hier Standard Martin Auer 1. Juli 2026,
Kampf gegen die Klimawissenschaft: Ihr Produkt ist der Zweifel
Wie fossile Interessen die Attributionsforschung diskreditieren und Klimaklagen politisch und juristisch unter Druck setzenGastblogger Martin Auer schildert Einschüchterungs- und Diskreditierungskampagnen gegen einen Zweig der Klimawissenschaften, der zunehmend in der Lage ist, einzelne Unternehmen für Klimaschäden haftbar zu machen.
Warum stöbert eine private Marktforschungsfirma in den E-Mails von Mitgliedern der amerikanischen Akademien der Wissenschaft? Warum fordert sie von den Universitäten, an denen diese Wissenschaftler:innen arbeiten, unter Berufung auf den Freedom of Information Act hunderte Seiten von Besprechungsprotokollen, Vortragsfolien und anderen internen Materialien an? Woran arbeiten die Expert:innen, die hier wie potenzielle Staatsfeinde ausgeforscht werden? Und wer steckt hinter der schnüffelnden Firma?
Im Fadenkreuz der Nachforschungen der Firma Argus Insights steht, wie das Nachrichtenportal Politico berichtet, ein 15-köpfiges Panel der amerikanischen Akademien der Wissenschaft, Ingenieurskunst und Medizin, das seit zwei Jahren damit beschäftigt ist, ein Gutachten über die Zuverlässigkeit der sogenannten Attributionswissenschaft zu erstellen. Das ist ein Zweig der Klimawissenschaften, der erforscht, ob und wie der Klimawandel für einzelne extreme Wetterereignisse verantwortlich gemacht werden kann. Diese Wissenschaft ist der fossilen Industrie und ihren politischen Vertreter:innen besonders verhasst, weil sie immer öfter dazu verwendet wird, Schadenersatzklagen zu untermauern.
Was ist Attributionswissenschaft?
Wetter ist nicht gleich Klima, und ein kühler Frühsommer ist kein Beweis, dass es eh keinen Klimawandel gibt. Aber wie sieht es umgekehrt aus? Kann man dem Klimawandel die Schuld an einem einzelnen extremen Wetterereignis geben, einer extremen Dürre oder einem Tornado oder einer Überschwemmung durch Starkregen? Lange Zeit haben Klimaforscher:innen vor solchen voreiligen Schlussfolgerungen gewarnt. Gerade Journalist:innen sollten da sorgfältig sein: Die Klimaforschung könne nachweisen, dass solche Ereignisse im Durchschnitt häufiger werden, dass die Erderhitzung sie wahrscheinlicher gemacht hat, aber von einzelnen Ereignissen könne man nicht sagen, ob sie nicht auch ohne Klimawandel stattgefunden hätten.
Das hat sich allerdings geändert. Die Rechenleistung der Supercomputer nimmt rasant zu und die Klimamodelle werden immer kleinräumiger. Die ersten Klimamodelle der 1970er Jahre arbeiteten mit Gitterboxen von 500 Kilometer Seitenlänge. Sie konnten nur globale Trends abbilden. Moderne globale Modelle arbeiten mit Gitternetzen von zehn bis 100 Kilometer (manche auch darunter) und regionale Modelle sogar mit einer Zellengröße von einem Kilometer. Dadurch ist es möglich, auch lokale Wetterereignisse zu simulieren, ähnlich wie ein Digitalfoto mit größerer Auflösung mehr Details zeigen kann, wie das folgende Bild illustriert.
Wie können Forscher:innen nun feststellen, ob für ein bestimmtes Ereignis tatsächlich der Klimawandel verantwortlich gemacht werden kann? Zunächst definieren sie das Ereignis, sagen wir eine Dürre. Welches Gebiet war betroffen, wie lange hat sie gedauert, wie waren die Temperaturen, wie viel oder wenig Regen ist gefallen, was waren die Messergebnisse der Bodenfeuchtigkeit usw. Wenn das Ereignis definiert ist, werden Wetterdaten der letzten Jahrzehnte untersucht, um festzustellen, wie oft eine solche Dürre im betreffenden Gebiet vorkommt.
Im nächsten Schritt wird eine große Zahl von Klimamodellen verwendet, um die Ereignisse in zwei Welten zu simulieren: Einer Welt ohne menschliche Treibhausgasemissionen und einer Welt, die der realen, um derzeit 1,4 °C wärmeren Welt entspricht. Hier will man natürlich wissen, wie oft das definierte Ereignis, also eine vergleichbare Dürre in dem untersuchten Gebiet, in einer Welt ohne menschlich verursachten Klimawandel eingetreten wäre.
Je näher die Ergebnisse der Simulationen beieinander liegen, umso verlässlicher sind sie.
Aus dem Vergleich der Simulationen und der bekannten realen Messergebnisse wird nun eine Synthese entwickelt, die besagt, wie viel häufiger eine solche Dürre im heutigen Klima auftritt als in einem ohne menschliche Treibhausgasemissionen, wie viel heißer und wie viel trockener sie ist.
Und nicht selten ergibt sich, dass das untersuchte Ereignis in den Simulationen ohne menschengemachten Klimawandel überhaupt nicht auftritt. So wäre die alle Rekorde brechende Hitzewelle im März dieses Jahres im Westen der USA ohne menschengemachten Klimawandel praktisch unmöglich gewesen, ebenso die Hitzewelle im Juli 2023 in Südeuropa mit 48,2 °C auf Sardinien und eben die aktuelle Hitzewelle in Europa, wie auch DER STANDARD berichtet hat. Details zu der Studie der World Weather Attribution Group gibt es hier.
Ölfirmen fürchten diese Forschung
Die fossile Industrie hat guten Grund, diese Forschung zu fürchten. Nach Angaben des UN-Umweltprogramms (UNEP) und des Sabin Center for Climate Change Law der Columbia University wurden bis Mitte 2025 weltweit 3.099 Klimaklagen verzeichnet. Diese Zahl schließt sowohl laufende als auch bereits abgeschlossene Verfahren ein. Während viele Klagen sich weiterhin gegen Regierungen richten, um mehr Klimaschutz einzufordern, zielen mittlerweile etwa 20 Prozent der Klagen auf Unternehmen – insbesondere aus der fossilen Energiewirtschaft oder Agrarindustrie. Die meisten Fälle werden in den Vereinigten Staaten verhandelt, gefolgt von europäischen Ländern wie dem Vereinigten Königreich, Deutschland und Frankreich.
Damit eine Schadenersatzklage Aussicht auf Erfolg hat,
muss nachweisbar sein, dass es das beklagte Unternehmen ist, das den Schaden verursacht hat,
und es muss auch die Höhe des Schadens bezifferbar sein.
Eine wegweisende Studie, die in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurde, hat nun erstmals genau das geleistet:
Sie hat volkswirtschaftliche Schäden einzelnen Unternehmen der fossilen Brennstoffindustrie zugeordnet.
111 Unternehmen haben demnach in den Jahren von 1991 bis 2020 Schäden von insgesamt 28.000 Milliarden US-Dollar allein durch extreme Hitze verursacht.
Ein Drittel davon fällt auf die fünf größten Emittenten:
- Saudi Aramco : 2.050 Milliarden US-Dollar
- Gazprom : 2.000 Milliarden US-Dollar
- Chevron : 1.980 Milliarden US-Dollar
- ExxonMobil : 1.910 Milliarden US-Dollar
- BP : 1.450 Milliarden US-Dollar
Nicht eingerechnet sind hier die Kosten durch andere Extremereignisse wie Hurrikans, Dürren oder Überflutungen. Als Grundlage verwendeten die Forschenden die Emissionsdaten aus der öffentlich zugänglichen Datenbank "Carbon Majors". In 1.000 verschiedenen Computersimulationen berechneten sie die Auswirkungen dieser Emissionen auf die globale durchschnittliche Oberflächentemperatur der Erde, indem sie diese mit einer Welt ohne die Emissionen des betreffenden Unternehmens verglichen. Mit diesem Ansatz stellten sie fest, dass beispielsweise die Verschmutzung durch Chevron die Temperatur der Erde um 0,025 Grad Celsius erhöht hat, was etwa einem Fünfzigstel der gesamten Erderwärmung entspricht.
Klimamodelle als Beweis in der Haftungsfrage
Der Bezirk Multnomah County in Oregon – zu ihm gehört auch die Stadt Portland − hat eine Klimaklage in Höhe von 51,5 Milliarden US-Dollar gegen große Ölkonzerne (darunter ExxonMobil, Shell und Chevron), das American Petroleum Institute und das Beratungsunternehmen McKinsey & Company eingereicht, um diese für die Hitzewelle im pazifischen Nordwesten im Jahr 2021 verantwortlich zu machen, bei der 69 Menschen starben.
Die Klage stützt sich auf eine Studie, die nach dem Ereignis in der Fachzeitschrift "Earth System Dynamics" veröffentlicht wurde. Laut dieser wäre die tagelange Hitzewelle ohne die Klimaverschmutzung durch fossile Brennstoffunternehmen "praktisch unmöglich" gewesen. Die Temperaturen erreichten 47 Grad Celsius – 22 Grad über dem Durchschnitt.
Die Klage wirft den Beklagten auch irreführende Geschäftspraktiken vor. Das ist juristisch bedeutsam, denn ohne den Nachweis, dass der Schaden vorsätzlich oder zumindest fahrlässig verursacht wurde, hat eine Schadenersatzforderung keine Aussicht auf Erfolg.
Es ist aber schon lange bekannt, dass ExxonMobil schon in den 1970er Jahren eigene Klimamodelle verwendete, die dieselben verheerenden Erwärmungspfade auf Grund von CO₂-Emissionen vorhersagten wie die der unabhängigen Klimawissenschaft. Obwohl die Zusammenhänge den Firmen der Öl-, Gas- und Kohleindustrie, aber auch den großen Autofirmen bekannt waren, versuchten sie jahrzehntelang die Öffentlichkeit zu überzeugen, dass die Klimamodelle zu ungenau und zu unsicher wären, um den Zusammenhang zwischen CO₂-Emissionen und Klimaerhitzung eindeutig nachzuweisen.
Die Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes hat in ihrem Buch "Merchants of Doubt" ("Die Machiavellis der Wissenschaft: Das Netzwerk des Leugnens", Wiley 2014) geschildert, wie das Drehbuch funktioniert, nach dem schon Meinungsmacher:innen für die Tabakindustrie gearbeitet haben, um Zweifel am Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs zu säen, und das später übernommen wurde, um auch beim Klimawandel gezielt Verunsicherung in der Öffentlichkeit zu erzeugen.
Zweifel als Strategie
Amerikanische Richter:innen dürfen wissenschaftliche Studien nur dann als Beweismittel zulassen, wenn sie dem sogenannten Daubert Standard entsprechen, einem Regelwerk, das unter anderem verlangt, dass eine Theorie oder Technik überprüfbar sein muss, dass sie den üblichen wissenschaftlichen Gutachten ("Peer-Review") unterzogen wurde, und sie weitgehende Anerkennung in der wissenschaftlichen Community genießt.
Genau das könnte der Bericht der Expert:innenkommission – der natürlich selber auch wieder von unabhängigen Gutachter:innen überprüft wird − untermauern. Und deshalb tun die Hausierer des Zweifels alles, um die Kommission einzuschüchtern und zu diskreditieren. Tatsächlich haben die Schnüffeleien in persönlichen E-Mails schon dazu geführt, dass zwei Mitglieder des Panels sich daraus zurückgezogen haben, wie Politico berichtet.
Doch neben der Einschüchterung ist das zweite Ziel der Kampagne, die Mitglieder des Panels als "aktivistisch motiviert" darzustellen und ihre wissenschaftliche Integrität infrage zu stellen. Im April schickte der republikanische Kongressabgeordnete Brian Babin, Vorsitzender des Wissenschafts-, Raumfahrt und Technologiekomitees des Repräsentantenhauses, einen Brief an die Präsidentin der Akademien. In dem Schreiben äußern die Vorsitzenden des Ausschusses Bedenken hinsichtlich potenzieller Interessenkonflikte von Mitgliedern des Attributionsausschusses und erklären, dass "öffentlich zugängliche Informationen ein beunruhigendes Muster nahelegen", wonach Ausschussmitglieder mit gemeinnützigen Organisationen verbunden seien, die Klagen zur Klimaverantwortung unterstützen, "was den Anschein von Unangemessenheit und Voreingenommenheit der Mitglieder erweckt". Da die Ergebnisse des Gutachtens noch gar nicht vorliegen, richtet sich der Angriff vorbeugend schon einmal auf die Gutachter:innen.
Schon am Tag, als das Panel zu einem ersten Orientierungsgespräch zusammentrat, schrieb Roger Pielke vom American Enterprise Institute (derselbe, der die RCP8.5-Kampagne ins Rollen gebracht hat) in seinem Blog, dass zwei Mitglieder des Gremiums entweder mit der Union of Concerned Scientists, einer Umweltorganisation, oder dem World Weather Attribution Consortium, einem wissenschaftlichen Konsortium zur Analyse der Auswirkungen des Klimawandels auf Naturkatastrophen, zusammenarbeiteten: "Ist es angemessen, solche Fürsprecher in einen Studienausschuss einzubeziehen, der die von ihnen zur Unterstützung der von ihnen geführten Klagen erstellten Informationen bewerten und legitimieren soll? Natürlich nicht. Die Verstöße gegen die wissenschaftliche Integrität sind hier gravierend, offensichtlich und völlig öffentlich."
Netzwerke fossiler Einflussnahme
Die Denkfabrik AEI, für die Pielke arbeitet, legt ihre Spender nicht offen, doch Steuererklärungen anderer Gruppen belegen, dass die Organisation 2024 120.000 US-Dollar vom American Petroleum Institute, einem Branchenverband der Ölindustrie, und 2021 300.000 US-Dollar von der Craft Foundation erhalten hat. Diese wird von dem Milliardär Joe Craft III, CEO des Kohlebergbauunternehmens Alliance Resource Partners, finanziert. Die Stiftung unterstützt massiv Organisationen und Kampagnen, die fossile Brennstoffe propagieren und erneuerbare Energien angreifen.
Pielkes Angriffe wurden umgehend von Government Accountability & Oversight (GAO) thematisiert, einer von der fossilen Brennstoffindustrie finanzierten Gruppe, die sich gegen Klimaklagen wendet. Auf ihrer Website "Climate Litigation Watch" bezeichnete die Gruppe Pielkes Beitrag als "vernichtende Enthüllung". Laut einer Recherche von E&E News in Steuerunterlagen hat GAO seit 2020 mindestens 1,5 Millionen US-Dollar von der Stiftung von Joseph Craft III erhalten.
Der neueste direkte Einschüchterungsversuch ist, wie schon oben erwähnt, der Brief des Kongressabgeordneten Babin an die Präsidentin der Akademien der Wissenschaft. Laut Daten der Transparenzorganisation OpenSecrets, die von E&E News analysiert wurden, haben Babins Wahlkampfteam und sein politischer Aktionsausschuss seit seinem ersten erfolgreichen Einzug in den Kongress im Jahr 2014 über 480.000 US-Dollar von der Öl- und Gasindustrie erhalten.
Wer die Agentur Argus mit den Nachforschungen beauftragt hat, ist nicht bekannt. Das Medienportal Politico schreibt: "Zu den bekannten Kunden des Unternehmens zählen das Republican National Committee, das Büro des Sprechers des Repräsentantenhauses, Mike Johnson (Republikaner aus Louisiana), und die Wahlkampf-Kampgne von Senator Tom Cotton (Republikaner aus Arkansas)".
Das Drehbuch, wie man im Interesse des Profits wissenschaftliche Erkenntnisse bekämpft, wenn man sie nicht widerlegen kann, wurde, wie schon erwähnt, im Dienst der Tabakindustrie entwickelt. In einem internen Memo eines Tabakkonzerns aus dem Jahr 1969 heißt es: "Zweifel ist unser Produkt, denn er ist das beste Mittel, um mit dem in der öffentlichen Meinung vorhandenen 'Faktenwissen' zu konkurrieren." (Martin Auer, 1.7.2026)
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