Sonntag, 9. August 2026

Energie-Gesetze in Schieflage, Erneuerbare im Quintett und Atomstrom auf dem Trockenen

 

Klimareporter hier 9.8.26

Hummels Woche:

Kalenderwoche 32: Auch das entschärfte "Netzpaket" lässt weiter die Anlagenbetreiber die Netzprobleme ausbaden und schont weitgehend die Netzbetreiber als Verursacher, 

kritisiert Oliver Hummel, Vorstand beim Ökoenergieversorger Naturstrom und Mitglied im Herausgeberrat von Klimareporter°.

Konventionelle Kraftwerke sind für ihn anfälliger gegenüber dem Klimawandel als erneuerbare Energien mit Ausnahme der Wasserkraft.
Immer sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Oliver Hummel, Vorstand beim Öko-Energieversorger Naturstrom.

Klimareporter°: Herr Hummel, nach dem Kabinettsbeschluss zu EEG-Reform und Netzpaket setzen die Erneuerbaren-Verbände nun auf rechtliche Schritte – und vor allem darauf, die Bundestagsabgeordneten zu gewinnen, um das drohende Ausbremsen der Energiewende zu verhindern.

Werden die beiden Gesetzespakete derzeit schlechter geredet, als sie tatsächlich sind?

Oliver Hummel: Nein, die Risiken für den Erneuerbaren-Ausbau sind weiterhin substanziell. Das gilt besonders für die Instrumente, mit denen das Bundeswirtschaftsministerium den Zubau stärker regional lenken möchte.

Das Ziel ist absolut nachvollziehbar, die Maßnahmen drohen aber in Summe den Ausbau nicht nur räumlich zu steuern, sondern auch deutlich zu bremsen.
Der heiß diskutierte Redispatch-Vorbehalt wurde zwar entschärft. Nichtsdestotrotz ist in dem Modell ein hohes Maß an Unsicherheit für die Wind- und Solarinvestoren fest eingebaut.

Hinzu kommen die bislang unzureichend oder gar nicht untersuchten Wechselwirkungen mit anderen Maßnahmen, die das Ministerium ebenfalls ins Rennen geschickt hat: Baukostenzuschüsse, die Anlagenbetreiber für den Bau der Stromnetze entrichten sollen, Einspeisebegrenzungen für neu errichtete Wind- und Solarparks und Veränderungen am Referenzertragsmodell für Windstandorte.

Wir sehen nach wie vor eine deutliche Schieflage: Die Netze sind der unumstrittene Flaschenhals der Energiewende. Ausbaden sollen das die Anlagenbetreiber, während die Netzbetreiber als Verursacher weitgehend geschont werden.

Derzeit folgt eine Hitzewelle der anderen. Umweltverbände und Grüne fordern einen Hitzegipfel.
Nach wochenlangem Zögern hat das Bundesumweltministerium für 2027 einen nationalen Hitzeaktionsplan angekündigt. Kommt das Problem Klimaanpassung jetzt in der Politik an oder wird das mit der nächsten kühleren Periode vergessen sein?

Mein Eindruck ist, dass Maßnahmen zur Klimaanpassung zwar mittlerweile öfter mitgedacht werden, in der Abwägung der verschiedenen Interessen am Ende aber nur geringe Priorität haben. Beispielsweise in der Stadtplanung, wenn es um die Konkurrenz von Grün- und Verkehrsflächen geht.

Die nur sehr punktuelle öffentliche Aufmerksamkeit, die schon mit dem nächsten Tiefdruckgebiet wieder deutlich abebben dürfte, tut dabei sicherlich ihr Übriges.

Anders als thermische Kraftwerke, die viel Kühlwasser brauchen, zeigen sich Wind und Sonne von der Hitze bisher weitgehend unbeeindruckt. Die Wasserkraft sieht dagegen einer eher ungewissen Zukunft entgegen. Müssen sich auch die Erneuerbaren im Zuge der Klimaanpassung neu sortieren?

Bei den erneuerbaren Energien gilt die alte Weisheit: Der Mix macht's. Dem Ausbau von Windenergie und Photovoltaik gehört aufgrund ihrer Potenziale natürlich das Hauptaugenmerk, aber Wasserkraft, Biomasse und Geothermie spielen ebenso ihre Rollen.

Wie sich diese Rollen langfristig verteilen, ist von verschiedenen Faktoren abhängig – dem geografischen Ausbaupotenzial, den Stromgestehungskosten, dem Systemnutzen und auch von der langfristig zu erwartenden Verfügbarkeit der jeweiligen Umweltenergie.

Komplettiert wird das genannte Quintett durch Batteriespeicher, die in den kommenden Jahren massiv an Bedeutung gewinnen werden.

Bleibt es bei den Kürzungen im Bundeshaushalt, wird es 2027 ein Drittel weniger neue Projekte für innovative Energietechnologien geben, warnt Hans-Peter Ebert vom Forschungsverbund Erneuerbare Energien. Ist Naturstrom eigentlich auch in Forschungsprojekten engagiert?

Wir unterstützen gelegentlich Forschungsprojekte als Praxispartner. In unserem Wärmenetz im oberfränkischen Marktschorgast kommt beispielsweise die weltweit erste Solarthermieanlage aus Isolierglaskollektoren zum Einsatz, die am Institut für neue Energie-Systeme der Technischen Hochschule Ingolstadt entwickelt wurde.

Außerdem unterstützen wir ein Projekt der Forschungsstelle für Energiewirtschaft zur Skalierbarkeit von Energy Sharing und steuern Daten aus der Praxis für ein Dena-Projekt zu dynamischen Netzentgelten bei.

Grundsätzlich finde ich es sehr wichtig, dass die Forschungsgelder nicht drastisch gekürzt werden – die Bundesregierung würde hier am falschen Ende sparen.

Es heißt zwar zu Recht oft, dass die Technologien, mit denen wir die Energiewende schaffen und auch der Klimakrise begegnen können, bereits marktreif zur Verfügung stehen. Es gibt aber noch mehr als genug Forschungsthemen, zum Beispiel die Frage, wie wir mit steigenden Erneuerbaren-Anteilen im Stromsystem und angesichts perspektivisch wachsender Stromnachfrage zu einem möglichst effizienten System kommen. 

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Mich hat überrascht, in wie vielen Ländern die aktuelle Hitzewelle zum Abschalten und Drosseln von Atomkraftwerken geführt hat, etwa in Frankreich, wo dies in den letzten Jahren im Sommer häufig passiert, aber auch in der Schweiz, Ungarn und Rumänien.

In Frankreich wurden bereits etwa zehn Atomkraftwerke gedrosselt oder komplett heruntergefahren. In Ungarn läuft das AKW Paks seit Tagen an der unteren Kapazitätsgrenze, weniger als neun Prozent der installierten Leistung werden derzeit genutzt. Die Regierung hat die Bevölkerung zum Stromsparen aufgerufen, etliche Unternehmen haben anscheinend ihre Produktion heruntergefahren.

Beim rumänischen Atomkraftwerk Cernavodă sieht es ähnlich aus. Hier hat die Regierung einen Felsen in der Donau sprengen lassen, um Wasser umzuleiten – was für mich sehr nach einer Verzweiflungstat aussieht.

Atomkraftwerke und auch fossile Kraftwerke benötigen Kühlung. Die kommt oft von Flüssen und Seen. Mit den klimawandelbedingt steigenden Temperaturen im Sommer steht diese Kühlung immer häufiger nicht mehr in ausreichendem Maße zur Verfügung. Auch Lieferprobleme bei der Kohle für Kohlekraftwerke entstehen durch niedrige Fluss-Pegelstände.

Konventionelle Kraftwerke sind anfälliger für die Folgen des Klimawandels als erneuerbare Energien mit Ausnahme der Wasserkraft. Das sollten wir im Hinterkopf behalten, wenn die Freunde der Atomkraft wieder einmal von ihrer zuverlässigen Rund-um-die-Uhr-Energie sprechen oder die Fossil-Freunde das Schreckgespenst Dunkelflaute bei den Erneuerbaren aus dem Keller holen.

Fragen: Jörg Staude





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