Samstag, 12. September 2026

Geduld ist gefragt in Helsinki

Ich könnte mich gut anfreunden mit einem Strategiepapier, dass immer wieder überarbeitet und doch eingebunden in langfristige Planungen ist !

"Es ist eine Politik, die weniger auf Parteiprofilierung von Wahlkampf zu Wahlkampf ausgelegt ist, sondern auf breiten Konsens und Langfristigkeit. " - hört sich das nicht traumhaft an in unseren Ohren?

Und doch: die Verkehrswende geht nur langsam voran - Geduld!


TAZ hier 12.9.2026 Aus Helsinki Simon Jockers

Der Radweg des geringsten Widerstandes

Helsinki will eine Fahrradstadt werden – aber ohne Kulturkampf und mit Lösungen,die Autofahrenden nicht wehtun. Verkehrswende ohne Konflikte: Kann das funktionieren?

Kinder kicken Bälle über die Straße in Kallio, einem alternativen Stadtteil von Helsinki. Wo sonst Autos parken, sitzen jetzt Menschen zwischen Blumenkübeln und trinken mitgebrachte Getränke, auf einem Teil der Fahrbahn wird Tischtennis gespielt. Sommerstraße nennt man das in Finnland. Von Mai bis September sperrt die Stadtverwaltung von Helsinki einzelne Straßenabschnitte für Autos und macht andere zu Einbahnstraßen. So entsteht Platz für temporäre Bänke, Schaukeln und eine kleine Bühne. Wenn es dann im Herbst wieder dunkel und kalt wird, bekommen die Autos den Platz zurück.


Dieser Kompromiss – autofreie Straßen, aber nur im Sommer – fasst ziemlich genau Helsinkis Ansatz
für die Verkehrswende zusammen

Die Stadt gilt als Vorbild für nachhaltige Mobilität und hat in den vergangenen Jahren Milliarden
für neue Radwege, Busse und Züge ausgegeben


Im Gegensatz zu anderen Vorzeigestädten der Verkehrswende, wie Paris oder Utrecht, verzichtet die Politik in Helsinki aber auf harte Einschnitte. Statt das Auto zurückzudrängen, versucht die Stadt, Konsenslösungen zu finden. Verkehrswende ohne Kulturkampf, ohne Konflikte. Kann das funktionieren?

Reetta Putkonen gehört zu denen, die diesen Spagat schaffen müssen. Als Leiterin der Straßen- und Verkehrsplanung von Helsinki setzt sie die Verkehrswende in die Praxis um. Von der Planung ganzer Straßenzüge bis zu den Details von Gehwegen und Zebrastreifen, alles läuft in ihrer Abteilung zusammen. „Der Platz in der Stadt ist die knappste Ressource, die wir haben“, sagt die Verkehrsplanerin. 

Bei ihrer Arbeit muss sie deshalb abwägen und priorisieren, zwischen Fahrspuren und Radwegen, Parkplätzen und Stadtbäumen. Das sei immer mit Kompromissen verbunden, denn Mobilität in Helsinki müsse für alle funktionieren: „Nicht nur für den fitten Vierzigjährigen, der bei jedem Wetter auf dem Fahrrad sitzt, sondern für die berufstätige Mutter, die ihre Kinder in den Kindergarten bringen und dann schnell zu einem Meeting muss.“

Die Richtschnur für Reetta Putkonens Arbeit ist die Stadtstrategie von Helsinki.

 
Nach jeder Kommunalwahl wird dieses Strategiepapier
von allen Mitgliedern des Stadtrats gemeinsam
ausgehandelt und beschlossen

Daneben gibt es lang angelegte Pläne
für die Entwicklung der Stadt und der Region um Helsinki,
die den Kurs auf Jahrzehnte vorgeben


So hat man sich zum Beispiel darauf geeinigt, den öffentlichen Nahverkehr weiter zu verbessern, Tausende neue Wohnungen rund um wichtige Verkehrsknoten zu bauen und gleichzeitig Biodiversität und städtische Natur zu erhalten.

Es ist eine Politik, die weniger auf Parteiprofilierung von Wahlkampf zu Wahlkampf ausgelegt ist, sondern auf breiten Konsens und Langfristigkeit.
Das soll einen verlässlichen Fahrplan für große gesellschaftliche Projekte ermöglichen – wie die Verkehrswende. 

Doch bei diesem Thema sieht Reetta Putkonen dennoch eine Spaltung der Stadtpolitik. Die eine Hälfte der Abgeordneten wolle eine schnelle Verkehrswende mit Vorrang für Fußgänger und umweltfreundlichen Verkehr, die andere Hälfte stehe für eine konservative Mobilitätspolitik, die möglichst wenig am Status quo verändern will. Die aktuelle Strategie von Helsinki kann als Kompromiss der beiden Lager verstanden werden. Viel Geld für Radwege und öffentlichen Verkehr, gleichzeitig wenig Einschnitte beim Auto.

Zum Konsens der Stadtpolitik gehören ambitionierte Klimaziele, an denen Helsinki seit Jahren arbeitet. Die Stadt saniert Gebäude, elektrifiziert das Heizen und schaltet fossile Kraftwerke ab. Dadurch hat sie ihre Emissionen bereits stark reduziert. Weniger gut läuft es beim Verkehr, denn ähnlich wie in Deutschland sinken die Emissionen in diesem Bereich nur sehr langsam. Dabei hat die finnische Hauptstadt Milliarden in nachhaltige Mobilität investiert. In den vergangenen Jahren hat Helsinki ein Netz von Radschnellwegen gebaut, eine neue Stadtbahn eröffnet und die U-Bahn in die Nachbarstadt Espoo verlängert. Doch trotz aller Anstrengungen steigen die Menschen in Helsinki nur zaghaft auf Bus, Bahn und Fahrrad um.

Die Verkehrspolitik von Helsinki will es allen recht machen“, sagt der Mobilitätsexperte Carlos Lamuela Orta, der an der dortigen Universität zur Verkehrswende geforscht hat. Fahrverbote oder eine Innenstadtmaut gibt es etwa nicht. Stattdessen baue die Stadt an immer größeren Infrastrukturprojekten – Fahrradschnellwege, Tunnel und Brücken.

Eine Brücke als Symbol

Während Carlos Lamuela Orta das erklärt, steht er vor dem neuesten dieser Projekte: Die Kruunuvuorensilta, die höchste und längste Brücke Finnlands, überspannt auf 1.200 Metern die Ostsee. Seit dem Frühling 2026 verbindet diese Brücke die inneren Bezirke von Helsinki direkt mit der Insel Laajasalo im Osten der Stadt. Die Insel, auf der früher Öltanker entladen wurden, bietet heute Wohnraum für viele Tausend Menschen. Über die neue Brücke kommen die Be­woh­ne­r:in­nen von Laajasalo nun deutlich schneller in die Innenstadt als früher. Vorausgesetzt, dass sie mit dem Rad oder der Straßenbahn unterwegs sind. Denn trotz ihrer gigantischen Größe hat die neue Brücke keine Fahrspuren für Autos. Das macht sie zum Symbol für die postfossile Metropole, die Helsinki sein möchte.

Allerdings scheint das bei den Menschen in Helsinki noch nicht angekommen zu sein. Obwohl sich die Stadt vorgenommen hatte, den Anteil des Radverkehrs zu verdoppeln, stagniert dieser seit einigen Jahren. Trotz aller Investitionen werden nur ein Zehntel aller Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt – deutlich weniger als etwa in Berlin oder Hamburg.

Dass eine schnelle Verkehrswende durchaus möglich ist, zeigt das Beispiel von Paris. Dort konnte die linke Bürgermeisterin Anne Hidalgo den Anteil des Fahrrads im Stadtverkehr in ihren zwei Amtszeiten vervielfachen. Der Autoverkehr ging deutlich zurück – auch durch radikale Maßnahmen wie Durchfahrtsverbote und den Rückbau von Fahrspuren.

Auch in Helsinki nimmt die Bedeutung des Autos ab, aber nur langsam. Dabei hätte auch die finnische Hauptstadt gute Voraussetzungen für eine schnelle Verkehrswende. Laut Reetta Putkonen ist Helsinki eine 15-Minuten-Stadt, in der die meisten Wege einfach zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegt werden können: „In Helsinki kannst du zwar ein Auto benutzen – aber im Alltag, zum Einkaufen oder für den Weg zum Kindergarten, brauchst du es nicht“.

Das bedeutet jedoch nicht, dass die Einwohner von Helsinki auf ihr Auto verzichten müssten. Im Gegensatz zu Paris fließt der motorisierte Verkehr in Helsinki noch weitgehend ungebremst, auch mitten durch die Innenstadt. Trotz aller großen Worte zur Verkehrswende werde die Dominanz des Autos kaum angetastet, meint Carlos Lamuela Orta. Selbst diejenigen in Politik und Verwaltung, die eine schnellere Wende wollen, schrecken vor radikalen Schritten zurück. 

Nimmt der allgegenwärtige Konsens den mutigen Visionen den Schwung? Verschiedene innovative Mobilitätsprojekte, die auch international Beachtung fanden, wurden in den letzten Jahren nicht weiterverfolgt. So war der Umbau von Stadtautobahnen zu verkehrsberuhigten Boulevards 2016 noch Teil der offiziellen Stadtplanung – heute, im Jahr 2026, scheint er undenkbar.

Finnland ist ein Autoland. Viele Finnen sind auf ihr Auto angewiesen, denn außerhalb von großen Städten sind die Wege lang und Bahnverbindungen sind selten. Und auch in der finnischen Hauptstadt besitzen viele Menschen ein Auto, da sie ohne eigenes Fahrzeug weder ihr Sommerhäuschen am See noch ihre Freunde und Verwandte auf dem Land erreichen.

Im Vergleich zu Deutschland scheint das Auto aber weniger zum Kulturkampf zu taugen. So gelten auf finnischen Autobahnen ganz selbstverständlich Tempolimits von 100 bis 120 km/h, im Winter oft weniger. Auf rund 60 Prozent der Straßen in Helsinki darf maximal 30 gefahren werden, und auf den meisten anderen Straßen gilt Tempo 40. Das finden zwar nicht alle gut, aber die öffentliche Debatte um Tempolimits hält sich in Grenzen. 

Auch wenn die Kompromisspolitik noch nicht dazu führt, dass die Emissionen für Mobilität sinken, hat sie ein anderes Ziel erreicht: der Verkehr in Helsinki ist bereits heute so sicher wie in kaum einer anderen europäischen Großstadt. Die Zahl schwerer Verkehrsunfälle hat stark abgenommen.

Die Verkehrsplanerin Reetta Putkonen glaubt, dass auch der Weg hin zu klimaschonendem Verkehr nur eine Frage der Zeit ist. Laut dem Copenhagenize Index gehört Helsinki schon jetzt zu den fahrradfreundlichsten Städten der Welt. Man habe viele Jahre gebraucht, um politische Unterstützung für die nötigen Investitionen zu bekommen und viele weitere Jahre, um Radschnellwege, Brücken und Tunnel zu bauen, sagt Putkonen. Jetzt brauche man eben noch etwas Geduld, bis sich auch die Mobilitätskultur verändert. In langen Linien denken, das ist hier schließlich der Grundsatz der Politik.

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