Bruno Burger hier
Deutschlands Strom-Importe gehen massiv zurück
Bruno Burger: „Ob wir Strom importieren oder exportieren, bestimmen die Börsenstrompreise in Deutschland und unseren Nachbarländern.“
Focus hier Frank Gerstenberg 10.09.2026,
Und plötzlich importiert Deutschland drastisch weniger Strom
Überraschende Wende: In den letzten Jahren wurde Deutschland vom Stromexporteur zum -importeur. Doch 2026 ging das sogenannte „Importsaldo“ fast gegen null zurück. Woran liegt das?
Erneuerbare Energien tragen laut neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) den größten Teil zur deutschen Stromversorgung bei. Ihr Anteil bei der Netzeinspeisung lag im ersten Halbjahr 2026 bei 59,1 Prozent.
Das hatte für die Stromkunden eine wichtige Bedeutung, sagt der Energiewende-Fachmann Bruno Burger vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg zu FOCUS online Earth. Denn der Strommarkt kam im ersten Halbjahr 2026 in eine schwierige Lage: „Durch den Irankrieg ist der Preis für Gas gestiegen und damit auch die Gebote von Gaskraftwerken an der Strombörse.“
Wegen der niedrigen Pegelstände vor allem im Rhein und in der Donau ging die Stromerzeugung aus Wasserkraft und Kernkraft europaweit zurück. Weniger Strom bedeutet teurerer Strom.
Gleichzeitig verbrauchten die Menschen sowohl in Deutschland (+1,8 Prozent) und in der EU (+1,9 Prozent) mehr Strom, was den Preis nochmal nach oben trieb. „Den erneuerbaren Energien ist es zu verdanken, dass die Börsenstrompreise trotz dieser schwierigen Umstände nicht gestiegen sind“, sagt Burger, der am Fraunhofer ISE mit den sogenannten „Energy Charts“ eine der umfassendsten Energie-Datenplattformen in Europa geschaffen hat.
Hoher Strompreis Freude für fossile Energien
Eine Zahl fällt bei den neuen Daten des Statistischen Bundesamtes (Destatis) besonders ins Auge: Deutschland hat deutlich weniger Strom importiert. „Unter dem Strich wurden nur noch 0,6 Milliarden Kilowattstunden (kWh) mehr Strom aus dem Ausland importiert als dorthin exportiert“, schreibt Destatis. Vor einem Jahr hatte der Importüberschuss noch 8,3 Milliarden kWh betragen.
Das ist eine positive Entwicklung, erklärt Burger, fügt aber einschränkend hinzu: „Hohe Börsenstrompreise sind immer ein Anreiz für mehr Eigenerzeugung aus fossilen Quellen und weniger Importe.“ Das bedeutet: Je höher die Börsenstrompreise, desto eher rentiert sich die teure fossile Eigenerzeugung. Strom wird dann auch vermehrt ins Ausland exportiert, so wie im Januar und Februar des Jahres.
Sind die Börsenstrompreise niedrig, lohnt es sich hingegen nicht, die fossilen Kraftwerke anzuwerfen – stattdessen wird mehr Atom-, Wind- und Wasserstrom aus dem Ausland importiert, die teuren deutschen fossilen Kraftwerke werden aus dem Markt gedrängt. „Noch haben wir genügend Kraftwerke, um unseren Strom selbst zu erzeugen“, sagt Burger. „Ob wir importieren oder exportieren, bestimmen die Börsenstrompreise in Deutschland und unseren Nachbarländern.“
„Die Stromquelle der Zukunft“
An der Strombörse entscheidet die sogenannte Merit-Order, welche Kraftwerke zum Einsatz kommen. Wind- und Solaranlagen haben keine Brennstoffkosten und werden deshalb grundsätzlich zuerst eingesetzt.
Das wirkt sich auch auf die Strompreise an der Börse aus. Wenn genügend erneuerbare Energien im Netz sind, senken sie den Börsenstrompreis. „Man sollte deshalb nicht von gestiegenen Energiepreisen schreiben, sondern von gestiegenen Preisen für fossile Energien und fast konstanten Preisen für Strom“, sagt Burger.
Für den Energiewende-Experten steht fest: „Die erneuerbaren Energien sind die Stromquelle der Zukunft. Die ganze Welt setzt mittlerweile auf erneuerbare Energien. Sie sind günstig und aufgrund ihrer Modularität von kleinen bis großen Leistungen einsetzbar.“
Solar sei dabei die Stromquelle für den Sommer und tagsüber, Wind sei im Winter und in der Nacht entscheidend. Und wenn die Sonne nicht scheint und Flaute herrscht? „Mit Pumpspeichern und Batterien können wir die Schwankungen der erneuerbaren Erzeugung und des Verbrauchs im Bereich von mehreren Stunden ausgleichen“, so Burger.
Windkraft liegt vorn
Tatsächlich haben die neuen Erneuerbaren Energien Solar und Wind die Fossilen Energien wie Öl, Kohle und Gas in ihrer Bedeutung abgelöst. Vorne liegt die Windkraft: Sie lieferte dabei an Land und auf See zusammen 29,4 Prozent der ins Netz eingespeisten Strommenge. Damit stieg ihr Anteil innerhalb eines Jahres um 2,1 Prozentpunkte, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, dass in den ersten sechs Monaten 2025 oft Flaute herrschte.
Auch Solarstrom legte zu: Die Photovoltaik lieferte 3,5 Prozent mehr Strom als im ersten Halbjahr 2025 und kam bei der Netzeinspeisung auf einen Anteil von 17,8 Prozent. Und das, obwohl die sogenannte Globalstrahlung, von der die Solarstromproduktion abhängt, im ersten Halbjahr 2026 sogar 1,8 Prozent unter dem Wert des Vorjahres gefallen ist, sagt Burger. Der starke Ausbau der Solaranlagen kompensierte den Effekt jedoch. Auch der Eigenverbrauch von Solarstrom spiele eine wichtige Rolle, der bei rund vier Prozent liegt und in den Daten von Destatis nicht berücksichtigt wird.
Der zweitwichtigste Energieträger nach der Windenergie bleibt gleichwohl die Kohle: Auch wenn ihr Anteil am Strommix laut Destatis um 0,5 Prozent gesunken ist, trug die Kohle im ersten Halbjahr 2026 immer noch mit 21,4 Prozent zum Strommix bei. Erdgas kam auf 16,5 Prozent; die Stromproduktion aus Gaskraftwerken stieg dabei um 6,4 Prozent.
Die „alten“ erneuerbaren Energien lieferten hingegen weniger Strom. Die Wasserkraftproduktion sank um 3,7 Prozent, auch mit Biomasse wurde weniger Strom erzeugt als im ersten Halbjahr 2025.
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