Montag, 24. August 2026

Die 12 Ausreden: Warum Klimaleugner heute anders reden – und trotzdem dasselbe sagen

 


Dr. Christian Spindler, 24. August 2026

Der Klimawandel wird kaum noch geleugnet.
Er wird verwaltet, relativiert und vertagt. 

Die Forschung kann das inzwischen zählen – und ich habe daraus ein Werkzeug gebaut.

Dieser Artikel entsteht begleitend zur Veröffentlichung des Buchs „Wenn Zukunft zum Risiko wird“, Oekom-Verlag, erhältlich am 03. September 2026. In einer Serie von Artikeln werden Aspekte des Buchs herausgegriffen und tiefer beleuchtet.

Erinnern Sie sich an das Bild vom Politiker, der einen Schneeball ins Parlament trägt? Sieht kalt aus, also gibt es keine Erderwärmung. Das war 2015. Es war albern, es war wirkungsvoll, und es ist heute weitgehend aus der Mode.

Wer daraus schließt, dass die Sache erledigt sei, hat den Trick übersehen. Die Leugnung ist nicht verschwunden. Sie ist umgezogen.

Das Center for Countering Digital Hate hat 2024 zwölf Jahre YouTube-Inhalte ausgewertet. Ergebnis: Die Behauptung „Die Erderwärmung findet gar nicht statt" fiel von 48 Prozent aller Leugnungsaussagen im Jahr 2018 auf 14 Prozent im Jahr 2023. Gleichzeitig stieg alles andere – Angriffe auf Wissenschaftler, auf Klimaschützer, vor allem aber auf Lösungen – von 35 auf 70 Prozent.


Man muss den Satz zweimal lesen.
Zwei Drittel dessen,
was heute gegen Klimaschutz vorgebracht wird,
hätte ein Faktencheck der alten Schule gar nicht erfasst. 

Es steht ja nichts Falsches drin.
Es steht nur nichts drin, was zu Handeln führt.


Wissenschaftler haben angefangen zu zählen

2021 haben Travis Coan, Constantine Boussalis, John Cook und Mirjam Nanko etwas getan, was vorher niemand in dieser Größenordnung gemacht hatte: Sie haben 87.178 Textabschnitte von konservativen Think-Tank-Websites und Klimaskeptiker-Blogs durchgearbeitet und rund 29.000 einzelne Behauptungen von Hand sortiert. Heraus kam CARDS – eine Landkarte dessen, was Klimaskeptiker eigentlich behaupten.

Ich bin überrascht, wie wenig vielfältig die Argumente tatsächlich sind.

In der überarbeiteten Fassung von 2026 sind es sieben Grundmuster. Sieben. Weltweit, über Sprachen und Jahrzehnte hinweg. Und sie bilden eine sehr ordentliche Rückzugsreihe:

  • Es passiert nicht. (Schneeball im Parlament)
  • Wir sind es nicht. (Sonnenzyklen, Vulkane, „das Klima hat sich immer verändert")
  • Es ist nicht schlimm. („Zwei Grad mehr, das ist Südfrankreich")
  • Die Lösungen taugen nichts. (hier spielt heute die Musik)
  • Die Wissenschaft ist unsicher. („die Modelle stimmen doch nie")
  • Die Leute dahinter sind unglaubwürdig. (Privatjet, Fördergelder, Sekte)
  • Fossile Energie ist gut und nötig. („ohne Öl kein Wohlstand")

Wird eine Stellung unhaltbar, wird die nächste bezogen. Niemand muss zugeben, sich geirrt zu haben. Man wechselt einfach das Thema und behält den Standpunkt.

Die vier Ausreden, die keine Leugnung mehr brauchen

Der zweite Baustein kommt aus Berlin. William Lamb und Kollegen vom Mercator Research Institute haben 2020 die Aussagen untersucht, die den Klimawandel anerkennen – und trotzdem alles beim Alten lassen. Sie nennen es Discourses of Climate Delay, Diskurse der Verzögerung. Zwölf Muster, vier Familien. Auf Deutsch merkt man sie sich so:

  • Nicht ich. „Deutschland macht doch nur zwei Prozent." – „Solange China jede Woche ein Kohlekraftwerk baut …" – „Jeder sollte bei sich selbst anfangen."

  • Nicht so. „Technologieoffenheit statt Verbote." – „Die Zukunft löst das: Fusion, E-Fuels, CO₂-Abscheidung." – „Wir brauchen Anreize, keine Vorschriften."

  • Nicht jetzt. „Erst die Inflation, dann das Klima." – „Das trifft die kleinen Leute." – „Windräder schreddern Vögel."

  • Zu spät. „Die Kipppunkte sind längst überschritten." – „Die Leute machen das nicht mit."

Fällt Ihnen etwas auf?

Diese Sätze kommen nicht aus dem Verschwörungsmilieu.
Sie kommen aus Talkshows, aus Wirtschaftsverbänden,
aus Wahlprogrammen, aus dem eigenen Bekanntenkreis. Manche davon haben Sie vielleicht selbst schon gesagt. 

Ich auch.


Und – das betonen die Autoren ausdrücklich – die meisten dieser Sätze enthalten ein Körnchen Wahrheit. Genau das macht sie so wirksam. Man kann sie nicht widerlegen. Man kann nur bemerken, was sie tun: 

Sie verschieben. 
Immer woandershin,
immer auf später,
immer zu jemand anderem.


Wer nachvollziehen will, wie sich das anfühlt, kann meine App Alibis for Delay öffnen und einen beliebigen Satz aus einer Talkshow hineinkopieren. Sie ordnet ihn den sieben Narrativen zu, benennt das Ausredenmuster und erklärt, wo der Denkfehler sitzt.

Der Klassiker: „Deutschland verursacht nur zwei Prozent der weltweiten Emissionen. Was wir hier machen, ist doch symbolisch."

Der Satz ist faktisch korrekt. Und trotzdem grober Unfug.

Er heißt Zerlegungsfehlschluss, und er funktioniert bei allem.

  • Kein Wähler entscheidet eine Wahl – also braucht niemand wählen zu gehen.
  • Kein einzelner Zuschauer im Stadion verursacht die Welle.
  • Kein einzelner Regentropfen ist schuld an der Überschwemmung.
  • Jedes Land der Erde außer China und den USA liegt unter fünf Prozent.
  • Zerlegt man das Problem klein genug, ist immer jemand anderes zuständig.

 Zusammen sind diese kleinen Anteile: alles.

Dass die deutschen Pro-Kopf-Emissionen weit über dem Weltdurchschnitt liegen und wir historisch zu den größten Verursachern gehören, kommt in dem Satz übrigens nicht vor. Das ist kein Zufall.

John Cook und Kollegen haben solche Denkfehler systematisiert – fünf Grundtechniken, auf Deutsch als PLURV bekannt:

  • Pseudo-Experten: 1.600 Unterschriften klingen beeindruckend, bis man nachsieht, wie viele davon je etwas zum Klima veröffentlicht haben.
  • Logische Fehlschlüsse: siehe oben.
  • Unerfüllbare Erwartungen: „Erst wenn die Modelle exakt sind, reden wir über Politik." Kein Arzt, kein Ingenieur, keine Feuerwehr arbeitet nach diesem Maßstab.
  • Rosinenpickerei: Startjahr 1998 wählen – das war ein Rekord-El-Niño – und triumphierend feststellen, dass es seither kaum wärmer wurde.
  • Verschwörungsmythen: „Die Daten sind gefälscht."

Das Schöne an dieser Ebene: Wer den Trick einmal durchschaut, ist gegen die ganze Argumentklasse immun, nicht nur gegen einen Satz. Psychologen nennen das Inoculation – Impfung. Es funktioniert nachweislich besser als jeder Faktencheck im Nachhinein.

Warum das alles kein akademischer Zeitvertreib ist

Zwei Zahlen noch.

  • Erstens: Coan und Kollegen haben mit einem Sprachmodell 30 Jahre Reden im US-Kongress durchsucht. Das mit Abstand häufigste kontrarianische Argument war nicht Wissenschaftsleugnung. Es war „Klimaschutz erhöht die Kosten" – rund ein Drittel aller Fälle.

  • Zweitens: Auf X/Twitter dominierten 2022 die Angriffe auf Personen und Institutionen – rund 40 Prozent – gefolgt von Verschwörungserzählungen mit etwa 20 Prozent.

Die Debatte ist längst keine über Physik mehr und vielleicht war sie dies nie. Die Debatte dreht sich um Kosten, Zumutungen und Vertrauen und vor allem um fossile Lebensentwürfe, die unter Zweifel geraten.

Was ich daraus gebaut habe

Ich habe die drei Forschungsstränge zu einem Modell zusammengeführt – was behauptet wird (sieben Narrative), wozu es dient (vier Ausredenmuster), wie getrickst wird (PLURV) – und daraus ein Werkzeug gemacht.

Alibis for Delay nimmt eine beliebige Aussage entgegen und ordnet sie ein: Hauptnarrativ, spezifischer Code, Ausredenmuster, Argumentationstechnik, dazu in einem Satz, was daran nicht stimmt. Unterlegt ist ein Korpus von 229 typischen Aussagen in neun Sprachen – vom deutschen Stammtisch über französische Talkshows bis zu brasilianischen Agrardebatten.

Beim Aufbau dieser Sammlung konnte ich feststellen, dass die Argumente praktisch identisch sind. „Das Klima hat sich immer verändert" gibt es auf Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Polnisch, Portugiesisch und Niederländisch – wortgleich. Diese Sätze werden nicht in jedem Land neu erfunden, sie werden im Wesentlichen übersetzt.

Eine Sache ist mir wichtig, auch wenn sie dem Namen die Pointe nimmt

Das Werkzeug klassifiziert Aussagetypen, keine Personen. 

Kritik an einer konkreten Maßnahme ist völlig legitim – Heizungsgesetze können handwerklich schlecht sein, CO₂-Preise können sozial unausgewogen sein, Windräder stehen manchmal am falschen Ort. 


Die im Modell verankerte Regel dafür lautet:
Wer eine Alternative benennt,
mit der dasselbe Ziel schneller oder gerechter erreicht wird, betreibt Politikkritik.
Wer nur die Maßnahme zerlegt und
das Ziel unberührt liegen lässt, verzögert.


Der Unterschied ist nicht immer eindeutig. Ehrlicherweise: Selbst geschulte Fachleute sind sich in dieser Frage nur mäßig einig – die Übereinstimmung liegt in der Forschung bei etwa 50 Prozent über dem Zufall. Deshalb hat die App auch einen Review-Hinweis für Zweifelsfälle. Ein Werkzeug, das behauptet, es könne Menschen auf Knopfdruck entlarven, wäre genau die Art von Übertreibung, die ich hier eigentlich kritisiere.

Was Sie mitnehmen sollten

Wenn Sie das nächste Mal einen Satz hören, der den Klimawandel großzügig einräumt und dann erklärt, warum gerade jetzt, gerade hier, gerade so nicht gehandelt werden kann – stellen Sie eine einzige Frage.

Was schlagen Sie stattdessen vor, um dasselbe Ziel zu erreichen?

Kommt eine Antwort, reden Sie mit jemandem über Politik. Kommt keine, kennen Sie das Muster jetzt.


Alibis for Delay ist Open Source und basiert auf: Coan et al. (2021, 2026), Lamb et al. (2020), Cook et al. (2018) sowie den Auswertungen des CCDH (2024). Über Kritik, Erweiterungsvorschläge und Gegenrede freue ich mich – am besten mit einer benannten Alternative.

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