Cannabis? Längst nicht unser größtes Drogenproblem
Seit der Teillegalisierung diskutieren wir über Cannabis. Doch dessen Konsum ist gar nicht gestiegen. Ein Blick ins Abwasser zeigt: Die wahren Drogenprobleme sind andere.
Die Zeit hier Aus der Kolumne: Fratzschers Verteilungsfragen von Marcel Fratzscher 28.8.26
Cannabis? Längst nicht unser größtes Drogenproblem
Seit der Teillegalisierung diskutieren wir über Cannabis. Doch dessen Konsum ist gar nicht gestiegen. Ein Blick ins Abwasser zeigt: Die wahren Drogenprobleme sind andere.
Die Teillegalisierung von Cannabis vor zwei Jahren hat die Gesellschaft gespalten. Innenminister Alexander Dobrindt etwa spricht von einem richtigen »Scheißgesetz«, auch andere sparen nicht an harscher Kritik. Dabei deutet eine ausgewogene, wenn auch bislang vorläufige Betrachtung der Zahlen darauf hin, dass das Gesetz im Großen und Ganzen ein Erfolg ist. Der Konsum scheint nicht gestiegen zu sein.
Aber es gibt ein anderes Problem: Während über Cannabis hitzig diskutiert wird, ist der Konsum von Kokain, Crack und Methamphetamin dramatisch gestiegen.
Aber kommen wir erst einmal zu den verfügbaren, eher positiven Daten: Eine Studie zweier Kolleginnen am DIW Berlin, Anna Bindler und Andreea-Maria Stoica, zeigt, dass der Konsum von Cannabis in Deutschland seit 2012 zwar geringfügig angestiegen ist, sich seit der Teillegalisierung jedoch nicht signifikant verändert hat. Es gibt also keinerlei Beleg dafür, dass die Teillegalisierung in Deutschland zu einem signifikanten Anstieg des Cannabiskonsums geführt hat. Dies wird sowohl durch Schätzungen des Umsatzes als auch durch Selbstauskünfte und Abwasserdaten bestätigt. Letztere ermöglichen eine recht genaue und realistische Messung des Konsums verschiedener Drogen.
Die Behörden werden entlastet
Wissenschaftliche Studien kommen für andere Länder, die schon viel früher Cannabis legalisiert haben, zu fast identischen Ergebnissen.
In Deutschland wie auch international zeigen sich eher die Vorteile einer Legalisierung:
- Die Qualität hat sich verbessert, und
- die Zahl der Festnahmen wegen Cannabisbesitzes ist deutlich gesunken – und damit auch die Kosten für die Gesellschaft.
In Deutschland sind die Cannabisdelikte nach der Teillegalisierung 2024 um zwei Drittel zurückgegangen. Da der Besitz begrenzter Mengen von Cannabis nicht mehr strafbar ist, entfallen Kontrollen und Strafverfahren.
Bei der Interpretation dieser Daten ist allerdings Vorsicht geboten. Der deutliche Rückgang der Cannabisdelikte bedeutet nicht immer einen Rückgang der Beschaffungskriminalität. Aber Polizei und Justiz werden durch die Teillegalisierung entlastet und können ihre Ressourcen nun besser dort einsetzen, wo sie dringender gebraucht werden.
Deutschland muss die Drogenpolitik neu ausrichten
Ein wichtiger Einwand betrifft jedoch den Jugendschutz. Die genannte DIW-Studie bezieht sich auf Daten von 18- bis 64-Jährigen und kann daher keine Aussagen über Minderjährige treffen. Da Cannabis für das sich entwickelnde Gehirn bis etwa Mitte 20 besonders riskant ist, bleibt der Cannabiskonsum unter Jugendlichen eine wichtige Herausforderung für Politik und Gesellschaft. Allerdings gibt es auch für Jugendliche bislang keine belastbaren Zahlen. Man weiß schlicht nicht, ob Heranwachsende jetzt mehr Cannabis konsumieren oder nicht.
Auch der zweite Zwischenbericht zur Evaluierung von April 2026 liefert keinen Beleg, dass die Teillegalisierung gescheitert ist. Der Bericht unterstreicht erneut, dass der befürchtete starke Anstieg des Konsums unter Jugendlichen nicht eingetreten ist. Allerdings kritisiert der Zwischenbericht, dass medizinisches Cannabis zu häufig für den Freizeitkonsum genutzt wird. Und auch frühe Interventionen für gefährdete Jugendliche sind zurückgegangen.
Der 2026er Bericht der Europäischen Drogenagentur (EUDA) zeigt ebenso wie andere Studien, wo das eigentliche Problem liegt: Die Menschen in Europa nehmen mehr Kokain und Crack!
Wie man das misst? Die im Abwasser gemessenen Kokainrückstände haben sich seit 2015 in Deutschland fast verdreifacht. In Städten wie Frankfurt, Hamburg und Berlin ist Kokain die am stärksten nachgewiesene illegale Substanz. In anderen deutschen Städten, vor allem nahe der tschechischen Grenze, dominiert Methamphetamin.
Cannabis lenkt ab
Wir benötigen daher in Deutschland dringend eine Neuausrichtung der drogenpolitischen Debatte. Der Streit um die Teillegalisierung von Cannabis ist kontraproduktiv, denn er lenkt von den eigentlichen Problemen ab. Das bedeutet nicht, dass wir den Cannabiskonsum ignorieren sollten, zumal die gesundheitlichen Gefahren für Jugendliche und junge Erwachsene erheblich sein können. Ein erneutes Verbot und eine politische Kehrtwende mögen bei manchen populär sein, würden jedoch wohl wenig am Cannabiskonsum verändern. Viel klüger und zielführender wäre es, Aufklärung und Prävention deutlich zu stärken.
Der Fokus der Drogenpolitik in Deutschland sollte sich stattdessen an der tatsächlichen Bedrohungslage orientieren. Kokain und vor allem Crack und Methamphetamin verursachen schwere gesundheitliche Schäden und soziale Verwerfungen. Politik, Zoll und Strafverfolgungsbehörden sollten sich viel stärker darauf konzentrieren, die Lieferketten für diese illegalen Substanzen zu unterbrechen – auch wenn dies schwierig und häufig nicht dauerhaft von Erfolg gekrönt ist. Aber auch bei diesen Drogen führt langfristig kein Weg an einer stärkeren Suchtprävention, Aufklärung und Gesundheitsversorgung vorbei. Solche Angebote müssen besser und nachhaltiger finanziert werden als bisher. Und sie müssen die betroffenen Menschen wirksamer erreichen.
Die Teillegalisierung von Cannabis war ein mutiger und wohl richtiger Schritt. Darauf deuten zumindest die ersten Daten zu den Auswirkungen des Gesetzes hin. Die befürchteten negativen Konsequenzen sind größtenteils ausgeblieben. Wir sollten daher die ideologischen und emotionalen Kämpfe um eine Rücknahme des Gesetzes beenden und unsere politischen und gesellschaftlichen Kräfte auf die wirklichen und wachsenden Probleme des Drogenkonsums in Deutschland konzentrieren.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen