Die Süddeutsche Zeitung schreibt hier: Es ist ein Datensatz, wie er noch nie öffentlich wurde: Die vertraulichen Betriebshefte von 681 Obstbauern geben tiefe Einblicke in den Pestizideinsatz beim Apfelanbau in Südtirol.
Insgesamt gibt es in Südtirol etwa 7000 Apfelbauern. Die ausgewerteten Daten von 681 Anbaubetrieben sind statistisch nicht repräsentativ. Aber: Zum ersten Mal gewährt ein solch umfangreicher Datensatz aus erster Hand der breiten Öffentlichkeit Einblicke in die Methoden des Apfelanbaus, wie sie vermutlich nicht nur in Südtirol, sondern auch in anderen großen Anbauregionen üblich sind.
Für die Südtiroler geht es bei alledem um ein riesiges Geschäft.
935 000 Tonnen Äpfel wurden dort 2021 geerntet. Jeder zehnte in Europa und jeder vierte in Italien verkaufte Apfel wuchs in Südtirol. Deutschland ist der größte Importeur aus der nördlichsten Provinz Italiens, die wiederum mit einer Anbaufläche von umgerechnet etwa 25 000 Fußballfeldern das größte zusammenhängende Apfelanbaugebiet Europas ist.

25.01.2023
So hoch war der Pestizideinsatz im Südtiroler Vinschgau 2017
Landwirtschaftliche Betriebe müssen in der EU genau dokumentieren, welche Pestizide sie wann und wo in welchen Mengen ausbringen. Doch normalerweise werden diese Angaben weder ausgewertet noch öffentlich zugänglich gemacht. Zum ersten Mal überhaupt konnte das Umweltinstitut nun hunderte Spritzhefte von Obstbetrieben aus dem Südtiroler Vinschgau unter die Lupe nehmen – eine europaweit wegweisende Untersuchung. Nach monatelanger Arbeit stellen wir heute einen Bericht mit den Ergebnissen unserer Auswertung vor, der ein genaues Bild der Verwendung von Pestiziden in einer der wichtigsten Anbauregionen für Äpfel in ganz Europa zeichnet.
Die alarmierenden Ergebnisse finden Sie auf unserer Website hier
Dass wir an die Spritzhefte gekommen sind, ist ironischerweise dem Versuch der Südtiroler Landesregierung und der dortigen Apfelindustrie geschuldet, unsere Kritik am hohen Pestizideinsatz in der Region durch eine Strafanzeige zum Schweigen zu bringen. Doch das ging kräftig nach hinten los. Denn der Prozess wegen angeblicher „übler Nachrede“ endete für uns nicht nur mit einem Freispruch, sondern führte auch zur Beschlagnahmung der Spritzdaten als Beweismittel. So hat ausgerechnet der Südtiroler „Pestizidprozess“ gegen das Umweltinstitut dazu geführt, dass wir heute genauer denn je zuvor untermauern können, wie groß das Südtiroler Pestizidproblem tatsächlich ist.
Die Auswertung der Spritzdaten bietet einen brisanten Einblick in die landwirtschaftliche Praxis im intensiven Obstbau:
Insgesamt wurden mehr als 80 unterschiedliche Pestizidwirkstoffe verwendet, von denen etliche als besonders gefährlich für die menschliche Gesundheit oder die Umwelt gelten.
Zu den besonders häufig eingesetzten Substanzen gehörte etwa das Fungizid Fluazinam, das unter anderem vermutlich krebserregend und fruchtbarkeitsschädigend ist. Auch Stoffe, die für Honigbienen oder Wasserorganismen gefährlich sind, kamen zum Einsatz. Und damit nicht genug: Von März bis September 2017 gab es im Vinschgau, einer beliebten Urlaubsregion, keinen einzigen Tag, an dem Mensch und Umwelt nicht dem Pestizidnebel ausgesetzt waren. Oft kommen die Gifte zudem als „Cocktail“ mehrerer Substanzen zum Einsatz – bis zu neun verschiedene Wirkstoffe wurden am gleichen Tag angewendet.