Wenn es noch so sehr nach abgedroschener Ratgeberliteratur
klingt: In jeder Krise steckt eine Chance, dass sich die Dinge, nachdem
sie erst mal noch schlimmer werden, zum Guten wenden. Im Kampf gegen die
vom Menschen verursachte Erderwärmung, über die es jetzt wieder beim
Petersberger Klimadialog geht, bedarf es aber schon gewaltiger
Zuversicht, um diese Möglichkeit zu erkennen.
Das Treffen von
Regierungsvertretern aus 40 Ländern dient der Vorbereitung großer
Klimaschutzabkommen. Doch die Aussichten, wegweisende, breit getragene
Beschlüsse anzustoßen, erscheinen in diesem Jahr so schlecht wie nie.
Während neue Hitzewellen bevorstehen, in Südeuropa und Brandenburg
Wälder brennen, blicken die Deutschen bang auf den kommenden kalten
Winter. Denn das russische Gas, das ihre Wohnungen wärmt, droht knapp zu
werden. Der fürchterliche russische Angriffskrieg auf die Ukraine und
seine weltweiten Auswirkungen binden alle Aufmerksamkeit, wie könnte es
auch anders sein.
Dennoch ist es wichtig, jetzt über die Zukunft
des Planeten zu sprechen. Deutschland kann das nicht länger mit der
Arroganz des Lehrmeisters tun, der ärmeren Staaten verkündet, wo es
langgeht. Mit einer solchen Haltung wurde das Gesprächsformat 2010
gegründet, zu einer Zeit, als die Bundesrepublik als
Klimaschutz-Vorreiterin und ihre Regierungschefin Angela Merkel als
Klimakanzlerin galten. Dabei sah die Realität schon damals ganz anders
aus.
Unbestreitbare Erfolge beim Ausbau der erneuerbaren Energien
sind nur der eine, grüne Teil der Geschichte. Der andere ist schmutzig
und von Heuchelei geprägt. Im Klima-Eifer hat Deutschland seine
Versorgungssicherheit sträflich vernachlässigt und wurde immer noch
süchtiger nach billigem Gas aus Russland, das weder ethisch noch
klimatechnisch gesehen sauber ist. Auch jetzt, wo der Gasfluss aus dem
Osten zum Erliegen zu kommen droht, dominiert eine Politik nach dem
Motto: nicht in meinem Hinterhof.
Das umweltgefährdende
„Fracking“ von Erdgas wird im eigenen Land vehement abgelehnt,
Fracking-Gas aus den USA künftig aber vermehrt eingeführt. Deutschland
ist stolz auf seinen Kohleausstieg und muss die Braunkohlekraftwerke nun
mangels Alternativen noch stärker anfeuern. Steinkohle wird nicht mehr
selbst gefördert, aber munter weiter importiert. Atomkraftwerke werden
mit hohem moralischen Gestus abgeschaltet, Atomstrom aus Tschechien oder
Frankreich bezogen. Nun droht Wärme-Not.
Wie gerne hat sich
Deutschland als Beweis gefeiert, dass der klimafreundliche Umbau einer
Industrienation gelingen kann. Jetzt geht es für die Bundesregierung bis
auf Weiteres vorrangig darum, die Folgen der selbst verschuldeten
Gas-Abhängigkeit irgendwie zu begrenzen. Was nicht ohne Abstriche beim
Klimaschutz geht. Andernfalls wird die wirtschaftliche Basis zerstört,
ohne die weder die eigene Energiewende noch die Unterstützung ärmerer
Nationen bei der Bekämpfung des Klimawandels und der Bewältigung seiner
Folgen möglich sind.
Beim Petersberger Klimadialog gilt es, die Weichen
dafür zu stellen, dass der Zeit der schmerzhaften, für die
Versorgungssicherheit nötigen Kompromisse bald umso konsequentere
Anstrengungen im Kampf gegen die Erderwärmung folgen. So groß diese
Krise ist, muss in ihr doch auch eine enorme Chance stecken.
politik@suedkurier.de
Der Deutschlandfunk hier zum „Petersberger Klimadialog“ am 19.07.2022
Baerbock: „Klimakrise wirkt wie ein Brandbeschleuniger“