Samstag, 29. August 2026

Dürreschäden mit höheren Flächenprämien bekämpfen ist der falsche Weg

vielleicht in diesem Zusammenhang nicht ganz uninteressant: insbesondere Bauernpräsident Rukewied verdient fleißig mit seinen Forderungen hier

Dr. Bernd G. Abraham

70 % Ernteausfall. 

Mitten in Baden-Württemberg.

Eine Zahl, bei der man zweimal hinschauen sollte.

Im Südwesten Deutschlands kämpfen Landwirte derzeit mit extremer Hitze und Trockenheit. 

Besonders drastisch ist die Situation bei Kartoffeln im Raum Stuttgart und Heilbronn:

Auf unbewässerten Flächen werden Ertragseinbußen von 60 bis 70 % erwartet. Vereinzelt droht sogar der komplette Ernteausfall. Auch auf der Schwäbischen Alb und dem Härtsfeld zeigt sich, wie ernst die Situation geworden ist.

  • Weizen wurde notreif.
  • Raps vertrocknete teilweise noch am grünen Halm.
  • Auf dem Härtsfeld begann die Maisernte mancherorts rund sechs Wochen früher als üblich.

Und auch die Tierhaltung gerät unter Druck: In Baden-Württemberg stehen Betrieben laut Landesbauernverband derzeit 30 bis 40 % weniger Futter zur Verfügung als normalerweise.
Einige Höfe mussten bereits Tiere früher als geplant zum Schlachter bringen.

Wenn angesichts solcher Bilder zugespitzt von einer Art „Sahelzone auf der Schwäbischen Alb“ gesprochen wird, ist das natürlich kein geografischer Begriff.

Aber das Bild dahinter sollte uns beschäftigen.

  • Denn hier geht es nicht nur um vertrocknete Felder.
  • Es geht um unsere Ernährungssicherheit.
  • Um die wirtschaftliche Existenz landwirtschaftlicher Familienbetriebe.
  • Um Wasserverfügbarkeit.
  • Um Böden, die Wasser speichern können.
  • Und um die Frage, wie Landwirtschaft unter zunehmend extremen Wetterbedingungen funktionieren kann.

Baden-Württemberg hatte bis Mitte Juli 2026 bereits 19 Hitzetage registriert.
Für die Landwirtschaft sind Veränderungen der klimatischen Bedingungen deshalb keine abstrakte Debatte über das Jahr 2050.
Sie finden heute auf dem Acker statt.

Darüber sollten wir sprechen – und vor allem darüber, wie wir reagieren:

→ mehr Wasserrückhalt in der Landschaft

→ effizientere Bewässerung und Wasserspeicherung

→ humusreiche, wasserspeichernde Böden

→ trockenheitsresistentere Kulturen und Sorten

→ Agroforst und andere angepasste Anbausysteme

→ weniger Bürokratie für Betriebe, die investieren und sich anpassen wollen

Denn eines gerät in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen erstaunlich schnell aus dem Blick:
Lebensmittel entstehen nicht im Supermarkt.

Wenn unsere heimische Landwirtschaft dauerhaft Produktionsfähigkeit verliert, verlieren wir ein Stück Versorgungssicherheit – und erhöhen gleichzeitig unsere Abhängigkeit von Importen.

Deshalb ist für mich eine der entscheidenden Fragen: Wie schaffen wir es, unsere Landwirtschaft schnell genug an diese neuen Bedingungen anzupassen – und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass unsere Bauern davon noch leben können?


Kommentar Ulrich M. Sorg

Das was Sie hier beschreiben ist, wenn es so ist, wie Sie das beschreiben, für diese betroffenen Betriebe eine Katastrophe.

Erlauben Sie mir, sehr geehrter Herr Dr. Abraham nur zwei Bemerkungen.

  1. Die gesamte Feldflur - vielfach auch alle Nassstellen im Wald - wurde ab den 1950er Jahren systematisch entwässert, Bäche begradigt und Feuchtgebiete, Auen und Moorböden trockengelegt. Die Landschaft wärmte sich durch die fehlende Verdunstungskühlung rascher auf, als ehedem.

  2. Den Schätzungen des Bauernverbandes ziehe ich vorzugsweise die offiziellen Erntebilanzen der Fachämter vor (und hoffe, dass dort nicht nur Bauernverbandsmitglieder sitzen).

Fazit: 

Die Klimaerhitzung nimmt rasanter zu, als bisher erwartet, aber die Landwirtschaft hat am Klimawandel einen nicht unwesentlichen Anteil (Tierhaltung, Düngung, Wasseraustreibung aus der Landschaft, die oft öffentlich gefördert wurde und via GAP 1.Säule noch gefördert wird).


Dr. Andrea Beste

Yep!

„Es ist gut und richtig, dass betroffene Höfe in dieser Situation nicht alleine gelassen werden. Aber Millionen Euro pauschal auf die Fläche zu verteilen, ist der völlig falsche Weg“

Wir brauchen deutlich mehr Klimaanpassungsmaßnahmen und genau diese sollten auch bezahlt werden.


Umweltbundesamt  hier  vom 10.4.18 !!

Anpassungsstrategien für die deutsche Landwirtschaft


Bauernstimme hier

Dürreschäden mit höheren Flächenprämien bekämpfen ist der falsche Weg

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) kritisiert die Ankündigung von Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer, die bedingungslosen Direktzahlungen in der GAP 2027 aufgrund der extremen Dürre im Sommer 2026 deutlich anzuheben. 

Die pauschale Aufstockung der Basisprämie für alle Flächen als Reaktion auf schlechte Ernten und Liquiditätsprobleme löst aus Sicht der AbL keine strukturellen Probleme – sie verschärft sie. Kritik an der Ankündigung des Ministers kommt auch vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW).

„Es ist gut und richtig, dass betroffene Höfe in dieser Situation nicht alleine gelassen werden. Aber Millionen Euro pauschal auf die Fläche zu verteilen, ist der völlig falsche Weg“, erklärt Bernd Schmitz, stellvertretender Geschäftsführer der AbL und Milchbauer aus Nordrhein-Westfalen. „Neben kurzfristiger Hilfe braucht es Investition in langfristige Prävention. 

Die für 2027 vorhandenen Mittel müssen daher vorrangig genutzt werden, um Betriebe klimaresilient aufzustellen – durch konkrete Programme und qualifizierte Öko‑Regelungen. Die Notwendigkeit zur weiteren Qualifizierung der GAP wird immer augenscheinlicher. Die Gesellschaft und auch die landwirtschaftlichen Verbände waren hier schon einmal einen Schritt weiter und hatten dies im Jahr 2021 und 2024 bereits gemeinsam in der Abschlusserklärung der Zukunftskommission Landwirtschaft anerkannt. Diesen Weg gilt es weiterzugehen“, so Schmitz.

Die AbL erinnert daran, dass auch der Deutsche Bauernverband (DBV) den Beschluss der Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL) mitgezeichnet hat, der eine Abkehr von pauschalen Flächenzahlungen fordert. Dennoch hat der DBV nun Bundesminister Rainer darauf gedrängt, die zusätzlichen Mittel vollständig in die Basisprämie zu geben. Gerade dieser Sommer zeige, dass Betriebe sich langfristig auf extremere Klimabedingungen einstellen müssen – dafür brauche es qualifizierende GAP‑Programme statt pauschaler Prämien.

„Die Erfahrungen aus 2018 und den folgenden Dürrejahren zeigen klar: Die damals ausgeschütteten Hilfen galten ausschließlich der kurzfristigen Liquiditätssicherung und haben keine längerfristige Stabilität gebracht. Wer heute wieder ausschließlich Geld auf die Fläche kippt, wiederholt dieselben Fehler“, kritisiert Schmitz.

BÖLW: Das wird keinen Betrieb retten.

Auch der BÖLW kritisiert die Ankündigung des Ministers. „Das Verteilen der Mittel an alle Betriebe wird versickern wie der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Auf alle verteilt werden die Zahlungen je Hof so gering sein, dass es keinen von Dürre und Missernten gebeutelten Betrieb rettet. Dabei ist klar, dass notleidende Betriebe jetzt Hilfe brauchen! Für die Betriebe wiederum, die dieses Jahr gute Ernten hatten, führt der Zuschuss kaum zu mehr vorsorgendem Klimaschutz“, kommentiert Peter Röhrig, geschäftsführender Vorstand des Bio-Spitzenverbands, die Ankündigung.

Deutschlands Landwirtschaft brauche Investitionen in effektiven Klimaschutz und Klimaanpassung. „Der Ökolandbau ist eine solche Investition, weil er Wasser auf vielfältige Weise schützt: Er bewahrt es vor giftigen Einträgen. Er hält Wasser besser im Boden, weil Bio-Böden höhere Versickerungsraten haben. Dadurch schützt er sogar nachweislich vor der Überflutung von angrenzenden Siedlungen“, so Röhrig.


Juergen Daub /LinkedIn

Die Absahner-Mentalität eines Herrn Rukwied: Geld fordern ohne wirkliche Leistung zu erbringen. 

Statt ein Konzept vorzulegen, die Landwirtschaft klimaresistent umzubauen, wird nach der Devise mehr desselben verfahren. Das ist innovationsverhindernd und zielt nur auf das Abgreifen von Subventionen. Der Landwirtschaft hilft zur Entwicklung von Zukunftsfähigkeit solch ein Denken wenig.
Es klingt eher nach operationeller Hektik, die von geistiger Windstille ablenkt.


Max Meister

Selbe Nummer, ein Tag später. Nur ein paar Nullen dazu.

500 Milliarden Euro soll laut Deutscher Bauernverband e.V.-Präsident Joachim Rukwied künftig allein der eigenständige, „verlässliche und inflationsfeste" Agraretat der EU umfassen – deutlich mehr als die knapp 300 Milliarden, die der aktuelle Kommissionsvorschlag für Direktzahlungen und landwirtschaftliche Kernaufgaben reserviert. 

Was ist heute die Begründung? Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) sei „systemrelevante europäische Sicherheitspolitik", genauso wichtig wie Verteidigungsfähigkeit.

Was er für die Gegenwart konkret fordert, zeigt das Muster schon im Kleinen: 

  • die EU-Düngemittelbeihilfe von 60 auf 180 Millionen Euro verdreifachen, 
  • mindestens 80 Prozent der Direktzahlungen bereits im Oktober statt im Dezember auszahlen, 
  • die Dieselsteuer bis Ende November senken, 
  • dazu ein „Überlebenspaket" für die Schweinehaltung. 
Mehr Geld, schneller, ungebunden – keine einzige Forderung daran geknüpft, dass ein Betrieb danach besser durch die nächste Dürre kommt.

Dabei weiß Herr Rukwied im selben Interview genau, was Resilienz u.a. bräuchte: vielfältigere Fruchtfolgen, wassersparende Verfahren, bodenschonende Bewirtschaftung hitzetolerantere Sorten, eine Risikoausgleichsrücklage. (man darf die Liste um einige Praktiken und Methoden erweitern, aber das ist jetzt nicht so wichtig.)

Nur bindet er seine 500-Milliarden-Forderung an keinen einzigen dieser Punkte. Das Geld soll „eigenständig" fließen – nicht daran gekoppelt, ob ein Betrieb hinterher tatsächlich widerstandsfähiger ist.

Und Rukwied spricht dabei nicht einmal für die ganze Branche. Ottmar Ilchmann, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (#AbL), kritisiert genau dieses Prinzip: Pauschale Flächenprämien, wie sie der DBV immer wieder verteidigt, bauen keine Resilienz auf – sie verteilen nur um. Auch die politische Standardantwort auf die Dürre, mehr Geld für Mehrgefahrenversicherungen, nennt er „völlig zynisch", weil Versicherungen die Klimafolgen auf Dauer gar nicht auffangen können. Seine Forderung: GAP-Mittel ab 2028 nicht mehr nach Fläche verteilen, sondern an Klimaresilienz binden – fast das Gegenteil von Rukwieds Blankoscheck, aus derselben Branche.

Da geht die Sicherheitspolitik-Analogie nach hinten los. Einen Verteidigungshaushalt verdoppelt niemand, ohne zu fragen, wofür. Bei der Landwirtschaft reicht offenbar der Verweis auf Ernährungssicherheit, und das Geld darf pauschal fließen, ohne dass ein Euro an Resilienz gebunden ist.

Dieselbe Gießkanne wie beim Bayerischer Bauernverband vor ein paar Tagen – nur mit mehr Nullen, und diesmal mit Widerspruch aus den eigenen Reihen. Aber wer die GAP als Sicherheitspolitik verstanden wissen will, muss sie auch zielgerichtet finanzieren und eben nicht als Blankoscheck.


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