Minutenlang wird der Bundeskanzler im ARD-Sommerinterview zu hohen Energiepreisen befragt.
Ein Wort fällt dabei kein einziges Mal: Batteriespeicher.
Die Antwort von Friedrich Merz in Kürze: Der Atomausstieg habe das Angebot verknappt, die Weltmarktpreise für Öl und Gas könne Deutschland nicht beeinflussen, also baue man Gaskraftwerke und versuche, den Iran-Konflikt zu lösen. Mehr könne man nicht tun.
Jeder dieser Punkte verdient einen genauen Blick.
- Der Atomausstieg? Beschlossen 2011 von einer CDU-geführten Bundesregierung, mit den Stimmen der Union.
- Die Kosten? Deutschland hat keine Energiekrise, sondern eine fossile Krise.
Teuer sind Öl, Gas und Kraftstoffe, deren Preise der Weltmarkt macht.
Strom aus Sonne und Wind wird immer billiger. - Die Gaskraftwerke? An der Strombörse setzt das teuerste Kraftwerk, das gerade noch gebraucht wird, den Preis. Das ist meist ein Gaskraftwerk. Mehr davon senken den Strompreis nicht.
Vor allem aber: Der Kanzler antwortet mit der Logik des alten, fossilen Energiesystems. Wer den Weltmarktpreisen entkommen will, muss elektrifizieren.
Spanien verdrängt Gaskraftwerke konsequent mit Erneuerbaren aus dem Markt und kommt bemerkenswert gut durch die fossile Preiskrise.
Kalifornien hat über 21 Gigawatt Batterien am Netz und senkte den Gasverbrauch seiner Stromerzeugung binnen drei Jahren um 34 Prozent.
Und in Deutschland? Haben die Netzbetreiber inzwischen zugesagt, Großbatterien mit rund 80 Gigawatt Leistung anzuschließen. Das ist mehr, als das ganze Land in der Spitze verbraucht.
Der Ausweg aus der Energiekostenfalle wird längst gebaut, an hunderten Orten im Land. Im Regierungshandeln kommt er bislang kaum vor.
Die ganze Analyse zum Sommerinterview und zum Batterie-Tsunami: hier
Wie Spaniens Erneuerbare die Strompreise trotz Gaskrise niedrig halten: hier
Warum mehr Gaskraftwerke den Strom nicht billiger machen (Merit Order): hier
Die Menge der falschen Behauptungen ist bemerkenswert.
Ich verstehe nicht, wie Politiker, die sich nicht an die Fakten halten können, einer Partei etwas entgegensetzen wollen, zu deren Markenkern das ständige Lügen gehört.
hier ARD Faktenfinder 30.08.2026
Das Interview mit Merz im Faktencheck
Der Bundeskanzler und CDU-Vorsitzende Merz war im ARD-Sommerinterview zu Gast. Bei den Themen Migration, Klimaschutz und Ölpreis waren seine Aussagen ungenau.
Von Rayna Breuer, Deutsche Welle, Katharina Bews, NDR, Gernot Ludwig, Anna Mauz, Frederik Merx, Charlotte Schöllhorn, SWR, Joachim Diehl, Steffen König, Sabrina Ladenburger, WDR, Karin König, Carla Reveland und Pascal Siggelkow, ARD-faktenfinder
Beim ARD-Sommerinterview und den anschließenden Fragen aus der Community mit dem Bundeskanzler und CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz ging es unter anderem um die schwächelnde Wirtschaft und die Energiepolitik.
Da es während eines solchen Gesprächs nicht immer möglich ist, falsche oder irreführende Behauptungen sofort zu korrigieren, werden hier einige Aussagen von Merz noch einmal genauer beleuchtet.
Aussage zu Migration nicht nachvollziehbar
Mit Blick auf die Migration in Deutschland behauptete Merz, dass die Bundesregierung die Zahlen innerhalb von gut einem Jahr um über 60 Prozent herunterbringen konnte. Doch das ist aus mehreren Gründen nicht nachzuvollziehen.
Zum einen ist fraglich, was Merz genau mit Migration meint. Zum anderen ist nicht ganz klar, auf welchen Zeitraum er sich dabei bezieht.
Nimmt man die Zahl der Asylanträge, dann ist der Zeitraum entscheidend. So wurden nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 56.547 Asylanträge gestellt, darunter 39.646 Erstanträge.
- Verglichen mit dem Vorjahreszeitraum sank die Zahl der Erstanträge um 35,4 Prozent - also deutlich weniger als die von Merz genannte Zahl.
- Vergleicht man die Zahl der Asylerstanträge für das zweite Halbjahr 2025 und das erste Halbjahr 2026 mit dem Vorjahreszeitraum, so sind die Asylerstanträge von 169.671 auf 91.546 gesunken - ein Minus von 46 Prozent.
- Vergleicht man nur einzelne Monate, schwanken die Zahlen sehr stark: Im Juli 2026 lag die Zahl der Asylerstanträge mit 4.311 sogar rund 48 Prozent unter dem Wert des Vorjahresmonats. Ein Rückgang um knapp 60 Prozent wurde mit Blick auf die einzelnen Monate seit Merz' Amtsantritt lediglich für den August 2025 im Vergleich zum August 2024 registriert.
- Wichtig ist in dem Zusammenhang zudem, dass der generelle Abwärtstrend der Asylzahlen bereits vor dem Amtsantritt der Merz-Regierung einsetzte. Nach dem Sturz des syrischen Machthabers Baschar al-Assad im Dezember 2024 gingen die Asylzahlen in Deutschland zurück.
- Auch auf europäischer Ebene sank die Zahl der Asylanträge bereits in der ersten Hälfte des Jahres 2025. Auch bei der allgemeinen Migration zeigen die offiziellen Statistiken einen Rückgang. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts wanderten im Jahr 2025 rund 235.000 Menschen mehr nach Deutschland ein als aus. Damit lag die Nettozuwanderung um 45 Prozent unter dem Vorjahreswert von 430.000 Personen. Die Zahl der Zuzüge sank gegenüber 2024 um rund 13 Prozent, während die Zahl der Fortzüge nahezu stabil blieb.
Zahl der Hitzeschutzmaßnahmen lässt sich nicht belegen
Auf die Frage, welche konkreten Maßnahmen der Staat umsetze, um vulnerable Bevölkerungsgruppen vor extremer Hitze zu schützen, antwortet Merz ausweichend: Die Bundesregierung habe bereits über 300 verschiedene Maßnahmen, zum Teil mit den Ländern, auf den Weg gebracht, um die Bevölkerung vor den Folgen der Klimaerwärmung zu schützen.
Tatsächlich lassen sich keine genauen Zahlen zu den von Bund und Ländern verabschiedeten Maßnahmen, Paketen und Gesetzen zum Schutz vor den Folgen des Klimawandels ermitteln.
Einzelne Maßnahmenpakete lassen sich nachvollziehen: Das Klimaschutzprogramm 2026 der Bundesregierung umfasst insgesamt 90 Maßnahmen. Auch die Länder haben eigene Maßnahmenpakete verabschiedet, so beispielsweise das zweite und dritte Klimaschutzpaket der Landesregierung NRW mit 60 oder das Klimaschutzprogramm 2025 des Landes Bayern mit 35 Maßnahmen.
Allerdings fehlen offizielle Quellen zum Thema: Weder die Bundesregierung noch das BMUV/BMWK veröffentlichen eine zentrale Referenz, die alle aktuellen Maßnahmen zusammenfasst. Problematisch ist außerdem, dass eine klare Unterscheidung der Maßnahmen bzw. Maßnahmenpakete nach Klimaschutz und Hitzeschutz oft nicht möglich ist.
In den Maßnahmenpaketen sind alle Schritte gegen die Folgen des Klimawandels zusammengefasst, nicht lediglich solche zum Schutz der Bevölkerung vor den Folgen der steigenden Temperaturen. Die Zahl 300 erscheint hier also als ungefähre Anzahl, die unterschiedliche Klimaschutzaktivitäten von Bund und Ländern zusammenrechnet, ohne dass diese speziell auf Hitzeschutz vulnerabler Gruppen ausgerichtet wären.
Aussage zur Schuldenquote irreführend
Merz verteidigte im Sommerinterview die hohen Verteidigungsausgaben Deutschlands mit einem Hinweis auf die geringen Schulden der Bundesrepublik im internationalen Vergleich. "Wir sind damit immer noch eines der am wenigsten verschuldeten Länder Europas", sagte Merz. Und weiter: "Wir sind immer noch ein Land, das mit Abstand das beste Rating aller europäischen Länder hat."
Doch da ist Kontext wichtig.
Deutschland hatte laut Bundesfinanzministerium im Jahr 2025 eine Schuldenquote von 63,5 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts. Länder wie zum Beispiel Irland, Dänemark, Schweden, Kroatien oder Polen hatten demnach eine geringere Schuldenquote als Deutschland. Hervorzuheben vor allem die Niederlande, die auch zur Top 5 der Wirtschaftsnationen der EU zählen.
Irreführend ist die Aussage vom "mit Abstand" bestem Rating der europäischen Länder. Tatsächlich attestieren Agenturen wie Fitch, Standard&Poors und Moody’s der Bundesrepublik allesamt das Top-Rating AAA. Doch dies gilt auch für andere EU-Staaten wie Luxemburg oder die Niederlande. Deutschland gehört also zur Spitzengruppe bei den Finanzratings - von "Abstand" kann hier keine Rede sein.
Bei Arbeitsleistung auch Teilzeit zu berücksichtigen
Merz sagte mit Blick auf die Arbeitsleistung in Deutschland, dass sie pro Jahr durchschnittlich 200 Stunden geringer sei als in der Schweiz. Die Arbeitszeitauswertung der OECD gibt Merz zunächst Recht: In der Schweiz arbeiteten Beschäftigte 2025 im Schnitt 1512 Stunden pro Person und Jahr, in Deutschland waren es 1332 Stunden pro Person und Jahr.
Doch diese Arbeitszeit ist in der Schweiz noch deutlich ungleicher verteilt als in Deutschland. Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung weist in diesem Zusammenhang auf den, verglichen mit Deutschland, hohen Teilzeitgrad bei den Schweizern hin - bei Frauen und Männern gleichermaßen.
Während also einige Beschäftigte in der Schweiz deutlich mehr arbeiten, gehen mehr als in Deutschland in Teilzeit.Rechnet man die in Vollzeit und Teilzeit geleisteten Arbeitsstunden pro Woche in der Schweiz (35,1 in 2025) und Deutschland (34,2 in 2025) auf das Jahr hoch, ergibt sich nur noch ein Unterschied von knapp 47 Stunden zwischen beiden Ländern.
Außerdem gehört in dem Zusammenhang dazu, dass Schweizerinnen und Schweizer früher in Rente gehen können als Deutsche - regelhaft mit 65 Jahren. Das macht mit Blick auf die Produktivität im Laufe eines Erwerbslebens ebenfalls den Vergleich schwierig.
Wettbewerbsfähigkeit mit 40 Stunden wiederhergestellt?
Bezogen auf die Arbeitsproduktivität führte Merz außerdem Forderungen aus der Industrie an: "Wenn wir von 35 auf 40 Stunden zurückgehen würden, wären große Teile unserer Wettbewerbsfähigkeit wieder hergestellt."
Tatsächlich forderten zum Beispiel das Management des Autobauers Mercedes-Benz und des Kettensägenherstellers Stihl die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche. Was Merz weglässt: Einen Produktivitätsgewinn im internationalen Vergleich gäbe es nur bei gleichbleibendem Lohn. Dass dies kurzfristig Arbeitsplätze sichern könnte, bestätigt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung.
Langfristig gehe es aber vielmehr darum, "ob die Produkte der Unternehmen in den nächsten Jahren in diesem Wettbewerb bestehen werden", so Friedhelm Pfeiffer vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. Eine Erhöhung der Arbeitszeit helfe also nicht, wenn deutsche Industrieunternehmen am Markt vorbeiproduzierten.
Merz hat von Lifestyle gesprochen
Bei den Fragen aus der Community sagte Merz, dass die Wörter "faul" und "Lifestyle" nicht von ihm kämen und er sie nie verwendet habe. Doch das ist falsch.So äußerte er sich beim Wahlkampfabschluss der CDU/CSU am 22. Februar 2025 wie folgt: "Leistung wird wieder im Vordergrund stehen und nicht Behäbigkeit, Bequemlichkeit, Faulheit und alle möglichen Ausreden (...)."Der Begriff "Lifestyle-Teilzeit" stammt ursprünglich aus einem Antrag der Mittelstands- und Wirtschaftsunion der CDU, den diese auf dem Parteitag der CDU einbringen wollte.
Da der Begriff auf viel Kritik stieß, wurde der Begriff später wieder gestrichen. Doch auch Merz persönlich verwendete das Wort "Lifestyle" in Zusammenhang mit Teilzeitarbeit, so zum Beispiel am 18. Februar 2026 beim Politischen Aschermittwoch der CDU in Trier: "Lifestyle und Vier-Tage-Woche. Alles schön, kann man alles machen. Aber wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen, dann müssen wir jetzt alle mal zusammen ins Rad packen."
Strompreise sanken trotz Atomausstieg
Im Kontext der Diskussion, ob Atomkraftwerke für die hohen Energiepreise verantwortlich sind, sagte Merz: "Wir haben in Deutschland abgeschaltet, bevor wir die Alternativen aufgebaut haben." Am 15.04.2023 wurden die letzten drei Atomkraftwerke in Deutschland abgeschaltet.Die Bilanz des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ein Jahr später zeigt: Die wegfallende Atomstromerzeugung konnte energetisch vollständig durch erneuerbare Energien ersetzt werden. Gleichzeitig ging auch die Stromerzeugung aus fossilen Energieträgern zurück.
Auch auf die Frage an Merz zu den hohen Stromkosten in Deutschland sagte der Bundeskanzler, er wäre "für die Abschaltung der Kernkraftwerke in Deutschland nicht verantwortlich."
Er macht das Abschalten der Kernkraftwerke unter anderem für die hohen Kosten verantwortlich.
Die Strompreise sind jedoch trotz des Atomausstiegs gesunken. Die Börsenstrompreise lagen ein Jahr nach der Abschaltung wieder auf dem Niveau von 2021 - also vor dem Ukraine-Krieg. Auch die Strompreise für Verbraucher (Neukunden) lagen ein Jahr später unter dem Niveau von Mitte April 2023, wie Verivox Daten zeigen.
Eine Analyse des Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) zeigt zudem, dass die Großhandelspreise in Deutschland seit dem Atomausstieg im April 2023 deutlich gesunken sind.Studien-Modelle des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung und des IWH vermuten allerdings, dass ein Weiterbetrieb der AKW die Strompreise 2023 und 2024 etwas hätte senken können.
Die IWH-Analyse beziffert den möglichen Effekt auf die Großhandelspreise 2023 auf ein bis acht Prozent und weist darauf hin, dass eher mit einem geringeren Effekt zu rechnen ist.
Gleichzeitig lagen die deutschen Großhandelspreise laut der Analyse unter denen von acht der zwölf EU-Staaten, die weiterhin Atomkraftwerke betreiben. Den Ausstieg aus der Kernkraft unter anderem für die hohen Strompreise verantwortlich zu machen, greift daher zu kurz.
Ölpreis nicht 50 Prozent höher als vor einem Jahr
Bezogen auf die Ölpreise behauptete Merz im Interview, es gäbe heute "einen um 50 Prozent höheren Ölpreis als noch vor einem Jahr". Diese Behauptung ist allerdings irreführend.Der Preis von Brent-Öl, der für Europa wichtigsten Rohölsorte, liegt im Moment - leicht abweichend von Merz' Angabe - laut Statistischem Bundesamt bei 88,18 Dollar. Der Vorjahresschnitt lag laut United States Energy Information Administration bei 69,14 Dollar und der Brent-Preis vom 29. August 2025 demnach bei 67,4 Dollar.
Damit beträgt die Steigerung mit Blick auf den aktuellen Ölpreis nur knapp 30 Prozent. Die 50-Prozent-Steigerung besteht nur, wenn man den niedrigsten Preis der letzten Jahre als Grundlage nimmt: 58,86 US-Dollar Mitte Dezember 2025.
AfD darf auch während Verbotsverfahren beobachtet werden
Angesprochen auf ein mögliches Verbotsverfahren gegen die AfD behauptete Merz, dass in dem Augenblick, in dem ein Verbotsverfahren beantragt wird, sämtliche Beobachtungen der AfD von innen eingestellt werden müssten. Die nachrichtendienstlichen Möglichkeiten gegenüber der AfD würden in diesem Moment kleiner werden, so Merz.
Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG), das Bundesverfassungsschutzgesetz und die Landesgesetze verlangen keine generelle Einstellung aller Beobachtungen, wohl aber eine Trennung zwischen zulässiger Beobachtung und unzulässiger staatlicher Steuerung oder Durchdringung. Insbesondere dürfen Beweise für ein Parteiverbot nicht hauptsächlich aus nachrichtendienstlich gesteuerten Vorgängen stammen, da hierdurch die Eigenverantwortlichkeit der Partei nicht mehr nachweisbar sein könnte.
Das war ein Ergebnis eines BVerfG-Urteils zu einem NPD-Verbot aus dem Jahr 2017. Auch muss demnach beim gesammelten Beweismaterial auf die Beeinflussung durch V-Personen geachtet werden.
Der Verfassungsschutz kann eine Partei aber generell auch während des Verbotsverfahrens weiter beobachten. Die Aussage von Merz ist somit faktisch und rechtlich nicht korrekt, die Erfahrungen mit dem NPD-Verbotsverfahren bedingen aber zumindest einen vorsichtigen Umgang mit nachrichtendienstlichen Tätigkeiten während laufender Verfahren.
Wie "rosig" ist die Klimabilanz von E-Autos?
Bezogen auf E-Mobilität sagte der Kanzler, die "CO2-Bilanz der Elektromobilität ist nicht so rosig, wie das immer wieder dargestellt wird".
Diese Aussage ist relativ vage. Allerdings gibt es mehrere Studien, die belegen, dass die CO2-Bilanz eines E-Autos besser ist als die eines Verbrenners. Nach einer Studie der gemeinnützigen Forschungsgruppe International Council on Clean Transportation (ICC) aus dem Jahr 2025 stößt ein in Europa verkauftes E-Auto rund 73 Prozent weniger Treibhausgase aus als ein Benziner.
Eine bislang unveröffentlichte Auswertung von Studien zur CO2-Bilanz durch die Technische Universität München (TUM) hat dagegen ausgerechnet, dass Elektroautos gegenüber Verbrennern 41 Prozent weniger CO2 ausstoßen.Die TUM kritisiert, dass Studien zur Ökobilanz von E-Autos den CO2-Ausstoß nicht vollständig abbilden würden - insbesondere der bei der Herstellung sei nicht vollständig.
Für die Experten aus München müsste auch der CO2-Ausstoß beim Bergbau, dem Karosseriebau und der späteren Verwertung des ausgedienten E-Autos mit eingerechnet werden.
Unabhängig davon, ob ein Elektroauto 41 Prozent oder 73 Prozent weniger CO2 im Vergleich zum Verbrenner ausstößt, fällt die Ökobilanz von E-Autos aber besser aus als die eines Verbrenners. Damit ist Merz-Aussage irreführend.
Mitarbeit: Caspar Armster, Klaus Jansen, André Müller, Stephan Strobel, Benjamin Wassen
KLIMA° vor acht e.V.
0 Klimafragen in 30 Minuten.
Gestern Abend lief das ARD-Sommerinterview mit dem Bundeskanzler. Wir haben es systematisch ausgewertet – nach zwei Kriterien, die wir vorab öffentlich gemacht hatten: Wurde zur Klimakrise gefragt? Wurden die Antworten eingeordnet?
Das Ergebnis: Es gab keine einzige Klimafrage. Wie schon beim Sommerinterview 2025.
Auch dort, wo Klimapolitik gestreift wurde – Kohle-Laufzeiten, CO2-Preis, beides als reine Preisfragen –, blieb die Klimakrise unerwähnt. Eingeordnet wurde also ebenfalls nichts.
Seit Jahresbeginn starben laut Robert Koch-Institut schätzungsweise 15.800 Menschen im Zusammenhang mit Hitze – so viele wie in keinem Sommer zuvor.
Ein Fragenkatalog lag öffentlich vor: Der langjährige ARD-Klimajournalist Jürgen Döschner hatte ihn eine Woche vorher im brandmelder - Klima braucht Kontext publiziert, mit dem Appell an die Redaktion: "Sie haben es in der Hand, Kollege Preiß."
Seine Einordnung nach der Sendung: "Dieses Sommerinterview war eine Provokation und ein Schlag ins Gesicht aller bisherigen und künftigen Opfer der Klimakrise!
Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass angesichts von nahezu 16.000 Hitzetoten allein in Deutschland, Waldbränden und Dürre in ganz Europa und weltweite Gletscherschmelze keine einzige Frage zur Klimakrise gestellt wurde.
Den Kanzler stattdessen zu fragen, ob man nicht die Kohlekraftwerke noch länger laufen und die Spritpreise nicht noch höher subventionieren kann, ist an Klimaignoranz nicht zu übertreffen."
Das wirkte eher wie ein Gefälligkeitsinterview als sorgfältige journalistische Arbeit.
Es ist ein Versagen der ARD in der Klimakrise. Das Thema wird vonseiten der Chefredaktionen immer noch nicht verstanden oder ernst genommen."
Wichtig ist uns die Differenzierung: Die Redaktionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks können Klimajournalismus – allein in dieser Woche haben wir starke Beispiele beim Deutschlandfunk, bei "ZDF heute" und bei Radioeins dokumentiert. Was fehlt, ist das Klima dort, wo die Reichweite ist: zur besten Sendezeit.
Genau dafür setzen wir uns als KLIMA° vor acht e.V. ein: ein kurzes, tägliches Klimaformat zur Primetime.
Dr. Martin Bethke
Laut Deutschem Wetterdienst war der Sommer 2026 einer der wärmsten seit Aufzeichnungsbeginn: Temperaturrekorde über 40 Grad, ca. 15.800 Hitzetote (RKI), kritisches Rheinniedrigwasser, Waldbrände, etc.
Ohne menschengemachten Klimawandel wäre diese Hitzewelle statistisch unmöglich gewesen. Eigentlich Grund genug, das auch im ARD-Sommerinterview mal zu thematisieren und Friedrich Merz zu fragen, wie er das einordnet oder was für ihn daraus folgt.
Aber dazu hätte man ihn dann auch fragen müssen.
Stattdessen spricht Merz über Wirtschaftswachstum, Fachkräfte, Mittelstand, KI und Pharma als Zukunftsbranchen. Zum Klimaschutz reicht es für den Verweis auf „mehr als 300 Maßnahmen" zum Schutz der Bevölkerung vor der Erderwärmung. Was damit eigentlich gemeint ist, bleibt rätselhaft und unkonkret.
Dabei sind Hitzewellen längst ein Standortfaktor: Sie kosten Arbeitsproduktivität, treffen Landwirtschaft und Logistik (niedrige Pegel, teurer Transport), belasten Lieferketten und Gesundheitssysteme. Wer über die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft und des Mittelstands spricht, kommt an Klimaanpassung als Teil der Unternehmensstrategie nicht vorbei.
Die eigentliche Frage nach diesem Sommer ist nicht, ob 300 nicht näher belegte Maßnahmen reichen. Sondern ob Wirtschaftspolitik und Klimaanpassung endlich als eine Gleichung gedacht werden, oder weiter als zwei getrennte Pressetermine.
brandmelder - Klima braucht Kontext
Damit hatten selbst wir und Dr. Norman Schumann von KLIMA° vor acht e.V. nicht gerechnet: Im heutigen ARD-#Sommerinterview mit dem Bundeskanzler spielte die Klimakrise nicht einmal eine Nebenrolle. Keine einzige Frage beschäftigte sich mit den Extremwetterereignissen und ihren Folgen der vergangenen Wochen - obwohl Friedrich Merz selbst dazu bis vor wenigen Tagen geschwiegen hatte.
Erste Reaktion von Redaktionsleiter Jürgen Döschner:
"Dieses Sommerinterview war eine Provokation und ein Schlag in Gesicht aller bisherigen und künftigen Opfer der Klimakrise!
Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass angesichts von 16.000 Hitzetoten allein in Deutschland, Waldbränden und Dürre in ganz Europa und weltweite Gletscherschmelze keine einzige Frage zur Klimakrise gestellt wurde.
Den Kanzler stattdessen zu fragen, ob man nicht die Kohlekraftwerke noch länger laufen und die Spritpreise nicht noch höher subventionieren kann, ist an Klimaignoranz nicht zu übertreffen."
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