Mittwoch, 12. August 2026

Das Schlimmste an diesem Sommer ist nicht die Dürre selbst. Sondern die Duldungsstarre, mit der sie hingenommen wird.

 


Spiegel hier  Meinung 11.08.2026, Der SPIEGEL-Leitartikel von Arno Frank

Die letzte Phase des Sterbens ist erreicht

Unseren Flüssen geht das Wasser aus. Doch das ist nicht die eigentliche Katastrophe dieses Sommers.

Wer dieser Tage den Rhein besucht, seinen Verlauf von der Nordsee bis zum Bodensee verfolgt, kann mancherorts über sein ausgetrocknetes Bett bis an die Fahrrinne waten. Normalerweise eine vage Vertiefung in der Mitte des Stromes, erlaubt sie derzeit nur noch solchen Schiffen freie Fahrt, die nicht komplett beladen sind. Schon wird Frachtverkehr auf Lastwagen verlagert und erwogen, mit Baggern die Fahrrinne zu vertiefen.

Besonders gut lässt sich die Dramatik der Lage bei Koblenz beobachten, wo Mosel und Rhein sich treffen. Dort ist der Wasserstand aktuell auf den Rekordniedrigstand von nur elf Zentimetern gesunken. Bei Sinzig, wo normalerweise die Ahr in den Rhein mündet, kann man trockenen Fußes von Ufer zu Ufer spazieren. Der Zufluss, vor fünf Jahren noch ein reißendes Gewässer, ist derzeit komplett versiegt.

Der Sommer von 2003 war eine Katastrophe, der Sommer von 2018 eine »Jahrhundertdürre«, das wärmste und trockenste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen 1881. Das laufende Jahr wird diesen Rekord vermutlich in den Schatten stellen – nicht nur in Deutschland. Sicherheitshalber sind Kernkraftwerke in ganz Europa heruntergefahren, weil etwa Garonne oder Aare nicht mehr genug Kühlwasser liefern. Im Schlick der Donau kommen Mammutknochen und Wracks der Wehrmacht zum Vorschein. England, wo seit zwei Monaten kaum ein Regentropfen gefallen ist, erinnert auf Satellitenbildern an Dubai. Schon hat das Robert Koch-Institut alarmierende Zahlen zur hitzebedingten Übersterblichkeit vorgelegt.

Und niemand ist überrascht, geschweige denn schockiert.

Dabei ist spätestens in diesem Sommer auch sinnlich erfahrbar geworden, wovor Klimaforscher seit Jahrzehnten warnen: der Kipppunkt. Auswirkungen aber hat er nicht. Aus Theorie wird nun Praxis, aber diese Praxis nennen wir kurzerhand »das neue Normal«.


Das Land müsse
 »mit den Folgen des Klimawandels zu leben« lernen,
sagte unlängst der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz –
und erklärte damit die bedingungslose Kapitulation der Politik vor den dystopischen Verhältnissen.
 


Unterdessen liegt die einzige Partei, die den von Menschen gemachten Klimawandel rundheraus leugnet und jedes Gegensteuern als wirtschaftsschädigend ablehnt, in Umfragen bundesweit an der Spitze. Menschlich mag diese geschmeidige Ignoranz verständlich sein. Ihre gesellschaftspolitischen Folgen aber sind fatal.

Die Anschaffung einer Klimaanlage erscheint als legitimer Akt der Selbstverteidigung. 

Leugnen, Zorn, Verhandeln, Depression – es ist, als hätten wir mittlerweile das Fünf-Phasen-Modell der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross vollständig durchlaufen und nun das letzte Stadium erreicht: Akzeptanz, die Annahme des Unvermeidlichen. Wir seufzen, zucken mit den Schultern – und fragen das Energien verschlingende ChatGPT nach Tipps und Tricks, wie man trotz tropischer Hitze nachts noch durchschlafen kann. Die Anschaffung einer Klimaanlage bleibt unvernünftig, erscheint neuerdings aber als legitimer Akt der Selbstverteidigung.

Was nichts an der Tatsache ändern wird, dass diesem Land mit dem Wasserrückgang mittelfristig eine fundamentale Ressource verloren geht. Die Folgen für Wirtschaft, Industrie und nicht zuletzt die Gesundheit der Bevölkerung sind schon heute verheerend. 


Die Bundesregierung hat Klimaziele.
Sie hat Wasserstrategien, Aktionspläne und Förderprogramme. Sie hat erkannt, dass Landwirtschaft, Städte und Industrie eigentlich so radikal umgebaut werden müssten,
wie es die radikal neuen Verhältnisse verlangen. 

Was sie bislang nicht besitzt,
ist die Entschlossenheit und der Mut, angemessen zu reagieren


Und das, obwohl »Wasser« – wie Energie, Gesundheit oder Ernährung – zur kritischen Infrastruktur zählt, also von zentraler Bedeutung für ein funktionierendes Gemeinwesen ist. Umso mehr verwundert die eher palliative Politik des »Augen zu und durch!«. Wird schon wieder regnen!

Einsicht ins Unvermeidliche bringt noch lange keine Bereitschaft mit sich, die oft harten Konsequenzen dieser Einsicht zu tragen. Weshalb die unabweislichen Folgen des beschleunigten Wandels auch kaum mehr Nachrichtenwert besitzen als verspätete Regionalzüge oder irgendwelche Machtkämpfchen bei Gianni Infantinos Fußball-Weltverband Fifa. Das Schlimmste an diesem Sommer ist nicht die Dürre selbst. Sondern die Duldungsstarre, mit der sie hingenommen wird.


Ein Land sieht zu, wie seine Lebensgrundlagen verdunsten.
Und wenn ihre Gefährdung niemanden mehr beunruhigt,
zerfällt nach und nach auch der Anspruch,
dass eine Gesellschaft ihre existenziellen Herausforderungen gemeinsam trägt.
 


Auf diese Weise waten wir einer Zukunft entgegen, in der die Klimakrise schlicht privatisiert wird. Dann kämpft jeder für sich. Wer es sich leisten kann, schützt sich. Wer es nicht kann, bleibt zurück. Nicht der Wassermangel allein wäre dann die Katastrophe. Sondern der politische und soziale Zerfall, den wir widerstandslos in Kauf nehmen. 

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