Donnerstag, 27. August 2026

COP 17: Mehr Schutz für die Graslandschaften der Erde - dem "Aschenputtel" unter den großen Ökosystemen

Hans Thomas Krumenacker / LinkedIn


Beim UN-Gipfel gegen Wüstenbildung #UNCCD COP17 in Ulaanbaatar fordern die Vereinten Nationen einen grundlegenden Wandel im Umgang mit Steppen, Savannen, Prärien, Wiesen und anderen Graslandschaften

Um wirtschaftlich zu prosperieren, die Ernährung für alle zu sichern und Klima und Biodiversität zu schützen, müssen die Staaten der Erde ihren Umgang mit Graslandschaften grundlegend verändern: So lautet auch der  Tenor des in Ulaanbaatar vorgestellten ausführlichen UN-Reports zum Wert von Graslandschaften „Rangelands Rising“.

Darin wird auch der ökonomische Wert der Leistungen für Menschen beziffert, die Gras- und Weidelandschaften Jahr für Jahr erbringen. Das sind nach Berechnungen der UN jährlich 21 bis 47 Billionen US-Dollar. Wenn man sie kaufen müsste, kostete das fast die Hälfte der weltweiten Wertschöpfung eines Jahres. 

Trotz ihres immensen Wertes werden Graslandschaften aber noch schlechter geschützt als andere große Ökosysteme. Auch in den Klimaplänen der allermeisten Staaten spielen sie keine Rolle, obwohl sie mit 155 Milliarden Tonnen gespeicherten Kohlenstoffs in einer Liga mit Wäldern spielen.

 Höchste Zeit also für mehr Aufmerksamkeit für Graslandschaften, dem Aschenputtel unter den großen Ökosystemen, wie Forscher sie mal nannten –  auf politischer Bühne. 2026 könnte zum Jahr werden, in dem das gelingt: Nach der Anti-Wüstenbildungs-COP werden sich auch die Weltklimakonferenz und der UN-Biodiversitätsgipfel mit ihrem Schutz beschäftigen.

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Riffreporter  hier  vom Recherche-Kollektiv Zukunft Erde: Thomas Krumenacker 26.08.2026

UN rufen die Staaten der Erde zu neuem Umgang mit Grasland-Ökosystemen auf

Um wirtschaftlich zu prosperieren, die Ernährung für alle zu sichern und das Klima zu schützen, müssen die Staaten der Erde ihren Umgang mit Graslandschaften grundlegend verändern, fordern die Vereinten Nationen beim UN-Gipfel gegen Wüstenbildung.

Der Schutz der Graslandschaften der Erde wurde lange politisch komplett ignoriert. Jetzt steht er im Mittelpunkt des UN-Bodengipfels UNCCD COP17 in der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar. Eine neue Analyse der Vereinten Nationen zeigt: Ökologisch intakte Steppen, Savannen und Wiesen sind auch ökonomisch überlebenswichtig für Länder auf fast allen Kontinenten. Sie sind zudem beste Verbündete im Kampf gegen das Artensterben und den Klimawandel.



Das MOtto des Gipfels auf einem Plakat, das einen Hirten mit Herde in der Steppe zeigt.

Graslandschaften sind unverzichtbar, um die Ernährung der Menschheit sicherzustellen. Nicht zufällig steht die Wiederherstellung von Gras- und Weideland im Mittelpunkt des diesjährigen UN-Gipfels gegen Wüstenbildung und für Ernährungssicherheit.

Ein Schatz im Wert von 47 Billionen Dollar

Gras- und Weideland gehöre zu den größten Schätzen der Menschheit, sagte UNCCD-Chefin Yasmine Fouad zur Vorstellung des Reports. Auch die finanziellen Dimensionen, die mit der Nutzung dieser Ökosysteme verbunden sind, sind ihr zufolge gewaltig.

Rangelands, wie die Vereinten Nationen Gras- und Weidelandschaften zusammenfassend nennen, bedecken mehr als die Hälfte der weltweiten Landfläche. Dazu gehören Savannen, Steppen, Prärien, mediterrane Strauchlandschaften, Bergalmen und andere trockene und offene Ökosysteme.
500 Millionen Menschen leben als Pastoralisten von diesen Flächen. Sie halten ihre Tiere zum Beispiel als Wanderhirten mobil und nutzen so unterschiedliche Weidegebiete je nach Jahreszeit und den jeweiligen klimatischen Bedingungen.

Der Report „Rangelands Rising – Investing in Sustainable Management and Restoration“ versucht, den ökonomischen Wert dieser Landschaften zu beziffern. Die von ihnen erbrachten Nutzen für Menschen werden auf 21 bis 47 Billionen US-Dollar pro Jahr geschätzt. Das entspricht grob einem Fünftel bis fast der Hälfte der heutigen weltweiten Wirtschaftsleistung.

Die Zahl ist nicht allein die Summe von Umsätzen der darauf produzierten Güter oder Dienstleistungen. Bewertet werden darin auch Leistungen, für die es keinen Marktpreis gibt: das Einlagern von Kohlenstoff, die Regulierung des Wasserhaushalts, der Schutz vor Dürren und die Bewahrung der biologischen Vielfalt. Die große Spannbreite in der Summe erklärt sich daraus, dass es sehr unterschiedliche Definitionen dessen gibt, was als Rangeland gilt.



Steppen sind die flächenmäßig größten Grasländer in der eurasischen Region.

Schlüsselregionen für Lebensmittelerzeugung und Hotspot der Artenvielfalt

Ein Drittel aller besonders bedeutenden Gebiete für die biologische Vielfalt liegt dem Bericht zufolge in Weidelandschaften. Zugleich liefern diese Landschaften Nahrungsmittel für Menschen von Flächen, auf denen andere Formen der Landwirtschaft wie Ackerbau nur mit einem sehr großen Einsatz von Wasser, Dünger und anderen teuren Hilfsmitteln möglich wären

In Afrika südlich der Sahara trägt der Pastoralismus den Berechnungen des Reports zufolge fünf bis zehn Prozent zum Bruttoinlandsprodukt und 15 bis 40 Prozent zur landwirtschaftlichen Wertschöpfung bei.

Diese wirtschaftliche Bedeutung werde bei Entscheidungen über Investitionen zugunsten des Schutzes dieser Ökosysteme und zum Nutzen der Menschen, die sie bewirtschaften, aber zu wenig berücksichtigt, kritisiert der Report. Eine Landschaft, die bis fast 50 Billionen Dollar im Jahr wert sei, dürfe kein weißer Fleck auf der Investitionskarte bleiben, sagte Jonathan Davies, einer der Autoren. „Wir verlangen nicht, dass Weidelandschaften wie ein Sonderfall behandelt werden, wir verlangen, dass sie überhaupt berücksichtigt werden.“

„Zu lange hat die Welt in Weidelandschaften leeres und ödes Land gesehen und in den Hirten ein Problem, das gelöst werden muss“, sagte UN-Diplomatin Fouad. Die Forschung zeige ein anderes Bild, betonte auch Appolinaire Djikeng, der Generaldirektor des landwirtschaftlichen Forschungsinstituts ILRI. „Diese Landschaften gehören zu den wertvollsten der Erde, und die Menschen, die sie bewirtschaften, sind Investoren an vorderster Front.“

Weidesystem produziert auch da Lebensmittel, wo sonst nichts geht

Der Pastoralismus hat viele Gesichter. In den Weiten der Mongolei und Kasachstans ziehen Hirten mit ihren Herden durch die Steppe, in Afrika wechseln Viehhalter mit Rindern, Schafen, Ziegen oder Kamelen zwischen saisonalen Weidegebieten. Immer geht es aber um die Anpassung an Landschaften mit stark schwankenden Bedingungen.

Wo Ackerbau wegen zu geringer Niederschläge oder extremer Temperaturen nicht möglich ist, können Tiere Gräser, Kräuter und Sträucher in Milch, Fleisch oder Wolle umwandeln. Ein weiteres Muster ist, dass meist mehr als eine Tierart auf den Flächen aktiv ist. Der Report verweist auf Studien, nach denen die Haltung mehrerer Tierarten auf derselben Fläche zwei- bis zehnmal produktiver sein könne als eine auf nur eine Tierart ausgerichtete Beweidung. Denn unterschiedliche Tiere nutzen unterschiedliche Pflanzen und Teile der Vegetation.

Weideland-Restaurierung rechnet sich

Wie gut angelegt finanzielle Hilfen für die Wiederherstellung von Weideland sind, das beispielsweise durch eine zu intensive Nutzung oder durch den kompletten Verzicht auf Beweidung geschädigt wurde, zeigt ein Beispiel aus Jordanien. Dort wurde eine traditionelle Form der Weidenutzung wiederbelebt. Dabei werden die Weideflächen für einige Monate im Jahr geschont, damit sich die Vegetation erholen kann.

Für die Hirten, die die Kosten für die Umstellung trugen, brachte die Maßnahme langfristig einen Gewinn. Der fiel mit 80 Cent je investiertem Dollar allerdings vergleichsweise gering aus. Für die Gesellschaft insgesamt lag der Ertrag aber bei 18 Dollar je investiertem Dollar – vor allem wegen der besseren Neubildung von Grundwasser. Nach anderen Untersuchungen bringt die Wiederherstellung von Weidelandschaften im Durchschnitt vier bis sechs Dollar für jeden investierten Dollar zurück.

Wie dramatisch die Zukunftsaussichten für die Weidelandschaften der Erde sind, hat im Vorfeld der UN-Konferenz eine Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und des Barcelona Supercomputing Center deutlich gemacht: Je nach Entwicklung der Treibhausgasemissionen könnten schon in den nächsten Jahrzehnten zwischen einem Drittel und der Hälfte der heute klimatisch geeigneten Weideflächen weltweit ihre Nutzbarkeit verlieren, modellierten die Forscherinnen und Forscher.

Auch Europa gehört neben Afrika und Südamerika zu den besonders stark betroffenen Weltregionen. Für unseren Kontinent errechnet die Studie bis zum Ende des Jahrhunderts einen möglichen Rückgang der zur Weidewirtschaft geeigneten Flächen um bis zu 95 Prozent. Die Forscher erwarten weltweit negative Auswirkungen für deutlich mehr als 100 Millionen Menschen und Milliarden Nutztiere.

Zukunft Erde: Graslandschaften und Klimaschutz

Geld steht im Mittelpunkt auch dieser COP

Wie bei allen UN-Umweltkonferenzen spielt das Ringen um ausreichend Geld auch bei der Anti-Wüsten-COP in Ulaanbaatar eine Hauptrolle. Kernstück der Finanzbeschlüsse ist die Verabschiedung einer sogenannten Rangelands Flagship Initiative, mit der Dutzende Projekte zur Renaturierung in 23 Ländern finanziert werden sollen.

Dafür machten Staaten, Entwicklungsbanken, Stiftungen und Wirtschaftsunternehmen bisher Finanzzusagen in Höhe von 1,3 Milliarden Dollar. Deutschland beteiligt sich über das Bundesentwicklungsministerium und die ihm angegliederte Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) an vier Projekten mit dem Schwerpunkt Wasser. Unter anderem steuert die Bundesregierung 76 Millionen Dollar zum Programm „Forests4Future“ bei, mit dem weltweit degradierte Wälder, aber auch Savannenlandschaften wiederhergestellt werden sollen.

Grasland ist Opfer des Klimawandels – und des Versuchs, ihn zu bekämpfen

Trotz ihrer großen Bedeutung fällt der Schutz der weltweiten Graslandschaften häufig noch hinter das – auch nicht besonders ausgeprägte – Niveau anderer Ökosysteme zurück, wie zahlreiche Debattenbeiträge in den Fachforen der UN-Konferenz deutlich machten. Der britische Ökologe Richard Bardgett spricht seit längerem von Grasland als dem „Aschenputtel“ unter den großen Ökosystemen der Erde, weil wissenschaftliche und politische Aufmerksamkeit lange vor allem Wäldern, Meeren und zuletzt verstärkt Mooren gegolten habe.

Während für diese Lebensräume inzwischen vielfach eigene internationale Verträge oder Abkommen existieren, werde Grasland kaum berücksichtigt, kritisiert der Experte. Der mangelhafte Schutz erleichtere die Zerstörung intakter Weidelandschaften, beispielsweise durch die Aufforstung im Namen des Klimaschutzes. Damit sind Graslandschaften doppelte Opfer: die des Klimawandels mit immer häufigeren Dürren und des Versuchs, den Klimawandel zu bekämpfen.

Kaum ein Klimaschutzplan hat Grasland auf dem Schirm

Wie wenig Graslandschaften bislang international politisch berücksichtigt werden, zeigt auch ein Blick in die nationalen Klimapläne. Nach Angaben des UN-Reports erwähnen nur 24 Staaten Rangelands ausdrücklich in ihren Planungen darüber, wie sie die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreichen wollen. Wälder werden dagegen in den Klimaplänen von 181 Ländern genannt.


Panoramablick über eine Dehesa in der Extremadura
Europäische Graslandschaft. Weite Teile Südspaniens werden als Weideland genutzt.

Dabei kommt beiden Ökosystemen eine ähnliche Klimaschutzwirkung zu: Die Grasländer der Erde speichern neuen Untersuchungen zufolge gut 155 Milliarden Tonnen Kohlenstoff. Das entspricht etwa den Emissionen aller Länder der Erde zusammen über einen Zeitraum von 15 bis 20 Jahren auf heutigem Niveau.

Neben dem Einspeichern von Kohlenstoff können Grasländer extrem gut Niederschlagswasser aufnehmen und zur Neubildung von Grundwasser beitragen. Damit verbinden sie Kohlenstoffspeicherung mit einer höheren Widerstandsfähigkeit gegenüber Dürren und daraus erwachsenen Bränden, die wiederum Kohlendioxid freisetzen.

Abschied vom „Aschenputtel“-Status?

Wegen ihrer Bedeutung für Biodiversität und Klima werden sich in diesem Jahr auch die Weltklimakonferenz und der UN-Biodiversitätsgipfel mit einem besseren Schutz der Graslandschaften beschäftigen. Sie spielen erstmals bei allen drei sogenannten Rio-Konventionen eine prominente Rolle. Die drei internationalen Umweltabkommen – zur biologischen Vielfalt, zum Klimawandel und zur Bekämpfung von Wüstenbildung und Landdegradierung – wurden nach dem Erdgipfel von Rio de Janeiro 1992 von der Staatengemeinschaft auf den Weg gebracht, um die großen miteinander verbundenen ökologischen Krisen international zu bekämpfen. 2026 wird damit zum „Triple-COP“-Jahr – und vielleicht zum Abschied vom „Aschenputtel“-Dasein der Graslandschaften.


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