Sonntag, 6. September 2026

"Die Spree soll eine Stimme bekommen"

 

Klimareporter hier Interview:  Tine Heni

Rechte der Natur


Die Lagune Mar Menor in Spanien ist das erste Ökosystem Europas mit eigenen Rechten. In Berlin will ein transdisziplinäres Treffen für Gewässerschutz einer Gesetzesinitiative Rückenwind geben, die auch der Spree eine Stimme verschaffen soll. Mitorganisatorin Barbara Unmüßig erklärt, wie.

Klimareporter°: Frau Unmüßig, bis zum Sonntag findet in Berlin die "Confluence of European Water Bodies" statt, ein transdisziplinäres Treffen zum Schutz von Flüssen und Gewässern. Was bedeutet der Name "Confluence"?

Barbara Unmüßig: Confluence heißt wörtlich, dass etwas zusammenfließt. Es bedeutet aber auch: schauen, was geht – sich inspirieren lassen, sich vernetzen und sich empowern lassen von dem, was andere für den Schutz ihrer Gewässer schon machen.

Was ist die Idee hinter der Veranstaltung?

Die Confluence of European Water Bodies ist Teil einer europäischen Bewegung, die mit juristischen, demokratischen und kulturellen Praktiken neue Wege im Biodiversitätsschutz geht. Wir wollen Gewässer als Rechtspersönlichkeiten anerkennen und ihnen so eine Stimme geben.

Das ist eine völlig neue Form des Zugangs zu Ökosystemen und könnte das Verhältnis von Mensch und Natur neu formen – in einigen Ländern wie Ecuador, Neuseeland oder Spanien ist diese Praxis bereits Realität. Die spanische Lagune Mar Menor ist beispielsweise das erste Ökosystem Europas mit eigenen Rechten.

Wer steht hinter dem Projekt?

Das Projekt ist ein "Zusammenfließen" von Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen, Juristinnen und Aktivistinnen aus über 50 Fluss- und Gewässerinitiativen aus 19 verschiedenen Ländern, die sich über ihre Zugänge und Praxen zum Fluss- und Gewässerschutz austauschen wollen. Dahinter steckt keine feste Institution oder Organisation, sondern es sind Kunst, Politik, Aktivismus und Wissenschaft. Es geht ums Nachdenken für ein neues Verständnis des Mensch-Natur-Verhältnisses und darüber, wie wir Ökosysteme besser schützen können.

Barbara Unmüßig

ist studierte Politik­wissen­schaftlerin und seit ihrer Jugend in entwicklungs­politischen Organisationen aktiv. Bis 2022 war sie Vorständin der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung, wo sie unter anderem die inter­nationale Arbeit in Bereichen wie Klima- und Ressourcen­politik verantwortete. Sie hat die "Confluence of European Water Bodies" als Beraterin beim Berliner Atelier Symbiotic Lab mit vorbereitet.

Wie ist die "Confluence" entstanden?

Das erste Treffen entstand ganz informell. Das spanische Parlament hatte im Jahr 2022 nach zwei großen Fischsterben das Mar Menor, die größte Salzwasserlagune Europas, per Gesetz als Rechtsperson anerkannt. 2023 fand dann die erste Confluence beim Mar Menor statt.

Dann ging es nach Venedig, wo Leute aus ganz Europa zusammenkamen, und letztes Jahr war die Confluence in Amsterdam. Dort haben Aktivist:innen von der Spree den Finger gehoben und gesagt: "Wir wären gerne die nächsten Gastgeber:innen."

Sie haben sich zur vierten "Confluence" dann tatsächlich für die Spree und für Berlin entschieden. Wieso?

Inspiriert vom Erfolg des Mar Menor wurde in Berlin eine Gesetzesinitiative auf den Weg gebracht, um auch der Spree eigene Rechte zu geben. Wenn sie als Rechtspersönlichkeit anerkannt wäre, könnte sie auch klagen, wenn sich ihr ökologischer Zustand verschlechtert, zum Beispiel durch den Bau von wasserintensiven Rechenzentren.

Die Petition für die Spree-Initiative hat fast 20.000 Unterschriften gesammelt. Viele Details sind allerdings noch zu diskutieren, auch zwischen den Bundesländern, durch die die Spree fließt.

Was ist das Hauptanliegen der Confluence?

Wenn unsere Flüsse wieder lebendige Ökosysteme mit einem vielfältigen aquatischen Leben werden sollen, müssen wir uns von der beherrschenden Idee von Natur als Ressource, von Flüssen als begradigten Verkehrswegen oder "Abwasserkanälen" verabschieden.

Die Natur ist ein lebendiges Wesen und Flüsse bahnen sich eigentlich ihre eigenen Wege – wir haben sie gezähmt und uns untertan gemacht. Aber wir müssen sie wieder mehr fließen lassen. Hier mischen wir uns ein, damit Biodiversität, die Vielfalt des Lebens, nicht komplett unter die Räder der Technokraten und "Ausbaggerer" kommt.

Was war der Moment, als Sie erkannten, dass man in der Ökologie umdenken muss?

Oh, das ist schon lange her. Ich habe mich seit meinem Studium mit ökologischen Themen und globalen Gerechtigkeitsfragen auseinandergesetzt. Zur UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro habe ich die deutschen Umwelt- und Entwicklungsorganisationen koordiniert. Und ich habe 20 Jahre lang als Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung nach Wegen gesucht, wie wir die Erhitzung und Ausplünderung des Planeten aufhalten können.

Was für Programmpunkte sind für die nächsten Tage geplant?

Es werden Workshops, künstlerische Performances, Schwimmen in der Spree und Flusszeremonien stattfinden. Am Freitagabend gibt es außerdem eine öffentliche Veranstaltung: Das Mar Menor, die erste natürliche Rechtsperson Europas, trifft auf die Spree. Dort wollen die Spree-Aktivistinnen und die Aktivistinnen des Mar Menor voneinander lernen.

Am Sonntag tagt zudem das "Spree Species Council Multispecies Parliament". Dort handeln die verschiedenen Interessengruppen und Spezies der Spree miteinander aus, wie sie sich die Zukunft des Flusses vorstellen, und fragen etwa: "Was wollen wir eigentlich?", "Was heißt Renaturierung für uns?" oder "Was machen wir, wenn die Temperaturen weiter steigen?"

Die Teilnehmenden werden beispielsweise ein Schilfgras repräsentieren oder eine Libelle, einen Frosch oder einen Fisch, aber auch einen Angler oder Bootsverleiher. Das ist eine schöne Methode, um Bewusstsein dafür zu erzeugen, dass an und in einem Fluss ein Miteinander notwendig ist, wenn wir zu guten ökologischen und sozialen Konzepten für ein Leben mit und in den Flüssen und Gewässern kommen wollen.

Heißt das, wenn wir uns die Natur, wie eben Flüsse, untertan machen, verlieren wir die Empathie für sie und ihre Lebewesen?

Genau! Versetz dich doch mal in einen Fisch, einen Frosch, eine Mikrobe oder einen Wasserfloh. Das bewirkt einen unglaublichen Perspektivwechsel: Darüber habe ich ja noch nie nachgedacht, dass das und jenes passiert.

Als in der letzten Hitzewelle die Flusspegel gesunken sind, haben wir in der öffentlichen Debatte vor allem über die ökonomischen Folgen gesprochen, etwa darüber, dass Gütertransporte mit Schiffen ausfallen. Über die Lebewesen, die im oder vom Fluss leben, hat kaum jemand geredet. Es geht dabei um Wertschätzung, darum, miteinander und aneinander zu denken – wir brauchen Empathie für Menschen, aber auch für Pflanzen, Tiere oder Kleinstlebewesen.

Was sollen die Teilnehmer:innen idealerweise von der Veranstaltung mitnehmen?

Sie sollen davon lernen, wie sich Menschen europaweit engagieren und einmischen – ob an der Oder, der Loisach, der Spree oder der Loire, an Ost- oder Nordsee, bei den Gewässern der Samí in Schweden und Finnland oder an einer Salzlagune.

Aus meiner Sicht geht es dabei stark um Empowerment, denn Empowerment heißt auch, aus den Praxiserfahrungen der anderen zu lernen: Wo ist es hilfreich, Menschen wieder mit ihrem Fluss vertraut zu machen? Wo ist es hilfreich, den juristischen Weg zu gehen? Welche Mobilisierungsmomente gibt es? Was hat in Finnland oder in Spanien schon funktioniert?

Außerdem geht es um Rückenwind, besonders für Initiativen, die gerade Rechtspersönlichkeiten für ihre Ökosysteme erkämpfen – wie eben bei der Spree.

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