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Beim Klimawandel drohen sich negative Prozesse selbst zu verstärken. Doch das Prinzip funktioniert auch andersherum. Beispiele sind sauberer Strom, Meeresschutz und entwaldungsfreie Agrar-Lieferketten. https://lnkd.in/dfPv2C6f
Klimareporter hier von Joachim Wille
Die gute Nachricht: Die positiven Kipppunkte
Beim Klimawandel drohen sich negative Prozesse selbst zu verstärken. Doch das Prinzip funktioniert auch andersherum. Beispiele sind sauberer Strom, Meeresschutz und entwaldungsfreie Agrar-Lieferketten.
Kipppunkte gelten als eine der größten Gefahren der Klimakrise. Schmilzt etwa ein großer Eisschild ab, taut der Permafrost dauerhaft auf oder stirbt der Amazonas-Regenwald großflächig ab, können sich Prozesse selbst verstärken. Ab einem bestimmten Punkt lassen sie sich kaum noch stoppen, selbst wenn der ursprüngliche Auslöser schwächer wird.
Doch es gibt auch Kipppunkte, die in die andere Richtung wirken können.
- Technischer Fortschritt,
- gesellschaftlicher Wandel oder
- die Erholung von Ökosystemen
Die Analyse knüpft an die Forschung des britischen Erdsystemwissenschaftlers Tim Lenton an, Direktor des Global Systems Institute in Exeter. Lenton untersucht seit Jahrzehnten die gefährlichen Kipppunkte im Erdsystem, hat in den letzten Jahren aber zunehmend auch deren positives Gegenstück erforscht.
Hauptautor der neuen Untersuchung ist Lentons Exeter-Kollege Steve Smith. Sein Team nahm 51 Lösungsfelder unter die Lupe – von Solar- und Windenergie über Elektroautos und sauberes Kochen bis zu Meeresschutz, Kreislaufwirtschaft und Waldschutz.
Solarstrom am Beginn einer ganzen Kaskade
Die Grundidee ist einfach: Eine neue Technik oder Verhaltensweise erreicht einen Punkt, an dem sie nicht mehr ständig gegen das bestehende System angeschoben werden muss.
Wächst beispielsweise der Absatz einer Technik, sinken durch Massenproduktion und Lerneffekte ihre Kosten. Dadurch steigt die Nachfrage weiter, die Produktion wächst erneut und die Preise können weiter fallen. Gleichzeitig fließt mehr Kapital in den neuen Markt, und die politische Unterstützung wächst.
Das Musterbeispiel dafür ist die Solarenergie. Die Kosten von Solarstrom sind laut der Untersuchung in rund einem Jahrzehnt um etwa 90 Prozent gesunken.
Anfangs wurde der Markt durch staatliche Förderung angeschoben. Der wachsende Absatz ermöglichte dann immer größere Fabriken, effizientere Produktionsverfahren und technische Verbesserungen. Sinkende Preise erhöhten wiederum die Nachfrage.
Inzwischen ist Photovoltaik in vielen Teilen der Welt die günstigste Möglichkeit, neuen Strom zu erzeugen.
Solar- und auch Windenergie haben damit in zahlreichen Märkten den positiven Kipppunkt bereits überschritten.
Doch der Effekt reicht weit über die Stromproduktion hinaus. Das Team aus Exeter bezeichnet sauberen Strom als eine Art "übergeordnete Kaskade".
Je billiger Elektrizität aus Sonne und Wind wird, desto attraktiver werden Technologien, die fossile Energieträger durch Strom ersetzen: Elektroautos, Wärmepumpen oder elektrische Industrieprozesse. Wächst deren Verbreitung, steigt wiederum die Nachfrage nach sauberem Strom – und Investitionen in erneuerbare Energien werden attraktiver.
Dadurch können sich mehrere Transformationen gegenseitig beschleunigen. Untersuchungen, auf die sich der neue Bericht stützt, zeigen, dass eine abgestimmte Politik für Strom, Verkehr und Gebäude die jeweiligen Kipppunkte um zwei bis acht Jahre vorziehen kann.
Die entscheidende Erkenntnis lautet also:
Klimapolitik wirkt besonders stark,
wenn sie nicht einzelne Sektoren isoliert behandelt,
sondern Wechselwirkungen nutzt.
Ein günstiger Preis allein genügt nicht
Damit ein positiver Kipppunkt tatsächlich erreicht wird, müssen laut dem Smith-Team allerdings drei Bedingungen erfüllt sein. Die neue Lösung muss bezahlbar, verfügbar und attraktiv sein – affordable, accessible and attractive.
Eine Wärmepumpe beispielsweise kann auf Dauer wirtschaftlich sein. Fehlen aber Handwerker, geeignete Stromnetze oder günstige Kredite, bleibt ihre Verbreitung begrenzt. Ebenso reicht es beim Elektroauto nicht, dass die Batteriepreise sinken, wenn Ladepunkte fehlen oder Strom teuer ist.
Interessant ist, dass das Prinzip keineswegs auf technische Lösungen beschränkt ist. Ein großes Potenzial sieht der Bericht bei den globalen Lieferketten für Agrarprodukte. Rindfleisch, Soja, Palmöl, Holz, Kakao und Kaffee tragen erheblich zur Zerstörung tropischer Wälder bei. Gleichzeitig wird ein großer Teil des Handels von vergleichsweise wenigen Konzernen, Finanzinstituten und großen Absatzmärkten kontrolliert.
Stimmen wichtige Importländer ihre Regeln für entwaldungsfreie Lieferketten ab, könnte eine Schwelle erreicht werden, nach der es für Unternehmen einfacher und billiger wird, grundsätzlich auf entwaldungsfreie Produktion umzustellen, statt verschiedene Lieferketten nebeneinander zu betreiben. Was zunächst eine Umweltauflage für einzelne Märkte ist, könnte so zum globalen Standard werden.
Werden die Vorteile sichtbar, steigt die Akzeptanz
Auch im Meeresschutz gibt es solche Rückkopplungen. Gut konzipierte und tatsächlich überwachte Schutzgebiete können Fischbestände und Artenvielfalt schon innerhalb weniger Jahre deutlich verbessern. Davon profitieren langfristig auch Fischer und Küstengemeinden.
Werden diese Vorteile sichtbar, steigt die Akzeptanz weiterer Schutzgebiete. Mehr Schutz führt zu stärkerer Erholung, die Erholung wiederum erhöht die Bereitschaft zu mehr Schutz. Als Beispiel nennt der Bericht unter anderem den Great Barrier Reef Marine Park in Australien.
Ein weiteres Feld ist laut dem Report die Energieversorgung armer Haushalte. Noch immer kochen rund 2,1 Milliarden Menschen weltweit mit Holz, Holzkohle oder anderen stark gesundheitsschädlichen Brennstoffen. Besonders Frauen und Kinder sind dadurch hoher Luftverschmutzung in Innenräumen ausgesetzt.
In Ost- und im südlichen Afrika könnten dezentrale Solaranlagen, saubere Kochtechniken und neue Bezahlmodelle dafür den Umstieg beschleunigen. Werden die Systeme durch größere Stückzahlen billiger und leichter verfügbar, kann auch hier ein selbsttragender Markt entstehen.
Große Chancen sehen die Forscher außerdem bei der Verringerung der Methan-Emissionen. Das Treibhausgas ist für rund 30 Prozent der bisherigen Erderwärmung verantwortlich, verbleibt aber wesentlich kürzer in der Atmosphäre als CO2.
Werden Lecks bei der Öl- und Gasförderung mithilfe von Satelliten oder Drohnen aufgespürt und geschlossen, kann sich der Effekt auf die Erwärmung vergleichsweise schnell bemerkbar machen. Methan-Minderung gehört deshalb zu den schnellsten Hebeln, um die Erderwärmung zu begrenzen.
Finanzierung wirkt positiven Kipppunkten entgegen
Selbst Klimaanpassung kann nach der Analyse eine positive Eigendynamik entwickeln. Zeigen Hochwasserschutz, Frühwarnsysteme oder hitzeresiliente Infrastruktur nachweislich Wirkung, sinken Schäden und finanzielle Risiken. Das kann Versicherungen und Kredite verbilligen und wiederum zusätzliche Investitionen in Vorsorge attraktiv machen.
Allerdings: Positive Kipppunkte entstehen nicht automatisch. Oft wirkt die aktuelle Finanzierung sogar in die entgegengesetzte Richtung.
Weltweit fließen laut UN-Zahlen jährlich rund 7.300 Milliarden US-Dollar in Aktivitäten, die Natur zerstören, aber nur etwa 220 Milliarden Dollar in naturbasierte Lösungen.
"Für jeden Dollar, der in den Schutz der Natur investiert wird, werden 30 Dollar für ihre Zerstörung ausgegeben",
sagte Smith dem britischen Guardian. Das sei eine politische Entscheidung:
"Es fehlt nicht an Geld.
Entscheidend ist, wofür es eingesetzt wird."
Gerade deshalb wollen die Forscher ihr Konzept nicht als optimistische Prognose verstanden wissen. Nicht jedes der 51 untersuchten Systeme stehe unmittelbar vor einem Kipppunkt, betonen sie. Entscheidend sei vielmehr herauszufinden, wo selbstverstärkende Mechanismen vorhanden sind – und mit welchen Maßnahmen Regierungen, Unternehmen und Investoren sie auslösen können.
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