treibhauseffekts, Klimamodelle und Methoden, mit denen Wissenschaftler den menschlichen Einfluss auf die Erwärmung und Extremwetter ermitteln.
Attributionsforschung spielt in Verfahren gegen Ölmultis eine Rolle
Es geht auch um eine für Gerichtsverfahren wichtige Frage: Inwieweit lassen sich Emissionen und Klimafolgen bestimmten Verursachern zurechnen? Unter anderem damit befasst sich die sogenannte Attributionsforschung.
Das ist in den USA politisch brisant. So führen einige Bundesstaaten und Städte Verfahren gegen Öl- und Gaskonzerne, denen sie unter anderem vorwerfen, über die Klimawirkung ihrer Produkte getäuscht zu haben. Erkenntnisse der Attributionsforschung können bei der Frage nach Ursache und Verantwortung für Schäden eine Rolle spielen.
Kaum war das Handbuch veröffentlicht, geriet das Klimakapitel ins Visier republikanischer Politiker. Ende Januar forderten 27 republikanische Generalstaatsanwälte unter Führung von West Virginias Attorney General John McCuskey das Federal Judicial Center auf, den Text zurückzuziehen.
Die Autoren seien voreingenommen, argumentierten sie. Der Leitfaden könne Richter zugunsten der Kläger in Klimaverfahren beeinflussen und damit auch Prozesse gegen fossile Energieunternehmen.
Acht Tage später war das Kapitel verschwunden. Am 6. Februar strich das FJC den "Reference Guide on Climate Science" aus seiner Fassung.
"Falsche Wissenschaft über das Klima"
Rakoff kennt das Entstehungsverfahren aus nächster Nähe. Der erfahrene Bundesrichter in New York war als sogenannter Monitor an der Qualitätskontrolle des Handbuchs beteiligt. In seinem Beitrag schildert er den Begutachtungsprozess für das dann gekippte Klimakapitel.
Fünf unabhängige Fachleute prüften es. Sie sollten unter anderem darauf achten, ob Unsicherheiten von Klimamodellen angemessen dargestellt wurden. Die Autoren mussten auf Kritik reagieren und den Text überarbeiten. Am Ende wurde das Kapitel von dem zuständigen Ausschuss einstimmig gebilligt.
Entsprechend groß war der Protest gegen die Streichung. 28 Mitautoren des Gesamtwerks kritisierten, der Eingriff sei aufgrund politischer Interessen erfolgt.
Auch wissenschaftliche Fachgesellschaften, darunter die American Meteorological Society, verlangten, den Text wieder in den Leitfaden aufzunehmen. Das Kapitel stelle den aktuellen wissenschaftlichen Sachstand dar. Im Juni forderte zudem eine Allianz aus 23 demokratisch geführten Bundesstaaten sowie mehreren Großstädten das FJC auf, seine Entscheidung rückgängig zu machen.
Doch der politische Druck nahm weiter zu. Im Juli schaltete sich Präsident Donald Trump persönlich ein. Bundesrichter verdienten "Fakten und Wissenschaft, nicht politischen Betrug und falsche Wissenschaft über das Klima", schrieb er auf seiner Plattform Truth Social und verlangte eine Überprüfung des Handbuchs.
Anfang August zog dann auch die renommierte National Academy of Sciences (NAS), die das Handbuch gemeinsam mit dem FJC erarbeitet hatte, das Klimakapitel vorläufig von ihrer Internetseite zurück. Sie kündigte eine unabhängige Überprüfung an.
Bemerkenswert ist die Einschränkung der Akademie: Dabei gehe es ausdrücklich nicht um die Klimawissenschaft selbst, sondern um das Verfahren bei der Erstellung des Kapitels und den Umgang mit möglichen Interessenkonflikten. Selbst wenn der Text hier wieder veröffentlicht werden sollte – aus dem Leitfaden, der Richtern helfen sollte, diese Forschung zu verstehen, ist er verschwunden.
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