Montag, 14. September 2026

Eine in Personal gegossene Realitätsverweigerung verhindert gute Klimapolitik


Gute Klimapolitik zu machen erfordert Führung und Vernunft.

 Man muss nur aufhören, zu tun, als wäre nichts, dann wird sinnvolle Regulierung plötzlich ganz einfach. 

Vielleicht hat Friedrich Merz das ja jetzt doch verstanden? (Bin nicht optimistisch, habe aber Vorschläge) 

Spiegel hier Eine Kolumne von Christian Stöcker  23.08.2026

Dass die Erhitzung des Planeten teuer und tödlich ist, sollte mittlerweile wirklich jedem vernünftigen Menschen klar sein. Und wenn man die Realität akzeptiert, fällt sinnvolle politische Regulierung plötzlich leicht.

Raten Sie mal, aus welchem Text und welchem Jahr diese Prognosen für Europa stammen:

  • erhöhtes Risiko für Sturzfluten im Landesinneren,
  • häufigere Überschwemmungen  an den Küsten,
  • verstärkte Erosion,
  • Gletscherschwund,
  • Verringerung der Schneedecke und des Wintertourismus,
  • erheblicher Artenverlust,
  • hohe Temperaturen und Dürre ,
  • reduzierte Wasserverfügbarkeit, reduziertes Wasserkraftpotenzial, reduzierter Sommertourismus,
  • reduzierte Ernteerträge,
  • wachsende Gesundheitsrisiken aufgrund von Hitzewellen ,
  • Erhöhte Häufigkeit von Waldbränden .

keit und Desinformation. Vorher leitete er das Ressort Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE.

Die richtige Antwort lautet: Diese Passage über die Auswirkungen der Erderhitzung in Europa stammt aus einem Bericht des Weltklimarats IPCC von 2007 , er ist rund 19 Jahre alt. Heute werden diese Projektionen nicht nur Wirklichkeit, sie werden übertroffen. 

Wassermangel und Dürren etwa gab es im Jahr 2026 in weiten Teilen des Kontinents, nicht nur im Süden, wie der IPCC projizierte. Die Klimaforschung war und ist eben keineswegs »alarmistisch«, wie Kritikerinnen und Kritiker ihr gern vorwerfen – der IPCC ist eher übervorsichtig gewesen. Vieles geschieht schneller und schlimmer als erwartet.

Zum Autor 

Christian Stöcker, Jahrgang 1973, ist Kognitions­psychologe und Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Dort verantwortet er den Studiengang Digitale Kommunikation und mehrere Forschungsprojekte über digitale Öffentlich

Man hätte das wissen, sich darauf einstellen, entschlossener dagegen handeln können. Das ist bekanntlich und offenkundig nicht passiert.

Warum? Weil überall auf der Welt selbst jene Parteien, die den menschengemachten Klimawandel nicht leugnen, Politik für eine Welt angeboten haben, die längst nicht mehr existiert. Wir haben das stabile Holozän hinter uns gelassen, wir haben es zerstört. 

Laut davor gewarnt haben hierzulande stets vor allem die Grünen. Das hat zu der grotesken Situation geführt, dass ausgerechnet die selbst ernannten Vernunftparteien aus dem »bürgerlichen« Spektrum sinnvolle Klimapolitik und auch Klimaanpassung aus wahltaktischen Gründen bekämpft haben. Sie schreckten dabei auch vor offenkundiger Desinformation nicht zurück, insbesondere zu den Themen Heizen und Mobilität. Dabei gibt es gigantische Mehrheiten für mehr Klimaschutz. Selbst Stammwählerinnen und -wähler der Union wollen mehr .

Das umzusetzen aber erfordert Führung und Vernunft. Dann aber wird plötzlich alles ganz einfach. Man muss nur aufhören, zu tun, als wäre nichts.

Der Bundeskanzler und Teile der Regierung führen auch in diesem Katastrophensommer noch das Gegenteil vor: Tausende Hitzetote, katastrophale Brände, verheerende Dürre, Niedrigwasser im Rhein, gigantische wirtschaftliche Schäden, erschöpfte Menschen – und der Kanzler macht vier Wochen Urlaub .

In Personal gegossene Realitätsverweigerung

Die Union versucht jetzt seit etwa 20 Jahren, das Thema Klimakrise durch Aussitzen zu lösen. Das funktioniert bei einem immer weiter eskalierenden physikalischen Vorgang aber nicht. 

Die in dieser Hinsicht schlimmste Gruppierung ist die sogenannte Mittelstandsunion, die noch in diesem Mai einen »Abschied vom Dekarbonisierungsfetisch« (und viel anderen Unsinn) forderte. Die Vorsitzende dieser Gruppierung war bis vor Kurzem Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium. Das sagt alles, was man über die in Personal gegossene Realitätsverweigerung der Kanzlerpartei derzeit wissen muss. Dabei gäbe es in der Union mit Leuten wie Daniel Günther oder Hendrik Wüst durchaus Leute, die die Realität akzeptieren. Solche Leute braucht dieses Land, braucht die Union jetzt dringend.

Hier ein paar Grundsätze für eine Regulierung in einer Welt mit real existierender Klimakrise, auf die sich eigentlich alle Bundestagsparteien außer der Klimawandelleugnerpartei AfD einigen können sollten:

  • Energieeffizienz geht vor.
    Wenn man einen Prozess technisch energieeffizienter gestalten kann, erzeugt er in jedem Fall weniger CO₂. Mehr noch: Effizientere Technologie ist in einer Welt, in der längst große globale Mehrheiten  die Klimakrise als bedrohliches Faktum anerkennen, auch wirtschaftlich zwangsläufig zukunftsfähiger.

    Die Phrase »Technologieoffenheit« ist heute ein lächerliches Feigenblatt, das diese physikalisch unverrückbare Tatsache verdecken soll. Das lernt gerade die Autoindustrie, deren Verbrenner im Export nach China nun Ladenhüter sind.
    Effizienter heißt in aller Regel: elektrisch, ohne Verbrennungsprozess.

    Egal ob beim Heizen, beim Fahren oder in einer wachsenden Zahl von Industrieprozessen . Wenn man das akzeptiert, wird richtiges Regulieren plötzlich einfacher: Man fördert Effizienz, fertig. Man sollte es aber anders machen als beim Thema Wärmepumpe, wo die prozentuale deutsche Förderung die Preise hochtreibt . Feste Förderbeträge funktionieren besser.

  • Brandschutz geht vor.
    Land- und Forstwirtschaft müssen, ebenso wie die Ausstattung zur Brandbekämpfung, endlich konsequent auf ein heißer und trockener werdendes Europa eingestellt werden. Das reicht von der Wahl der Pflanzen bis zum Wald- und Wassermanagement. Dazu braucht es dringend auch mehr europäische Kooperation, etwa beim Thema Löschflugzeuge. Das ist kein Hexenwerk, es erfordert aber, dass man sich der Lage endlich stellt.

  • Hochwasser- und Überschwemmungsschutz gehen vor.
    Ich lege mich an dieser Stelle fest: Wir werden in Europa noch in diesem Jahr Extremregenereignisse und wasserbedingte Katastrophen erleben, die erneut Negativrekorde markieren und gewaltige Summen kosten.

    Warmes Wasser verdunstet schneller (und die Ozeane sind so heiß wie nie zuvor in einem August seit Beginn der Messungen ), warme Luft nimmt mehr Wasser auf, der Zusammenhang ist exponentiell. Das muss Konsequenzen haben für Städtebau, Flusslandschaften, Sickerflächen und so weiter. Wenn man Moore renaturiert, gewinnt man damit sogar doppelt: Sie stoßen, auch wenn es bis zu diesem Punkt lange dauert, kein CO₂ mehr aus.

  • Hitzeanpassung geht vor.
    Selbstverständlich benötigen deutsche Kliniken, Alten- und Pflegeheime und so weiter Klimaanlagen, und selbstverständlich muss das auch in Privathaushalten möglich bleiben. Es wird weiterhin heißer, und das wird noch viele Jahre so weitergehen.

    Wir haben kein »neues Normal«, wir erleben gerade die kühlsten Jahre des restlichen Jahrhunderts.
    Ein höherer Stromverbrauch muss aber ja keinen höheren CO₂-Ausstoß zur Folge haben – man muss den Strom eben erneuerbar erzeugen. Deshalb ist der Wunsch von Wirtschaftsministerin Reiche, die Stromverbrauchsprognosen für Deutschland nach unten zu rechnen, so widersinnig. Und deshalb sind ihre kaum verhohlenen Versuche, den Ausbau von erneuerbaren Energien und Speichern zu bremsen, so schädlich – auch ökonomisch!

  • Sinnvolles Wassermanagement geht vor.
    In wenigen Jahrzehnten werden Menschen in Deutschland entsetzt aufstöhnen bei dem Gedanken, dass wir in diesem Land jahrzehntelang unsere Toiletten mit köstlich sauberem Trinkwasser gespült haben, dass wir Industrieunternehmen gigantische Wassermengen mehr oder minder geschenkt und unser Grundwasser mit Dünger verunreinigt haben.

    Wer verstehen will, was uns droht, der lese »Durstiges Land« von der SPIEGEL-Redakteurin Susanne Götze und ihrer Kollegin Annika Joeres. Das Schlimme ist: Im Moment trocknet Deutschland noch schneller aus als im Buch angenommen.

  • Die Profiteure der Katastrophe dürfen nicht mehr ungeschoren davonkommen.
    Für die Ölkonzerne ist dieses Katastrophenjahr keine Katastrophe, im Gegenteil: Sie verdienen derzeit prächtig . Parallel versuchen sie, mit Donald Trump als Handlanger, den Ausbau sauberer Energie und das Wachstum der Elektromobilität zu sabotieren.

    Europäische Konzerne spielen mit. Würden die Profiteure fossiler Brennstoffe für die gigantischen negativen Externalitäten ihrer Geschäftsmodelle endlich zur Kasse gebeten, stünden auf einen Schlag riesige Summen für Klimaschutz und Klimaanpassung zur Verfügung.

    Im Moment ist jede weitere durch die Erhitzung verschärfte oder verursachte Extremwetterkatastrophe ein Geldgeschenk an Exxon, Chevron und Co., aber auch an europäische Konzerne wie TotalEnergies. Den europäischen Emissionshandel (ETS) aufzuweichen, wie das auch in Teilen der deutschen Industrie und der Union populär ist, wäre deshalb ein katastrophaler Schritt in die falsche Richtung .

Dass all das Obige in Deutschland auch bei Parteien, die die Klimakrise offiziell nicht leugnen, einen schweren Stand hat, ist ein großer Sieg dieser Branchen. Langsam sollte auch dem Letzten klar sein, dass ihre Interessen nicht unsere Interessen sind. Wir brauchen eine Realitätsanpassung, schleunigst. 

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