Süddeutsche Zeitung hier 2. Januar 2026,Von Claudia Koestler
„Würzen wir diese fade Untergangssuppe doch mal mit ein bisschen Optimismus“Krisen, Frust und Untergangsgefühle? Der Wissenschaftsjournalist Dirk Steffens hält dagegen – mit seiner Biografie und der Überzeugung, dass Optimismus die einzig vernünftige Antwort auf unsere Zeit ist.
Deutsche Bahn, Klimakrise, Inflation – überall nur schlechte Nachrichten. Doch der Wissenschaftsjournalist Dirk Steffens ist überzeugt: Die Menschheit hat mehr Lösungen als Probleme.
Wenn gar nichts mehr geht, dann geht immerhin die Deutsche Bahn – oder wenigstens Anekdoten über sie. „Eine Bahnpanne ist inzwischen so alltäglich, dass sie zu einem Running Gag geworden ist“, sagt Dirk Steffens. Fehlt dem TV-bekannten Wissenschaftsjournalisten bei Vorträgen ein besseres Intro, eröffnet er: „Schön, dass ich da bin, denn damit konnte niemand rechnen. Es brauchte dafür den Urknall, vier Milliarden Jahre Evolution – und einen pünktlichen Zug der Deutschen Bahn.“ Nicht sehr originell, aber wirkungsvoll: Fast jeder im Publikum kann mitlachen, denn fast jeder hat schon ähnliche Erfahrungen gemacht. Aus individuellen Bahnerlebnissen formt sich so eine kollektive Wahrheit: „Nichts geht mehr.“ Und dieses Gefühl strahlt weit über die Bahn hinaus – auf Politik, Wirtschaft, Alltag.
Anders gesagt: Es ist schlimm, darin sind sich viele einig. Die Infrastruktur bröselt. Und mehr noch, die Schulden wachsen, die Mieten ebenso, die Wirtschaft lahmt, die Politik dreht frei. Und dann fehlt bestimmt irgendwo auch noch das Klopapier. Irgendwann ist das Maß voll. Und ein solches „Schnauze-voll-Gefühl“ schreit nach Veränderung, nach einem radikalen Schnitt.
„Denk ich an Deutschland in der Nacht...“ – ein Zitat, das Steffens nur noch genervt kommentiert. „Der Satz hängt wie ein zäher Furz in der Luft und erstickt Ideen.“ Statt Jammern brauche es Besonnenheit, sagt er, damit wir im Zorn nicht in den Abgrund rennen. Denn die Geschichte kennt unzählige Momente, in denen Angst und Verzweiflung Suchende immer wieder in die Arme wirrer Propheten, brutaler Diktatoren, gewissenloser Populisten oder naiver Weltverbesserer trieb.
Dass Menschen Besorgnis über unsere von etlichen Krisen geschüttelte Welt äußerten, sei verständlich.
„Aber den Untergang bereits als Fait accompli,
als unumkehrbare Tatsache, zu betrachten,
ist in einem Land, in dem wir so frei,
so gesund und so wohlhabend wie niemals zuvor leben,
dann doch ziemlich idiotisch.“
als unumkehrbare Tatsache, zu betrachten,
ist in einem Land, in dem wir so frei,
so gesund und so wohlhabend wie niemals zuvor leben,
dann doch ziemlich idiotisch.“
Dirk Steffens hat deshalb eine klare und wichtige Mission: „Würzen wir diese fade Untergangssuppe doch mal mit ein bisschen Optimismus.“
Es ist eine bemerkenswerte Biografie, die zu dieser Mission geführt hat. Dirk Steffens, 1967 in Stade bei Hamburg geboren und seit einiger Zeit im Süden Münchens zu Hause, hätte nach aller Wahrscheinlichkeit nie zu Deutschlands bekanntestem Wissenschaftsjournalisten werden sollen.Seine Laufbahn begann relativ unspektakulär: Nach der Hauptschule absolvierte er eine Ausbildung zum Fernmeldemechaniker in Hamburg. Ein klassischer Handwerksberuf, weit entfernt von den Hörsälen der Universitäten oder den Redaktionsstuben der Medien. Doch bereits in dieser Zeit keimte etwas in ihm, was später zu seinem Markenzeichen werden sollte: die Überzeugung, dass jeder Mensch mehr Möglichkeiten hat, als er zunächst zu sehen vermag.Sein Weg zu einem der bekanntesten Wissenschaftsjournalisten war nicht vorgezeichnetDer Weg von der Werkbank zur Weltbühne führte über das Hamburger Hansa-Kolleg, wo Steffens sein Abitur nachholte. Es folgten ein Studium der Geschichte und Politik und schließlich das entscheidende Volontariat an der Kölner Journalistenschule. Ein Jahr lang arbeitete er als Politik- und Nachrichtenredakteur beim Deutschlandfunk in Köln – Grundlage für eine Karriere im klassischen Journalismus. Doch Steffens zog es in eine andere Richtung.In den 1990er-Jahren begann er, als freier Journalist für verschiedene Hörfunk- und Fernsehsender zu arbeiten. Was ihn antrieb, war eine unstillbare Neugierde auf die Welt und ihre Geheimnisse. Diese Neugierde führte ihn zunächst hinter die Kamera, wo er als Autor und Produzent von Dokumentarfilmen arbeitete. Mehr als ein Jahrzehnt lang blieb er im Hintergrund, sammelte Erfahrungen, schärfte seinen Blick für die großen Zusammenhänge.Der Durchbruch kam 2005, als er erstmals selbst vor die Kamera trat. Bei Vox moderierte er zunächst eine wöchentliche Tierfilmreihe und ein Reisemagazin. 2008 wechselte er zum ZDF und übernahm die Moderation der „Terra X“-Dokumentationsreihe „Faszination Erde“– ein Format, das ihn über mehr als ein Jahrzehnt hinweg zu einem der bekanntesten Gesichter des deutschen Wissenschaftsjournalismus machte.
In dieser Zeit bereiste Steffens, der heute im Isartal lebt, mehr als 120 Länder, dokumentierte die Schönheit und Verletzlichkeit des Planeten, aber auch die Zerstörung ganzer Ökosysteme. Er sah aus nächster Nähe, wie der Klimawandel Gletscher zum Schmelzen bringt, wie das Artensterben ganze Lebensräume vernichtet, wie menschliches Handeln die Natur an ihre Grenzen treibt. Und dennoch – oder gerade deshalb – wurde er zum Optimisten.
„Auf meinen Expeditionen habe ich die manchmal verstörende Erfahrung gemacht, wie Probleme, die mir daheim sehr bedrohlich vorkamen, auf ein lächerliches Maß schrumpften, wenn ich mit Sorgen ganz anderer Natur konfrontiert wurde“, erzählt er. „Die völlig ungerechtfertigte Vollstreckungsankündigung des Finanzamtes hat mir zu Hause schlaflose Nächte bereitet, aber als ich in Zentralafrika mit den Bayaka unterwegs war und ihre Lebenswirklichkeit sah, war mir das Einschreiben vom Finanzamt plötzlich völlig schnuppe. Weil ich vergleichen konnte, in Relation setzen konnte.“
Diese Fähigkeit zur Relativierung, gepaart mit einem tiefen Verständnis für die Komplexität globaler Zusammenhänge, formte Steffens’ Weltanschauung. 2022 verließ er das ZDF und wechselte zu RTL, wo er als Experte für das Magazin „Geo“ arbeitet und an der „Großen Geo-Show“ mitwirkt. Parallel dazu erreicht er mit seinem Podcast „Kettenreaktion“ und seinen Bestseller-Büchern ein Millionenpublikum. Für seine Arbeit wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter das Bundesverdienstkreuz, der Deutsche Fernsehpreis und die Goldene Kamera. 2024 ehrte ihn der Club der Optimisten als „Optimist des Jahres“.
Doch warum ist Optimismus heute überhaupt zu einer so seltenen Tugend geworden? Ein Grund liegt in unserer Biologie, sagt Steffens: Unser Gehirn funktioniere noch wie das des Neandertalers – nur, dass wir statt mit Keulen mit Hyperschallraketen kämpfen. Jede Bewegung Richtung Zukunft müsse deshalb wohlgesetzt sein: „Man stolpert nicht über Berge, sondern über kleine Steine auf dem Weg.“ Nicht bloß Weltpolitik zähle, sondern auch die Summe individueller Handlungen.
Menschen, die optimistisch in die Zukunft blicken, leben länger und gesünder
In einer Zeit, in der Krisen sich wie Dominosteine zu reihen scheinen – von der Klimakrise über geopolitische Spannungen bis hin zu gesellschaftlicher Polarisierung –, mag eine solche Sichtweise naiv wirken, wie ein Blick durch die rosarote Brille, während um uns herum die Welt brennt. Doch diese Auslegung verkennt fundamental, was Optimismus wirklich bedeutet und welche transformative Kraft in ihm liegt.
Steffens’ Haltung entspringt nicht naiver Weltflucht, sondern jahrzehntelanger Beobachtung menschlicher Anpassungsfähigkeit und Innovationskraft – und dem bewussten Widerstand gegen die Verzerrungen der Aufmerksamkeitsökonomie. Unser Gehirn sei eigentlich evolutionär auf Optimismus programmiert. Rund 80 Prozent der Menschen besitzen einen „Optimism Bias“ – sie rechnen mit guten Ausgängen. Kein Designfehler der Evolution, sondern ein Feature. Menschen, die optimistisch in die Zukunft blicken, leben nicht nur länger und gesünder, sie gestalten diese Zukunft auch aktiver mit.
Doch diese natürliche Optimismus-Neigung werde durch die moderne Medienlandschaft systematisch untergraben. Die Desinformationsforscherin Renée DiResta, die am Stanford Internet Observatory die Verbreitung von Falschinformationen untersucht, hat einen entscheidenden Mechanismus identifiziert: „Negative Emotionen verbreiten sich in sozialen Netzwerken sechsmal schneller als positive“, erklärt sie.
„Angst, Wut und Empörung sind evolutionär darauf programmiert, unsere Aufmerksamkeit zu fesseln – sie signalisieren Gefahr und verlangen sofortige Reaktion.“ Diese biologische Programmierung wird von den Algorithmen der sozialen Medien systematisch ausgenutzt. Sie sind darauf optimiert, Engagement zu maximieren – und nichts erzeugt mehr Engagement als Emotionen. „Das Geschäftsmodell der Aufmerksamkeitsökonomie“, so DiResta, „ist strukturell darauf angewiesen, uns in einem Zustand der Erregung zu halten.“
Wir leben folglich in einer Zeit der großen Gereiztheit, in der digitale Medien systematisch das Negative verstärken, weil es mehr Klicks, mehr Shares, mehr Kommentare generiert. Diese Mechanik erklärt, warum Fake News oft erfolgreicher sind als seriöse Nachrichten – sie sind emotional aufgeladener, zugespitzter, alarmierender.
Steffens weiß, dass es zahlreiche Krisenherde in der Welt gibt. Er hat über sie recherchiert, mit Menschen gesprochen, die Auswirkungen selbst gesehen, dokumentiert und vor ihnen gewarnt– doch den Weltuntergang herbeizureden, das kommt für ihn nicht infrage. Im Gegenteil: Der Ickinger ist überzeugt, dass die Menschheit mehr Lösungen hat als Probleme. Trotz allem. In diesem Sinne ist Steffens bereits sein Berufsleben lang unterwegs, heute mehr denn je. In Fernseh-Dokumentationen, Shows, Vorträgen und Büchern verbreitet er Optimismus – nicht zu verstehen als passives Warten auf bessere Zeiten, sondern als aktive Gestaltung der Gegenwart im Bewusstsein möglicher Zukünfte.
Steffens führt dazu ein Beispiel an: „Eine Furcht einflößende Menge unterschiedlicher Probleme hat sich vor uns so hoch aufgetürmt wie einst das Packeis vor Ernest Shackletons Endurance.“ Das Schiff des Antarktisforschers blieb stecken, wurde zermalmt und sank. Die objektive Lage der Mannschaft: hoffnungslos. Ihre Moral aber: optimistisch. Trotz ihrer aussichtslosen Lage waren die Männer einfach nicht bereit, aufzugeben, und taten in jeder Situation jeweils das Bestmögliche – bis sie es zwei Jahre später alle lebend nach Hause schafften.
Das gelang, weil Shackleton seinen Leuten einen unaufgeregten und zupackenden Realismus einflößte:
„Am Ende sind Probleme nur Dinge, die man bewältigen muss.“
Was man aus diesem Beispiel ebenfalls lernt: Priorisieren.
„Wer überleben will, muss die drängendsten und wichtigsten Probleme unbedingt zuerst lösen.“
Der wirksamste Beitrag zum Klimaschutz beginnt im eigenen Kühlschrank
Hier schließt sich der Kreis zu Steffens’ Arbeit: Optimismus bedeutet für ihn nicht Verdrängung, sondern Fokus auf Lösungen. Und davon gebe es schon heute viele: für die globale Energiewende mit innovativen Alternativen zu fossilen Brennstoffen etwa. Dazu zähle auch die Ernährungswende. Die werde in ihrer Bedeutung fast immer unterschätzt.
„Tatsächlich hat nichts, weder unsere Autos, unsere Heizungen, unsere Stromproduktion oder die Lust am Reisen so verheerende Folgen für die Natur wie die Art und Weise, wie wir Nahrungsmittel produzieren.
Aber auch hier liegen die Lösungen bereits auf der Hand.“
Zum Beispiel ganz einfach, indem jeder etwas mehr Ordnung in seinem Kühlschrank hält, weniger Lebensmittel verschwendet und die Produktions- und Lieferketten kurz bleiben.
Noch besser sieht es gar bei der „Mutter aller Probleme“ aus: dem Artensterben. „Es lässt sich verhindern, indem wir tun, was wir am besten können: gar nichts. Und das möglichst großflächig.“ In seinen Vorträgen oder seinem neuen Buch nennt Steffens noch zahlreiche weitere Beispiele.
So verstanden ist Optimismus keine Flucht aus der Realität, sondern ihre tiefste Erkundung – die Entdeckung jener Möglichkeiten, die in der Gegenwart schlummern und darauf warten, geweckt zu werden. Und Optimismus nicht nur eine persönliche Tugend, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Ein Bollwerk gegen die Versuchung der Zerstörung ebenso wie gegen die Manipulation durch eine auf das Negative fixierte Medienlandschaft.
Denn am Ende sind es die Optimisten, die die Welt verändern – nicht weil sie die Probleme ignorieren, sondern weil sie an die Lösungen glauben und dabei das Bewahrenswerte bewahren. Steffens’ Zuversicht ist ein Aufruf zum Widerstand gegen die Tyrannei der Negativität. Er will nicht nur berichten, was ist, sondern zeigen, was möglich ist: Denn, so ist er überzeugt: „Gerade in schwierigen Zeiten gibt es zum Optimismus keine vernünftige Alternative.“
Dirk Steffens' Buch „Hoffnungslos optimistisch“ ist im Penguin Verlag erschienen, ISBN: 9783328604693, 20 Euro.
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