Sonntag, 13. September 2026

Ein systematischer blinder Fleck: Was nicht bepreist wird, gilt an den Märkten faktisch als kostenlos

 

Anna Alex / LinkedIn

Es gibt einen Satz, den ich vom Chefvolkswirt einer Landesbank nicht erwartet hätte: Das Artensterben könnte die nächste Subprime-Krise auslösen! 

Der Mann heißt Moritz Kraemer. Bevor er zur LBBW ging, war er bei Standard & Poor's Financial Services LLC Global Chief Ratings Officer. Er hat also jahrelang mitverantwortet, wie die Kreditwürdigkeit ganzer Staaten bewertet wird.

Heute sagt er, dass diese Bewertungen falsch sind.

Eine Studie in Nature, an der er beteiligt war, kommt auf 83 Billionen Dollar an Finanzanlagen, die die Märkte falsch bepreisen. Der Auslöser taucht in keinem gängigen Modell auf: der Verlust von Arten und Lebensräumen.

Ratings orientieren sich an Konjunkturzyklen. An Rohstoffmärkten, an Börsen, an Dingen, die sich wieder erholen. Kraemer dazu: "Das sind Probleme, die nicht zyklisch sind und nicht wieder verschwinden."

Auch 2008 waren die Hypotheken nicht das eigentliche Problem. Das Problem war, dass niemand ein Rating für das Risiko hatte, das darunter lag.

Ich arbeite seit Jahren daran, Naturrisiken in Unternehmen messbar zu machen, und ich weiß, wie schwer das in Vorstandsetagen landet. Wenn die Warnung jetzt aus der Ratingwelt selbst kommt, ist es kein Umweltthema mehr. Dann steht es in der Bilanz!


Kommentar Stephan Hegele 

Diese Verknüpfung von Biodiversitätsverlust mit den systemischen Risiken der Subprime-Krise bringt die Achillesferse der modernen Finanzmathematik auf den Punkt: Die Natur wird in klassischen Bewertungsmodellen fälschlicherweise als unendlich regenerative Ressource ohne Abschreibungsbedarf modelliert. 

Die eigentliche bilanzielle und makroökonomische Pointe geht jedoch noch einen Schritt über die reine Risikobepreisung von Vermögenswerten hinaus. Es handelt sich um das fundamentale Versagen von Bewertungsalgorithmen bei irreversiblen Tipping Points. 

Während Kreditmärkte Volatilitäten und zyklische Krisen eingepreist haben, lösen ökologische Zusammenbrüche nichtlineare Kaskadeneffekte in den weltweiten Lieferketten aus. Wenn die biologische Substanz als Produktionsgrundlage kollabiert, verdampft der Wert der dahinterstehenden Assets schlagartig. Die Warnung aus der Ratingwelt markiert daher den kollisionsartigen Übergang von softer Corporate Social Responsibility zur harten Solvenzfrage.


Kommentar Nadine Sachse 

Die Parallele zu 2008 ist stärker, als sie auf den ersten Blick wirkt. Der Kern der Finanzkrise war ja nicht die einzelne faule Hypothek, sondern 


ein systematischer blinder Fleck:
Ein Risiko war real da, aber in keinem Modell abgebildet,
also wurde es so behandelt, als existiere es nicht. 

Genau das beschreibt Kraemer für Naturrisiken.
Was nicht bepreist wird,
gilt an den Märkten faktisch als kostenlos,
bis die Rechnung plötzlich und auf einmal kommt.

 

Was die Sache so schwierig macht, ist der Punkt, den er zur Zyklik nennt. Unsere ganze Finanzlogik ist auf Erholung ausgelegt, Märkte fallen und steigen wieder, darauf sind Ratings gebaut. Verlust von Arten und Lebensräumen folgt aber keiner Kurve zurück nach oben. Ein ausgestorbener Bestäuber kommt nicht im nächsten Aufschwung wieder. Damit trifft ein irreversibles Problem auf ein System, das im Kern auf Reversibilität vertraut.

Solange Naturschutz als moralischer Appell daherkommt, bleibt er in der Nische. Als unterschätztes Bilanzrisiko formuliert, landet er plötzlich dort, wo Entscheidungen fallen. Vielleicht ist genau diese Übersetzung die eigentliche Arbeit.

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