Ich bin immer wieder begeistert von den Beiträgen von Thomas Reinsch. Er schafft es immer wieder, hinter das Offensichtliche zu schauen, vorbei an fremdbestimmten Narrativen, die uns in eine bestimmte Richtung drängeln wollen. Und schenkt uns dadurch eine neue Perspektive.
Thomas Reinsch LinkedIn 22.8.26Warum müssen Menschen länger arbeiten wollen?
Die Diskussion über die Zukunft der gesetzlichen Rente wird derzeit vor allem als finanzielle Notwendigkeit geführt. Die Gesellschaft altert, die Zahl der Rentnerinnen und Rentner steigt, während die Zahl der Beitragszahler relativ dazu zurückgeht. Also, so die Schlussfolgerung, muss länger gearbeitet werden.
Genau deshalb empfiehlt die Alterssicherungskommission der Bundesregierung unter anderem, den abschlagsfreien Rentenzugang für „besonders langjährig Versicherte“ abzuschaffen. Gemeint ist jene Regelung, die umgangssprachlich noch immer „Rente mit 63“ genannt wird. Tatsächlich können Versicherte der jüngeren Jahrgänge nach 45 Versicherungsjahren derzeit frühestens mit 65 Jahren abschlagsfrei in Rente gehen. Die Regelaltersgrenze liegt aktuell bei 66 Jahren und 4 Monaten und steigt bis auf 67 Jahre an. Die Kommission will diesen privilegierten Zugang abschaffen und damit zugleich Anreize für einen späteren Renteneintritt schaffen.
Der Einwand dagegen - es gibt Menschen, denen nach 45 Jahren Erwerbsarbeit ein weiteres Arbeiten schlicht nicht mehr zugemutet werden kann. Besonders gilt dies für körperlich oder psychisch belastende Tätigkeiten. Als mögliche Lösung werden deshalb Härtefallregelungen oder andere Ausgleichsmechanismen diskutiert.
Das ist zunächst eine vernünftige Debatte - aber vielleicht diskutieren wir trotzdem am eigentlichen Problem vorbei. Denn hinter der Frage, ob Menschen länger arbeiten können, verbirgt sich eine viel grundsätzlichere Frage - warum gehen wir eigentlich davon aus, dass Menschen länger arbeiten wollen?
Und noch grundsätzlicher - welches Menschenbild liegt der Vorstellung zugrunde, dass eine Verlängerung der Erwerbsarbeit grundsätzlich etwas Erstrebenswertes ist?
Thomas Reinsch 22. August 2026
Warum müssen Menschen länger arbeiten wollen?
Die Rentendebatte und der verschwundene Mensch
In der politischen Diskussion erscheint Arbeit zunächst als abstrakte Größe. Wir sprechen über Beschäftigungsquoten, Erwerbsbeteiligung, Beitragsjahre, Arbeitskräftepotenzial und Rentenausgaben. Dabei verschwindet derjenige, der diese Arbeit tatsächlich verrichtet.
„45 Versicherungsjahre“ sagen wenig darüber aus, was ein Mensch in diesen 45 Jahren getan hat. Sie sagen nichts darüber, ob er auf einer Baustelle gearbeitet, Menschen gepflegt, Lastwagen gefahren, in einer Fabrik gestanden oder in einem Büro gearbeitet hat. Sie sagen nichts über Schichtarbeit, Zeitdruck, körperliche Belastung, psychische Belastung, Autonomie oder Anerkennung.
- aus Lebenszeit wird Versicherungszeit
- aus Arbeit wird Erwerbsarbeit
- aus dem Menschen wird ein Beitragszahler.
Genau hier beginnt das eigentliche philosophische Problem. Denn ein Mensch lebt nicht in Versicherungsjahren. Er lebt in Zeit. Und diese Zeit ist endlich.
Die erste unausgesprochene Annahme - Arbeit ist gut
In der politischen Debatte wird mehr Erwerbsarbeit fast automatisch mit einem gesellschaftlichen Gewinn gleichgesetzt. Mehr Beschäftigung ist gut. Längere Erwerbsbiografien sind gut. Ein späterer Renteneintritt ist gut. Eine höhere Erwerbsbeteiligung älterer Menschen ist gut. Aus der Perspektive des Rentensystems ist das nachvollziehbar. Mehr Beschäftigte zahlen länger Beiträge und beziehen später Leistungen. Aber aus dem gesellschaftlichen Nutzen eines längeren Arbeitslebens folgt noch lange nicht, dass dieses längere Arbeitsleben auch für den einzelnen Menschen einen höheren Nutzen besitzt.
Hier werden zwei Ebenen miteinander vermischt - was für das System funktional ist, wird als etwas dargestellt, das auch für den Menschen gut sein muss - das ist keineswegs selbstverständlich.
Arbeit kann selbstverständlich sinnvoll sein. Sie kann Selbstverwirklichung, Anerkennung, soziale Beziehungen, Selbstwirksamkeit und Identität ermöglichen.
Aber Arbeit kann ebenso schlicht das Mittel sein, mit dem ein Mensch seinen Lebensunterhalt verdient. Nicht jeder Mensch liebt seine Arbeit. Nicht jeder Mensch findet in seiner Arbeit Sinn. Und nicht jeder Mensch möchte, dass Erwerbsarbeit einen möglichst großen Teil seines Lebens ausfüllt.
Der Mensch arbeitet nicht. Der Mensch lebt.
Hier lohnt ein Blick auf Hannah Arendt. Sie unterscheidet in ihrer Analyse menschlicher Tätigkeiten zwischen labor, work und action. Für unsere heutige Gesellschaft ist besonders interessant, wie stark die ökonomische Reproduktion des Lebens unser Denken über den Menschen bestimmt. Der moderne Mensch wird zu einem großen Teil über seine Stellung im Arbeitsprozess beschrieben.
- was machst du?
- was verdienst du?
- wo arbeitest du?
- wie erfolgreich bist du?
- wie lange kannst du noch arbeiten?
Selbst der Übergang in den Ruhestand wird häufig als ökonomische Variable betrachtet - er bedeutet den Verlust von Arbeitskraft und gleichzeitig den Beginn des Rentenbezugs.
Aber ein Mensch ist mehr als seine ökonomische Funktion. Er hat Beziehungen. Er sorgt für andere. Er lernt. Er interessiert sich. Er engagiert sich. Er schafft. Er denkt. Er liebt. Er spielt. Er nimmt am gesellschaftlichen Leben teil. Und irgendwann möchte er vielleicht schlicht über seine eigene Zeit verfügen.
Das Entscheidende daran ist - diese anderen Formen menschlicher Tätigkeit verschwinden in dem Moment aus der politischen Betrachtung, in dem wir den Menschen primär als Erwerbstätigen betrachten. Dann erscheint Ruhestand nicht mehr als eine mögliche Phase eines gelungenen Lebens, sondern als möglichst lange hinauszuschiebender Entzug von Arbeitskraft.
Arbeit ist nicht gleich Arbeit
Die Vorstellung einer einheitlichen Lebensarbeitszeit wird noch problematischer, wenn man die Arbeitswelt selbst betrachtet. 45 Jahre sind nicht einfach 45 Jahre. Ein Mensch, der vier Jahrzehnte in einer Tätigkeit mit hoher körperlicher Belastung gearbeitet hat, hat ein anderes Arbeitsleben hinter sich als jemand, der über Jahrzehnte eine weitgehend selbstbestimmte Tätigkeit ausgeübt hat.
Dasselbe gilt für psychische Belastungen. Arbeitsverdichtung, Schichtarbeit, permanente Erreichbarkeit, Leistungsdruck, geringe Autonomie oder fehlende Anerkennung können Arbeit zu einer erheblichen Belastung machen.
Natürlich bedeutet das nicht, dass jede belastende Tätigkeit krank macht oder jede angenehme Tätigkeit gesund hält. Aber es bedeutet etwas anderes und Grundsätzlicheres - Erwerbsarbeit ist keine homogene Größe. Wenn wir deshalb von „45 Jahren Arbeit“ sprechen, tun wir so, als hätten alle Menschen in diesen 45 Jahren dieselbe Art von Lebenszeit eingesetzt. Das ist sozialwissenschaftlich kaum haltbar.
Die Gesellschaft verteilt Einkommen ungleich. Sie verteilt aber auch Arbeitsbelastungen, Autonomie, Anerkennung, Gesundheit und freie Lebenszeit ungleich. Genau deshalb ist die Frage nach dem Renteneintritt immer auch eine Frage sozialer Gerechtigkeit.
Man kann Arbeit auch einfach nicht wollen
Damit kommen wir zu einem Punkt, über den erstaunlich wenig gesprochen wird. Es ist gesellschaftlich akzeptiert, dass Menschen unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was ihnen wichtig ist. Wir akzeptieren unterschiedliche Vorstellungen von Wohnen, Konsum, Familie, Freizeit oder Lebensstil. Warum sollte ausgerechnet die Bewertung der eigenen Lebenszeit am Ende des Erwerbslebens einer einheitlichen gesellschaftlichen Norm folgen?
- Ein Mensch kann nach 45 Jahren sagen - „Ich möchte weiterarbeiten.“
- Ein anderer kann sagen - „Ich möchte jetzt etwas anderes mit meinem Leben anfangen.“
Beide Entscheidungen können vernünftig sein. Vielleicht möchte der eine seine berufliche Tätigkeit weiterhin ausüben. Der andere möchte mehr Zeit mit seiner Familie verbringen, sich um Angehörige kümmern, reisen, sich ehrenamtlich engagieren, lesen, musizieren oder schlicht weniger fremdbestimmt leben. Es gibt keinen offensichtlichen Grund, warum die zweite Entscheidung weniger rational sein sollte als die erste.
Und genau hier wird die Diskussion interessant.
Denn ausgerechnet die ökonomische Theorie, die uns erklärt, dass Menschen ihre eigenen Präferenzen kennen und ihre Entscheidungen an ihrem individuellen Nutzen ausrichten, müsste diese Entscheidung eigentlich ernst nehmen.
Der Homo oeconomicus gerät in einen bemerkenswerten Widerspruch
Der Homo oeconomicus ist eine Vereinfachung. Aber er ist eine folgenreiche Vereinfachung. Er beschreibt den Menschen als Akteur, der unter gegebenen Bedingungen seine Entscheidungen an seinen Präferenzen und seinem eigenen Nutzen orientiert. Wenn ein Mensch also nach 45 Jahren Erwerbsarbeit entscheidet, früher in den Ruhestand zu gehen, weil ihm die zusätzliche freie Zeit mehr wert ist als ein weiteres Erwerbsjahr, dann handelt er zunächst genau so, wie es dieses Modell nahelegt. Er wägt Alternativen ab. Er bewertet seinen Nutzen. Und er entscheidet sich für die Alternative, die seinen Präferenzen entspricht.
Warum sollte diese Entscheidung irrational sein? Genau hier entsteht ein bemerkenswerter Widerspruch. Denn in der politischen Diskussion wird der Wunsch nach einem früheren Renteneintritt plötzlich nicht mehr als Ausdruck individueller Präferenzen betrachtet, sondern als „Anreizproblem“.
- der Mensch soll länger arbeiten
- er soll sein Arbeitsangebot ausweiten
- er soll dem Arbeitsmarkt länger zur Verfügung stehen
Seine Entscheidung soll durch politische Rahmenbedingungen entsprechend beeinflusst werden. Damit wird der Homo oeconomicus plötzlich merkwürdig selektiv interpretiert.
Er darf sich selbst optimieren – aber offenbar nur innerhalb einer gesellschaftlich vorgegebenen Optimierungsfunktion.
Der Mensch darf sich optimieren – aber nicht zu früh aufhören
Das ist vielleicht der interessanteste Widerspruch der gesamten Debatte. Die neoliberale Vorstellung vom Menschen betont Eigenverantwortung, individuelle Präferenzen und Selbstbestimmung. Der Einzelne soll entscheiden, was für ihn gut ist.
- er soll sein Leben gestalten
- er soll seine Chancen nutzen
- er soll seinen persönlichen Nutzen maximieren.
Aber sobald seine persönliche Nutzenabwägung zu dem Ergebnis kommt, dass ein weiteres Arbeitsjahr für ihn weniger wert ist als ein Jahr gewonnener Lebenszeit, wird seine Entscheidung plötzlich zum gesellschaftlichen Problem. Dann ist von Fehlanreizen die Rede. Von Frühverrentung. Von Fachkräftemangel. Von Kosten für die Rentenversicherung. Das alles sind reale gesellschaftliche Interessen. Aber sie sind nicht automatisch die Interessen des einzelnen Menschen.
Und genau diese Unterscheidung wird in der Debatte erstaunlich häufig unterschlagen.
Vom äußeren Zwang zur Selbststeuerung
Hier lässt sich eine Verbindung zu Michel Foucault herstellen. Moderne Gesellschaften funktionieren nicht mehr ausschließlich über direkte Verbote und Befehle. Sie funktionieren zunehmend dadurch, dass Menschen dazu gebracht werden, sich selbst in einer bestimmten Weise zu steuern.
Man muss dem Menschen nicht mehr sagen – „Du musst arbeiten.“
Es reicht, ihm zu vermitteln –
- „Ein verantwortungsvoller Mensch arbeitet länger.“
- „Wer gesund ist, kann länger arbeiten.“
- „Wer leistungsfähig ist, sollte seine Potenziale nutzen.“
- „Wer früher aufhört, belastet die Gemeinschaft.“
Damit wird aus einer politischen Vorgabe eine scheinbar persönliche Entscheidung.
Das Individuum soll sich selbst optimieren. Es soll seine Arbeitsfähigkeit erhalten.
Es soll seine Lebenszeit möglichst produktiv einsetzen. Und schließlich soll es sogar die Verlängerung seines Arbeitslebens als Ausdruck von Freiheit und Eigenverantwortung verstehen.
Das ist die eigentliche Pointe neoliberaler Regierungsrationalität (Gouvernementalität, nach Foucault) - die gesellschaftliche Erwartung wird zur persönlichen Selbstverpflichtung.
Aber was ist mit den Menschen, die nicht mehr können?
Natürlich gibt es Menschen, für die ein längeres Arbeitsleben tatsächlich körperlich oder psychisch nicht mehr möglich ist. Die politische Debatte erkennt dieses Problem inzwischen durchaus an. Wenn der abschlagsfreie Rentenzugang nach 45 Versicherungsjahren entfiele, wären Härtefallregelungen deshalb ein naheliegender Ausgleich. Aber auch diese Lösung bleibt innerhalb eines bestimmten Denkrahmens.
Denn sie sagt - die normale Gesellschaft erwartet längeres Arbeiten. Für diejenigen, bei denen das nicht möglich ist, brauchen wir Ausnahmen. Vielleicht müssen wir die Perspektive umkehren. Vielleicht ist nicht der Mensch, der nach 45 Jahren nicht mehr arbeiten möchte, der Sonderfall. Vielleicht ist vielmehr die Vorstellung erklärungsbedürftig, dass ein Mensch über 45, 47 oder sogar 50 Jahre hinweg Erwerbsarbeit leisten soll.
Die Frage müsste dann nicht lauten - welche Härtefälle erlauben wir?
Sondern - welche Bedeutung soll Erwerbsarbeit überhaupt im Verhältnis zur Lebenszeit eines Menschen besitzen?
Lebensleistung ist mehr als Erwerbsleistung
Ein weiterer Begriff verdient dabei besondere Aufmerksamkeit - die „Lebensleistung“.
45 Jahre Erwerbsarbeit werden zu Recht
als Lebensleistung anerkannt.
Aber warum sollte Lebensleistung
mit Erwerbsleistung gleichgesetzt werden?
Was ist mit der Erziehung von Kindern?
Was ist mit Pflege?
Was ist mit ehrenamtlichem Engagement?
Was ist mit der Unterstützung von Angehörigen?
Was ist mit gesellschaftlichem Engagement,
kultureller Arbeit oder
der Fürsorge für andere Menschen?
Ein erheblicher Teil dessen, was eine Gesellschaft am Leben erhält, findet außerhalb des Marktes statt.
Und doch besitzt die am Markt verkaufte Arbeitskraft eine besondere gesellschaftliche Wertigkeit. Das zeigt, wie tief die ökonomische Perspektive in unser Denken eingedrungen ist. Was bezahlt wird, erscheint als Leistung. Was nicht bezahlt wird, verschwindet leichter aus der Bilanz.
Auch die Rentendebatte ist davon geprägt.
Das eigentliche Problem - wir verwechseln gesellschaftlichen und individuellen Nutzen
Damit lässt sich der zentrale Denkfehler der Debatte präziser benennen. Für die Gesellschaft kann es sinnvoll sein, wenn Menschen länger arbeiten. Das kann die Rentenversicherung entlasten. Es kann zusätzliche Beiträge erzeugen. Es kann dem Arbeitsmarkt Arbeitskräfte erhalten. Die Alterssicherungskommission argumentiert genau in diese Richtung und beziffert die möglichen finanziellen Entlastungen. Sie geht zugleich davon aus, dass ein Teil der Betroffenen bei einem späteren Renteneintritt länger erwerbstätig wären.
All das kann richtig sein. Aber daraus folgt nicht, dass der einzelne Mensch dadurch automatisch einen höheren Nutzen hat. Hier werden zwei unterschiedliche Dinge miteinander verwechselt:
gesellschaftliche Funktionalität und individuelles gutes Leben.
Was für das System sinnvoll ist, muss nicht automatisch das sein, was für den Einzelnen sinnvoll ist - und umgekehrt.
Wem gehört eigentlich die Lebenszeit?
Vielleicht liegt hier der philosophische Kern der gesamten Rentendebatte. Ein weiteres Arbeitsjahr ist nicht lediglich ein weiteres Arbeitsjahr. Es ist ein Jahr des Lebens.
Ein Jahr, das nicht zurückkommt. Ein Jahr, das ein Mensch entweder seiner Erwerbsarbeit oder anderen Formen seines Lebens widmen kann. Natürlich kann der Staat Regeln für den Rentenzugang festlegen.
Eine solidarische Gesellschaft muss ihre sozialen Sicherungssysteme organisieren und finanzieren. Aber daraus folgt nicht, dass sie zugleich eine bestimmte Vorstellung vom guten Leben festlegen sollte. Denn die eigentliche Frage lautet - wem gehört die Lebenszeit eines Menschen?
- dem Rentensystem?
- dem Arbeitsmarkt?
- der Volkswirtschaft?
- oder dem Menschen selbst?
Die Antwort sollte in einer freiheitlichen Gesellschaft eigentlich nicht schwerfallen.
Die Rentenfrage hat deshalb drei Ebenen
Man kann die aktuelle Debatte deshalb auf drei Ebenen betrachten.
- Erstens - die ökonomische Ebene.
Wie können wir die gesetzliche Rentenversicherung unter veränderten demografischen Bedingungen finanzieren?
Zumindest die aktuelle Regierung betrachtet dies als eine reale und schwierige Frage. - Zweitens - die soziale Ebene.
Wie verteilen wir die Belastungen zwischen unterschiedlichen Generationen und sozialen Gruppen? Wer trägt welche Lasten?
Wie berücksichtigen wir unterschiedliche Arbeitsbedingungen und Erwerbsbiografien? - Drittens - die anthropologische Ebene.
Was für ein Menschbild liegt eigentlich hinter unserer Vorstellung vom Arbeiten und vom Älterwerden?
Und genau diese dritte Ebene fehlt in der gegenwärtigen Debatte fast vollständig. Wir diskutieren darüber, wie wir Menschen länger im Arbeitsmarkt halten können. Wir diskutieren aber kaum darüber, warum längere Erwerbsarbeit überhaupt als wünschenswerte Norm gilt.
Die ökonomische Notwendigkeit darf nicht zum Menschenbild werden
Das bedeutet nicht, dass der demografische Wandel ignoriert werden kann. Das Rentensystem steht vor realen Herausforderungen. Wenn weniger Erwerbstätige mehr Rentner finanzieren müssen, braucht es politische Antworten. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen der Aussage:
- „Wir müssen unser Rentensystem so organisieren, dass es finanzierbar bleibt.“
- und der Aussage - „Menschen sollten möglichst lange arbeiten.“
Die erste Aussage ist eine institutionelle Frage. Die zweite ist eine Aussage über den Menschen.
Und genau hier wird es gefährlich, wenn aus einer ökonomischen Notwendigkeit ein anthropologisches Ideal wird. Dann wird aus dem Problem der Rentenfinanzierung plötzlich das Ideal des möglichst langen Erwerbslebens. Dann erscheint der Mensch nicht mehr als jemand, der sein Leben gestaltet, sondern als Arbeitskraft, deren Einsatz möglichst lange aufrechterhalten werden soll.
Vielleicht müssen wir die Frage deshalb umdrehen
Die Frage sollte nicht lauten -
wie bekommen wir Menschen dazu, länger zu arbeiten?
Sondern -
wie schaffen wir eine Gesellschaft,
in der Menschen länger arbeiten können, wenn sie es wollen, ohne diejenigen zu bestrafen, die nach einem langen Arbeitsleben etwas anderes mit ihrer Lebenszeit anfangen wollen?
Das wäre ein fundamentaler Unterschied. Es geht nicht darum, Arbeit abzuwerten. Im Gegenteil. Eine Gesellschaft sollte gute Arbeit ermöglichen. Sie sollte Arbeit so organisieren, dass Menschen gesund bleiben können. Sie sollte Arbeitsbedingungen schaffen, die Autonomie, Anerkennung und Sinn ermöglichen. Und sie sollte Menschen, die gerne länger arbeiten, diese Möglichkeit eröffnen. Aber daraus darf nicht die normative Erwartung entstehen, dass jeder Mensch seine Arbeitskraft möglichst lange zur Verfügung stellen muss.
Die eigentliche Freiheit beginnt vielleicht dort, wo Arbeit nicht mehr alles sein muss
Vielleicht ist das die unbequemste Frage,
die uns die Rentendebatte stellen kann.
Wir sprechen ständig über die Verlängerung des Arbeitslebens. Vielleicht sollten wir stattdessen einmal über die
Verlängerung des „guten Lebens“ sprechen.
Ein Mensch, der nach 45 Jahren Erwerbsarbeit sagt - „Ich möchte jetzt über meine Zeit selbst bestimmen“, ist nicht notwendig unsolidarisch. Er ist nicht notwendig irrational. Und er handelt auch nicht notwendig gegen seine eigenen Interessen. Vielleicht handelt er genau so, wie es uns die ökonomische Theorie eigentlich nahelegt - er bewertet seine Möglichkeiten und entscheidet sich für das, was ihm persönlich wichtiger ist.
Das Problem entsteht erst dann, wenn wir seine persönliche Nutzenabwägung nicht mehr akzeptieren, weil sie den ökonomischen Interessen des Systems widerspricht. Dann zeigt sich eine bemerkenswerte Grenze unserer viel beschworenen individuellen Freiheit. Der Mensch darf sich selbst optimieren - aber bitte so, dass es der Volkswirtschaft nützt.
Das aber ist keine wirkliche Freiheit. Eine freiheitliche Gesellschaft sollte Menschen ermöglichen, möglichst lange arbeiten zu können. Sie sollte ihnen aber nicht vorschreiben, möglichst lange arbeiten zu wollen. Denn die Lebenszeit eines Menschen ist keine Ressource des Rentensystems. Sie ist sein Leben. Und vielleicht sollten wir genau daran denken, bevor wir die nächste Reform der Rente ausschließlich danach beurteilen, wie viele Menschen wir noch ein weiteres Jahr im Arbeitsmarkt halten können.
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