Angesichts der aktuellen Forderungen des Deutscher Bauernverband e.V. möchte ich mal den Landwirt Martin Jucker mit den Worten zitieren, die er mir für mein Buch "Regenerative Wirtschaft" gesagt hat:
"Wir haben immer großen Wert darauf gelegt, langfristig zu denken. Wir sind hier die fünfte Generation, und der Hof soll noch für viele Generationen erhalten bleiben.
Da bringt es nichts, in 5-Jahres-Zyklen zu planen. Ich bin überzeugt, dass wir mittelfristig mit weniger Aufwand mehr Ertrag erwirtschaften werden.
Wir haben den degenerativen Prozess umgekehrt, bauen wieder fruchtbare Böden auf und schaffen ein insgesamt resilienteres Produktionssystem.
Das ist vergleichbar mit dem Bau einer Scheune. eine große Investition, die mehrere Jahre braucht, bis sie Früchte trägt.
Durchschnittliche Ackerböden in Europa haben
irgendwo zwischen ein und vier Prozent Humus.
Das ist total unterschiedlich.
Wenn wir es schaffen, diesen Anteil
nur um ein Prozent zu steigern,haben wir
eine deutlich größere Wasserspeicherkapazität im Boden.
Wir reden hier von, je nach Studie und Bodenart,
zwischen 50 und 200 Kubikmetern Wasser pro Hektar.
Das sind mehrere Bewässerungsdurchgänge,
die der Boden mehr speichern kann.
Das bedeutet, im Sommer, wenn es ein Gewitter gibt, kann der Boden viel mehr Wasser aufnehmen und hat eine Woche bis zwei Wochen länger genügend Feuchtigkeit. Bei unseren extremen Trockenheiten, die ja mehr werden, ist das ein sehr wichtiges Argument.
Auch andersherum, wo Hochwasser immer öfter Thema ist. In diesen Böden wird mehr Wasser im Boden zurückgehalten, was gegen großflächige Hochwasser hilft. Die zweite Ebene ist, dass mehr Humus die Versickerungsgeschwindigkeit verbessert. Bei Starkregen fließt der Regen weniger oberflächlich ab, sondern versickert besser im Boden und bleibt dort länger.
Gleichzeitig haben wir weniger Nitratauswaschung. Mehr Humus bedeutet eine höhere Effizienz bei der Stickstoffverwertung, was wiederum die Biomasseproduktion verbessert. Weniger Nitrat im Boden heißt auch weniger Nitrat im Oberflächenwasser, wo es sich in Lachgas umwandelt, was sehr klimaschädlich ist. Das sind Prozesse, die mit mehr Humus in Gang gesetzt werden.
Das führt nicht unbedingt zu höheren Erträgen unter normalen Bedingungen, aber definitiv zu besseren Erträgen bei schwierigen Wetterbedingungen. Und wir haben ja fast nur noch schwierige Wetterbedingungen."
---Ich spreche hier nicht für Martin und ich verstehe die Notwendigkeit kurzfristiger Unterstützung.
Ob das ausgerechnet billiger Diesel sein muss, sei dahingestellt.
Aber man darf sich m.E. schon fragen, warum der Bauernverband keine Demos organisiert, um die Bundesregierung dazu zu bewegen, die Rahmenbedingungen zu schaffen, die es der Landwirtschaft ermöglicht, mittelfristig auf regenerative und damit resilientere Formen der Bodenbewirtschaftung umzustellen, die sowohl die Resilienz der Betriebe steigert, als auch systemisch der Zerstörung des Planeten entgegenwirkt.
Dr. Martin Bethke
Die Ernte fällt vielerorts wegen Hitze und Dürre aus, während der Bauernverband noch billigeren Diesel fordert. Muss das sein?
Hitze und Trockenheit kosten die Landwirtschaft in diesem Sommer wohl rund 3 Millionen Tonnen Getreide und über 600 Millionen Euro Erlös. Und im Süden droht bei einzelnen Kulturen der Totalausfall. Die zentrale Forderung des Bauernverbands lautet: Senkung der Steuer auf Agrardiesel, befristet bis Ende November.
Damit wird das Symptom behandelt, während die Ursache weiterläuft. Zudem existiert die Subventionierung von Diesel schon:
- Seit dem 1. Januar 2026 gilt die volle Agrardieselrückvergütung wieder: 21,48 Cent je Liter, rund 430 Millionen Euro im Jahr.
- Der Bauernverband fordert jetzt also einen zweiten, befristeten Rabatt auf denselben Liter.
- Die Befristung soll laut Verband bis mindestens Ende laufen. Die Dürre endet dann aber nicht und die klimatischen Aussichten für die nächsten Jahre sind auch eher pessimistisch.
Mich erinnert das alles schon wieder an den Tankrabatt und anscheinend ist der Reflex in diesem Land immer: Schmeiß mal Geld drauf, dann ist wieder alles gut. Aber die berechtigte Frage muss doch sein, wofür das Geld verwendet wird.
Ohne Frage ist die Lage vieler Landwirtschaftsbetriebe ernst. Niedrige Erzeugerpreise, hohe Kosten, Höfe, die ihre Düngerrechnung über die Bank finanzieren (und auch der Dünger wird teurer). Und Anpassung an ein aus den Fugen geratenes Klima hat physikalische Grenzen: Bei wochenlanger Hitze hilft irgendwann auch die trockenheitstolerante Sorte nicht mehr.
Was danach noch wirkt, benennt der Verband selbst: hitzetolerantere Sorten, vielfältigere Fruchtfolgen, wasserschonende Verfahren. Dazu Wasserinfrastruktur, Rücklagenbildung und eine tragfähige Absicherung für Risiken. Und genau das ist der Unterschied. Denn Investitionen und Unterstützung für Risikomanagement (und damit mehr Resilienz) sind m.E. angebracht und legitim.
Und das gilt weit über die Landwirtschaft hinaus. Jede Branche mit physischem Standort- und Klimarisiko steht vor derselben Wahl: Entlastung bei den laufenden Kosten, oder Investition, die das Risiko selbst senkt.Welche Strategie der Bauernverband wählt, ist deutlich geworden. Aber wer Steuergelder haben möchte, sollte zumindest darlegen, wie er sie als Hilfe zur Selbsthilfe verwendet und sich nicht noch abhängiger davon macht. Oder sehe ich das komplett falsch?
Link zum Artikel: https://taz.de/Hitze-und-Duerre/!6204348/
ARD Tagesschau hier
Wo sind die Traktoren-Proteste für MEHR KLIMASCHUTZ?!
Ingwar Perowanowitsch
Ein Symbol für den klimapolitischen Zustand in Deutschland:
Der 🇩🇪 Bauernverband warnt jetzt vor den verheerenden Folgen der klimabedingten Hitze und Dürre der vergangenen Monate und fordert u.a. im selben Atemzug eine „deutliche Senkung“ der Dieselsteuer, um die Ernteausfälle zu kompensieren.
Ich finde, dass ist eine traurige aber passende Parabel auf die Art & Weise wie in Deutschland momentan Klimaschutz betrieben wird.
Lieber Öl ins Feuer gießen, als endlich mal die Probleme bei der Wurzel zu packen
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