Mittwoch, 23. September 2026

Aber die Zukunft wird, natürlich, elektrisch sein. Seien Sie technologieentschlossen.

Spiegel hier 23.09.2026, Eine Kolumne von Ullrich Fichtner

Elektro-Lkw statt Diesel

»Wir werden praktisch unsere eigenen Ölscheichs«

Der Verkehrssektor ist das Sorgenkind der Energiewende.
Eine österreichische Spedition macht nun vor, wie es besser geht – und auf Dauer sogar billiger.

Die Benzinverbrenner und Dieselstinker haben in Deutschland im vergangenen Jahr gut 146 Millionen Tonnen Treibhausgase ausgestoßen – und das waren noch einmal 2,1 Millionen Tonnen mehr als ein Jahr zuvor, frisch serviert aus dem Auspuff.

Anders gesagt: Während es anderswo schon ganzen Ländern gelingt, ihre Autoflotten zu elektrifizieren und zu dekarbonisieren und damit die Emissionen des Verkehrssektors drastisch zu senken, steigen sie in Deutschland weiter, man stelle sich vor. 

Autos, Laster und Motorräder haben das einst verbindlich vorgeschriebene (heute nur noch wünschenswerte) klimapolitische Sektorziel für den Verkehr im Alleingang gerissen , wie sich das Umweltbundesamt ausdrückt. Und in Zeiten wie diesen klingt das gleichermaßen verrückt wie empörend.

War da nicht was mit dem globalen Trend zum E-Auto? Wollte nicht VW die Welt elektrisch von hinten aufrollen? Spielen nicht auch die Spritpreise im Abstand von ein paar Jahren regelmäßig verrückt? Und gilt nicht außerdem seit gefühlt 50 Jahren die Devise: Schiene statt Straße ?

Zum Autor
Ullrich Fichtner, Jahrgang 1965, bereist als Reporter des SPIEGEL seit 2001 die Welt. Er hat aus vielen Kriegs- und Krisengebieten berichtet, mit wechselnden Dienstsitzen in Hamburg, New York und Paris. Seine Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet. Dass viele Menschen heute, zumal im reichen Europa, den Glauben an die Zukunft verlieren, findet er unbegreiflich. Heutige Kinder seien, im Gegenteil, »geboren für die großen Chancen«, meint er, und so lautet auch der Titel eines seiner Bücher.

Aufbruch in die zweite große Elektrifizierung

Es scheint alles nichts zu helfen. Deutschland, mit Nordkorea und ein paar anderen Geisterfahrerstaaten eines der ganz wenigen Länder der Welt ohne allgemeines Tempolimit , gibt einfach weiter Verbrenner-Vollgas, Rambozambo im Rückwärtsgang.
Und wenn der Kanzler in Schwerin, Magdeburg oder Berlin gerade nichts Wichtigeres zu tun hat, lässt er seine Wirtschaftsministerin in Brüssel und sonst wo weiter tapfer für die Verbrenner kämpfen.

Aber die Zukunft wird, natürlich, elektrisch sein. In welcher Form genau, das schält sich gerade heraus, aber an der Grunderkenntnis bestehen keinerlei Zweifel. Warum das – im Ernst – bislang nur asiatische und skandinavische Länder zu begreifen scheinen, ist mir unerfindlich. Die aktuelle zweite große Elektrifizierung liefert doch dafür genug Belege jeden Tag, und man muss wirklich Tomaten auf den Augen haben, sie nicht zu sehen.

Zweite Elektrifizierung? Nun ja, die erste entfaltete sich bekanntlich um 1900  – und hatte umwälzende Folgen für die gesellschaftliche Organisation und das menschliche Leben. Damals wurden, weil plötzlich jederzeit Licht verfügbar wurde, abendliche Vergnügungen möglich, lange Ladenöffnungszeiten, Nachtarbeit, ein Leben nach Belieben rund um die Uhr. Hochhäuser entstanden, nicht vorrangig wegen bautechnischer Fortschritte, sondern weil mit Elektrizität automatisch betriebene Aufzüge zwischen den Stockwerken möglich wurden.

Die Welt verbessern – und dabei noch sparen

Auch dieses Mal wird alles anders werden, wenn die Welt auf völlig neue, ungeahnte Weisen unter Strom steht. Sollte Elon Musk recht behalten, gibt es in zehn Jahren eine Milliarde Roboter  auf der Welt, die dann mehr Arbeit wegschaffen als die gesamte Menschheit zusammen. Na, da drücke ich mal ganz fest die Daumen, dass dann nicht allzu viele von ihnen immer noch gegen Wände rennen, wie kürzlich bei der Roboter-Olympiade  in Peking.

So oder so wäre es clever, jetzt einfach die nächsten logischen Schritte zu gehen, die sich aus den neuen technischen Optionen ergeben. Es geht darum, das Fernziel der Dekarbonisierung im Blick zu behalten und die heutigen Möglichkeiten der Elektrifizierung zu nutzen, um Produkte und Dienstleistungen zu verbessern – und dabei eine Stange Geld zu sparen.
Geht nicht? Gibt’s nicht mehr. Dank Solarstrom, Batterien und E-Antrieben.

Mir ist das gerade wieder sehr deutlich vor Augen getreten, als ich irgendwo im Nachrichtenfernsehen in die traurigen Augen eines Lasterfahrers blicken durfte, der seinen Lkw irgendwo in Europa gerade mit Diesel betankte – für 2,37 Euro pro Liter.

Teure E-Laster, die sich mittelfristig rechnen

Und da fiel mir ein anderes Video  wieder ein, das ich auch kürzlich gesehen hatte.
Darin sprach ein leitender Mitarbeiter der österreichischen Firma Schachinger Logistik  über den Umbau seiner Firma in Zeiten der zweiten Elektrifizierung. Der Referent hieß Nikolaus Skarabela und sagte an einer Stelle über die Umstellung auf E-Lkw und deren Betrieb aus eigenen Speichern: »Wir werden praktisch unsere eigenen Ölscheichs.« Besser kann man es kaum ausdrücken.

Das Unternehmen Schachinger verfrachtet Pharmaprodukte, Süßwaren und auch sonst alles Mögliche im europäischen Markt und hat allein an seinem Standort Hörsching bei Linz 300 Lkw im ständigen Einsatz. Die Firma investiert jetzt kräftig in elektrisch betriebene 44-Tonner, die in der Anschaffung aktuell zwar zweieinhalbmal so viel kosten wie Verbrenner – 250.000 Euro statt 100.000 –, aber mittelfristig nur Vorteile bringen.

Skarabela rechnete vor, dass ein Schwerlaster heute etwa 100.000 Kilometer im Jahr unterwegs ist und dabei ungefähr 30.000 Liter Diesel verfeuert. Das macht bei 300 Lkw neun Millionen Liter Diesel – und das wären bei den aktuell gültigen Dieselpreisen so um die 20 Millionen Euro Spritkosten pro Jahr. Ein schwankender Kostenfaktor, unberechenbar, lästig. Aus diesem alten Regime, das ständig neue Krisen produziert, steigt Schachinger aus.

»Wir haben uns entschieden, massiv Geld in die Hand zu nehmen, um zu elektrifizieren, um auch autarker und unabhängiger zu werden. Die Nachhaltigkeit spielt gar keine so große Rolle, das ist ein Nebeneffekt«, sagen sie bei Schachinger.

Ein Businesscase für eine neue Speditionsbranche

Um wirklich unabhängig zu sein, baut man an einem eigenen Netz von Großspeichern (jeder einzelne ungefähr so groß wie ein Cargo-Container) für den im eigenen Haus produzierten Solarstrom. Außerdem entstehen clever verteilte Ladestationen, um sogar bei der Ladeinfrastruktur möglichst autark zu sein. Ob das die Zukunft ist? Wer weiß. Schachinger ist in jedem Fall ein Business Case, den die Fracht- und Speditionsbranche genau studieren – und bestenfalls nachahmen sollte.

Die Firma kann detailliert vorrechnen, wie schnell sich Investitionen lohnen. Sie hat ausgetüftelt, wie das mit den diversen Subventionen zusammengeht und warum es wichtig ist, die E-Mobilität etwa dadurch zu fördern, dass man für sie die Mautgebühren erlässt. Man geht jedenfalls in die Zukunft bei Schachinger nicht mit gestrecktem grünem Zeigefinger, sondern mit gespitztem Bleistift, und dreht sich nach den Verbrennern nicht einmal mehr um.

Energiefachmann Skarabela sagt im Video: »Bei uns ist ganz klar, wir sind nicht ›technologieoffen‹. Wenn Sie das hören, dann drehen Sie sich um, und verschwenden Sie nicht die Zeit. Technologieoffen, das ist wirklich der Spruch, den jeder macht, der jetzt nichts machen und auf die Zukunft warten will. Seien Sie technologieentschlossen.«

Wie schön ist das: technologieentschlossen. Vielleicht sollte man mal überlegen, den Mann zum Bundeswirtschaftsminister zu machen? 

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