Posts mit dem Label Kultur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kultur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 15. Mai 2021

Wie wäre es mit einem grenzüberschreitenden, großflächigen Biosphärengebiet?

 Vor kurzem war im Südkurier-Artikel "Wie viel Region steckt im Koalitionsvertrag?" zu lesen:

Spektakulär mutet die folgende Ankündigung an: „Die Bodenseeregion soll sich zu einem CO2-neutralen Kultur-, Natur- und Wirtschaftsstandort weiterentwickeln. Wir wollen dabei klimafreundliche, grenzüberschreitende Verkehrskonzepte rund um den See entwickeln und forcieren. Das Land wird sich weiterhin aktiv im Rahmen der Internationalen Bodenseekonferenz (IBK) in die Gestaltung der Zusammenarbeit in der Grenzregion einbringen.“

So interessant sich das anhört: Man darf sich zurecht fragen, wie solche Ziele mit dem vorgelegten Regionalplan vereinbar sein sollen?
In Stuttgart sprach man kürzlich gar von einer möglichen "Verselbständigung des Verbandes", was man überprüfen werde...Hoffentlich bald! Denn der gesetzlich vorgeschriebene  Bürgerbeteiligungsprozess ist inzwischen  reinste Makulatur.

Was jedoch gesetzt erscheint, ist das "Biosphärengebiet  Oberschwaben – Westliches Allgäu" in noch nicht festgelegten Dimensionen und mit weiterhin ungeklärtem Schutzstatus für den Altdorfer Wald. Trotz dieses nicht unbedeutenden Details: es wäre eine starke Aufwertung unserer Region für den Tourismus, die Landwirtschaft und unsere Kultur, und somit  gesamtgesellschaftlich von hoher Bedeutung.


So kam der Gedanke auf, dass nicht nur der Altdorfer Wald, das Wurzacher Ried, Federsee und Pfrungener Ried....besonders schutzwürdig und  international anerkannt sind, sondern gerade auch unser Bodensee mit  seinen zahlreichen angrenzenden Natzurschutzgebieten:das Eriskircher Ried,  das Rheindelta, der Mindelsee ....

Wie wäre es also mit einem Biosphärengebiet Bodensee - Oberschwaben - Allgäu (BOA)

Es wäre  "grenzenlos - kreativ - vernetzt" und würde sehr gut zu obiger Stategie aus den Koalitionsverhandlungen passen.

 

Es wäre ein grenzüberschreitendes großflächiges Biosphärengebiet und würde sich von Singen über den Bodensee nach Isny und bis zum Altdorfer Wald erstreckenden, mit der  besonderen "Kernzone Bodensee". Europas größter Binnensee und "Trinkwasserspeicher für über 4 Millionen Menschen" mit den an seinem Ufer liegenden, bestehenden Naturschutzgebieten, FFH-/Vogelschutzgebieten könnte in sinnvoller Weise eingebunden und ergänzt werden. 

Eine "Symbiose von Wasser,Land und Kultur",  zwischen oberschwäbischem Moor- und Hügelland sowie Bodensee mit seinen kulturgeprägten Uferlandschaften käme so zustande.




Der Ideengeber dieser Vision Claus Raach schrieb an die Bodenseekonferenz IBK, welche antwortete:

"Die IBK hatte sich 2003/2004 schon einmal mit etwas ähnlichem befasst. Damals wurde eine Initiative für die Bewerbung der Bodenseeregion als UNESCO- Weltkulturlandschaft geprüft. Letztlich ist es damals nicht so weit gekommen, u.a. weil die wirtschaftlichen Implikationen einer solchen Zertifizierung von vielen als nicht positiv eingeschätzt wurden und auch weil der Stellenwert und das Zusammenspiel von Schutz- und Nutzungsinteressen nicht wirklich geklärt werden konnten. Dabei zogen sich die unterschiedlichen Einschätzungen durch alle Teilregionen und waren nicht an den Grenzen festzumachen – was heute auch noch so sein könnte. Sie finden etwas über das damalige Projekt auf unserer Webseite."



Auszüge aus dem Fazit dieser Expertise 

" Ziel der Expertise war es aber explizit nicht, eine gesamthafte Bewertung dieser Zertifizierung vorzunehmen. Diese kann nur vor dem Hintergrund einer (fachlichen) Bewertung des in der Region vorhandenen kulturellen und landschaftlichen Potenzials sowie der grundsätzlichen Entwicklungsvorstellungen für die Bodenseeregion von den verantwortlichen politischen Institutionen der Region vorgenommen werden. Diese gesamthafte Entscheidung setzt eine Berücksichtigung aller relevanten Aspekte voraus, die in einem Prozess gegeneinander abgewogen werden müssen.


Insgesamt gesehen, gehen wir davon aus, dass die Kulturlandschaft für die Bodenseeregion einen wichtigen Standortvorteil darstellt und dieser mitverantwortlich für die positive Entwicklung der Region in der Vergangenheit war. Wir gehen weiterhin davon aus, dass dieser Standortvorteil für die gesamte Entwicklung der Bodenseeregion als hoch attraktiver Wohn-, Tourismus - und Wirtschaftsstandort auch zukünftig von Bedeutung sein wird. Dies setzt voraus, dass auch die anderen 'harten' Standortfaktoren, so entwickelt werden, dass die Region im jeweiligen nationalen Kontext wettbewerbsfähig bleibt. Als eines der zentralen Alleinstellungsmerkmale der Region im Wettbewerb der Standorte muss u. E. die hohe Lebensqualität der Bodenseeregion erhalten und weiterentwickelt werden. Dies gilt insbesondere auch für den Erhalt und die Weiterentwicklung der Kulturlandschaft als einem zentralen Faktor für die Lebensqualität am Bodensee. Hierfür müssen u. E. - völlig unabhängig von einer Zertifizierung als UNESCOWeltkulturlandschaft - die entsprechenden Leitbilder und Strategien entwickelt werden. Damit kann langfristig ein Beitrag für eine erfolgreiche Zukunft des Wirtschaftsraums Bodensee geleistet werden.




Krebs und Lucha verwiesen bei der geplanten Gebietsabgrenzung des Biosphärengebietes auf die vom Bundesamt für Naturschutz erfassten sogenannten „Bedeutsamen Landschaften“ in Deutschland.
Sowohl der Altdorfer Wald (377) als auch das Württembergische Allgäu (378) mit dem Wurzacher Ried sind dort speziell genannt. Ebenso das auf bayerischer Seite unmittelbar anschließende „Westallgäuer Hügelland“ (435) im Kreis Lindau. Laut Bundesamt für Naturschutz sind nämlich alle drei Gebiete „Landschaften mit hoher Bedeutung für das natürliche und kulturelle Erbe“.


Was mir ins Auge springt auf dieser Karte, das ist das was fehlt:
Warum ist die Bodenseelandschaft am  Nordufer nicht als "Landschaft mit hoher Bedeutung für das natürliche und kulturelle Erbe" definiert? Man denke nur z.B. an Meersburg, Salem und Heiligenberg?
Allesamt touristische Highlights am Bodensee mit uralter Kulturlandschaft.
Spielte bei der Definition weniger die Qualität der Landschaft eine Rolle als die politischen Motivation?

BfN: Bedeutsame Landschaften in Deutschland

Mittwoch, 28. April 2021

Kies bringt Kies - von Wolfram Frommlet - Jetzt auch in der TAZ veröffentlicht

Eine wunderschöne Zusammenfassung!

Selbst in Oberschwaben schwindet die Macht der CDU.  Neben den Grünen  hat sich eine außerparlamentarische Opposition gebildet, die der alten Politik gerne aufs Dach steigt.


Es geht da einiges durcheinander in Oberschwaben. Da fällt das Rutenfest
in der Metropole Ravensburg aus, das Schützenfest in Biberach und keiner
weiß, wie es weitergeht mit der „Maß“ in diesem Jahr. Da übernachten
junge Menschen auf Bäumen, und die Ordnung scheint erst
wiederhergestellt, als eine halbe Hundertschaft Reservepolizisten einen
(!) Baumbesetzer und einen (!) Professor der FH Weingarten festnehmen.

https://www.kontextwochenzeitung.de/schaubuehne/511/ohne-baeume-keine-traeume-7243.html
In Rechnung gestellt von der Stadt Ravensburg mit € 4.050,53.

Sie geben nicht auf. In der Nacht zum 6. Februar steigen sie dem
Regionalverband Bodensee-Oberschwaben aufs Dach
und befestigen, ohne den
geringsten Schaden anzurichten, ein Transparent mit der Losung:
„Kiesexport und Asphaltwahn das ist ein Klima-Höllen-Plan“. Dies, so der
Mengener CDU-Bürgermeister Stefan Bubeck vor der Kreistagsfraktion, habe
ihn an den Sturm auf das Capitol erinnert
. An die Gewaltorgien also
rechts-nationalistischer, rassistischer Hooligans des „anderen Amerika“.
Das ist das alte Oberschwaben. Das neue demonstriert vor dem Gebäude.
Ein Bündnis von 17 außerparlamentarischen Organisationen, das in dieser
breiten Aufstellung bisher einmalig ist in den Kreisen Sigmaringen,
Ravensburg, Bodensee: BUND. NABU, Fridays for Future, parents4future,
Demeter, der Verein Altdorfer Wald, die Initiative gegen den
1000-Kühe-Stall in Ostrach, Kreis Sigmaringen.

Der Regionalverband Bodensee-Oberschwaben, Versammlungsort von
Bürgermeistern und Oberbürgermeistern, ist zuständig für die Entwicklung
des Landstrichs und hat dafür einen Plan vorgelegt, der Visionen bis
2035 vorstellt. Er ist stark umstritten, weil die Grundlage, wenig
erstaunlich, ungebremstes Wachstum bildet.
Der Verband spricht von
einem  Bevölkerungsplus von 10,3 Prozent, das Statistische Landesamt von
2,7 Prozent, und 20 Wissenschaftler von scients4future von einem
„schwach ausgeprägten Willen“  in den Kommunen zum Flächensparen.  Ihr  
Mitstreiter, der Ravensburger Politikberater und Regionalplaner Martin
Walser, kritisiert, dass verdichtetes Wohnen, der Tausch der oft viel zu
großen Einfamilienhäuser älterer Besitzer gegen zentralere Wohnmodelle,
so wenig erwogen wird wie regionale, die Ortszentren belebende Märkte
oder kommunale Kooperationen für Zentren für Handwerker und Industrie,
um die viel zu hohe Zersiedelung zu stoppen.

Längst keine heile Welt mehr ist auch die Landwirtschaft. Der
Flächenverbrauch geht zu Lasten nachhaltiger, familiärer Agrarbetriebe,

er hat Massentierhaltung wie den 1000-Kühe-Stall in Ostrach oder den
geplanten 1500-Kühe-Stall in Ellwangen zur Folge, erläutert der
Demeter-Bauer und langjährige grüne Leutkircher Stadtrat Alfons Notz.
„Wer Biodiversität ernsthaft und effektiv fördern will, der muss dafür
sorgen, dass die Kühe auf die Weide dürfen.
Eine Kuh produziert während
einer Weidesaison circa 1000 Kuhfladen“, rechnet er vor, „diese bilden
den Nährboden für 100 Kilo Insekten. Davon können zehn Kilo Vögel ihren
Futterbedarf decken. Als Bauer sage ich Ihnen: Geld kann man nicht
essen. Und wenn die letzten Böden versiegelt sind, kann man mit Geld
auch kein Essen mehr kaufen.“ Barbara Herzig vom BUND ergänzt, dass in
der Bodenseeregion 70 Prozent der Insekten in wenigen Jahren
verlorengegangen sind.

Da muss die CDU dagegenhalten. Landrätin Stefanie Bürkle aus Sigmaringen
verweist auf den Bedarf an Wohnflächen und neuen Gewerbegebieten.
Mengens Bürgermeister Bubeck nennt die Kritiker „spießbürgerlich“, weil
nur die ökologische Seite betrachtet werde.
In Ravensburg stellt die CDU
eine Anzeige „Schaffe, Schaffe, Häusle Baue! Jungen Familien Eigentum
ermöglichen“ ins Netz, beschwert sich über „die Verunglimpfung“ des
Regionalplans, genauso über die Einwände gegen den Kiesabbau im
Schutzgebiet Altdorfer Wald (Kreis Ravensburg) – der nächsten
Umweltsünde im Oberschwäbischen.

Doch so einfach ist das alles nicht mehr, nicht mal bei der CDU, die es
über Jahrzehnte gewohnt war, den Landstrich zu beherrschen. Der
Baienfurter Gemeinderat, mehrheitlich schwarz und zuständig für den
Altdorfer Wald, sieht das ganz anders. Er will diesen Kiesabbau nicht,

der laut  Regionalplan pro Jahr eine Menge von neun Millionen Tonnen
vorsieht, 360 Millionen über die nächsten 40 Jahre. Alle sind sich einig
- dies widerspreche dem Waser- und dem Klimaschutz. „Wir sehen alle Wege
für uns offen, auch die juristischen“, sagt CDU-Bürgermeister Günter A.
Binder. Und Anne Talk, Klimaschutzmanagerin beim Gemeindeverband
Mittleres Schussental, definiert das Flora- und Fauna Habitat als
zentralen „Klimaschützer und Wasserspeicher.“

Auf der Fahrt nach Grund im Altdorfer Wald. Auf einem Transparent steht:
„Wasser bringt Leben. Kies bringt Kies“. Pressekonferenz der
Ravensburger Baumbesetzer. Zwei Camps sind fertig. Mit Unterstützung aus
anderen Regionen sollen es mehr werden. „Für die CDU und den
Regionalverband ist der Altdorfer Wald nur ein bisher nicht vollständig
erschlossenes Kiesabbaugebiet. Für uns aber ist dieser wertvolle
Lebensraum ein Symbol für unsere Zukunft“,
erklärt die Klimacamperin
Emma Junker (17). „Die CDU ist für Heimatliebe, aber dann roden sie
einen Wald, der in 1000 Jahren entstanden ist. Wir bauen eine
Gesellschaft der Nächstenliebe“, ruft Jonathan Oromek von Fridays for
Future den Besuchern zu. Eine euphorische Stimmung. „Bauen wir doch mehr
Holzhäuser, nutzen wir andere Isolationsmaterialien, die es längst gibt,
dann brauchen wir auch weniger Kies“, fordert Ordinarius Wolfgang Ertel
von der FH Weingarten. Ganz Wassers, ein Dorf am Rande des Waldes, sagt
ein Besucher, sei gegen die Zerstörung dieses Naturschutzgebietes.

Selbst Rudolf Bindig, Fraktionsvorsitzender der SPD, die sonst immer für
Wachstum ist, ist dagegen. In einem langen Offenen Brief hat er sich an
Winfried Kretschmann gewandt. Nun redet Bindig von „heißer
Wahlkampfluft“. Die Grünen Landtagsabgeordneten Manfred Lucha und Petra
Krebs hatten sich für einen Planungsstopp für die Kiesgrube im Altdorfer
Wald ausgesprochen. Bindig hält dies für Wahlrhetorik. „Aus dem
Staatsministerium, dem Wirtschaftsministerium und sogar aus dem
Umweltministerium will man von solchen Anregungen gar nichts wissen“,
poltert er. Von Kretschmann, dem Ministerpräsidenten, gebe es keine
klare Position. Vielleicht doch Ökonomie vor Ökologie? Der Forst gehört
dem Land, ist aber verpachtet an die Firma Meichle + Mohr, auf deren
Website sich der zeitgemäße Satz findet: „Wir sind unserer Verantwortung
Mensch und der Natur gegenüber bewusst.“ „Ein verschachteltes und kaum
zu überblickendes Firmengeflecht“ nennt dies Bindig weniger prosaisch in
seinem Brief. Droht der Pächter mit Schadenersatz, bei diesen
Abbaumengen, über welche Laufzeiten, gar mit Millionenklagen? Ein Thema,
das bislang von keinem Politiker erwähnt wurde.


Ein Großteil des Kieses geht bereits jetzt, und weit mehr noch in
Zukunft, nach Vorarlberg und in die Schweiz. Auf Kolonnen von Lastwagen.
Das ist der freie Markt, der in konservativen Kreisen beschworen wird

und dem ja auch Kretschmann gegenüber offen ist. Wie steht es auf dem
Transparent? Kies bringt Kies. Oder, wie es die CDU nennt, „die Bedarfe 
der Region akzeptieren“
 . Nur haben die Bedarfe in den Nachbarländern
ökologische Gründe.
Die Schweiz und Vorarlberg haben ihren Kiesabbau
drastisch reduziert, weil sie die davon betroffenen Wälder unter
Naturschutz stellten. Bei uns aber vermutlich Ende offen. Bis nach der Wahl.

Mit dem Regionalplan eng verbunden ist ein Thema, das nicht für die
wachsende Zahl der Gutverdienenden im attraktiven Kreis Ravensburg und
der Bodenseeregion zum Problem wird, zunehmend brisant aber für
Alleinerziehende, oder die Beschäftigten der in dieser Region
konzentrierten Pflegeberufe und Rentner im unteren Bereich. Die gehen
nicht auf die Straße, das ist nicht ihre Kultur. Und so ist das Thema
nicht sehr publik. Da malt die CDU lieber die Ängste der Häuslebauer
aufs Plakat. Vergessen scheint, dass bereits 2006 Ministerpräsident
Günther Oettinger die Nettonull beim Flächenverbrauch reklamierte. Der
lag damals bei 9,6 Hektar. Pro Tag. 2019, unter der grün-schwarzen
Koalition, bei 5,2 Hektar.


Dies ist der Umwelt-Opposition noch immer zu viel, aber mehr Wohnungsbau
wollen alle. Aber wie?
Andreas Stoch von der SPD schreibt: „Fünf Jahre
grün-schwarze weniger Wohnungspolitik bedeutet auch, viele Menschen
geben deutlich mehr als ein Drittel ihres Einkommens für Wohnen aus. Der
Markt allein schafft keinen bezahlbaren Wohnraum für alle. Deshalb
gründet die SPD die staatliche Wohnbaugesellschaft BWohnen, die 500.000
bezahlbare Wohnungen bis 2026 baut.“ Forsch formuliert. „Wir setzen uns
dafür ein“, heißt dies bei Jonathan Wolf, dem SPD-Landtagskandidaten aus
Meckenbeuren. Er will ungenutzte Grundstücke höher besteuern,
Genossenschaften, Mietshäusersyndikate, einen Mietdeckel für Kommunen
(den auch Die Linke im Programm hat) und BürgerInnenvereine.

Oberschwaben ist nicht mehr die Insel der Seligen, so das je der Fall
war. Selbst die Kirche, konkret die Caritas, ist nicht mehr sakrosankt.
Die Gewerkschaft verdi wirft der dominierenden Sozialfirma
Scheinheiligkeit vor. Sie handle „in krassem Widerspruch zu ihren
eigenen sonstigen Aussagen und Werten, wenn es um gesellschaftlichen
Zusammenhalt und die Bedeutung sozialer Dienste geht. Das ist ein
schlimmes Signal für die Beschäftigten in der Altenpflege“, betont
Vorstandsmitglied Sylvia Bühler. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass
viele Sozialverbände in Baden-Württemberg, wie die Diakonie, die
Stiftung Liebenau, das Zentrum für Psychiatrie oder der Sozialverband
VdK nicht geschlossen hinter den  Pharisäern der Caritas stehen werden -
nur weil sie  im Süden schon immer staatstragend waren.


Wolfram Frommlet

veröffentlicht in Kontext  hier
und in der TAZ

Mittwoch, 30. Dezember 2020

Kultur leben (mit Blick auf das KlimaCamp ) - Von Wolfram Frommlet, Kolumne 28 Dezember 2020

 Ein Brief aus dem Amazons von Nemonte Nemquino vom Indigenen Volk der Waorani, mit der wundervollen Nachricht, dass sie den Goldman Environmental Prize gewonnen habe, „für den Kampf meines Volkes“, den Regenwald gegen die Ölfirmen zu verteidigen. 

Diese Auszeichnung sei auch „für die Vorfahren, die Ältesten, für indigene Völker auf der ganzen Welt, die ihr Leben riskieren, Mutter Erde zu beschützen“.  https://www.goldmanprize.org/

 

 

Dafür ist der Baum, den einige junge Leute im Grüngürtel an der Schussenstraße in Ravensburg besetzt halten, gewaltlos und behutsam, ein Symbol

Es geht um weit mehr als um Kritik an den Umweltzielen der Stadt Ravensburg oder auch den Kiesabbau im Altdorfer Forst. Jedes Jahr werden etwa 15 Milliarden Bäume vor allem in tropischen Regenwäldern abgeholzt, 476 pro Sekunde. Die Hälfte der Wälder des gesamten Planeten ist vernichtet, ein Großteil unwiderruflich, weil die wenigen Aufforstungen die ökologische Vielfalt nicht ersetzen können. 

Alleine im vergangenen Jahr wurden 121.000 km² in den Ländern des Südens abgebrannt, davon unberührter Regenwald von der Größe Belgiens. Die „Hüter des Waldes“, indigene Völker und Kleinbauern werden vertrieben für Monokulturen, die die Böden in Wüsten ver-wandeln, voller Pestizide und Chemiedünger.
Wofür? Für Biosprit, Soja, Palmöl, Bio-Sprit, Kaffee und Kakao, moderne Textilfasern, für Erdöl und Seltene Erden.
Für den Lebensstil sog. „entwickelter Gesellschaften. Für eine Alltagskultur, über die Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) am globalen „Earth Overshoot Day, dem Erdüberlastungstag am 22. August 2020 sagte: „Die Grenzen der Ressourcen sind endlich und wir nehmen uns ein Vielfaches dessen, was uns zusteht. Wir leben nicht über unsere Verhältnisse, sondern über die Verhältnisse der anderen und unserer Kinder und Enkel. Wir betreiben Raubbau in den Regenwäldern.“ 

Darum geht es auch den jungen Baumbesetzern in der Schussenstrasse. Sie setzen den Slogan „Global denken, lokal handeln“ in Aktion um. Es ist nicht nur die Gewinngier von weltweit agierenden Nahrungskonzernen und Discountern, die das Erbe der Menschheit zerstören, es ist ein Konsumverhalten, das keine Grenzen kennt. 

Gerd Müller: „Wir benutzen Shampoo mit Palmöl und grillen Fleisch vom Schwein, das mit Soja gefüttert wurde. Wer künftig Soja oder Palmöl importieren will, der muss den Nachweis erbringen, dass der Anbau nicht auf gerodeten Waldflächen erfolgt ist.“ 

Und da sind wir wieder beim Baum: Zunehmend mehr Konsumenten bejahen ein Lieferkettengesetz für Deutschland; auch in dieser Stadt, weil sie ihren Konsum, ihre Alltagskultur nicht mehr von Ethik und globaler Verantwortung im „Kleinen“ trennen wollen. Viele Unternehmen (auch in der Region), in der Folge auch Händler, reagieren auf diesen Bewusstseinswandel positiv: Gemeinwohl, fair trade, Business-Ethik (Corporate Social Respon-sibility) sind zunehmend Zukunftsmodelle, in denen junge Menschen wie die auf dem Baum ernst genommen werden

 wolfram.frommlet@t-online.de

Mittwoch, 18. November 2020

Kultur leben (zur Raum- und Regionalplanung) - Von Wolfram Frommlet

Ein  Kommentar  im Zusammenhang  mit dem Flyer der Naturschutzverbände erschien in der Schwäbischen Zeitung am 16.11.20:

Kultur leben Von Wolfram Frommlet

„Für mich besteht eine große Herausforderung darin, wie unsere Höfe weiterbestehen können. Wir brauchen mehr Produktvielfalt in der Landwirtschaft und mehr Regionalität bei unseren Lebensmitteln“, sagt Walter Rauch aus Dünserberg. 

Eugen Gabriel aus Frastanz ergänzt: „Wo die Landwirtschaft die Existenzgrundlage ist, hat man verstanden, sorg-sam mit den landwirtschaftlichen Flächen umzugehen und die Erwei-terung der Siedlungen kompakt zu gestalten.

„Wie schaffen wir ein funktionierendes Dorfzentrum als Grundlage für das gesellschaftliche Leben in der Gemeinde“, ist für Helmut Lampert in Göfis eine große Herausforderung.

Drei Bürgermeister aus der Region Walgau in Vorarlberg in dem hoffnungsvollen, ermutigenden Buch des Ravensburger Raumplaners Manfred Walser, „Die Zukunft im Walgau“, herausgegeben von der Vorarlberger Landesregierung (erhältlich in der Buchhandlung Anna Rahm in Ravensburg). 

Die 14 Gemeinden haben in Workshops, an denen die Bevölkerung beteiligt wurde, ein Modell regionaler Entwicklung erarbeitet, in dem die  Traditionen - Handwerk, Land- und Forstwirtschaft - mit den aktuellen Problemen ländlicher und semi-urbaner Räume verbunden wurden: der Wegzug der Jungen, die Zersiedelung der Natur, Klimawandel, die Krise der familiären Höfe. Lebenswerte Orte für alle Generationen entstanden, eine Kultur des Miteinander der Eingesessenen und der Zugezogenen, ein ökologischer Lebensstil, insbesondere in neuen, verdichteten Wohnformen. Einst konkurrierende Gemeinden bilden heute nachhaltige Netzwerke. Man könnte viel davon lernen.

Nach Ansicht eines breiten Bündnisses unter Führung der Umweltorganisationen BUND und NABU läuft der Regionalplan Bodensee-Oberschwaben bis zum Jahr 2035, mit den Kreisen Ravensburg, Bodenseekreis und Sigmaringen, leider in eine ganz andere Richtung. „Profit und Wachstum ohne Grenzen scheint für viele Akteure immer noch die oberste Prämisse zu sein“, heißt es in einem Flyer des Umweltbündnisses. Kritisiert wird, dass 500 Hektar für Rohstoffabbau vorgesehen sind, neuer Baugrund sich an überholten Wohnmodellen orientiert, ein regionaler Grünzug „Altdorfer Wald“ aber nicht vorkomme. „Ein klares ‚weiter so wie bisher‘, welches alle wissenschaftlichen Erkenntnisse der vergangenen Jahre und anwachsenden globalen Krisen ignoriert.“

Nachhaltige Landwirtschaft, Stärkung der Biodiversität, das Vogelsterben im Bodenseeraum sind für BUND und NABU Prioritäten eines zukunftsfähigen Regionalplans. Anders als im Walgau hat in dieser Region, in den Gemeinden wie in den Städten, nach Ansicht aller Akteure, die Bevölkerung bislang keine Foren der Beteiligung. 

Und fände man bei uns Politiker wie Harald Witwer aus der Gemeinde Thüringen? „Die Frage des Umgangs mit asylsuchenden Menschen stellt im Moment nicht nur für den Walgau, sondern für die Gesellschaft insgesamt eine riesengroße Herausforderung dar. Ob es uns gelingt, den sozialen Frieden in der Region weiterhin zu gewährleisten, hängt wesentlich vom Umgang mit diesem Thema ab.“