Weg von den eintönigen Narrativen, von denen wir überschwemmt werden, und die angeblich alle alternativlos sind (welch ein blödes Wort!) - während sie eben nur einen kleinen Ausschnitt verwalten.
Hin zu einem Gesamtbild unserer Gesellschaft mit Blick auf das große Ganze, ohne dabei das wesentliche Kleine zu vergessen., das jeden Einzelnen von uns im Alltag berührt.
Danke Thomas Reinsch! Mir macht das Mut, denn es zeigt mir deutlich: es gibt bessere Alternativen. Nur sind die eben nicht zu finden, indem man an der Oberfläche kratzt.
Vielleicht muss es auch nicht die perfekte Antwort sein - gerade unser Perfektionsdrang verstellt leicht den Blick auf das Lebendige, das sich immer wieder Wandelnde.
Mir kommt spontan ein Weg der Umsetzung in den Sinn, der in die richtige Richtung führen könnte:
die (leider von dieser Regierung abgeschafften) Bürgerräte. Wie einfach könnte es doch für die Politiker sein, wenn sie hier mehr Vertrauen zeigen könnten, denn die Verantwortung läge dann nicht nur bei Ihnen alleine und die Bürger könnten vielleicht wieder so etwas wie Vertrauen fassen. Aber natürlich: Lobbyismus wäre dann auch nicht mehr ganz so bequem umzusetzen.....Und das ist vielleicht unser Hauptproblem heute ?
Reformen ohne Gesamtbild – wie wir Gesellschaft falsch betrachten
Deutschland erlebt derzeit eine Phase politischer Restauration.
Die Bundesregierung unter Friedrich Merz spricht von einem grundlegenden Reformkurs. Wirtschaftswachstum und Wettbewerbsfähigkeit sollen gestärkt, Unternehmen steuerlich entlastet, der Sozialstaat reformiert, Energieversorgung und Infrastruktur neu ausgerichtet und zugleich massiv in Verteidigung investiert werden. Die Regierung selbst beschreibt dies als notwendige Erneuerung des Landes.
Über jede einzelne dieser Maßnahmen lässt sich politisch streiten.
Und selbstverständlich muss Politik konkrete Probleme lösen. Aber hinter der Auseinandersetzung über einzelne Maßnahmen liegt eine grundlegendere Frage - nach welchen Kriterien entscheiden wir eigentlich, ob die Summe politischer Entscheidungen eine Gesellschaft langfristig tragfähiger, stabiler, lernfähiger und zukunftsfähiger macht?
Diese Frage erscheint mir inzwischen den gleichen Rang zu haben wie die Frage, ob eine einzelne Reform richtig oder falsch ist. Denn möglicherweise liegt ein Teil unseres politischen Problems gar nicht darin, dass wir zu wenig reformieren. Vielleicht liegt das Problem darin, wie wir über Reformen nachdenken.
Thomas Reinsch 26. August 2026
Reformen ohne Gesamtbild – wie wir Gesellschaft falsch betrachten
- Die Rente ist kein Rentenproblem
Nehmen wir die aktuelle Diskussion über die gesetzliche Rente. Wir sprechen über den demografischen Wandel, Beitragssätze, das Renteneintrittsalter, das Rentenniveau und die Frage, wie hoch der Bundeszuschuss sein darf. Das ist zunächst plausibel. Schließlich geht es um die Finanzierung der Rentenversicherung. Aber was passiert, wenn wir die Perspektive erweitern?
Wenn Menschen länger arbeiten sollen, betrifft das nicht nur die Rentenkasse. - Es betrifft ihre Gesundheit und ihre individuelle Lebensplanung.
- Es betrifft Unternehmen und deren Personalstrukturen.
- Es betrifft jüngere Beschäftigte und Aufstiegsmöglichkeiten.
- Es betrifft Arbeitsproduktivität und Qualifikationsstrukturen.
- Es betrifft Familien, wenn Erwerbsarbeit und Sorgearbeit miteinander konkurrieren.
- Und es betrifft die Menschen sehr unterschiedlich – abhängig davon, ob sie jahrzehntelang körperlich gearbeitet haben oder überwiegend sitzend tätig waren.
Die Rentenfrage ist deshalb nicht nur eine Frage der Rentenfinanzierung. Sie ist gleichzeitig eine Arbeitsmarkt-, Gesundheits-, Sozial-, Familien- und Verteilungsfrage.
Eine Entscheidung, die innerhalb des Rentensystems sinnvoll erscheint, kann deshalb an anderer Stelle neue Probleme erzeugen. Und genau diese Rückwirkungen werden in politischen Debatten wenn überhaupt, nur nachgelagert betrachtet.
- Das Gesundheitswesen ist kein Kostenproblem
Ähnliches gilt für die Gesundheitsreform. Hier sprechen wir über steigende Beiträge, Krankenhausstrukturen, Kassenfinanzen, Effizienz, Fachkräftemangel und die Kosten medizinischer Versorgung. Auch hier liegt es nahe, das Problem innerhalb des Gesundheitssystems zu bearbeiten.
Aber was passiert, wenn wir beispielsweise Leistungen kürzen, Strukturen zusammenlegen oder Versorgung stärker nach ökonomischen Kriterien organisieren?
Vielleicht sinken dadurch an einer Stelle Kosten. Aber entstehen dadurch an anderer Stelle möglicherweise höhere Kosten? - Durch längere Wege.
- Durch spätere Diagnosen.
- Durch mehr Arbeitsausfälle.
- Durch zusätzliche Belastungen für Angehörige.
- Durch Pflegebedürftigkeit.
- Durch eine stärkere Belastung kommunaler Strukturen.
Eine Einsparung ist nicht automatisch eine gesellschaftliche Einsparung. Sie kann lediglich bedeuten, dass Kosten ihren Ort wechseln. Und genau deshalb reicht es nicht, die Wirkung einer Reform dort zu betrachten, wo sie beschlossen wird. Man muss auch betrachten, wo ihre Folgen an anderer Stelle wieder auftauchen.
- Auch die Sozialreform lässt sich nicht auf Arbeitsanreize reduzieren
Auch die Diskussion über die Reform des Sozialstaates folgt häufig einem ähnlichen Muster. Es geht um Leistungsniveau, Zumutbarkeit, Sanktionen, Arbeitsanreize und die Vermittlung in Beschäftigung. Die zentrale Frage lautet häufig - wie schaffen wir stärkere Anreize, damit Menschen wieder arbeiten?
Das ist eine legitime Frage. Aber sie ist nicht ausreichend, denn Menschen sind nicht nur Arbeitskräfte. Ihre Möglichkeit, einer Erwerbsarbeit nachzugehen, hängt auch von Qualifikation, Gesundheit, Betreuungssituation, regionalem Arbeitsangebot, Mobilität, Wohnsituation und vielen anderen Faktoren ab. - Was nützt ein stärkerer Arbeitsanreiz, wenn die passende Arbeit nicht vorhanden ist?
- Was nützt eine Sanktion, wenn das eigentliche Problem fehlende Qualifikation oder gesundheitliche Einschränkung ist?
- Und was passiert, wenn Menschen zwar irgendeine Beschäftigung aufnehmen, dadurch aber ihre familiären, gesundheitlichen oder sozialen Probleme verschärft werden?
Dann kann eine Maßnahme kurzfristig in einer Statistik erfolgreich aussehen und langfristig gesellschaftliche Probleme vergrößern. Auch hier geht es deshalb nicht darum, ob Anreize grundsätzlich richtig oder falsch sind. Es geht um eine andere Frage - betrachten wir eigentlich das Problem – oder nur den Ausschnitt des Problems, für den eine bestimmte politische Institution zuständig ist?
- Die Gesellschaft kennt unsere Ressortgrenzen nicht
Vielleicht liegt hier ein grundlegender Denkfehler. Wir haben eine Gesellschaft geschaffen, die institutionell in Ressorts aufgeteilt ist
- Gesundheit
- Arbeit
- Rente
- Bildung
- Wirtschaft
- Familie
- Umwelt
- Verkehr
- Finanzen
- Verteidigung
Das ist organisatorisch notwendig, aber der Mensch lebt nicht in Ressorts.
- Eine Entscheidung im Rentensystem kann Auswirkungen auf Gesundheit und Arbeitsmarkt haben.
- Eine Entscheidung im Gesundheitswesen kann Auswirkungen auf Beschäftigung und Pflege haben.
- Eine Entscheidung in der Bildungspolitik kann Jahrzehnte später Auswirkungen auf Produktivität, Einkommen, Sozialausgaben und politische Teilhabe haben.
- Eine Entscheidung in der Steuerpolitik kann Auswirkungen auf Investitionen, Wohnkosten, Vermögensverteilung und soziale Mobilität haben.
- Die Gesellschaft ist ein Zusammenhang - unsere Politik organisiert sie in Zuständigkeiten
Das ist ein wichtiger Unterschied. Und vielleicht erklärt er einen Teil dessen, was wir heute als Reformstau erleben. Wir versuchen, komplexe gesellschaftliche Probleme innerhalb der Zuständigkeit einzelner Systeme zu lösen, obwohl die Ursachen und Folgen diese Zuständigkeiten längst überschreiten. Vielleicht brauchen wir deshalb eine andere Ausgangsfrage
Wenn das stimmt, müssen wir einen Schritt zurückgehen. Nicht - wie soll die Gesellschaft aussehen? Sondern zunächst - was muss eine Gesellschaft eigentlich leisten können, damit Menschen in ihr dauerhaft handlungsfähig bleiben und die Gesellschaft selbst unter Bedingungen von Veränderung, Unsicherheit und zunehmender Komplexität funktions- und entwicklungsfähig bleibt?
Dies ist eine andere Frage. Sie setzt kein bestimmtes Gesellschaftsmodell voraus. Sie sagt nicht, wie groß der Staat sein soll. Sie sagt nicht, wie viel Markt eine Gesellschaft braucht. Sie legt nicht fest, wie hoch Steuern oder Sozialleistungen sein müssen. Sie fragt zunächst nach den Bedingungen gesellschaftlicher Tragfähigkeit.
Und genau an diesem Punkt wird es interessant, denn um diese Frage sinnvoll beantworten zu können, reicht eine einzelne wissenschaftliche Perspektive nicht aus. - Jede Wissenschaft sieht einen anderen Ausschnitt
Die Ökonomie kann uns zeigen, wie Ressourcen verteilt werden, welche Anreize entstehen und welche ökonomischen Konsequenzen politische Entscheidungen haben. Aber der Mensch ist mehr als ein ökonomischer Akteur.
Die Soziologie macht sichtbar, wie soziale Beziehungen, Institutionen, Milieus und Ungleichheiten entstehen und wirken. Aber auch gesellschaftliche Strukturen lassen sich nicht vollständig aus sozialen Beziehungen erklären.
Psychologie und Verhaltensforschung zeigen, dass Menschen keineswegs immer so entscheiden, wie es vereinfachte Modelle rationaler Nutzenmaximierung voraussetzen.
Die Politikwissenschaft richtet den Blick auf Macht, Interessen, Institutionen und Entscheidungsprozesse. Aber auch politische Institutionen existieren nicht unabhängig von wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Zusammenhängen.
Dann kommen Perspektiven hinzu, die in politischen Debatten häufig noch viel zu wenig berücksichtigt werden.
Die Systemtheorie zwingt uns, nicht nur einzelne Elemente zu betrachten, sondern Beziehungen zwischen ihnen.
Die Kybernetik lenkt den Blick auf Steuerung, Rückkopplung und die Fähigkeit eines Systems, Abweichungen wahrzunehmen und darauf zu reagieren.
Die Komplexitätsforschung zeigt, warum in Systemen mit vielen miteinander verbundenen Akteuren einfache Ursache-Wirkungs-Annahmen häufig nicht funktionieren.
Und ökologische Wissenschaften erinnern uns daran, dass gesellschaftliche Systeme nicht unabhängig von materiellen und natürlichen Grenzen existieren.
Keine dieser Wissenschaften liefert uns den Entwurf einer Gesellschaft.
Aber genau darin liegt ihre Bedeutung. Jede kann uns zeigen, was wir bei der Betrachtung von Gesellschaft nicht übersehen dürfen.
- Aus unterschiedlichen Perspektiven entstehen zunächst Fragen
Damit verändert sich auch das Vorgehen. Wir beginnen nicht mit einem fertigen Gesellschaftsmodell.
Wir beginnen mit Fragen. - wenn Menschen tatsächlich handlungsfähig sein sollen - welche Voraussetzungen müssen dafür gegeben sein?
- wenn Macht notwendig ist, um Entscheidungen zu ermöglichen - wie verhindern wir, dass Macht sich ihrer Kontrolle entzieht?
- wenn Wissen in einer Gesellschaft verteilt ist - wie müssen Institutionen beschaffen sein, damit dieses Wissen tatsächlich genutzt werden kann?
- wenn Entscheidungen Nebenwirkungen erzeugen - wie können diese Rückwirkungen sichtbar werden?
- wenn Gesellschaften komplex und dynamisch sind - wie müssen Institutionen beschaffen sein, damit sie lernen und Fehler korrigieren können?
- wenn wirtschaftliche Aktivität auf natürlichen Ressourcen beruht - wie verhindern wir, dass kurzfristige Erfolge die langfristigen Voraussetzungen des Systems zerstören?
- wenn Menschen unterschiedliche Ausgangsbedingungen haben - welche Formen von Sicherheit und Teilhabe sind notwendig, damit Freiheit nicht nur formal existiert?
- und wenn unterschiedliche gesellschaftliche Ziele miteinander kollidieren - wie können Konflikte ausgetragen werden, ohne dass die Gesellschaft ihre Handlungsfähigkeit verliert?
Das Entscheidende ist, wir haben damit noch keinen Prinzipienkatalog. Wir haben zunächst einen Fragenkatalog. Und genau dieser Unterschied ist wichtig.
- Von Fragen zu Anforderungen
Aus solchen Fragen lassen sich Anforderungen ableiten. Eine Gesellschaft muss beispielsweise Menschen reale Handlungsfähigkeit ermöglichen.
- sie muss Macht organisieren und zugleich begrenzen können
- sie muss dezentrales Wissen aufnehmen können
- sie muss Entscheidungen korrigieren können
- sie muss Rückwirkungen erkennen können
- sie muss mit Unsicherheit umgehen können
- sie muss ihre sozialen, materiellen und ökologischen Grundlagen erhalten
- sie muss Konflikte aushalten und produktiv bearbeiten können
- und sie muss Veränderungen bewältigen können, ohne ihre grundlegende Funktionsfähigkeit zu verlieren
Erst aus diesen Anforderungen lassen sich Prinzipien entwickeln. Das ist ein entscheidender Unterschied zu einem klassischen Gesellschaftsentwurf.
Wir sagen nicht - wir wollen Gesellschaft X – deshalb brauchen wir Prinzip Y. Wir versuchen vielmehr - wenn Gesellschaft dauerhaft tragfähig sein soll, muss sie Fähigkeit X besitzen. Welche institutionellen und gesellschaftlichen Prinzipien sind notwendig, damit diese Fähigkeit tatsächlich entstehen und erhalten bleiben kann? Damit verschiebt sich der Ausgangspunkt.
- Und selbst ein Prinzip ist noch keine Antwort
Doch auch damit ist der Weg noch nicht beendet. Denn ein einzelnes Prinzip kann für sich überzeugend erscheinen und gleichzeitig im Zusammenspiel mit anderen problematisch werden. Mehr individuelle Freiheit kann beispielsweise mit anderen gesellschaftlichen Interessen kollidieren.
- mehr Dezentralität kann Koordination erschweren
- mehr soziale Absicherung kann als Wohlfahrt verstanden werden
- mehr Regulierung kann Macht begrenzen – und gleichzeitig neue Macht bei den regulierenden Institutionen erzeugen
- mehr wirtschaftliche Dynamik kann Wohlstand schaffen – und gleichzeitig soziale oder ökologische Kosten produzieren
Genau deshalb reicht es nicht, einzelne Prinzipien für richtig zu erklären. Sie müssen sich gegenseitig prüfen lassen. Die entscheidende Frage lautet also nicht nur - ist dieses Prinzip sinnvoll? Sondern - was geschieht, wenn dieses Prinzip mit den anderen Prinzipien einer komplexen Gesellschaft zusammentrifft?
Damit kommt eine zweite Ebene hinzu. Ein gesellschaftliches Prinzip wäre erst dann belastbar, wenn es nicht nur isoliert plausibel erscheint, sondern auch im Zusammenhang mit anderen Prinzipien und unter realen gesellschaftlichen Bedingungen Bestand hat. Das macht die Sache schwieriger. Aber vielleicht auch ehrlicher.
- Keine neue Ideologie
An diesem Punkt wird vielleicht auch deutlich, was dieser Ansatz ausdrücklich nicht sein soll. Es geht nicht darum, eine neue politische Ideologie zu formulieren. Nicht um einen neuen „-ismus“. Nicht um die Behauptung, nun endlich den richtigen Gesellschaftsentwurf gefunden zu haben.
Denn eine solche Behauptung würde genau das Problem wiederholen, das überwunden werden soll. Ein Gesellschaftsmodell, das seine eigenen Annahmen nicht mehr infrage stellt, kann irgendwann nur noch seine eigene Logik verteidigen. Der hier vorgeschlagene Weg ist deshalb ein anderer - wir beginnen mit Erkenntnissen.
Wir konfrontieren unterschiedliche wissenschaftliche Perspektiven miteinander. Wir suchen nach dem, was sich daraus über gesellschaftliche Voraussetzungen lernen lässt. Daraus entstehen Fragen. Aus den Fragen entstehen Anforderungen. Aus den Anforderungen lassen sich Prinzipien ableiten. Und diese Prinzipien müssen anschließend auf ihre Wechselwirkungen und ihre Folgen überprüft werden. Das Ergebnis wäre dann kein Dogma, sondern ein prüfbarer Rahmen für die Beurteilung gesellschaftlicher Ordnung.
- Und plötzlich sieht aktuelle Politik anders aus
Wenn man diesen Gedanken ernst nimmt, verändert sich auch der Blick auf die aktuelle Politik. Dann lautet die Frage bei einer Rentenreform nicht mehr nur - ist die Rente finanzierbar? Sondern auch - was bedeutet die Reform für Arbeitsmarkt, Gesundheit, Familien, soziale Teilhabe und individuelle Lebensplanung?
Bei einer Gesundheitsreform lautet die Frage nicht mehr nur - wie senken wir die Kosten? Sondern - wo entstehen durch diese Kostensenkung möglicherweise neue Kosten oder Belastungen?
Bei einer Sozialreform lautet die Frage nicht mehr nur - wie erhöhen wir Arbeitsanreize? Sondern - welche Voraussetzungen müssen Menschen besitzen, um diese Anreize überhaupt in reale Handlungsmöglichkeiten übersetzen zu können?
Und bei wirtschaftspolitischen Entscheidungen geht es nicht nur um - wie erzeugen wir Wachstum? Sondern auch um - welche gesellschaftlichen Voraussetzungen schafft oder zerstört dieses Wachstum? Welche Rückwirkungen entstehen? Wer trägt die Kosten? Wer profitiert? Welche Abhängigkeiten entstehen? Und erhöht die Entscheidung tatsächlich die Fähigkeit der Gesellschaft, mit zukünftigen Veränderungen umzugehen?
Damit verändert sich auch die politische Bewertung der Regierung unter Friedrich Merz. Es geht nicht mehr nur darum, ob man ihre Politik politisch sympathisch findet. Man kann einen anderen Prüfmaßstab anlegen - stärken ihre Entscheidungen die Fähigkeiten, die eine komplexe Gesellschaft braucht, um langfristig handlungsfähig zu bleiben – oder schwächen sie diese
Das ist eine andere Form politischer Analyse. Vielleicht ist genau das die eigentliche Reformfrage. Vielleicht müssen wir deshalb auch unseren Begriff von Reform überdenken. Eine Reform ist nicht automatisch zukunftsorientiert, nur weil sie etwas verändert. Sie ist auch nicht automatisch eine Reform, weil sie Kosten senkt, Leistungen verändert oder bestehende Strukturen umbaut.
Eine gesellschaftlich tragfähige Reform müsste mehr leisten
Sie müsste die Fähigkeit eines Systems verbessern, mit seinen gegenwärtigen und zukünftigen Problemen umzugehen. Und dafür müsste sie nicht nur die unmittelbare Wirkung einer Entscheidung betrachten, sondern auch deren Wechselwirkungen.
Das ist anspruchsvoll.
Aber vielleicht ist genau das die Aufgabe von Politik in einer komplexen Gesellschaft
Nicht nur Probleme zu lösen.
Sondern dabei nicht gleichzeitig neue Probleme zu erzeugen,
die außerhalb des eigenen politischen
Zuständigkeitsbereichs liegen.
- Ein anderer Weg zu gesellschaftlichen Prinzipien
Aus dieser Überlegung ist in den vergangenen Monaten ein längerer Gedankengang entstanden. Der Versuch besteht darin, diesen Weg tatsächlich systematisch durchzugehen - von der Frage, was wir über Menschen und Gesellschaft überhaupt wissen können, über die unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven auf gesellschaftliche Wirklichkeit, über die daraus entstehenden grundlegenden Fragen, zu Anforderungen an gesellschaftliche Ordnung, zu möglichen Prinzipien, und schließlich zu der Frage, ob sich daraus ein übergeordnetes Grundprinzip gesellschaftlicher Tragfähigkeit formulieren lässt.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, eine neue Ideologie zu entwerfen.Es geht um den Versuch, einen nachvollziehbaren Weg von der Beobachtung zur Frage, von der Frage zur Anforderung und von der Anforderung zum Prinzip zu entwickeln. Und anschließend muss auch dieses Prinzip wieder zurück in die Realität, denn ein Grundprinzip kann nur dann Bestand haben, wenn es die Komplexität gesellschaftlicher Zusammenhänge aushält.
- wenn es mit anderen Prinzipien vereinbar ist
- wenn es Zielkonflikte sichtbar machen kann
- wenn es Rückkopplungen berücksichtigt
- und wenn es sich an konkreten gesellschaftlichen Entwicklungen überprüfen und gegebenenfalls korrigieren lässt.
Vielleicht liegt darin sogar ein sinnvollerer Ausgangspunkt für die Diskussion über unsere Gesellschaft als in der immer wiederkehrenden Auseinandersetzung zwischen den bekannten politischen Lagern.
- nicht - mehr Staat oder weniger Staat?
- nicht - mehr Markt oder weniger Markt?
- nicht - mehr Umverteilung oder weniger Umverteilung?
Sondern zunächst - welche Fähigkeiten muss eine Gesellschaft besitzen, damit Menschen in ihr handlungsfähig bleiben und die Gesellschaft selbst ihre Fähigkeit zur Anpassung, zum Lernen und zur Korrektur nicht verliert?
Diese Frage führt zu anderen Fragen. Aus diesen Fragen können Anforderungen entstehen. Aus den Anforderungen Prinzipien. Und aus dem Zusammenspiel dieser Prinzipien könnte vielleicht tatsächlich etwas entstehen, das mehr ist als eine weitere politische Denkschule - ein begründbarer Maßstab dafür, ob gesellschaftliche Ordnung ihre eigene Zukunftsfähigkeit stärkt – oder sie schrittweise untergräbt.
Die eigentliche Arbeit beginnt damit erst. Denn jetzt müsste man die Fragen, die sich aus diesem Perspektivwechsel ergeben, tatsächlich systematisch durchgehen.
Welche Fragen sind es genau? Welche Antworten lassen sich aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven darauf geben?
Und vor allem - welche Prinzipien lassen sich daraus ableiten, wenn keines dieser Prinzipien für sich allein, sondern jedes im Zusammenhang mit den anderen Bestand haben muss?
Das wäre der nächste Schritt
Kommentar Detlef Michael Schalles
Vielleicht ist das die Tragik unserer Zeit nach dem „Ende der großen Erzählungen“: Niemand wagte mehr, überhaupt zusammenhängender und somit größer als in Problemlösung zu denken. An Ihrem Beitrag Thomas Reinsch finde ich besonders interessant, dass Sie nicht von einer großen Idee her ableiten, wie Gesellschaft gestaltet werden müsste, sondern eine Methodik zeigen, die auch ohne den Konsens über die Idee weiterhilft. Indem Fragen, Anforderungen und Prinzipien formuliert, diskutiert und geprüft werden. Am besten aus unterschiedlichsten Blickwinkeln. Wer setzt solche Prozesse in Gang?
Kommentar Philip Hilgers
Ein Blick aus der Vogelperspektive, aber mit mit ultrahoher Auflösung, ein Adlerblick, sozusagen :). Doch selbst, wenn wir es schaffen, systemisch und in Kenntnis aller Zusammenhänge zu denken, fehlt mir noch das Wohin?: Zur Verbesserung der Qualität gesellschaftlicher Entscheidungsfindung gehört die Ziel-Frage. Was wollen wir eigentlich? Wie sieht eine wünschenswerte Zukunft aus? Immer mehr vom Gleichen? Was wollen wir unter Würde oder Freiheit verstehen? Sind materielle Lebensziele und Meritokratie geeignete Leuchtfeuer? Ist nicht das gemeinsame Sprechen darüber, wie wir zusammenleben wollen, Teil einer wünschenswerten Zukunft, weil wir eben AUCH soziale Wesen sind? Ja, wir müssen dringend politische Entscheidungsprozesse umgestalten. Aber eben WIR, und nicht jemand. Denn ein optimal gestalteter Entscheidungsprozess stellt sicher, dass die repräsentative Ziele verfolgt werden und Bürger die Entscheidungen mittragen. Es braucht ein Recht des Bürgers auf Mitwirkung und breit angelegte Beteiligung. Damit kommen zwei Zutaten in den Entscheidungsprozess: das Wissen der Bürger um ihre Betroffenheit und die Beteiligung der Betroffenen. Und hoffentlich der Anstoß für Veränderung.
Antwort Thomas Reinsch
der Begriff „Bürgerwürde“ gefällt mir ausgesprochen gut.
Eine gesellschaftspolitische Veränderung wird dabei vermutlich nicht durch den großen „Knall“ erfolgen. Wahrscheinlicher ist ein schleichender Prozess, in dem sich viele bereits entwickelte Ansätze miteinander verbinden.
Dazu gehören für mich beispielsweise Bürgerräte auf gesellschaftlicher Ebene. Auf betrieblicher Ebene könnte angesichts der fehlenden Nachfolgeregelungen die stärkere Förderung von Mitarbeiterbeteiligungen und Genossenschaftsmodellen ein wichtiger Baustein sein. Auch Konzepte der Gemeinwohlökonomie weisen in diese Richtung.
Auf volkswirtschaftlicher Ebene wären zudem die Ansätze von Mariana Mazzucato oder Kate Raworth interessant, weil sie ebenfalls versuchen, wirtschaftliches Handeln stärker in einen gesellschaftlichen und ökologischen Zusammenhang zu stellen.
Vielleicht entsteht Veränderung genau so - nicht durch den einen großen Entwurf, sondern durch viele miteinander verbundene Schritte, die unsere Vorstellung davon verändern, wie wir Gesellschaft gestalten - und vielleicht mit der Methodik, die ich im Artikel skizziert habe.
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