Frankfurter Rundschau hier 26.12.2024, Von: Joachim Wille
Globalisierte Klimakrisen: Die Verwobenheit der WeltDie 3 Kreise Ravensburg, Sigmaringen und Bodenseekreis haben trotz lauter Proteste keinen zukunftsfähigen Regionalplan bekommen. Wo steht Deutschland, Baden-Württemberg und seine Kommunen aktuell beim Klimaschutz? Welche Möglichkeiten gibt es und wo gibt es Anregungen, die übernommen werden könnten?
Dienstag, 31. Dezember 2024
Die ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Krisen sind so eng miteinander verknüpft, dass sie nur gemeinsam gelöst werden können
Mittwoch, 25. Dezember 2024
Ökologische, soziale und wirtschaftliche Krisen sind nicht nur miteinander verknüpft – sie verstärken sich gegenseitig
Wer denkt nicht als Erstes an die furchtbaren, ergebnislosen COPS von 2024. Nun liegen 2 neue Berichte vor zur Vorbereitung des Nächsten COP-Treffens, das endlich mal wieder in einem Nicht-Ölstaat stattfinden wird. Man könnte hoffen, dass es dann mal wieder positive Nachrichten gibt.
Zum Anhören Deutschlandfunk hier und hier Seynsche, Monika | 18. Dezember 2024
Dienstag, 6. Dezember 2022
Montreal: Gegen das Verschwinden der Welt – und für den Erhalt der Biodiversität
Frankfurter Rundschau hier Von: Joachim Wille 05.12.2022
Nach dramatischen Warnungen der UN versuchen die Staaten der Welt nun doch noch, die Vielfalt der Natur zu bewahren.
Leben gibt es auf der Erde seit rund 3,5 Milliarden Jahren – mit äußerst wechselhafter Geschichte. Fünfmal starb ein Großteil aller Lebensformen aus. Eine bereits hoch entwickelte Biodiversität schrumpfte dabei auf ein Minimum. Jedes mal wurde der Verlauf der Evolution in neue Bahnen gelenkt. Das größte Massenaussterben ereignete sich vor 250 Millionen Jahren. Damals verschwanden etwa drei Viertel aller Landlebewesen und sogar 95 Prozent des Lebens im Ozean binnen weniger Tausend Jahre. Das letzte dieser Ereignisse führte vor etwa 66 Millionen Jahren zum Verschwinden unter anderem der Dinosaurier.
Die Fachwelt geht davon aus, dass das sechste Massenaussterben bereits begonnen hat.
Allerdings ist diesmal nicht Vulkanismus, eine natürliche Klimaveränderung oder ein Asteroideneinschlag die Ursache. Es ist der Mensch, der die Ökosysteme und damit die Lebensbedingungen der Pflanzen und Tiere radikal verändert. Es wird geschätzt, dass heute pro Tag 150 Arten aussterben. Bisherige Anläufe, den Artenschwund auf internationaler Ebene zu stoppen, schlugen fehl. Doch nun startet ein neuer Versuch, auf dem 15. UN-Naturgipfel, der von Mittwoch an zwei Wochen lang im kanadischen Montreal tagt.
Montreal: ein Bericht zeigt die Dramatik
Die Mitgliedsländer der Konvention zur Biologischen Diversität (englisches Kürzel: CBD) sollen dort neue Ziele für den Arten- und Naturschutz beschließen. Unter anderem geht es um den Vorschlag, bis 2030 ein Drittel der Land- und Meeresflächen der Erde unter Schutz zu stellen.
Der aktuellste Überblicksbericht des Weltbiodiversitätsrates (IPBES), des Pendants zum UN-Klimarat (IPCC), zeigt die Dramatik. Danach sind bis zu eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht, viele bereits in den nächsten Jahrzehnten.
Mittwoch, 21. September 2022
Ein guter Tag für die Natur: 1,5 Milliarden Euro für die Natur
Süddeutsche Zeitung hier 21. September 2022 Kommentar von Tina Baier
Umwelt: Umweltschutz finden alle wichtig. Aber immer bleibt die Frage: "Und wer bezahlt das alles?"
Die finanzielle Unterstützung der Bundesregierung für den weltweiten Naturschutz ist viel mehr wert als die zugesagten 1,5 Milliarden Euro pro Jahr.
Es ist ein seltenes Ereignis, dass sich alle großen Naturschutzverbände in Deutschland bei einem Thema einig sind. Noch ungewöhnlicher ist es, dass sie wie aus einem Mund die Bundesregierung loben. Die Ankündigung von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), die finanzielle Unterstützung für den weltweiten Naturschutz auf 1,5 Milliarden Euro jährlich zu erhöhen und damit mehr als zu verdoppeln, ist ein großer Schritt in die richtige Richtung.
Die Ankündigung zeigt, dass die Bundesregierung das Artensterben endlich ernst nimmt. Und sie lässt hoffen, dass die Biodiversitätskrise, die für die Menschheit mindestens genauso bedrohlich ist wie der viel präsentere Klimawandel, nicht in Vergessenheit geraten ist. In Anbetracht des Kriegs in der Ukraine und der nicht enden wollenden Pandemie ist das umso bemerkenswerter.
Auch der Zeitpunkt der Ankündigung ist klug gewählt. In wenigen Wochen, Anfang Dezember, startet im kanadischen Montreal die Weltnaturkonferenz, auf der ein verbindliches Abkommen zum Schutz von Tieren, Pflanzen und ihren Lebensräumen verabschiedet werden soll.
Umweltschützer verbanden mit dem Gipfel lange Zeit große Hoffnungen: Er sollte einen Wendepunkt markieren, von dem an die Natur nicht mehr rücksichtslos ausgebeutet, sondern pfleglich behandelt und geschützt werden sollte.
Freitag, 14. Januar 2022
Samenfresser: Klimaschutz braucht wilde Tiere
hier Spektrum der Wissenschaft von Thomas Krumenacker
Wälder brauchen Zugvögel und Säugetiere, um sich an das sich ändernde Klima anzupassen. Scheitert der Artenschutz, scheitert der Kampf gegen den Klimawandel.
Der Klimawandel treibt das Leben auf unserem Planeten aus seinen angestammten Orten. Immer mehr Organismen fliehen im Wettlauf mit der Erderwärmung nach Norden, um in der wärmeren Welt einen neuen Platz zum Überleben zu finden.
Freitag, 19. November 2021
Biodiversität mitdenken
Dieser Artikel spricht mir aus dem vollsten Herzen, doch ich fürchte, wir sind weit entfernt davon, wenn ich die Infos aus den Koalitionsverhandlungen höre.
TAZ hier
Gastkommentar von Ulrike Fokken
Sie ist „Boomer for Nature“ und schreibt über Natur, Umweltpolitik, Wirtschaft und Wildnis.
Die Ökosystemkrise muss ins Bewusstsein der Bevölkerung gelangen. Das bedeutet für die Ampel-Koalition, den Fortschritt neu zu definieren.
Zu gern wüsste man, ob sich die Koalitionäre was Schlaues ausdenken und Deutschland fit für den Klimawandel machen. Also nicht nur die erneuerbaren Energien ausbauen, wie es die Koalitionsverhandelnden haben durchblicken lassen, denn das reicht ja nicht aus. Herrgott noch mal, das wussten wir ja auch alle schon vor der Wahl, als der eine „Klimakanzler“ werden wollte und die andere eine „Klimaregierung“ versprach.
Doch in den Koalitionsverhandlungen beklagen sich die Grünen, dass Klima eben nicht „Chefsache“ sein wird, sondern sie SPD und FDP jedes bisschen Klimaschutz abverhandeln müssen, als sei der Klimawandel ein linksalternatives Projekt. Zwei Prozent des Landes soll mit Windenergieanlagen bebaut werden, von denen niemand sagen kann, wo diese rund 10.000 Quadratkilometer Landesfläche eigentlich herkommen sollen.
Die Ankündigung ist weder innovativ noch überraschend, denn nach beschlossenem Atom- und Kohleausstieg lag der Umbau des Energiesystems in der Luft. Wir wissen also noch nicht, ob die zukünftigen Koalitionäre das offenkundig nicht mehr gut funktionierende Gesundheitssystem reformieren und für Heißzeiten und Pandemien wappnen. Ob sie das Verkehrssystem so umbauen, dass Elektroautos selbst in der Gegend herumfahren und Menschen dort einsammeln, wo sie sind.
Ob sie also die Mobilität der Gesellschaft fördern und nicht den privaten Besitz PS-starker und teurer E-Autos. Ob sie Schulen und Hochschulen ausbauen, an denen junge Leute aus allen gesellschaftlichen Schichten und allen finanziellen Hintergründen Wissen erwerben und mehren, mit dem sie sich an den Klimawandel anpassen können. Ach, die Liste all der systemrelevanten Felder ist lang, die die zukünftige Koalition klimawandeltauglich reformieren muss.
Und sie muss die Klimapolitik mit dem noch viel größeren, lebenswichtigen, allumfassenden Thema verbinden, über das niemand spricht: mit dem Erhalt der biologischen Vielfalt. Auf die Biodiversitätskrise hat die Ampel keine Antworten. Sie beschäftigt sich gar nicht erst mit Natur und Ökosystemen, und dass diese unfassbare Realitätsverleugnung durch die Poren der Verhandlungsräume nach außen sickerte, zeugt von dem Maß des Entsetzens einiger Verhandler, die sie nun öffentlich machten.
SPD und FDP begreifen kaum die Dimension des Klimawandels und der politischen Entscheidungen, die sie mit den Grünen fällen müssen. Die Krise der Ökosysteme sprengt die Vorstellungskraft aller drei Parteien. Beim Thema Natur geht es nicht mehr um den Schutz einer Orchideenwiese oder den Erhalt von 40 Quadratmeter Feuchtbiotop am Rande eines Gewerbegebiets, sondern es geht darum, eine politische Antwort auf den drohenden Zusammenbruch von Ökosystemen zu finden.
Ökosysteme wie ein Wald oder ein Fluss sorgen für Trinkwasser und kühlende Luft, sie filtern Feinstaub, verarbeiten bis zu einem bestimmten Maß Chemikalien und anderen Dreck der menschlichen Lebensweise, beherbergen bestäubende Insekten, Pilze, Kleinstlebewesen, die die Bäume, Tiere, kurzum die Natur am Laufen halten. Ökosysteme versorgen uns mit den Ökosystemdienstleistungen, ohne die uns auch Elektroautos und grüner Strom nicht durch den Klimawandel helfen.
Vielleicht bilden sich die Koalitionäre, die Beamten und die politischen Technokraten rund um die nächste Bundesregierung noch allesamt ein, dass Technik ausreicht, um die Klimakrise abzuwenden oder uns an die Erderwärmung anzupassen. Technik hilft nicht, um die Krise der biologischen Vielfalt zu mindern. Im Gegenteil.
Ökosysteme wie ein natürlicher Wald mit lebenden, alten und toten Bäumen, ein frei fließender Fluss mit umspülten Ufern und Auen, ein Moor oder eine Magerwiese arbeiten dann am besten, wenn der Mensch sich raushält. Raushalten bedeutet aber auch: keine industrielle Nutzung, kein Infrastrukturprojekt. Deutschland ist ein Industrieland. Daraus bezogen dieses Land und der Großteil seiner Bewohner jahrzehntelang Wohlstand und Selbstverständnis. Aber Deutschland hat es übertrieben mit der Naturzerstörung.
So sind viele Flüsse so stark umgebaut, dass mittlerweile die Flusssohlen ins Grundwasser durchbrechen können. Das seit 40 Jahren sinkende Grundwasser würde dann in manchen Regionen von ungefiltertem Wasser verschmutzt. In funktionierenden Fluss-Ökosystemen reinigt das Sediment der Flusssohle das Wasser, bevor es in das Grundwasser strömt. Dieser natürliche Prozess kann nicht technisch nachgebaut werden.
Weltklimarat und der Weltbiodiversitätsrat IPBES appellieren, Klimakrise und Biodiversitätskrise zusammenzudenken. Dazu gehört, keine Windenergieanlagen in Naturschutzgebieten oder in Wäldern aufzustellen. Es bedeutet, keine weiteren Autobahnen zu bauen und auch die Bestehenden nicht zu verbreitern.
Erderwärmung und Artensterben zusammenzudenken bedeutet, den Menschen zu sagen, dass niemand ein Anrecht auf ein neu gebautes Eigenheim auf einer ehemaligen Wiese hat, dass Parkplätze zu Parks werden, Äcker einen 20 Meter breiten Strauchstreifen bekommen, keine weiteren Logistikzentren, keine Einkaufzentren, keine Wassersporthäfen gebaut werden.
Nicht die Eigenheimzulage bringt Wohlstand, nicht die E-Auto-Prämie fördert die ökologische Verkehrswende, nicht der Bau von Batteriefabriken in Wasserschutzgebieten steigert unsere Fähigkeit, uns an den Klimawandel anzupassen. Schon dieser Text zeigt, wie schwierig es ist, eine positive, bejahende Vision für die Biodiversitätskrise zu formulieren. Alles muss anders werden, damit es gut wird.
Die Ökosystemkrise zwingt zu alternativlosem Handeln, sie zwingt zu einem „Systemwechsel“, wie die Wissenschaftler des Weltbiodiversitätsrats sagen. Die Ökosystemkrise ins Bewusstsein zu lassen, bedeutet für die über eine Koalition Verhandelnden, den Fortschritt neu zu definieren.