Zeit hier Aus der Kolumne: Fünf vor acht von Samiha Shafy 24. August 2026,
Wetterveränderungen: Hitze? Welche Hitze?
Feuer, Dürren, Tausende Tote: Die Menschen spüren, dass in diesem Sommer etwas Bedrohliches passiert ist. Die Bundesregierung wirkt dagegen seltsam entrückt.
Woran werden Sie sich erinnern, wenn Sie an den Sommer 2026 zurückdenken? Ich sehe das Mittelmeer vor mir, das so unwirklich schön ist vor Korsika, glasklar bis zum Grund, leuchtend blau, auf den ersten Blick gesund.
Jedenfalls schwammen im August muntere Fischschwärme darin herum, was ein gutes Zeichen ist – denn häufig werden die Fische in den Weltmeeren inzwischen von Quallen verdrängt, die sehr viel besser mit den Folgen des Klimawandels zurechtkommen. Aber ungewohnt badewannenwarm war das Wasser und die Luft und der Sand so sengend heiß, dass man sich eigentlich nur im Badewannenmeerwasser aufhalten konnte.
Und dann waren da die täglichen Schreckensmeldungen: 12.500 Hitzetote allein in Deutschland verkündete das Robert Koch-Institut. Immer neue Hitzerekorde jenseits von 40 Grad Celsius in europäischen Metropolen. Die Monsterfeuer um Madrid und Bordeaux, die Hunderttausende in die Flucht trieben. Zerlaufender Asphalt, verformte Bahngleise, austrocknende Flüsse, entgeisterte Touristen, alles irgendwie kurz vor dem Kollaps.
Eine Dürre sogar in weiten Teilen von – England? Ja, kein Witz: In London wurde wegen extremer Hitze eine Konferenz über den Umgang mit extremer Hitze abgesagt.
Sommer, das war ein Besuch des Eiffelturms oder der Akropolis
In Europa fühlte sich dieser Sommer an wie eine Zäsur. Im Rückblick könnte dies der Moment gewesen sein, in dem wir nicht mehr verdrängen konnten, was geschieht: dass unsere Heimat, wie wir sie kannten, unwiederbringlich verloren geht. Der Sommer, war das nicht immer die schönste, lustvollste, am längsten ersehnte Zeit des Jahres? Doch vieles, was bislang ganz selbstverständlich zu einem europäischen Sommer gehörte – lange Ferientage am Strand, ein Besuch des Eiffelturms oder der Akropolis, eine Schifffahrt auf der Donau –, ging 2026 auf einmal nicht mehr.
Die Menschen spürten am eigenen Leib, dass da etwas Großes, Bedrohliches passiert: Ausgerechnet Europa, dieser einst wohltemperierte, von der Natur reich beschenkte, von so vielen bewunderte und beneidete Kontinent, erwärmt sich fast doppelt so schnell wie der Rest der Welt.
In Frankreich etwa prognostiziert der französische Wetterdienst Météo-France, dass sich die Zahl der extremen Hitzetage bis 2050 verfünffachen und bis 2100 verzehnfachen wird. Werden wir uns irgendwann mit Wehmut an diesen Sommer 2026 erinnern, der immerhin noch milder war als die nachfolgenden? Eines jedenfalls ist klar: Wir sind erschreckend schlecht vorbereitet, auch in Deutschland.
Und was macht die Bundesregierung? Lange wirkte sie seltsam entrückt, allen voran der Bundeskanzler. Fast vier Wochen befand er sich im Urlaub, kein Wort zu den Waldbrandkatastrophen Europas, abgesehen von einem dürren Statement auf der Plattform X.
Am kommenden Dienstag und Mittwoch will das Kabinett nun über bessere Schutzmaßnahmen gegen klimawandelbedingte Schäden beraten. Das kündigte Friedrich Merz am Wochenende an, als er aus seiner Sommerpause auftauchte – immerhin in Hürtgenwald, jener Gemeinde in der Eifel, in der Einsatzkräfte seit dem 13. August mit dem größten Feuer in der Geschichte Nordrhein-Westfalens gerungen hatten.
Der Kanzler dankte den Helfern, wurde ausgepfiffen und räumte ein, dass man schon alles tun müsse, um den Klimawandel »zurückzudrängen«. Aber man müsse halt auch lernen, mit ihm zu leben – das sei der »bedauerliche Befund«, sagte Merz. Was die Bundesregierung genau tun will, sagte er nicht – aber darüber soll ja offenbar auch erst einmal beraten werden.
Die SPD hat immerhin einen Vorschlag
Man könnte jetzt schreien und sich die Haare raufen. Oder man könnte, um maximale Konstruktivität bemüht, sagen: besser spät als nie. Der kleinere Koalitionspartner SPD hat ja immerhin einen klimapolitischen Vorschlag gemacht, er will die Anpassung an den Klimawandel als Gemeinschaftsaufgabe im Grundgesetz verankern. Allerdings wirkt das eher wie eine koalitionsinterne Stichelei, denn für eine Änderung des Grundgesetzes bräuchte es bekanntlich eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag, die nur gemeinsam mit der Opposition – sprich: mit der Linken – zu erreichen wäre.
Aber wer weiß, vielleicht setzen sich die Regierenden ja in dieser Woche zusammen und bemühen sich mit gebotener Ernsthaftigkeit, der Lage gerecht zu werden. Friedrich Merz stünde auch nicht allein, wenn er sich dazu durchringen könnte, die seit Langem fällige, feurige Rede über die Zeitenwende zu halten, die der Klimawandel für unser Leben bedeutet. In Spanien etwa hat Ministerpräsident Pedro Sánchez als Reaktion auf diesen Sommer einen parteiübergreifenden »Staatsakt gegen den Klimanotstand« angekündigt. Und auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron fand eindringliche Worte, als er bereits Ende Juli das Krisengebiet in Bordeaux besuchte: »Die Situation, in der wir uns heute befinden, ist die schwierigste, die wir je erlebt haben – die schwierigste seit dem Zweiten Weltkrieg.«
Der Klimaschutz lässt sich nicht aufschieben
Wie absurd, dass die Europäische Kommission ausgerechnet jetzt vorgeschlagen hat, ein zentrales Instrument für den Klimaschutz, den europäischen Emissionshandel, abzuschwächen. Die Industrie müsse entlastet werden, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, heißt es. Das kann man der Industrie natürlich nur wünschen in diesen Zeiten, in denen Europa von außen wie von innen angegriffen wird. Aber die damit verbundene Hoffnung, dass sich der Klimaschutz schon noch ein bisschen länger aufschieben lässt, ist trügerisch. Denn auch wenn es jetzt wieder schön kühl wird: Der nächste Sommer kommt bestimmt.
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