Sonntag, 30. August 2026

Man sieht das alles und fasst es nicht


Standard hier  Birgit Baumann  28. August 2026

"Das geht zu weit": Wie Kanzler Merz bei RTL die Nerven verlor

Der deutsche Kanzler stellte sich in der RTL-Sendung "Am Tisch mit Friedrich Merz" unzufriedenen Bürgerinnen und Bürgern. Es war nicht zu seinem Vorteil

Schauspielerinnen und Schauspieler, so sagt man, können vor der Kamera gegen Kinder und Tiere nur verlieren. Denn diese spielen auch Professionelle mit ihrer Natürlichkeit an die Wand.

Ein ähnliches Risiko besteht, wenn Politiker und Politikerinnen im Fernsehen auf "normales Volk" treffen. Da weiß man auch nie, was kommt. Meist Fragen, die sehr kritisch und aus dem Bauch heraus sind. Und das ist ja auch gut so.

Der deutsche Kanzler Friedrich Merz (CDU) hat also ahnen können, was ihn erwartet, als er sich am Donnerstagabend bei RTL mit "echten Leuten" an einen Tisch setzte.

"Ich finde Ihre Kritik ein bisschen zu hart", tadelt er zunächst einen Vater, der kritisiert, die Regierung tue zu wenig für Familien mit Kinder. Empathie klingt anders, und da leidet man als Zuseherin schon ein wenig mit dem Vater.

Hartnäckige Kinderärztin

Doch es ist nur die Ouvertüre für eine noch unangenehmere Passage. Die Kinderärztin Bea Merscher fragt Merz, warum er seinen Amtseid breche und menschenverachtende und zerstörerische Gesetze erarbeiten lasse. Starker Tobak, gewiss.

Aber Merz toppt es noch. "Ich finde das, ehrlich gesagt, das geht jetzt ein bisschen über das normale Maß hinaus", sagt er zunächst in beleidigtem Ton, zurückgelehnt und mit verschränkten Armen. "Sie unterstellen uns eine gezielte, vorsätzliche Zerstörung unseres Gesundheitssystems", fährt er fort und belehrt die Ärztin auch gleich noch: "Wenn Sie so argumentieren, werden Sie für Ihre Argumente kaum noch Gehör finden."

Dann geht es nur um seine persönliche Befindlichkeit. Dass ihm das alles "zu weit" gehe und er sich diese "persönliche Herabsetzung" verbitte. Doch Merscher kontert: "Das, was Sie im Gesundheitssystem machen, geht auch zu weit. Und ich glaube, als Politiker ist man gewohnt, immer so ein bisschen in Samthandschuhe gepackt zu werden." Sie aber sehe "das Leid der Menschen". Merschner verweist auf die "Krankschreibung ab Tag eins" – ein in Deutschland stark diskutiertes Thema.

Ein Gefühl, kein Gesetz

Die Reform der Regierung sieht vor, dass im Krankheitsfall künftig wieder ab dem ersten Tag eine ärztliche Krankschreibung vorliegen muss, nicht – wie aktuell noch – ab dem vierten. Merscher wirft Merz vor, den Menschen zu unterstellen, sie wollten alle nur blaumachen. "Sie befeuern ein überlastetes System mit Patientenkontakten, die es nicht braucht", sagt sie. Deshalb hat die Medizinerin im Internet auch eine Petition gestartet. Diese haben mehr als 335.000 Menschen unterzeichnet.

Merz' Antwort an Merscher lautet: "Wir machen das, was bis 2021 galt, und da hat es von Ihnen auch keine Petition gegeben. Und darüber beschweren Sie sich jetzt, das wundert mich, ehrlich gesagt, ein bisschen." Es ist zum Fremdschämen, kommt aber noch schlimmer.

Merscher kritisiert, Merz wolle bei den Schwächsten sparen – bei Kindern, bei Menschen, die Orthesen und Rollstühle brauchen. Und sie fragt, warum Merz vor allem gesetzlich Versicherte belaste, aber die Pharmaindustrie schone.

"Das ist ein Gefühl, aber das entspricht nicht unserem Gesetz", sagt Merz. Alle müssten ihren Beitrag leisten, auch die Pharmaindustrie. Das sei für diese gar nicht so leicht, denn: "Die Margen in der Pharmaindustrie sind so schmal, wenn wir denen die Margen noch weiter kürzen, dann schließen die Fabriken in Deutschland." Und dann, an Merscher direkt gewandt, sagt Merz mit empörtem Ton: "Ich finde, Sie machen es sich ein bisschen leicht."

Kein Wort des Verständnisses für Kinder und Benachteiligte, stattdessen Verteidigung der Pharmaindustrie. Man sieht das alles und fasst es nicht. Merz ist dünnhäutig, herablassend, belehrend. Wie kann man es nur so versemmeln? Und das, nachdem der Kanzler gerade vier Wochen Urlaub gehabt hat. (Birgit Baumann, 28.8.2026)

Link: Das Video zur Sendung auf RTL hier zum Nachschauen.



Dr. med. Bea Merscher / LinkedIn

Gestern Abend saß ich bei RTL gegenüber von Bundeskanzler Friedrich Merz. Direkt & live im TV bei RTL Deutschland.

Ich hab ihn gefragt, warum er seinen Amtseid bricht, den Nutzen des Volkes zu mehren und Schaden von ihm abzuwenden und Gesetze wie das GKV-Spargesetz erlässt, die genau das Gegenteil bewirken.

Seine Antwort: Das gehe über das normale Maß der Kritik hinaus, es wäre eine persönliche Herabsetzung.

Meine Erwiderung: Das, was gerade im Gesundheitssystem passiert, geht auch zu weit!

Ich hab ihm die Zahlen genannt, die mich jeden Tag in der Praxis erreichen. 2,64 Milliarden € Kürzungen allein im ambulanten Bereich, das trifft meine Patienten, Kinder, Familien, Menschen, die auf Orthesen oder Rollstühle angewiesen sind. Gleichzeitig wird Schloss Bellevue für eine Milliarde renoviert??

Zur Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag sagte er, man kehre lediglich zum Zustand vor 2021 zurück. Das stimmt nur zur Hälfte:

  • Der Wegfall der telefonischen Krankschreibung ist tatsächlich eine Rückkehr zur alten Regelung, das hat auch der aktuelle Faktencheck von Stern und RTL bestätigt. 

  • Die Attestpflicht ab Tag eins dagegen ist neu, die gab es vor 2021 in dieser Form nicht. Im Studio habe ich das bewusst nicht korrigiert, ich wollte meine Redezeit nicht für diese Richtigstellung nutzen, sondern lieber weitere Punkte unterbringen, auch weil ich wusste, dass ein Faktencheck dazu kommen würde. Umso wichtiger, es hier festzuhalten.

Dazu kommt, was die Kassenärztliche Bundesvereinigung längst durchgerechnet hat: 30 Millionen zusätzliche Patientenkontakte, in einem System, das er selbst gerade budgetiert und deckelt. Ohne jeden Nachweis, dass es überhaupt ein Missbrauchsproblem gibt.

Er hat mir vorgeworfen, ich würde es mir mit persönlichen Vorwürfen zu leicht machen. Mein Schlusswort dazu: Er teilt selbst hart aus, in Worten wie "Nöler" und "Nörgler", aber auch in seinen Taten. Und wenn einem Kind etwas verwehrt wird, was es braucht, dann ist das ganz, ganz schlimm.

Meine Petition gegen die Attestpflicht ab Tag eins steht inzwischen bei über 330.000 Unterschriften. Die vollständige Debatte gibt's als Video, beides verlinke ich in den Kommentaren.

Am 5. September stehe ich in Berlin, mit vielen weiteren Stimmen aus der Versorgung!!!


Die ganze Debatte: hier  

Petition: hier


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