Was hat meine Großmutter mit den Bränden in der Eifel, im Hohen Venn zu tun?
Sie hieß Oma Sini (kurz für Gesine). Sie lebte weit entfernt von der Eifel auf einem Hof im Emsland. Brualer Moor heißt die kleine Siedlung.
Doch schon in meiner Kindheit war von diesem Moor nichts mehr übrig, entwässert und abgetorft, zur Weideland und Acker umgepflügt.
Oma Sini fand es großartig, als der Tiefpflug kam: Er versprach weniger Mücken und Kreuzottern, mehr Milch und Kartoffeln. Der kleine Hof blühte auf. Sie war Nutznießerin und zugleich – aus heutiger Perspektive – eine Klimasünderin.
Was wir aus den Klimasünden der Vergangenheit heute lernen, warum brennendes Moor so gefährlich ist, das habe ich in der aktuellen Ausgabe der ZEIT aufgeschrieben.
Oma Sini ist leider schon lange tot. Auf Seite 1 der ZEIT zu stehen, das hätte sie gewiss heimlich gefreut. Und dass ihr Enkel heute anders auf den Pflug und das Moor und den zivilisatorischen Fortschritt blickt, als sie damals, das hätte sie gut verstanden.
Ich habe von dieser weisen und bescheidenen Frau viel gelernt.
Hier Zeit Ein Kommentar von Andreas Sentker Aus der ZEIT Nr. 36/2026 19. August 2026
Brennende Sorge Die Feuer der Gegenwart haben wir vor Jahrzehnten gelegt. Jetzt müssen wir löschen. Überall und gleichzeitig. Meine Großmutter hat auf ihrem Hof im Emsland noch mit Torf geheizt, mit getrockneten Soden aus dem Moor. Ich habe für sie in den Schulferien Torfbriketts für den Winter gestapelt. Sie brennen gut. Mehr als fünfzig Jahre später brennt zwischen Belgien und Deutschland das Hohe Venn. Hohes Venn, das heißt übersetzt: Hochmoor. Der größte Teil des ursprünglich triefnassen Gebietes ist heute ausgetrocknet. Unter der dünnen Vegetationsschicht liegt oft dürrer Torf. Die Hälfte der Moore in Europa wurde trockengelegt und ausgebeutet. Meine Großmutter feierte den »Emslandplan« und mit ihm den Tiefpflug, den Politiker schickten, um den Morast rund um ihren Hof in Weide- und Ackerland zu verwandeln: weniger Mücken und Kreuzottern, mehr Milch und Kartoffeln. Auch das Hohe Venn haben Menschen bewirtschaftet – sie haben Torf geerntet, Fichten gepflanzt und den Rest unbedacht zu Brennstoff trocknen lassen.
Meine Großeltern waren Klimasünder – aus Not und Unkenntnis. Den Emslandplan zur Entwicklung der damals ärmsten Region Westdeutschlands beschloss der Deutsche Bundestag am 5. Mai 1950 und besiegelte damit das Ende eines der größten Hochmoore Westeuropas. Manche Klimasünde wurde eben schon vor langer Zeit begangen. Und nicht nur die Trockenlegung von Mooren erschien damals als zivilisatorischer Gewinn: Der Abriss dunkler Altstadtgassen, der Aufbau autofreundlicher Großstädte nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, die Glasfassaden der Wirtschaftswunderjahre, die Industrialisierung der Landwirtschaft mit großen Feldern für große Maschinen – all das verhieß Fortschritt, Teilhabe, Demokratisierung von Wohlstand.
- Moore wieder zu vernässen, das bedeutet, Landwirte dafür zu entschädigen, dass sie weniger Weide und mehr Feuchtgebiete haben, wirtschaftlich schwer nutzbar, aber dafür ökologisch wertvoll.
- Wälder zu erneuern, ist eine Aufgabe für Jahrzehnte. Die schwerer entzündlichen Laubbäume künftiger Mischwälder wachsen nicht so schnell wie Stangenwaldplantagen aus Fichten.
- Bauen neu zu denken, bedeutet den Abschied von stylishen Glasfassaden und Offenheit für südliche Baukultur. Klimaanlagen bekämpfen nur die Symptome überforderter Architektur, sie beseitigen nicht die Fehler der Vergangenheit.
- Die Stadt neu zu planen, heißt weniger Asphalt und Beton, dafür Wiesen und Bäume, Raum für Menschen statt für Autos, Platz für Wasser. So werden Städte klimaresilienter – und lebenswerter.
Die Politik muss dafür den Rahmen schaffen, Anreize bieten, die Richtung kontrollieren. Handeln müssen die Bürger: der Waldbesitzer wie der Kleingärtner. Der Städteplaner wie der Architekt, der über Entwürfen für künftige Wohngebäude, Krankenhäuser, Pflegeheime oder Schulen brütet. Oder die Schulleiterin. Denn es geht. Manchmal sogar unbürokratisch und mit wenig Geld. Das zeigt der Städtewettbewerb »Abpflastern«. Kommunen wetteifern, welche von ihnen die meisten Flächen entsiegelt, den Asphalt aufbricht, um Platz für Grün und Raum für Wasser zu schaffen. Hätten nicht auch wir am liebsten unsere steinern-öden Schulhöfe aufgehackt? Manche unserer Kinder dürfen das jetzt. Auch im Hohen Venn werden Moorflächen renaturiert. Die Zerstörung begann vor 400 Jahren, die Kehrtwende kam erst 1992. Die Wiederherstellung ist mühsam. 25 Hektar mehr nasses Moor stand anfangs als Ziel im Raum. Um die Zahl einzuordnen: Während diese Zeilen geschrieben werden, brennen dort 3.200 Hektar Wald und Torf.
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