Christian Stoecker
Kolumne: Selbst die, die an Batteriegroßspeicher glauben, haben ihr rasantes Wachstum dramatisch unterschätzt.
Aktuelle Anschlusszusagen ergeben für Deutschland bereits ein Wachstum um den Faktor 27. Das wird das Stromsystem fundamental verändern (ob K. Reiche will oder nicht).
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Eine Kolumne von Christian Stöcker
Selbst ihre Fans haben diese Technik dramatisch unterschätzt
Fast unbemerkt vollzieht sich im deutschen Stromnetz eine Revolution. Die Gesamtkapazität aller Batteriegroßspeicher könnte um den Faktor 27 wachsen – und damit das Stromsystem verändern.
Vor gut 21 Monaten erschien an dieser Stelle eine Kolumne mit der Überschrift »Ein Batterie-Tsunami rollt heran«. Sie handelte von der erstaunlichen Tatsache, dass bei den deutschen Übertragungsnetzbetreibern zu diesem Zeitpunkt eine riesige Menge sogenannter Anschlussbegehren für Batteriegroßspeicher für das Stromnetz vorlag. Damals ging es um 161 Gigawatt (GW) beantragte Anschlussleistung. Die Kolumne und die zugrunde liegenden Zahlen lösten damals mancherorts große Skepsis aus (andernorts aber wurde das Thema ein paar Monate später dann aufgegriffen ).
Zum Autor : Christian Stöcker, Jahrgang 1973, ist Kognitionspsychologe und Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Dort verantwortet er den Studiengang Digitale Kommunikation und mehrere Forschungsprojekte über digitale Öffentlichkeit und Desinformation. Vorher leitete er das Ressort Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE.
Die Zahl der Anschlussbegehren wuchs danach rasant weiter: Allein 2025 ging es laut Bundesnetzagentur um gut 573 Gigawatt.
Klar war aber immer: Diese gewaltige Zahl wird weder genehmigt noch gebaut.
So wird der Strom schnell billiger
Jetzt zeigt sich: Der Tsunami ist trotzdem in vollem Gang. Schon bald würden wir unser Energiesystem »nicht wiedererkennen«, so kommentiert der Energiemarktexperte Tim Meyer neue, beeindruckende Zahlen der Bundesnetzagentur .
Rechnet man alles zusammen, was in den Übertragungsnetzen und den Verteilnetzen an Anschlusszusagen erteilt wurde, kommt man bis zum 1. April 2026 auf insgesamt fast 80 Gigawatt Leistung und fast 200 Gigawattstunden Speicherkapazität. Und dabei wurde nur ein geringer Prozentsatz aller Anträge genehmigt. Um einmal zu verdeutlichen, was für eine gigantische Veränderung das ist: Das Wirtschaftsministerium unter dem Grünen Robert Habeck prognostizierte noch im Frühjahr 2024 Großspeicher mit 43 bis 54 Gigawatt Leistung – für das Jahr 2045! Im Jahr 2026 sind nun 80 Gigawatt genehmigt. Mit anderen Worten: Selbst Leute, die an diese Technologie glauben, haben ihr rasantes Wachstum dramatisch unterschätzt.
Werden all die Speicher
mit bereits erteilten Anschlusszusagen gebaut,
übersteigt ihre theoretisch mögliche Gesamtleistung
die maximale Last, die es im deutschen Stromnetz derzeit gibt (etwa 75 Gigawatt Spitzenlast).
Anders formuliert: Diese Speicher könnten – kurzzeitig – mehr Leistung liefern, als ganz Deutschland in der Spitze braucht.
Der gespeicherte Strom würde in diesem hypothetischen, unrealistischen Szenario nur für höchstens ein bis zwei Stunden reichen. Aber es geht ja auch nicht darum, das Land flächendeckend und dauerhaft mit Strom aus Akkus zu versorgen. Sondern darum, den Strom schnell billiger und sauberer zu machen, die Schwankungen eines erneuerbaren Stromsystems vor allem über den Tag hinweg auszugleichen.
Man muss bei Batterien immer zwischen diesen zwei Merkmalen unterscheiden:
- Leistung – also das, was ein Speicher zu einem gegebenen Zeitpunkt maximal zur Verfügung stellen kann.
Bei Ihnen zu Hause würde die Leistung des Batteriespeichers im Keller beispielsweise darüber entscheiden, ob sie den Fernseher und den Backofen gleichzeitig nur mit Strom aus der Hausbatterie betreiben können.
Leistung wird in Kilo-, Mega-, Giga- oder Terawatt angegeben.
Für die Größenordnung: Ein durchschnittliches Kohlekraftwerk liefert etwa ein Gigawatt Leistung.
- Speicherbare Strommenge, oft Speicherkapazität genannt. Sie bestimmt, wie lang der Speicher seine Leistung zur Verfügung stellen kann, bis er leer ist.
Vereinfacht gesagt: Je größer der Akku, desto weiter kann das Elektroauto damit fahren.
Die Strommengen, die ein Akku speichern kann, werden heute meist in Kilo-, Mega-, Giga- oder Terawattstunden angegeben.
Kalifornien hat seinen Gasverbrauch halbiert
All das funktioniert nicht nur in Privathäusern oder Unternehmen mit oder ohne Photovoltaik auf dem Dach, sondern auch in viel größerem Maßstab. In Kalifornien sind derzeit beispielsweise Speicher mit gut 21 Gigawatt Leistung ans Netz angeschlossen, also etwa so viel Leistung wie 21 Kohlekraftwerke. Kalifornien hat auf diese Weise die Menge an Erdgas, die zur Stromerzeugung eingesetzt werden muss, binnen drei Jahren um 34 Prozent gesenkt . Das spart jede Menge Geld, denn Strom aus Gas ist teuer.
Abends, wenn die Sonne untergeht, übernehmen dort nun nicht mehr zuerst teure Gaskraftwerke, sondern Batteriespeicher. Kalifornien ist für sich genommen die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt. Und erneuerbarer Strom, insbesondere Solarstrom , ist der billigste, den es gibt. Deshalb werden erneuerbare Energien Kohle in diesem Jahr als wichtigsten Energieträger zur Stromerzeugung überholen, sagt die Internationale Energieagentur (IEA) . Diese Entwicklung ist übrigens eine kausale, globale Folge deutscher Regulierung . Von wegen: Wir können ja nichts tun.
Ähnliche Entwicklungen wie in Kalifornien gibt es an vielen Orten – zum Beispiel in Texas, aber auch in Australien, wo das Wachstum von Batteriespeichern besonders schnell verläuft, und sogar im eher wenig sonnigen Großbritannien.
Gleichzeitig wächst die Speicherkapazität der neu installierten Großspeicher. All das sind schlechte Nachrichten für Unternehmen, die mit Gas Geld verdienen wollen, und gute für den gesamten Rest der Menschheit. Billiger Strom, weniger CO₂, weniger Abhängigkeit von fossilen Importen und schwankenden Preisen. All das wird sich weiter beschleunigen durch neue Speichertypen, die viel billiger sind und länger Strom abgeben können.
Drei Wochen negative Strompreise
Manch einer wird nun sagen: Gut, in Kalifornien, Texas oder Australien scheint halt oft die Sonne, da lohnt sich das. Aber auch in Deutschland haben wir mittlerweile bekanntlich so viel erneuerbaren Strom, dass es die Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche ganz nervös macht.
Bei uns gab es im Jahr 2025 der Bundesnetzagentur zufolge 573 Stunden lang negative Strompreise, also gut drei Wochen lang. Das heißt: Es gibt so viel Strom aus Sonne und Wind am Markt, dass Anbieter theoretisch etwas dafür bezahlen müssen, ihren Strom überhaupt ins Netz einzuspeisen. Tatsächlich werden in diesen Zeiten Anlagen eher abgeregelt. Auch das macht die Wirtschaftsministerin furchtbar nervös. Dabei müsste sie nur helfen, dass die rein marktgetriebene Lösung schnell umgesetzt werden kann, in der Batterien den überschüssigen Strom aufnehmen. Doch Reiches Szenarien blenden Batteriespeicher weitgehend und sogar aktiv aus – warum auch immer.
Aus negativen Strompreisen wird so Geld
Mit ausreichend vielen Batteriegroßspeichern macht man aus negativen Strompreisen Geld, deshalb boomt die Branche auch so: Wer würde nicht gern ein Silo für ein Produkt bauen, das es ab und zu umsonst gibt, das man aber anschließend mit Gewinn weiterverkaufen kann? Genau das passiert in den Märkten mit vielen Großspeichern bereits. In Bulgarien zum Beispiel ist dadurch der Strompreis mittlerweile niedriger als in seinen Nachbarländern – vor einem rekordverdächtigen, rasanten Zubau von Batteriespeichern war es umgekehrt.
In Deutschland sind der von der RWTH Aachen betriebenen Plattform »Battery Charts« zufolge derzeit Großspeicher mit einer Gesamtspeicherkapazität von 7,25 Gigawattstunden installiert (im Moment ruht in deutschen Kellern und Hauswirtschaftsräumen noch viel mehr Speicherkapazität, nämlich fast 23 Gigawattstunden, in Wahrheit vermutlich noch mehr).
Wenn alle bereits von den Netzbetreibern zugesagten Großspeicher gebaut werden, wächst deren Gesamtkapazität um den Faktor 27, von 7,25 auf fast 200 GWh. Und Batteriespeicher lassen sich, anders als Großkraftwerke, schnell und einfach errichten, ob anlagengekoppelt, also im Verbund mit einer Solar- oder Windkraftanlage, oder als »Stand alone«-Speicher, der direkt ans Übertragungsnetz angeschlossen wird.
All das, das soll hier nicht verschwiegen werden, wird das heillos zersplitterte, mangelhaft digitalisierte, unflexible deutsche Stromnetz vor große Herausforderungen stellen. Das wäre eigentlich ein Job fürs Energieministerium, doch die Ministerin hat ja andere Prioritäten.
In jedem Fall wird das Stromnetz der Zukunft sich von dem der Gegenwart fundamental unterscheiden. Es wird dezentraler, sauberer, billiger sein – und all das ohne Subventionen.
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