Schon lange vor der Teilung hätten sich West und Ost fundamental unterschieden. Aber die Deutschen, sagt der britische Germanist James Hawes, wollten das nicht wahrhaben.
Mit seinem Buch »Die kürzeste Geschichte Deutschlands« landete James Hawes vor knapp zehn Jahren einen Bestseller. Hawes, der in Oxford Germanistik studierte, versucht darin, 2.000 Jahre deutsche Geschichte auf nicht einmal 300 Seiten zu erzählen. Er bediente sich dazu eines klassischen Stilmittels populärhistorischer Werke: der zugespitzten These.
Laut Hawes durchzieht der fundamentale Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland die gesamte deutsche Geschichte. Für seine Argumentation wurde er auch kritisiert. Hawes warnte damals, wer die Unterschiedlichkeit der Kulturen nicht wahrnehmen wolle, werde den Aufstieg der Rechtspopulisten nicht stoppen können. Wie blickt er heute auf den Erfolg der AfD?
DIE ZEIT: Die AfD hat die Wahl in Sachsen-Anhalt mit großem Abstand gewonnen. Was ist am Sonntag aus der Perspektive eines interessierten Engländers genau passiert?
James Hawes: Es ist passiert, was zu erwarten war. Auf Wahlkarten war schon bei der letzten Bundestagswahl der ganze Osten AfD‑blau. Wen das Ergebnis in Sachsen-Anhalt schockiert, der hat vorher den Kopf in den Sand gesteckt.
ZEIT: Trotzdem sind viele Menschen geschockt. Die haben also alle etwas verdrängt?
Hawes: Absolut. Deutschland steht vor einem riesigen Problem. Vielleicht muss man auf die Situation so blicken wie ein Therapeut. Jeder Therapeut weiß, dass es erst besser wird, wenn der Patient dazu bereit ist, die Wirklichkeit anzuerkennen. Die Wirklichkeit ist: Die Wiedervereinigung ist viel zu schnell und unbedacht geschehen. Ich dachte 1989, es würde Jahre dauern, bis Ost- und Westdeutschland zusammengefügt werden könnten. Aber Helmut Kohl wollte die Bundestagswahl 1990 gewinnen. Man hat nicht verinnerlicht, wie verschieden die Kulturen in West- und Ostdeutschland sind.
ZEIT: Die These Ihres Buches ist, dass die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland viel länger bestehen, als wir glauben. Da geht es weniger um die Neunzigerjahre und die DDR. Es geht um Preußen. Es geht um die Christianisierung der Slawen durch die Germanen. Die Römer. Sie gehen wirklich sehr weit zurück.
Hawes: Meine These ist, sehr grob formuliert: Die Deutschen haben sich östlich der Elbe nie wirklich sicher und heimisch gefühlt und das prägt ihr Denken bis heute.
ZEIT: Sie beschreiben die Elbe als die große Bruchlinie Deutschlands. Was heißt das?
Hawes: 948 versuchten germanische Siedler, die Elbe nach Osten zu überqueren. Sie wurden von den Slawen zurückgeschlagen. Ernsthaft gelang die Überquerung der Elbe erst 1147, nach einem christlichen Kreuzzug gegen die heidnischen Slawen. Aber dieser »Drang nach Osten« war nie völlig erfolgreich. Es gab immer die Gefahr, dass sich die Eroberten eines Tages erheben würden. Das hat das Denken der Deutschen im Osten geprägt: das Denken in Wir-und Sie-Kategorien. Das Gefühl, dass man auf der Hut sein muss, vor »denen«. Westlich der Elbe waren die Deutschen immer zu Hause; östlich davon waren sie ein koloniales Volk.
ZEIT: Ein koloniales Volk?
Hawes: Ja, und zwar bis ins 20. Jahrhundert. Meine Frau ist Deutsche. Mein seliger Schwiegervater wurde in den Zwanzigerjahren in Ostpreußen geboren, in der Nähe von Königsberg. Er hat mir beschrieben, wie ihm als Kind das Reiten von einem russischen Pferdejungen beigebracht wurde, und wie seine Eltern mit ihren Pächtern Litauisch redeten. Das war eine Kolonie, in der eine deutsche Herrscherkaste über die Einheimischen herrschte. Diese Deutschen hatten über Generationen Angst vor ihnen, ob offen oder verdrängt. Ein typisches Gefühl in kolonialisierten Gebieten weltweit.
ZEIT: Herrscher, die Angst vor den Beherrschten haben, wo gibt es das noch?
Hawes: Unter Protestanten in Nordirland. Im Süden der USA, in den ehemaligen Sklavenhalterstaaten. Unter weißen Südafrikanern. Elon Musk unterstützt die AfD. Er hat seine Kindheit im Südafrika der Apartheid verbracht. Der weiße Südafrikaner, der weiße Südstaatenamerikaner und der deutsche Kolonist in Ostpreußen wusste immer, dass er in Gefahr war, angegriffen zu werden. Daraus entstand die große Furcht, dass eine ganze Kultur zerstört werden könnte. Man sieht das auch bei Björn Höcke.
ZEIT: Björn Höcke, der in Westdeutschland aufgewachsen ist?
Hawes: Höckes Großeltern sind im Zweiten Weltkrieg aus Königsberg geflohen. Er hat in einem Podcast davon erzählt, wie seine Familie ihre Heimat in Ostpreußen verloren hat. Und wie diese Erfahrung von einem »Auslöschungsschmerz« im Elternhaus immer wieder besprochen wurde. Und wie er deshalb jetzt Angst habe, seine Heimat noch einmal zu verlieren, weil die Deutschen zur Minderheit würden. Er hat Angst vor »denen«. Nur, dass »die« jetzt eben Muslime sind und nicht Polen oder Russen.
ZEIT: Sie gehen sehr weit zurück, um die Gegenwart zu erklären.
Hawes: Ich bin der festen Meinung, dass kulturelle Ansichten von Generation zu Generation tradiert werden, wie die Sprache oder die Mundart, unbewusst. Die Erfahrungen, die Björn Höckes Denken geprägt haben, stammen von seinen Großeltern. Ich vermute, er wird sie seinem Sohn weitergeben. Und in 50 Jahren wird Höckes Sohn das seinen Enkeln weitergeben. Ansichten, die aus dem Jahr 1945 stammen, landen im Jahr 2080. Das sind fast 150 Jahre. Geschichte wird von Familie zu Familie tradiert.
James HawesDer Engländer James Hawes ist Schriftsteller und Populärhistoriker. Er studierte Germanistik in England, versuchte sich als Schauspieler, promovierte über Nietzsche. Neben seiner »Kürzesten Geschichte Deutschlands« schrieb er auch eine kürzeste Geschichte Englands und Irlands.
ZEIT: Sie haben in Ihrem Buch Preußen als das »Übel Deutschlands« beschrieben. Warum war Preußen so schlimm?
Hawes: Weil Preußen Deutschland erobert hat! Ich staune darüber, dass man das den Deutschen erklären muss! Als Engländer verstehe ich zwar, wie man die eigene Geschichte völlig missdeuten kann. Viele meiner Landsleute glauben etwa die Wahnsinnsidee, dass das britische Kolonialreich etwas Gutes für die Welt darstellte. Aber in Deutschland … Ich habe mal bei einem Vortrag in Berlin einen Studenten aus Frankfurt gefragt: »Wissen Sie wirklich nicht, dass Ihre Stadt 1866 von der preußischen Artillerie umzingelt worden ist und mit der völligen Vernichtung bedroht wurde, wenn sie nicht 25 Millionen Goldtaler binnen 24 Stunden herschafft?« Wenige Deutsche wissen das.
ZEIT: Sie sprechen vom Preußisch-Österreichischen Krieg 1866, den Preußen gewann. Einer der Einigungskriege, die zur Gründung des Kaiserreichs führten.
Hawes: Es war ein deutscher Krieg. Preußen gegen den Deutschen Bund unter österreichischer Führung. Sachsen, Baden, Hannover – alle deutschen Staaten waren dadurch auf österreichischer Seite. Die Bayern und Frankfurter kämpften noch drei Wochen nach der entscheidenden Niederlage in Königgrätz gegen Preußen. Das alles wurde von der preußischen Geschichtsschreibung vertilgt, die den Deutschen generationenlang eingebläut wurde. Dass durch Preußen die »natürliche« Einigung Deutschlands stattgefunden hätte. Dass Preußen sogar die Wiege Deutschlands sei. Was völlig verrückt ist! Deutschland als Nationalstaat wurde erst 1871 von Preußen zusammengezwungen. Es ist kein organisches Gebilde.
ZEIT: Wo liegt denn Ihrer Meinung nach die Wiege Deutschlands?
Hawes: Im Rheinland. Im Süden Bayerns. In Schwaben. In Mainz, Frankfurt, Xanten, Köln, Bonn. Im Land, wo »die Weinberge wachsen und die Fenster weit zum Westen offen sind«, um Konrad Adenauer zu zitieren.
ZEIT: Um Preußen einmal zu verteidigen: Es war ein aufgeklärter Staat. Friedrich der Große hat die Folter abgeschafft, Freiherr vom Stein hat die Schulpflicht eingeführt. So schlimm kann Preußen doch nicht gewesen sein.
Hawes: Doch, doch, doch. Ich finde nichts Gutes an Preußen. Die Schulpflicht? Das ist einfach die Konzentration der Macht in den Händen der Verwaltung. Alle negativen Stereotype über Deutschland, mit denen ich als englischer Junge aufgewachsen bin – Stechschritt und Kadavergehorsam und das Jawoll!-Geschreie – sind nicht deutsch. Die sind preußisch.
ZEIT: Und dieser preußische Einfluss erklärt die politische Lage in Ostdeutschland bis heute?
Hawes: Der Osten Deutschlands war immer autoritärer und obrigkeitsgläubiger als der Westen. Adelige Gutsbesitzer, die berühmten ostelbischen Junker, herrschten über Bauern fast wie über Leibeigene. Der preußische Adel dominierte lange Zeit den Offiziersstand der Armee. Preußen war ein standesbewusster, autoritärer Staat mit einem militärischen Machtideal. Diese autoritäre Staatsgläubigkeit prägt eine Gesellschaft, bis heute. Der Osten wählte immer autoritärer.
ZEIT: Wen wählte der Osten denn?
Hawes: Im Kaiserreich war Preußen eine Hochburg der Konservativen Partei. In der Weimarer Republik hatte die deutschnationale DNVP dort ihre Machtbasis.
ZEIT: Aber Preußen wurde doch fast durchgehend von der SPD regiert!
Hawes: Das stimmt, aber die NSDAP erzielte in den protestantischen und ländlichen Regionen Ostpreußens Ergebnisse um die 50 Prozent. Hätte 1932 ganz Deutschland so gewählt wie die katholischen Rheinländer oder Bayern, wäre Hitler niemals Reichskanzler geworden.
ZEIT: Hitler war Österreicher. Die »Stadt der Bewegung« war München.
Hawes: Natürlich war Hitler Österreicher. Aber er hat selbst geschrieben, wie stark er von Georg von Schönerer beeinflusst wurde, einem deutschnationalen Denker, der Bismarck verehrte und wollte, dass Österreich protestantisch wird und sich dem Deutschen Reich anschließt.
ZEIT: Der DDR widmen Sie in Ihrem Buch vier Seiten. Dabei hat sie das heutige Ostdeutschland doch maßgeblich geprägt. Sie hat den Osten säkularisiert und kollektiviert.
Hawes: Ostdeutschland wurde nicht dadurch anders, dass es von den Russen besetzt wurde. Der Osten war schon immer anders gewesen. Das Schicksal der Ostdeutschen in der DDR war es, quasi rückkolonialisiert zu werden.
ZEIT: Was meinen Sie damit?
Hawes: Ein uralter Albtraum wurde wahr. Schon die Großväter und Urgroßväter der DDR-Bürger hatten Angst, von den Slawen angegriffen zu werden. Schauen Sie sich zum Beispiel das berühmte Wandgemälde im Magdeburger Kaiser-Otto-Saal an: Es zeigt den Sieg Ottos des Großen über die Slawen. Die Gemälde stammen von 1905 – knapp 40 Jahre danach wurde Ostdeutschland tatsächlich von der Sowjetunion besetzt, einer slawischen Großmacht. Kein Wunder, dass die Angst vor Russland im Osten bis heute so groß ist.
ZEIT: Ich vermute, dass Sie damit auch erklären, warum AfD und BSW heute ein besseres Verhältnis zu Russland wollen?
Hawes: Auf Russland blickt man mit einer Mischung aus Furcht und Ehrfurcht. Man sieht Russland als gefährlichen Feind an, zu Recht, aber irgendwie stellt es auch ein Vorbild dar: ein autoritärer Staat, der weniger verweichlicht ist als der dekadente Westen. Björn Höcke hat ja gesagt, dass Westdeutsche eigentlich Deutsch sprechende Amerikaner seien. Damit klingt er wie konservative Preußen im 19. Jahrhundert, die davor warnten, dass die Deutschen zu sehr wie Engländer werden könnten.
ZEIT: Ist Ostdeutschland nicht wesentlich vielfältiger, als Sie es darstellen? Sachsen war vor der DDR eine der wohlhabendsten Regionen Deutschlands, ein Zentrum der Autoindustrie.
Hawes: Ja, Teile Sachsens waren auch Hochburgen der Linken. Ich sage natürlich nicht, dass alles von Preußen abhängt. Es gibt viele andere Faktoren. Aber genau wie in England die Kluft zwischen Norden und Süden ausschlaggebend ist, gibt es in Deutschland eine sehr alte Kluft zwischen Ost und West, die manche nicht anerkennen wollen. Darauf wollte ich ein Licht werfen.
ZEIT: Ihr Buch ist in Deutschland ein Bestseller geworden. Es ist sehr unterhaltsam, man fliegt beim Lesen durch 2.000 Jahre deutscher Geschichte. Was auch an dieser ziemlich steilen These liegt, die Ihr Buch durchzieht. Mit so einer These kann man Bücher verkaufen. Aber bringt sie auch die Debatte weiter?
Hawes: Was ist steil an meiner These? Wer bestreitet etwa, dass Hitler 1933 nur wegen der großen Wahlerfolge östlich der Elbe eine Mehrheit im Reichstag bilden konnte? Natürlich muss ein derart kurzes Buch pointierter sein als eine sechsbändige Geschichte Deutschlands, aber ich bitte Sie: Es ist das Ergebnis ehrlicher Arbeit!
ZEIT: Kann es sein, dass vor allem Westdeutsche Ihr Buch mögen, weil sie so die Schuld am Aufstieg der AfD an den Osten abgeben können?
Hawes: Es kann auch sein, dass die Leser mein Buch mögen, weil es Wahrheiten ausspricht, die selten ausgesprochen werden. Der Deutschlandfunk schrieb in seiner Rezension, dass diese historischen Tatbestände unter »Bergen von Rhetorik zur deutschen Einheit verschüttet sind«. Sehe ich genauso.
ZEIT: Lassen Sie uns einmal in die Gegenwart zurückkehren: Was passiert, wenn die AfD in Sachsen-Anhalt regiert?
Hawes: Das könnte eine Art Impfung sein. Der Rest Deutschlands könnte sehen – und zwar weit vor der nächsten Bundestagswahl –, was passiert, wenn Rechtsradikale mit undefinierbaren Programmen tatsächlich regieren: Chaos, Korruption, Gesetzlosigkeit.
ZEIT: Laut einer großen Studie der Humboldt-Universität gewinnen Rechtspopulisten in der Regierung Wähler hinzu. Vermutlich würde eine Regierungsbeteiligung der AfD also nicht schaden.
Hawes: Vielleicht nicht in ihrer Heimat. Aber Sachsen-Anhalt ist sehr klein. Vielleicht würde der Rest Deutschlands erkennen, was es für Folgen hat, wenn die AfD regiert.
ZEIT: Die Furcht in Deutschland ist ja, dass die AfD erst in Sachsen-Anhalt regiert, dann im ganzen Osten. Und dann im Westen.
Hawes: Das wird nicht passieren. Im Westen wird die AfD nicht regieren.
ZEIT: Warum nicht?
Hawes: Weil es der Westen ist. Ein Deutschland also, wo diese tiefe Furcht, »die anderen« könnten eines Tages »uns« ersetzen, nie zu Hause war.
ZEIT: In Sachsen-Anhalt lag die AfD noch vor fünf Jahren bei nur 20 Prozent. Jetzt sind es 45 Prozent. In Rheinland-Pfalz, im tiefen Westen, bekam die AfD dieses Jahr fast 20 Prozent. Vielleicht ist der Westen nur fünf Jahre langsamer als der Osten?
Hawes: Das glaube ich nicht. Das Verhältnis bleibt dasselbe: Die AfD war und ist im Osten immer ungefähr doppelt so stark wie im Westen. Ich sage nicht, dass in Westdeutschland niemand anfällig ist für die AfD. Aber es sind deutlich weniger. Jede Demokratie muss mit einer unversöhnlichen Minderheit auskommen. Deutschland wird sich daran gewöhnen müssen, sich selbst mehr wie die USA zu sehen.
ZEIT: Wie Amerika?
Hawes: Jeder Amerikaner weiß, dass es blaue und rote Bundesstaaten gibt, die sich politisch fast nie ändern. Und in Deutschland gibt es eben schwarze und blaue Bundesländer. Ja, das ist ernüchternd! Aber glücklicherweise sind die Rechtsradikalen im Osten, anders als in den 1930er-Jahren, nicht stark genug, um den ganzen Laden kaputtzuhauen.
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