Dienstag, 11. August 2026

Wärme für Wochen statt Strom für Sekunden: Ein neuartiges Energiespeichersystem hat sich bewährt

 Focus hier  09.08.2026


Enorme Emissionssenkung

Größte Sandbatterie der Welt beendet Ölverbrauch


Ein neuartiges Energiespeichersystem sorgt in Borgnäs für einen ökologischen Durchbruch. 
Die weltweit größte Sandbatterie ist seit einem Jahr im Betrieb und schont das Klima.

Ein zukunftsweisendes Energiespeicherkonzept in Pornainen (Finnland) zieht eine erfolgreiche Zwischenbilanz. Nach einem Jahr im regulären Betrieb hat die dort installierte, weltweit größte Sandbatterie die lokalen Emissionen drastisch gesenkt.

Wie das Portal „tu.no“ unter Berufung auf „Ny Teknik“ berichtet, konnten die klimaschädlichen Ausstöße des örtlichen Fernwärmenetzes durch den Einsatz der Technologie um satte 70 Prozent reduziert werden.

Polar Night Energy baut Kapazitäten aus

Aufgrund des erfolgreichen Betriebs treibt das verantwortliche Unternehmen Polar Night Energy die Technologie weiter voran. Laut einem Bericht von „tu.no“ hat die Firma bereits mit der Konstruktion einer noch größeren Anlage begonnen. Mit dem Ausbau soll der Erfolg des umweltschonenden Projekts weiter fortgeführt werden.

So funktioniert die Sandbatterie

Trotz ihres Namens handelt es sich nicht um eine Batterie im klassischen Sinn. Die Anlage speichert keinen Strom in elektrochemischen Zellen, sondern elektrische Energie als Wärme. Dafür wird günstiger Strom – etwa aus Wind- und Solaranlagen – genutzt, um Luft stark zu erhitzen. Diese heiße Luft wird anschließend durch ein isoliertes Speicherbecken geleitet, das mit einem festen Wärmespeichermaterial gefüllt ist.

Im finnischen Pornainen besteht dieses Material nicht aus gewöhnlichem Strandsand, sondern aus rund 2000 Tonnen zerkleinertem Speckstein. Der Stein fällt als Nebenprodukt bei der Herstellung von Wärmespeicheröfen an. Dadurch muss für die Anlage kein zusätzlicher Rohstoff abgebaut werden. Das Prinzip lässt sich jedoch auch mit Sand oder anderen festen Materialien umsetzen.
Wird im Fernwärmenetz Wärme benötigt, strömt Luft durch das aufgeheizte Speichermedium. Ein Wärmetauscher überträgt die Energie anschließend auf das Wasser im Fernwärmesystem. Die Anlage kann damit eine thermische Leistung von einem Megawatt bereitstellen und bis zu 100 Megawattstunden Wärme speichern.

Wärme für Wochen statt Strom für Sekunden

Der entscheidende Unterschied zu vielen Batteriespeichern ist die Speicherdauer. Lithium-Ionen-Batterien eignen sich vor allem dazu, Strom kurzfristig zu speichern und wieder abzugeben. Die Sandbatterie kann ihre Energie hingegen über mehrere Tage oder Wochen hinweg halten. Im Sommer reicht die gespeicherte Wärme in Pornainen nach Angaben des Herstellers für fast einen Monat, im Winter für ungefähr eine Woche des örtlichen Wärmebedarfs.
Damit kann die Anlage Schwankungen bei der Stromerzeugung ausgleichen. Wenn Windkraft- und Solaranlagen mehr Strom liefern, als gerade benötigt wird, wird die Sandbatterie geladen. Bei niedrigen Erträgen oder hoher Nachfrage gibt sie die Energie als Wärme an das Fernwärmenetz ab.

Die Betriebsweise richtet sich außerdem nach den Preisen am Strommarkt. Das Speichersystem wird bevorzugt in günstigen Stunden geladen. Im ersten Betriebsjahr konnte der Betreiber den Angaben zufolge Strom im Durchschnitt 70 bis 80 Prozent günstiger als zum mittleren Börsenpreis einkaufen. In einzelnen Monaten lag der Preisvorteil sogar bei mehr als 90 Prozent.

Zusätzliche Einnahmen entstehen durch die Teilnahme an den Reservemärkten des finnischen Netzbetreibers Fingrid. Dort kann die Anlage dazu beitragen, das Stromnetz zu stabilisieren. Die Optimierung übernimmt eine softwaregestützte Lösung des finnischen Telekommunikations- und Digitalunternehmens Elisa. Sie ermittelt, wann sich das Laden und Entladen wirtschaftlich am meisten lohnt.

Biomassekessel bleibt als Reserve

Die Sandbatterie ersetzt in Pornainen nicht sämtliche anderen Wärmeerzeuger. Der vorhandene Biomassekessel bleibt als Reserve erhalten und kann bei besonders hoher Nachfrage einspringen. Dennoch hat sich der Brennstoffverbrauch deutlich verändert: Der Einsatz von Holzhackschnitzeln sank im ersten Betriebsjahr um rund 60 Prozent, Öl wird nach Angaben von Polar Night Energy nicht mehr benötigt.

Die Versorgung wird dadurch nicht nur klimafreundlicher, sondern auch unabhängiger von einzelnen Brennstoffen. Die Investitionsentscheidung war laut Betreiber unter anderem durch die Energiekrise beschleunigt worden. Preissprünge bei Brennstoffen und die Alterung des bisherigen Biomassekraftwerks hatten den Druck erhöht, nach einer flexibleren Lösung zu suchen.

Für das Fernwärmenetz bedeutet die Anlage zudem eine höhere Versorgungssicherheit. Nach Angaben des Betreibers kam es im ersten Jahr zu keiner Unterbrechung der Wärmeversorgung. Die zusätzliche Kapazität ermöglicht es außerdem, weitere Gebäude anzuschließen – darunter eine neue Mehrzweck- und Veranstaltungshalle sowie die renovierte Gesamtschule.Potenzial für Industrie und Energiewende

Das Prinzip ist nicht auf Fernwärme beschränkt. Polar Night Energy sieht Einsatzmöglichkeiten überall dort, wo hohe Temperaturen benötigt werden. Dazu zählen etwa die Lebensmittelindustrie, die Metallverarbeitung oder die Herstellung von Dampf für industrielle Prozesse. Heute werden solche Temperaturen häufig noch mit Erdgas oder Öl erzeugt.

Die Sandbatterie könnte dort erneuerbaren Strom in Prozesswärme umwandeln und fossile Brennstoffe ersetzen. Ein Nachteil bleibt allerdings: Die Anlage liefert in ihrer derzeitigen Form vor allem Wärme. Eine Rückumwandlung der gespeicherten Energie in Strom ist technisch möglich, aber mit zusätzlichen Umwandlungsverlusten verbunden. Polar Night Energy untersucht deshalb gemeinsam mit Partnern, wie sich gespeicherte Wärme künftig auch wieder zur Stromerzeugung nutzen lässt.

Das Projekt zeigt damit vor allem die Bedeutung von Sektorkopplung: Strom aus erneuerbaren Quellen wird nicht nur direkt verbraucht, sondern auch für Wärme genutzt. Gerade in Ländern mit einem hohen Anteil schwankender Wind- und Solarenergie können solche Speicher helfen, Angebot und Nachfrage zeitlich voneinander zu entkoppeln.

Ob sich das Konzept in großem Maßstab durchsetzt, hängt jedoch von den Kosten, den lokalen Wärmenetzen und der Verfügbarkeit günstigen Ökostroms ab. Hinzu kommt, dass die Sandbatterie zwar relativ einfache und langlebige Materialien verwendet, aber nicht für jede Anwendung die passende Lösung ist. Für kurze Stromspeicherung oder den Antrieb von Elektrofahrzeugen bleiben andere Batterietechnologien geeigneter.

Für die finnische Gemeinde Pornainen fällt die Zwischenbilanz dennoch eindeutig aus: Die Sandbatterie hat den Ölverbrauch beendet, den Einsatz von Biomasse verringert und die Emissionen des Fernwärmenetzes um 70 Prozent reduziert. Das Unternehmen will auf diesem Erfolg aufbauen und arbeitet bereits an einer noch größeren Anlage. Aus einem ungewöhnlichen Wärmespeicher könnte damit ein Baustein für klimafreundliche Fernwärme und industrielle Energieversorgung werden.

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