Martin Jendrischik / LinkedIn
Der Chef des weltgrößten Netzausrüsters widerspricht der Ministerin. Öffentlich. Mit Zahlen
"Wir haben noch nicht mal das gebaut, was wir uns in Deutschland vor Jahren vorgenommen haben. Jetzt zu sagen, wir brauchen weniger, ist der falsche Weg", sagt Andreas Schierenbeck, CEO von Hitachi Energy, dem Handelsblatt.
Ich habe mir die Systemstudie angesehen, auf die er sich beruft (Fraunhofer ISE, Fichtner, EY Parthenon im Auftrag von Hitachi Energy). Die Zahlen:
- 487 TWh Strombedarf hat Deutschland heute.
- 895 TWh sind es 2045 selbst im Stagnationsszenario.
- 1.015 TWh bei wirtschaftlicher Prosperität.
- 160 GW Solarparks warten schon jetzt auf einen Netzanschluss.
- 720 GW an Batteriespeicher-Anträgen stecken bei den Netzbetreibern fest, Wartezeit oft fünf Jahre und mehr.
Katherina Reiche plant trotzdem "am unteren Ende" der Prognosen und kürzt den Netzentwicklungsplan.
Das Problem: Diese Prognose erfüllt sich selbst. Vattenfall-Deutschlandchef Robert Zurawski hat wegen des Kurses bereits 26 Windprojekte auf den Prüfstand gestellt. Wer weniger Netz plant, bekommt weniger Investitionen. Und am Ende tatsächlich weniger Nachfrage.
Dazu zwei strukturelle Bremsen, über die zu wenig gesprochen wird:
- Deutschland besteuert Industriestrom mit gut 8 Cent pro Kilowattstunde, Gas mit unter 3 (Ember/Eurostat). Besteuert wird ausgerechnet das, was wachsen soll.
- Und die Anreizregulierung belohnt Netzbetreiber mit gut 7 Prozent garantierter Eigenkapitalverzinsung fürs Bauen, aber mit nichts fürs kluge Betreiben. Einen Batteriespeicher ans Netz lassen? Bringt keine Rendite.
Die Elektrifizierung ist der belastbarste Weg aus der fossilen Importabhängigkeit, da sind sich Schierenbeck, die IEA und die Studienlage einig. Die Lösungen auf der Nachfrageseite sind marktreif. Was fehlt, sind Strom und Netz. Und eine Planung, die sich an der Realität orientiert statt am unteren Ende.
Die komplette Analyse mit Schierenbeck, Vattenfall-Manager Zurawski, einer Systemstudie und dem Renditefehlanreiz in der Netzregulierung:
hier 10. AUGUST 2026 VON MARTIN JENDRISCHIK
Reiche bremst beim Netzausbau: Der Chor der Kritiker wächst
Reiche bremst beim Netzausbau im Namen des Planungsrealismus, und die Kritik daran wird lauter. Institute, Verbände und die Internationale Energie-Agentur widersprechen ihr längst, jetzt meldet sich mit Andreas Schierenbeck, Chef des weltgrößten Stromnetzausrüsters Hitachi Energy, eine neue, besonders gewichtige Stimme. Wer beim Netz das untere Ende plant, plant die fossile Abhängigkeit gleich mit ein.
Katherina Reiches Pläne liegen auf dem Tisch: ein Monitoring mit unterer Bedarfsprognose, ein gekürzter Netzentwicklungsplan, eine EEG-Novelle. Die Bundeswirtschaftsministerin begründet ihren Bremskurs beim Netzausbau mit Planungsrealismus, sie wolle Unternehmen vor Kosten schützen, die sich niemand leisten kann. Der Chor der Kritiker daran ist seit Monaten breit, Institute, Verbände, die Internationale Energie-Agentur, diese Woche kam eine neue Stimme hinzu, mit besonderem Gewicht.
„Wir haben noch nicht mal das gebaut, was wir uns in Deutschland vor Jahren vorgenommen haben. Jetzt zu sagen, wir brauchen weniger, ist der falsche Weg", sagt Andreas Schierenbeck, Chef von Hitachi Energy, dem nach Branchenanalysen weltgrößten Stromnetzausrüster vor Siemens Energy und GE Vernova.
160 Gigawatt Solarparks warten nach seinen Angaben auf einen Netzanschluss, Erneuerbare werden abgeregelt, weil die Leitungen fehlen. Die rasante Entwicklung der Rechenzentren mit ihrem Energiebedarf sei in den aktuellen Planungen kaum berücksichtigt, kritisiert Schierenbeck. Die Elektrifizierung ist damit zur Systemfrage geworden: Baut das Land die Netze für eine Nachfrage, die längst da ist, oder plant es sich in die fossile Abhängigkeit hinein?
Reiche bremst beim Netzausbau: Der Rückstand hat eine Zahl
Der Befund ist nüchtern messbar. Gut 20 Prozent des deutschen Energieverbrauchs entfallen auf Strom, der fossile Anteil klebt seit zehn Jahren bei 78 Prozent. China, Japan und Schweden haben ihre Volkswirtschaften längst zu 30 bis 33 Prozent elektrifiziert, Tendenz steigend.
Ein Grund liegt im Steuersystem. Eine Auswertung von Ember zu Eurostat-Daten aus dem dritten und vierten Quartal 2024 zeigt: Deutschland besteuert Industriestrom mit gut 8 Cent pro Kilowattstunde, Industriegas dagegen mit unter 3 Cent. In Dänemark liegt das Verhältnis bei 16 zu 6 Cent, nur Finnland, Schweden und Bulgarien besteuern Strom niedriger als Gas.
Besteuert werden soll eigentlich, was ausläuft, nicht was es ersetzen soll. Beim Industriestrom macht Deutschland das Gegenteil.
„In Deutschland sind sie historisch hoch, das blockiert den Business-Case", sagt Schierenbeck über die Strompreise. Wolfgang Weber, Chef des Elektroindustrie-Verbands ZVEI, formuliert die Regel dahinter: „Elektrifizierung funktioniert, wo Strom auch wirtschaftlich attraktiv ist."
Die Bundesregierung hat zwar Strompreis-Entlastungen beschlossen. Das strukturelle Problem, hohe Industriestrompreise bei niedriger Steuerlast auf Gas, bleibt davon unberührt.
„Die Zukunft Europas und Deutschlands wird sich daran entscheiden, ob man es schafft, die Wirtschaft zu elektrifizieren"
sagte Fatih Birol, Chef der Internationalen Energie-Agentur, im Januar auf dem Handelsblatt-Energiegipfel und urteilte über den deutschen Kurs knapp: „Das ist ein großer Fehler."
Die Systemstudie kennt kein Szenario, das Reiche recht gibt
Wie groß der Sprung tatsächlich ausfällt, zeigt die Systemstudie Deutschland 2026, die Hitachi Energy beim Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE), bei Fichtner und bei EY Parthenon in Auftrag gegeben hat. Gerechnet wurde mit REMod, dem sektorenübergreifenden Energiesystemmodell des Fraunhofer ISE. Das gehört zur Einordnung: Es ist eine Industriestudie, keine unabhängige Regierungsprognose.
2030-Monitoring und 2045-Systemstudie betrachten unterschiedliche Zeithorizonte, der Vergleich der nackten Zahlen ist deshalb nicht der Punkt. Der Punkt ist die Richtung: Reiche plant fürs untere Ende, Hitachi Energy und die Studienautoren rechnen mit der Verdopplung.
Die Wurzel des Problems liegt im Regulierungssystem selbst. Netzbetreiber erhalten für Ausbau-Investitionen eine garantierte Eigenkapitalverzinsung von 7,09 Prozent auf Neuanlagen. Für die netzdienliche Integration von Speichern und Flexibilität gibt es dagegen keinen vergleichbaren Anreiz.
Ein eigenes Gutachten der Bundesnetzagentur zu den Kostenarten benennt diese Asymmetrie, ebenso ein Paper des europäischen Regulierer-Verbands CEER. Agora Energiewende zählt über 300 Gigawatt Netzanschlussanfragen für Großbatterien, für die es bislang kein Zuteilungskonzept gibt.
„Jemand, der ein Haus baut, wird auch nicht erzählen, dass er dieses Jahr Wohnkosten von 800.000 Euro hat", schreibt Dieter Buchberger auf LinkedIn, der bis Anfang 2025 fast drei Jahrzehnte lang Energiewirtschaft an der Technischen Hochschule Ulm lehrte. Die oft beklagten Systemkosten seien in Wahrheit Investitionen; Kosten seien nur die Abschreibungen und die üppigen Zinsen, die Netzbetreiber für ihre risikolosen Anlagen über die Netzentgelte in Rechnung stellen dürfen.
AgNes, die Reform der Bundesnetzagentur, soll genau das korrigieren. Bislang ist sie ein Vorhaben: Konsultation im Sommer 2026, eine Festlegung frühestens Ende 2026, Wirkung erst ab 2029.
Schierenbeck nennt den Redispatch, die teuren Noteingriffe der Netzbetreiber bei Engpässen, als weiteres Argument für mehr Netzausbau, jährlich seien so Milliardenbeträge einsparbar. Die Zahlen geben ihm recht, allerdings anders als gedacht: Die Engpasskosten sanken 2025 bereits auf insgesamt 3,1 Milliarden Euro, der Redispatch-Anteil auf knapp 1,6 Milliarden Euro, während nur rund 3 Prozent der erneuerbaren Erzeugung abgeregelt wurden.
Sie sanken, weil gebaut wurde. Das ist selbst das beste Argument gegen die Bremse.
Reiche hat die Wahl, ihre Prognose der Realität anzupassen oder die Realität an ihrer Prognose scheitern zu lassen.
Schierenbeck hat seine Warteschlangen, Zurawski seine 26 gestoppten Projekte, beide haben längst entschieden, worauf sie sich einstellen.
Häufige Fragen zum Netzausbau in Deutschland
Wie hoch ist der Elektrifizierungsanteil in Deutschland aktuell?
Rund 20 Prozent des deutschen Energieverbrauchs entfallen auf Strom, der fossile Anteil liegt seit zehn Jahren stabil bei 78 Prozent. China, Japan und Schweden haben dagegen bereits 30 bis 33 Prozent ihres Energieverbrauchs elektrifiziert.
Wie stark steigt der Strombedarf in Deutschland bis 2045?
Die Systemstudie Deutschland 2026 rechnet mit einem Anstieg von heute 487 Terawattstunden auf 895 Terawattstunden im Stagnationsszenario und 1.015 Terawattstunden im Prosperitätsszenario. In beiden Fällen braucht es einen deutlich beschleunigten Ausbau von Netzen und erneuerbaren Energien.
Warum bremst Reiche beim Netzausbau?
Reiche begründet ihren Kurs mit Kostendisziplin: Sie orientiert sich an der unteren Bedarfsprognose aus dem 2030-Monitoring und hat den Netzentwicklungsplan entsprechend gekürzt. Institute, Verbände und Hitachi-Energy-Chef Schierenbeck halten das für zu vorsichtig, weil die reale Nachfrage aus Rechenzentren und Elektrifizierung in dieser Planung kaum vorkommt.
Wann tritt die Netzentgeltreform AgNes in Kraft?
AgNes ist bislang ein Vorhaben der Bundesnetzagentur, keine geltende Regelung. Die Konsultation läuft im Sommer 2026, eine Festlegung wird frühestens Ende 2026 erwartet, die Wirkung soll ab 2029 einsetzen.
QUELLEN
- Handelsblatt: Reiche bremst beim Netzausbau – Deutschland verliert Anschluss (Klaus Stratmann), 09.08.2026.
- Fraunhofer ISE, Fichtner, EY Parthenon im Auftrag von Hitachi Energy: Systemstudie Deutschland 2026.
- Bundesnetzagentur: Gutachten Kostenarten in der Anreizregulierung.
- CEER: CEER Paper on Incentives in Regulatory Frameworks with a Focus on OPEX/CAPEX Neutrality.
- Agora Energiewende: Effiziente Energiewende.
- EY, BDEW: Fortschrittsmonitor Energiewende 2026.
- Ember: The Electrotech Revolution, Auswertung der Industriestrom- und Industriegassteuern auf Eurostat-Basis (Q3/Q4 2024), S. 108.
- ntv: Klimalabor mit Hartmut Fischer (Energy Watch Group), 06.08.2026.
- Dieter Buchberger (Professor a.D., Technische Hochschule Ulm): LinkedIn-Post zu Systemkosten und Netzregulierung, August 2026.
- Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: Monitoringbericht Energiewende, September 2025.
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