Freitag, 21. August 2026

Wir brauchen einen ehrlichen Austausch über die Zukunft der Agrarpolitik und wofür öffentliches Geld ausgegeben wird


Johannes Enssle

hier  geht`s zur Studie mit 20 Seiten

Die aktuelle CAPRI-Studie des NABU zur Ernährungssicherheit macht für mich deutlich: Wir brauchen einen ehrlichen Austausch über die Zukunft der Agrarpolitik und wofür öffentliches Geld ausgegeben wird.

Die Zukunft der GAP liegt in der Honorierung gesellschaftlicher Leistungen der Landwirtschaft. Pauschale Flächenprämien sind ein unwirksames Instrument, sie helfen weder die Ernährung zu sichern, noch bremsen sie den Artenschwund in der Agrarlandschaft oder den Verlust landwirtschaftlicher Betriebe, der sich seit 2020 weiter beschleunigt hat:
 Erneut haben allein von 2020 bis 2023 rund vier Prozent oder 1.600 Höfe im Südwesten dicht gemacht. 

Es ist Zeit, die Direktzahlungen in der kommenden Förderperiode schrittweise auslaufen zu lassen und die Mittel vollständig für Natur-, Klima- und Gewässerschutz einzusetzen.

Davon profitieren Landwirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen.

NABU-Forderungen:

Die GAP-Vorschläge der EU-Kommission für die Förderperiode ab 2028 müssen grundlegend nachgebessert werden.

  • 1. Basisprämie auslaufen lassen:

    Pauschale Flächenprämien haben angesichts der Herausforderungen im Agrarumwelt-, Klima- oder Tierschutz keine Legitimation mehr. Die kommende Förderperiode muss für einen schrittweisen und vollständigen Ausstieg aus der Basisprämie genutzt werden. Die Umsetzung einer verpflichtenden Kappung und Degression ist hierfür ein gangbarer Weg.

    Deutschland als EU-Nettozahler muss sich dafür einsetzen, dass deutsche Steuergelder hier und im EU-Ausland nicht ziellos ausgegeben werden.

  • 2. Agrarumwelt-Programme ausbauen statt kürzen:

    Maßnahmen wie Öko-Regelungen, Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen sowie Vertragsnaturschutz müssen sukzessive ausgebaut werden und die pauschalen Flächenprämien bis 2034 vollständig ersetzen. Sie tragen dazu bei, dass die Landwirtschaft ihren Aufgaben im Biodiversitäts- und Klimaschutz gerecht werden kann.

    Zugleich sind sie für viele Betriebe ein wichtiger Einkommenszweig.

  • 3. Europäische einheitliche Mindeststandards festlegen:

    Um die aus Steuermitteln finanzierten GAP-Subventionen öffentlich legitimieren zu können, müssen EUweit schlanke, aber wirksame Mindeststandards gelten – insbesondere für den Erhalt von Dauergrünland, Fruchtwechsel, nicht-bewirtschaftete Flächen und den Schutz von Mooren und Feuchtgebieten. Eine Renationalisierung von Mindeststandards führt zu Wettbewerbsverzerrungen in der EU und würde ein gemeinsames Europa schwächen.

  • 4. Kofinanzierungssätze absenken:

    Damit die notwendigen Maßnahmen im Natur- und Klimaschutz Wirkung entfalten, braucht es auch weiterhin rein EU-finanzierte AgrarumweltProgramme, wie sie aktuell in den Öko-Regelungen existieren. Für darauf aufbauende Programme sollten die Kofinanzierungssätze derBundesländer deutlich abgesenkt werden. Gleichzeitig sollte für Fördermaßnahmen ohne klaren Mehrwert für die EU bzw. mit potenziell marktverzerrender Wirkung eine nationale Kofinanzierung vorgeschrieben werden. Das betrifft v. a. die Basisprämie oder gekoppelte Zahlungen.

  • 5. Grünlandförderung ausbauen:

    Die neue GAP-Architektur sollte gezielte Förderprogramme vorsehen, die eine biodiversitätsfördernde und klimaschützende Grünlandbewirtschaftung – wie reduzierte Mahd und extensive Beweidung – maßgeblich stärken. Diese sollten Landwirtinnen und Landwirten flächendeckend betriebswirtschaftlich bzw. finanziell attraktive Anreize zur naturschutzfachlich guten Kulturlandschaftspflege bieten. Eine Förderung des bloßen Erhalts von Grünlandflächen lehnt der NABU ab.

 NABU e.V.


 ARD Tagesschau hier 20.08.2026 Eva Huber

NABU-Studie zweifelt an Nutzen der EU-Agrarhilfen

Braucht es Agrarsubventionen, um die Lebensmittelversorgung in Europa zu sichern? Eine neue Studie des NABU stellt ein zentrales Argument von Bundeslandwirtschaftsminister Rainer infrage.

Ernährungssicherheit - mit diesem Schlagwort kämpft Bundesagrarminister Alois Rainer (CSU) in der EU und auch innerhalb der eigenen Regierung für mehr Geld für die Landwirte. 

Das EU-Agrarbudget wird derzeit im Rahmen der EU-Finanzplanung neu verhandelt.

Rainer argumentiert: Nur wenn die Landwirte genügend finanzielle Unterstützung bekommen, lässt sich sicherstellen, dass die Menschen in Deutschland und Europa auch weiterhin genug heimische Lebensmittel auf dem Tisch haben.
Eine neue Studie, die dem ARD-Hauptstadtstudio vorliegt, stellt dieses Argument in Frage.

Verpuffen die Agrarhilfen?

Für die Landwirtschaft gibt die EU jedes Jahr rund 54 Milliarden Euro aus.
Viel davon wird mit der Gießkanne verteilt, über sogenannte Direktzahlungen. 

Die Landwirte bekommen einen festen Betrag für jeden Hektar Land, den sie bewirtschaften. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) hat ausrechnen lassen, was passiert, wenn man die Agrarhilfen komplett oder teilweise abschafft. Die Studie arbeitet dafür mit dem anerkannten agrarökonomischen Simulationsmodell CAPRI.


Die Ergebnisse der Studie haben
NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger überrascht,
denn auf die Produktionsmengen hätten die EU-Agrarhilfen kaum eine Auswirkung. 

"Sie verpuffen wirkungslos", sagt Krüger.


Die Studie hat verschiedene Szenarien durchgerechnet. Was passiert, wenn die EU-Agrarhilfen komplett abgeschafft werden? Was, wenn die Direktzahlungen wegfallen, also deutlich weniger Geld verteilt wird? 

Das Ergebnis: In Deutschland und Europa würde etwas weniger produziert werden als bisher. 

  • Beim Getreide zum Beispiel ginge die Erntemenge je nach Szenario um 1,5 bis 2,8 Prozent zurück. 
  • Bei Fleisch gebe es ein Minus von 0,75 Prozent. 
  • Die Menge an Milch bliebe beinahe unverändert.
  • Ohne oder mit deutlich weniger Agrarzahlungen würde es sich auf einigen Standorten mit schlechter Bodenqualität nicht mehr lohnen, Getreide, Mais und Co. anzubauen. 
  • Vor allem zahlreiche Wiesen und Weiden würden die Bauern dann wahrscheinlich nicht mehr bewirtschaften, weil es sich für sie nicht mehr rechnet.

Das steckt hinter CAPRI

Die Studie arbeitet mit Berechnungen des agrarökonomischen Modells CAPRI (Common Agricultural Policy Regionalised Impact Modelling System). Das Modell wurde auf Basis von EU-Forschungsprojekten entwickelt, um quantitative Analysen zur Gemeinsamen Agrarpolitik der EU zu erstellen. Das Ziel ist laut Thünen-Institut, "vorab den Einfluss von agrarpolitischen Entscheidungen auf die Produktion, das Einkommen, den Markt, Handel und die Umwelt global und regional mit dem Modell abzuschätzen." Das Modell berücksichtigt den internationalen Handel, die Entwicklung von Preisen von landwirtschaftlichen Erzeugnissen und die Pachtpreise von Agrarflächen.

Die Studie rechnet mit CAPRI verschiedene Szenarien durch, vom Wegfall der Direktzahlungen bis hin zur Abschaffung der gesamten EU-Agrarförderung. Die Ergebnisse beziehen sich auf das Jahr 2035, wenn die nächste Periode der Agrarförderung endet.

Dass trotzdem kaum weniger produziert werden würde, erklären die Studienautoren unter anderem damit, dass die Landwirtschaft insgesamt intensiver wirtschaften würde, es zum Beispiel weniger Bio-Anbau gebe. Für NABU-Chef Krüger zeigt die Studie "wie schlecht die Argumentation aus der Politik ist, dass die Agrar-Subventionen gebraucht werden, um unsere Ernährung abzusichern".

Bauernverband kritisiert Studie als "praxisfern"

Agrarökonom Alfons Balmann vom Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien hat nicht an der Studie mitgewirkt. Er hält die Ergebnisse für "nicht unplausibel". Allerdings sage die Studie nichts darüber, was kurzfristig mit den Betrieben passiert, wenn plötzlich ein Großteil der Gelder wegfällt, kritisiert Balmann.

Der Bauernverband fürchtet für die Betriebe drastische Auswirkungen, würde deutlich weniger EU-Geld bei den Landwirten ankommen. Bauernpräsident Joachim Rukwied kritisiert deshalb Berechnungen wie in dieser Studie als sehr theoretisch und praxisfern."

Ohne die Direktzahlungen könnten viele Betriebe nicht mehr in die Zukunft gehen. Sie müssten die Betriebstore schließen. Das Schließen wäre ein Schließen für immer", sagt Rukwied dem ARD-Hauptstadtstudio.

"Verteilungskonkurrenz" um EU-Mittel

Landwirtschaftsminister Alois Rainer scheint auch innerhalb der eigenen Regierung mit seinen Argumenten kaum durchzudringen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) will auf EU-Ebene vor allem Geld in Verteidigung und Wettbewerbsfähigkeit stecken und hält den bisherigen Vorschlag für den kommenden EU-Finanzrahmen ab 2028 für unbezahlbar. 

Die Landwirte könnten in Zukunft weniger Geld bekommen als bisher.
Es gebe da eine gewisse "Verteilungskonkurrenz", sagt Albert Stegemann, stellvertretender Vorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag. Er ist auch für mehr Geld für Verteidigung. 

Aber: "Auf der anderen Seite hat das Thema Versorgungssicherheit ja auch eine Verteidigungsrelevanz für Europa, deswegen macht es Sinn, diese Dinge gemeinsam zu denken." Er hält die Agrarhilfen für zentral bei der Ernährungssicherung.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium betont, dass ein Ende der Direktzahlungen nicht im Raum stehe. "Entsprechend wäre es nicht sachgerecht, aus einem politisch nicht vorgesehenen Szenario Schlussfolgerungen für die künftige Produktion oder den Strukturwandel abzuleiten", schreibt das Ministerium.

NABU fordert andere Verteilung

Auch der NABU ist nicht dafür, die Agrarhilfen komplett zu streichen. Dass man das Geld aber größtenteils pauschal pro Hektar an alle Landwirte verteilen muss, um die Ernährung zu sichern, sieht Naturschützer Krüger mit der Studie widerlegt. Er plädiert dafür mit dem Geld stattdessen stärker gesellschaftliche Leistungen der Landwirte zu honorieren. "Das ist Bodenschonung, das ist Humus im Boden, damit mehr Nährstoffe gespeichert werden können, das ist Wasserspeicherung im Boden, damit man dem Klimawandel trotzen kann", sagt Krüger.

Denn auch das zeigt die Studie: Würde gar kein Geld mehr fließen, würden die Landwirte genau für solche gesellschaftlichen Leistungen deutlich weniger Spielraum haben.



 6,7 Milliarden Euro pro Jahr fließen in Deutschland über die EU-Agrarförderung in die Landwirtschaft. Ein großer Teil davon wird als pauschale Flächenprämie ausgezahlt. Das Ziel: Ernährungssicherheit stärken.

Unsere neue Studie kommt jedoch zu einem anderen Ergebnis: Die Agrarsubventionen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) tragen jedoch weit weniger dazu bei, als häufig behauptet wird. Selbst bei einem vollständigen Wegfall der GAP-Zahlungen würden die landwirtschaftlichen Produktionsmengen und die Selbstversorgungsgrade nur geringfügig sinken.



Entscheidend für die langfristige Ernährungssicherheit sind vielmehr Faktoren wie gesunde Böden, sauberes Wasser, Bestäuber und ein widerstandsfähiges Agrarsystem.


Die spannende Frage lautet daher nicht nur, wie viel Geld wir investieren, sondern wofür wir es einsetzen.

Unsere neue Studie: https://lnkd.in/d6Q8xsEU

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