Martin Jendrischik 10.9.26
Manager Claus Wattendrup hat heute einen Satz geschrieben, den man von Konzernmanagern selten liest: "Heute ist einer der stolzesten Tage meines Berufslebens."
Der Anlass: Vattenfall hat die finale Investitionsentscheidung für einen Batteriespeicher auf dem Gelände des Kernkraftwerks Brunsbüttel getroffen.
In den Agenturmeldungen lief das als Wirtschaftsnachricht durch. Wer genauer hinschaut, sieht mehr.
- 254 Megawatt Leistung.
- 1.000 Megawattstunden Kapazität.
- Vier Stunden Speicherdauer.
- Am Netz Ende 2028.
Auf demselben Gelände wird seit 2011 der Reaktor zurückgebaut, und das dauert noch bis weit in die 2030er Jahre. Der Speicher ist also fertig, Jahre bevor das Kraftwerk verschwunden ist.
Das alte Kraftwerk hinterlässt dem neuen Speicher dabei sein wertvollstes Erbe: den Anschluss ans 380-Kilovolt-Netz von 50Hertz. Ohne diese Leitung wäre der Standort für ein Projekt dieser Größe nicht in Frage gekommen.
Die Infrastruktur des fossil-nuklearen Zeitalters wird zur Grundlage des elektrischen.
Was der Speicher leistet, wird in vielen Meldungen falsch beschrieben. Er versorgt keine 100.000 Haushalte, wie eine verbreitete Faustformel suggeriert. Ein Speicher erzeugt keine Kilowattstunde. Er nimmt Windstrom auf, der in Schleswig-Holstein an guten Tagen sonst abgeregelt würde, und gibt ihn ab, wenn er gebraucht wird. Genau diese Abregelung treibt seit Jahren die Redispatch-Kosten, die alle Stromkunden über die Netzentgelte bezahlen.
Und in derselben Woche hat die Bundesregierung die EEG-Novelle mit dem Netzpaket in den Bundestag eingebracht, in dem ein Redispatch-Vorbehalt steht. Was in Brunsbüttel technisch entsteht, verhandelt Berlin zeitgleich juristisch.
Wattendrup ist Diplom-Ingenieur der TU Berlin, Energie- und Verfahrenstechnik, seit 17 Jahren bei Vattenfall, davon fünf Jahre als Director Offshore Wind. Jetzt baut er den Speicher auf dem Atomgelände. Sein Stolz ist berechtigt.
Martin Jendrischik
Die ganze Geschichte, mit dem Zeitkontrast, der Netz-Erbschaft und der Richtigstellung der Haushalts-Rechnung: https://www.cleanthinking.de/batteriespeicher-brunsbuettel-vattenfall/
Batteriespeicher Brunsbüttel: Wo der Reaktor stand, entsteht der Speicher
Vattenfall baut auf dem Gelände des stillgelegten Kernkraftwerks Brunsbüttel einen Batteriespeicher mit 254 Megawatt Leistung. Er soll Ende 2028 ans Netz gehen, mitten im laufenden Rückbau des Reaktors, der sich noch bis weit in die 2030er Jahre zieht.
Vattenfall hat die finale Investitionsentscheidung für seinen bislang größten Batteriespeicher getroffen. Die Anlage entsteht auf dem Gelände des Kernkraftwerks Brunsbüttel im Kreis Dithmarschen, das seit 2007 dauerhaft vom Netz ist und derzeit zurückgebaut wird. Ein ähnlicher Fall entsteht derzeit am AKW-Standort Brokdorf. Dies teilte der Energiekonzern am 10. September 2026 mit.
Der Speicher soll eine Nennleistung von 254 Megawatt erreichen und bis zu 1.000 Megawattstunden Strom aufnehmen. Das entspricht einer Speicherdauer von rund vier Stunden. Die Inbetriebnahme ist für Ende 2028 geplant. Der alte Reaktor daneben wird zu diesem Zeitpunkt noch Jahre lang abgetragen: Vattenfall hat erst kürzlich die Genehmigung für die zweite Abbauphase erhalten, der Rückbau zieht sich noch bis weit in die 2030er Jahre.
„Das sind sehr gute Nachrichten für Vattenfall und für den Energiestandort Brunsbüttel. Je stärker Wind- und Solarenergie ausgebaut werden, desto wichtiger werden leistungsfähige Speicher wie diese, um die Versorgungssicherheit zu erhöhen und fossile Energieimporte zu ersetzen“,
sagt Claus Wattendrup, Leiter des Bereichs Solar & Batteries bei Vattenfall.
Wattendrup ist Diplom-Ingenieur der TU Berlin, arbeitet seit 17 Jahren für den Konzern und war zuvor fünf Jahre lang Director Offshore Wind.
Der Reaktor vererbt dem Speicher sein Netz
Dass der Batteriespeicher Brunsbüttel ausgerechnet auf dem AKW-Gelände entsteht, hat einen konkreten Grund. Das Kraftwerk war 1976 ans Netz gegangen und hatte in seiner Laufzeit rund 118 Terawattstunden Strom erzeugt. Für den Betrieb brauchte es einen leistungsfähigen Anschluss an das Übertragungsnetz. Dieser Anschluss steht noch. Vattenfall nennt die vorhandenen Flächen und die Netzanbindung als Voraussetzung für das neue Projekt.
Der Speicher wird an das 380-Kilovolt-Netz des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz angeschlossen. Dafür baut Vattenfall ein neues Umspannwerk auf dem Gelände. Die alte Infrastruktur eines Kernkraftwerks wird damit zur Grundlage für eine Batterieanlage, die mit Kernenergie nichts mehr zu tun hat.
Was der Speicher wirklich leistet
In mehreren Meldungen zum Projekt kursiert eine Faustformel: Der Speicher könne mehr als 100.000 Vier-Personen-Haushalte einen Tag lang mit Strom versorgen. Rechnerisch stimmt das ungefähr. Trotzdem führt die Formulierung in die Irre, denn ein Batteriespeicher erzeugt keinen einzigen Kilowattstunde Strom. Er nimmt Strom auf, der sonst verloren ginge, und gibt ihn ab, wenn er gebraucht wird. Die genaue Beschreibung lautet: 254 Megawatt Leistung über vier Stunden.
Konkret soll der Speicher Windstrom aus Schleswig-Holstein aufnehmen, der bei Netzüberlastung sonst abgeregelt würde, also gedrosselt statt eingespeist wird. Genau diese Abregelung treibt in Deutschland die Kosten für Redispatch, den Eingriff der Netzbetreiber zur Entlastung überlasteter Leitungen, seit Jahren nach oben. Wie stark Batteriespeicher das Stromsystem dabei entlasten können, zeigt eine Berechnung von 3,9 Milliarden Euro.
Vattenfall verdoppelt mit dem Projekt sein Batterieportfolio nahezu, von derzeit 270 Megawatt.
Der Konzern optimiert und vermarktet zusätzlich Speicher
für Dritte, dieses Portfolio soll bis 2029 auf
bis zu 1.500 Megawatt wachsen.
Die deutschen Übertragungsnetzbetreiber erwarten, dass die installierte Leistung von Großbatteriespeichern bundesweit bis 2040 die Marke von 80 Gigawatt überschreitet. Ende Juni 2026 lag der Bestand bei 18,5 Gigawatt und 31,5 Gigawattstunden Kapazität, im ersten Halbjahr 2026 wuchs die Kapazität um 76 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Berlin verhandelt, was Brunsbüttel schon baut
Die Bundesregierung hat in derselben Woche die EEG-Novelle mit dem sogenannten Netzpaket in den Bundestag eingebracht. Darin steht ein Redispatch-Vorbehalt:
Anlagen in überlasteten Netzgebieten dürfen künftig bis zu sechs Jahre lang für 80 bis 82 Prozent ihrer Jahresstrommenge ohne Entschädigung abgeregelt werden. Die erste Lesung ist für den 21. September angesetzt. Was in Brunsbüttel technisch entsteht, verhandelt der Bundestag zeitgleich juristisch: einen Weg, mit überschüssigem und sonst abgeregeltem Windstrom umzugehen.
„Heute ist einer der stolzesten Tage meines Berufslebens“, schreibt Wattendrup auf LinkedIn. Ob sich die Freude auch in belastbaren Zahlen zum Redispatch-Effekt niederschlägt, wird sich erst nach Inbetriebnahme Ende 2028 zeigen.
Dazu aus unserem Archiv:
Batteriespeicher am AKW-Standort Brokdorf, dasselbe Muster an derselben Küste:
https://www.cleanthinking.de/batteriespeicher-brokdorf-am-akw-standort/
Was Redispatch wirklich kostet, unser Faktencheck:
https://www.cleanthinking.de/faktencheck-redispatch-drei-milliarden/
Originalquelle, die Vattenfall-Pressemitteilung:
Finale
Entscheidung: Batteriespeicher in Brunsbüttel kommt
https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/dithmarschen_steinburg/finale-entscheidung-batteriespeicher-in-brunsbuettel-kommt,regionheidenews-3696.html?utm_source=flipboard&utm_content=topic%2Fde-wirtschaft
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