Samstag, 19. September 2026

Technologische Führerschaft ist kein Dauerzustand.

 

Beat Flach

Deutschland führt einen Treibstofkostendeckel ein und versucht so auch ihre Verbrenner-Automobilindustrie zu retten. 

Da denke ich an die CeBIT 2017 und ein Gespräch, das ich nie vergessen habe.

Ich sprach mit einem hochrangigen Volkswagen-Vertreter über die Zukunft der Mobilität.

Seine Überzeugung: Elektroautos würden ein Nischenprodukt bleiben. Verbrennungsmotoren würden immer effizienter, Autofahren sei Emotion und Lebensgefühl – und für die Kundschaft zähle am Ende vor allem der Anschaffungspreis. 

Ich hielt dagegen: Der Elektromotor ist physikalisch wesentlich effizienter und besteht aus einem Bruchteil der beweglichen Teile eines Verbrennungsmotors. Irgendwann müsse sich das auch wirtschaftlich durchsetzen und gleichzeitig die Abhängigkeit von den Fossilen verringern. 

Dann fragte ich ihn: «Fürchten Sie nicht, dass Volkswagen eines Tages von günstigen Elektroautos aus China oder anderen asiatischen Ländern überrollt wird?» Er lachte.
Die Chinesen könnten kopieren, aber nichts Eigenes entwickeln, meinte er sinngemäss. 

Das war vor nur gerade 9 Jahren. 2025 gingen die Auslieferungen des Volkswagen-Konzerns in China um 8 Prozent zurück. Im zweiten Quartal 2026 betrug der Rückgang sogar 36,6 Prozent. Gleichzeitig hat sich der Marktanteil chinesischer Marken in EU, Grossbritannien und EFTA innert eines Jahres ungefähr verdoppelt.

Der Wettbewerb hat sich fundamental verändert. Es geht längst nicht mehr um «billige chinesische Kopien» gegen «europäische Ingenieurskunst», sondern um Batterietechnik, Software, Entwicklungsgeschwindigkeit, Produktionskosten und das beste Gesamtpaket. 

Das betrifft auch die Schweiz! Unsere exportorientierte Tech-Industrie ist eng mit der europäischen Industrie verflochten. Wenn sich globale Wertschöpfungsketten verschieben, müssen Schweizer Zulieferer ihre Technologien dort anbieten können, wo neue Märkte entstehen – in Europa, aber eben auch darüber hinaus.


Technologische Führerschaft ist kein Dauerzustand.
Wer heute vorne liegt, kann morgen zurückfallen.
Und wer einen neuen Wettbewerber belächelt, läuft Gefahr, dessen Entwicklung zu spät ernst zu nehmen. 

Und richtig übel wird es, wenn der Staat als Reaktion versucht, veraltete Industrie mit Steuergeld am Leben zu erhalten. 


Das passiert, weil die Vertreter der "etablierten Industrie" bestens und tief in die Politik vernetzt sind und die Politiker meinen, sie könne mit Industriepolitik disruptive technische Entwicklungen aufhalten. Man könnte auch Faxgeräte verschenken, wird niemand mehr sie nutzen wollen...


KOmmentar Simon S.

Es war traurig, zuzusehen, wie sich ein ganzes Land in Verweigerung der Realität viele Jahre lang gegenseitig auf die Schulter klopfte, dass die Elektromobilität schon nicht kommen würde.
Allen voran die Presse, die jahrelang heftig gegen die Elektromobilität anschrieb, weil man sonst wohl auch die Abonnenten verscheucht hätte.
Aber auch die Politik, die lieber den Leuten nach dem Maul redet anstatt vorne hin zu stehen und zu sagen, was ist. 

In den 60ern, 70ern, 80ern herrschte Aufbruchstimmung, Begeisterung, Faszination für Technik, Raumfahrt, Atomstrom, erste Computer, Tour de Sol. Wer damals jung war, konnte sich dem nicht entziehen. Heute träumen die meisten Leute, die damals begeistert für das Neue waren, immer noch jenem nach, das damals neu war. Jahrzehntelange Entwicklungen werden dieweil negiert. Weil ja die "Grünen" sonst Recht bekämen mit ihren Ideen von Solar, Wind, Elektromobilität...

Wo ist die Faszination für das Neue geblieben? Wie konnte es passieren, dass man sich in Deutschland, aber auch der Schweiz, so krampfhaft ans Alte klammert. 


Kommentar Bernhard Schärer 

Die Inserenten hatten damals schon mehr Einflussmöglichkeiten auf eine Zeitung als die Abonnenten. Gemäss einer Untersuchung der Schweizerischen Kartellkommission (heute: Wettbewerbskommission) aus den 1980er Jahren generierte eine Zeitung 80% ihrer Einnahmen aus Inseraten und 20% aus Abonnementen.

Schon in den 1980er Jahren getraute sich eine schweizerische Zeitung kaum mehr, ein neues VW-Auto einer objektiven Kritik zu unterziehen und dieses als schlecht oder mangelhaft darzustellen. Diese Zusammenhänge waren in Deutschland möglicherweise noch stärker ausgeprägt als in der Schweiz. 


Kommentar Simon S. 

https://youtu.be/62BWCF0Z1WQ

2013 (lasst euch nicht vom Reuploaddatum täuschen) hat der Zukunftsforscher Lars Thomsen auf einem Vortrag vor Vertretern der Autoindustrie mit einer Darstellung zum technischen Fortschritt und einer Prognose zur Elektromobilität in der E-Mobilisten-Szene Furore gemacht. 

Es kam wie angekündigt. Aber sie wollten halt nicht hören...… 


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