Hä, was für eine Klimakrise?
Ich habe noch mal nachgezeichnet, wie die populistische Rechte schon auf der Höhe der Klimabewegung angefangen hat, die Ergebnisse der Klimaforscher zu diskreditieren.
Es geht dabei gar nicht darum, unbedingt alle davon zu überzeugen, dass es keine Klimakrise gibt.
Es reicht schon, Zweifel zu sähen - und die wissenschaftlichen Ergebnisse so zu entwerfen.
Kommentar Niklas Höhne
Klimawandel fällt nicht aus. Bisher die fundierteste Analyse, die ich in der deutschen Presse gelesen habe. Danke Petra Pinzler Dr. Stefan Schmitt
Schön das "Bullshit-Asymetrie-Prinzip": Es braucht eine unfassbare größere Energie um Schwachsinn zu wiederlegen als ihn zu produzieren.
Zeit hier Von Petra Pinzler, Mitarbeit: Stefan Schmitt Aus der ZEIT Nr. 25/2026 2. Juni 2026
Klimaszenarien: Hä, welche Klimakrise denn?
Wie Populisten Warnungen und Prognosen instrumentalisieren, um die Gefahren für die Welt kleinzureden.
Wrong! Wrong! Wrong!« Diese drei Wörter schickte Donald Trump vor ein paar Tagen über seine Plattform Truth Social in die Welt. Das höchste »UN-Klima-Komitee« habe zugegeben, dass seine Voraussagen falsch waren, schrieb Trump und suggerierte damit etwas Phänomenales: Der Weltuntergang sei abgesagt, die Klimakrise werde doch nicht so schlimm.
Nun ist Trump bekanntermaßen nicht die seriöseste Quelle für Informationen. Und dennoch hat der Präsident die Debatte um Sinn und Unsinn der Klimapolitik wieder angeheizt, auch in Deutschland.
Er hat denen, die die Klimapolitik zu mühsam finden, ein Argument geliefert. Und bei anderen zumindest Zweifel gesät: Was, wenn doch was dran ist? Warum sich heute anstrengen, Verbrenner zu verbieten, die Energiewende durchzuziehen und auf Öl und Gas zu verzichten – wenn sich die Zukunft sowieso nicht so genau vorhersagen lässt?
Dabei ist der Post von Trump nur der bisherige letzte Höhepunkt einer Kampagne, die in rechtspopulistischen Netzwerken startete, und das schon vor mehreren Jahren.
Sie beginnt etwa in jener Zeit, als die damals 16-jährige Greta Thunberg vor den Vereinten Nationen sprechen darf.
Die Schwedin schockierte die Öffentlichkeit 2019 mit dem Satz »How dare you«. Sie warnte vor einer düsteren Zukunft, sollte das Klima nicht endlich besser geschützt werden. Unterstützt wird sie von vielen Millionen Menschen weltweit, vor allem Jugendliche demonstrieren gegen die Untätigkeit ihrer Regierungen und gegen eine Welt, in der die Temperaturen immer weiter steigen. Im schlimmsten Fall um über fünf Grad. Die Leitfiguren der Bewegung, Greta Thunberg und dann auch Luisa Neubauer, beschwören in ihren Reden zwar diese Temperaturen nicht. Aber auf Demoplakaten tauchen sie schon auf.
Fünf Grad: Diese Information basiert auf einem wissenschaftlichen Szenario mit dem Titel »Repräsentativer Konzentrationspfad 8.5 (RCP8.5)«. Wahrscheinlich hat kaum einer der jungen Demonstrierenden den Text gelesen. Auch die Autoren sind außerhalb von Fachkreisen unbekannt. Was viele aber kennen, ist die Angst vor den möglichen Folgen: vor einer Welt, in der das Wetter unberechenbar wird, die Gletscher schmelzen, die Flüsse versiegen.
Schon 2019 warnen die Wissenschaftler Zeke Hausfather und Glen Peters allerdings vor Extremannahmen. »Hört auf, das schlimmste Szenario der Klimaerwärmung als das wahrscheinlichste zu nutzen«, warnen die Forscher ihre Kollegen in der Zeitschrift Nature. Das sei »irreführend«, auch weil die Medien diese Botschaft oft noch zusätzlich verstärken würden. Die Warnung wird aber fast nur in der Fachwelt gelesen.
Emissionsszenarien, das muss man wissen, beschreiben mögliche Zukünfte der Erde.
Ganz wichtig dabei: Es handelt sich um Annahmen – über ökonomische Entwicklungen, Technologien und Gesellschaften. In dem extremen Szenario RCP8.5 nimmt man beispielsweise an, dass die Menschheit auch weiterhin sehr viel Kohle, Gas und Öl verbrennt, die Bevölkerung stark wachsen und es wenig technischen Fortschritt in der Energiebranche geben wird.
Vor 15 Jahren war das durchaus plausibel. Allerdings hat die Wissenschaft schon damals auch immerzu andere Szenarien entworfen, optimistischere. Solche, in denen die Staaten den Klimaschutz ernster nehmen, neue Technologien entwickeln und weniger CO₂ emittieren.
Diese Szenarien sind allerdings erst der Startpunkt oder die Grundlage, auf der Physiker mit dem Rechnen beginnen. Die Forscher nehmen also beispielsweise RCP8.5 und berechnen dann mit unterschiedlichen Modellen, wie die Erde darauf reagiert, wenn weiter ungehemmt Kohle verfeuert würde. Sie lassen Millionen Testdaten durch ihre Computer laufen. Sie prüfen, wann es zu möglichen Kipppunkten kommen und in welchen Gegenden es besonders heiß werden könnte. Und am Ende – wenn sie die Ergebnisse aus unterschiedlichen Modellen vergleichen – haben sie eine ungefähre Idee davon, um wie viel Grad die Temperatur steigen wird.
Die Öffentlichkeit will klare, endgültige Aussagen
Ein Grund dafür, dass auch die Szenarien immer wieder modernisiert werden müssen, ist das Präventionsparadox. Das besagt, dass eine schlimme Situation nicht eintritt, wenn aufgrund von Warnungen rechtzeitig gegengesteuert wird. Der Nachteil dabei ist: Je mehr auf die warnenden Stimmen gehört wird, desto dümmer stehen die dann oft da. Weil die Vorsorge bewirkt, dass es eben doch nicht so schlimm kommt. So war es beim Waldsterben, beim Ozonloch und bei Corona. Angewendet auf die Klimakrise bedeutet es: Je mehr und je schneller Klimaschutz betrieben wird, desto weniger dramatisch wird die Krise. Desto weniger wahrscheinlich wird RCP8.5.
Genau an diesem Punkt aber kommt es immer wieder zu großen Missverständnissen zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Während die Wissenschaft mit Plausibilitäten, Möglichkeiten und Szenarien arbeitet und Erkenntnisse immer wieder aktualisiert, will die Öffentlichkeit klare, endgültige Aussagen. Medien brauchen knackige Schlagzeilen, die Politik verlässliche Prognosen und Aktivisten harte Zuspitzungen, mit denen sie mobilisieren können. Ein Szenario muss zum Zeitpunkt ihrer Erstellung nicht falsch gewesen sein, nur weil es später, wenn sich die Bedingungen geändert haben, weniger wahrscheinlich ist. So war es auch während der Coronapandemie, als viele Leute nicht verstanden haben, warum Aussagen über die Gefährlichkeit des Virus immer wieder aktualisiert wurden.
»Niemand regte sich damals besonders auf«, erinnert sich Zeke Hausfather heute an die Reaktionen auf seinen Nature-Artikel über RCP8.5. In einer Gruppe wächst in jener Hochzeit der Klimabewegung jedoch, noch unbeachtet von der Öffentlichkeit, das Interesse an Emissionsszenarien: bei den rechten Populisten, im Trump-Lager, in der AfD und bei all denen, die die Veränderung der Atmosphäre für eine verrückte Fantasie der Linken halten. Für sie kommt die wissenschaftliche Kritik an RCP8.5 wie gerufen.
»Es war nur eine Frage der Zeit, wann das hochkochen würde«, sagt Michael Mann. Der amerikanische Klimawissenschaftler forscht an der University of Pennsylvania und wurde vor rund einem Vierteljahrhundert durch seine »Hockeyschläger-Grafik« bekannt. Die beschreibt, wie die Durchschnittstemperaturen über Jahrhunderte um einen geringen Wert schwanken, dann aber mit der Industrialisierung rasant steigen. Michael Mann wurde daraufhin jahrelang von Verschwörungsbloggern verleumdet, es wurden ihm Lug und Betrug vorgeworfen. Er gewann schließlich vor Gericht gegen zwei von ihnen und schrieb ein Buch mit dem Titel Science Under Siege (Wissenschaft unter Belagerung). Seither verfolgt er auch die Debatte in rechten Netzwerken.
Schon länger hätten Klimaleugner und Verharmloser in dem Messengerdienst Telegram darüber diskutiert, dass das Szenario RCP8.5 nützlich sein könnte, um für Zweifel am Ausmaß der Klimakrise und für Verwirrung zu sorgen. Frei nach dem Motto: Wenn schon ein Szenario revidiert wird, dann wird wohl auch der ganze Rest der Wissenschaft falsch sein.
Und das wiederum muss man nur oft genug wiederholen. »Flood the zone with shit«, sagt Mann, frei übersetzt: Überflute den Raum mit Mist; dieses Kommunikationsmittel des Ex-Beraters von Trump, Steve Bannon, funktioniere immer wieder aufs Neue. Die Zweifel an der Wissenschaft würden erst in der Gruppe der Klimaleugner gesät, über soziale Netzwerke verbreitet und von Teilen der Öl- und Gaslobby finanziell unterstützt werden, und seien dann immer häufiger auch von »konservativen Politikern und Meinungsführern« aufgenommen worden.
Besonders gut funktioniert das, wenn es sich, so wie bei Trumps »Wrong«-Post um eine Mischung aus Halbwahrheiten, Fakten und Lügen handelt. Richtig ist, dass im April 2026 tatsächlich eine wissenschaftliche Arbeit erschien, die sich grundlegend mit dem Emissionsszenario RCP8.5 beschäftigt. Sie hat den komplizierten Titel »The Scenario Model Intercomparison Project for CMIP7 (ScenarioMIP-CMIP7)« .
Unter der Leitung von Detlef van Vuuren hat eine Gruppe von Wissenschaftlern neue Erkenntnisse über alle möglichen Szenarien zusammengetragen, überholtes Wissen aussortiert und aktuelle Entwicklungen hinzugefügt. Und neue Hoch-, Mittel- und Niedrig-Szenarien vorgeschlagen. In der Wissenschaft ist das ein ganz normaler Vorgang, langsam und gewissenhaft werden neue Erkenntnisse immer wieder überprüft und ersetzen schließlich alte. Das Szenario RCP8.5 halten die Wissenschaftler für so unwahrscheinlich, dass sie es aussortieren.
Falsch ist allerdings, dass diese Gruppe das wichtigste »UN-Klima-Komitee« ist, womit er wohl den Klimarat der UN meint, den IPCC. Und was der auch umgehend auf seiner Website klarstellt. Der Rat selbst erstellt keine Szenarien. Er bewertet die aktuelle Forschung und schreibt sie zusammen.
Die neue Lust am alten Klimazweifel
Trump mixt in seinem Post also Richtiges (RCP8.5 ist für die meisten Klimawissenschaftlern nun Geschichte) und suggeriert Falsches (UN-Klimaforscher hätten sich verrechnet).
Das aber interessiert nur die Feinschmecker. So wie auch die Executive Order 14303 mit dem Titel »Restoring Gold Standard Science«. Bereits in dieser Anweisung, die Trump mit vielen anderen gleich zu Amtsantritt unterschreibt, wird gegen RCP8.5 gewettert.
Warum das Thema dann ausgerechnet jetzt wieder hochkocht? Van Vuuren vermutet den Auslöser in einem Beitrag von Roger Pielke Jr. vom einflussreichen neokonservativen American Enterprise Institute. Der verfälscht die Aussagen der Forscher rund um van Vuuren und schreibt sogar, dass es nun bald »kühler« werde.
Andere vermuten, dass hinter Trumps Aktivismus ökonomische Interessen der Öl- und Gasindustrie stecken. Schließlich treibt der Krieg am Persischen Golf viele Länder schneller in die Energiewende, als noch kürzlich denkbar schien. Schon heute fließen 60 Prozent der globalen Energieinvestments in die Elektrifizierung und damit in das Ende der fossilen Industrie. Der Konflikt werde das »Zeitalter der Elektrifizierung« noch schneller Wirklichkeit werden lassen, schrieb die Internationale Energieagentur (IEA) erst vergangene Woche. Stoppen wird sich diese Entwicklung nicht lassen, aber vielleicht bremsen, wenn Zweifel verbreitet werden?
»Selbst in meiner Bubble glauben manche Leute, die UN habe sich verrechnet«, sagt die Klimaaktivistin Luisa Neubauer. Teile der Wissenschaft verstünden »in einer Zeit, in der Klimaleugnung als politisches Instrument genutzt werde« immer noch nicht, wie politisch ihre Ergebnisse seien, und erklärten sie nicht immer gut. »Man hätte das Ende von RCP8.5 doch auch proaktiv als eine positive Nachricht verkünden können«, so Neubauer: als einen Beweis dafür, dass Klimapolitik funktioniert. Und dass es sich lohne, weiterzumachen.
Stattdessen sind in Deutschland Stimmen wie die der ehemaligen Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) zu hören, die Klimaziele »überdenken« möchte. Und rechtskonservative Juristen wie Ulrich Vosgerau schüren Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Klimaurteils des Bundesverfassungsgerichts. Das Gericht hatte die Bundesregierung 2021 zu einer ehrgeizigeren Klimapolitik verpflichtet. Wenn aber nun das Worst-Case-Szenario nicht stimmt, wird dann nicht auch die Grundlage für das Urteil brüchig?
»Die Argumentation, dass das Urteil keine Grundlage mehr habe, ist so durchschaubar absurd, dass es fast wehtut und mich geradezu wütend macht«, sagt dazu Niklas Höhne vom New Climate Institute. Der Klimaforscher hat die wissenschaftlichen Grundlagen für das Urteil miterarbeitet, er weiß daher: »Das Urteil des Verfassungsgerichts basiert auf dem Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens, den Klimawandel weit unter zwei Grad und möglichst unter 1,5 Grad zu halten. Daran hat sich mit Wegfall des Worst-Case-Szenarios überhaupt gar nichts geändert.« Im Gegenteil: Die Modellierer hätten das schlimmste Szenario explizit ausgeschlossen – aber auch das beste Szenario.
»Mit allen Kräften gegen die gottlose Macht«
Und dennoch bedauern viele Wissenschaftler, dass sie bewusst so falsch verstanden und wiedergegeben werden können. Wir hätten unsere Studie kommunikativ vielleicht besser vorbereiten müssen und die Kommunikation nicht den Rechtspopulisten überlassen dürfen, sagt Detlef van Vuuren, der die Forschergruppe geleitet hat, die in ihrer Studie das Szenario RCP8.5 nicht mehr plausibel gefunden hat.
Van Vuuren will das explizit nicht als Entwarnung verstanden sehen. Jeder neue Zweifel an dem Ausmaß der Klimakrise sei ein Rückschlag. Denn diese sei weiter ein Riesenproblem. »Wir stehen sehr viel schlechter da als noch 2010, wir überschreiten die 1,5 Grad.« Und auch eine Erwärmung um 1,5 oder 2 oder 3 Grad (was immer noch möglich ist) könne desaströse Folgen haben, zumal die Wissenschaft auch immer noch nicht genau weiß, wie sich die Veränderungen lokal auswirken.
Der italienische Informatiker Alberto Brandolini hat einst das »Bullshit-Asymmetrie-Prinzip« erdacht: Das besagt, dass es eine unfassbar viel größere Menge an Energie braucht, um Schwachsinn zu widerlegen, als ihn zu produzieren. Anders formuliert: Etwas bleibt immer hängen.
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