Dienstag, 21. Juli 2026

Wie groß ist der Anteil der Grünen an der wirtschaftlichen Lage

Christoph Hussy

Wie groß ist der Anteil der Grünen an der wirtschaftlichen Lage – und wie groß ihr Anteil daran, dass sie besser ist?

Diese Frage wird häufig ideologisch beantwortet.
Die Wirtschaftsforschung zeichnet jedoch ein deutlich differenzierteres Bild.

Deutschland befand sich zwischen 2022 und 2025 in einer außergewöhnlichen Krise: Energiepreisschock infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine, hohe Inflation, steigende Zinsen, schwache Weltkonjunktur, sinkende Exporte sowie strukturelle Probleme wie Fachkräftemangel und jahrelang zu geringe Investitionen.
Keine Regierungspartei hat diese Entwicklung allein verursacht.

Die Grünen tragen als Teil der Ampel Mitverantwortung. Kritisiert werden unter anderem die Kommunikation beim Heizungsgesetz, teilweise komplexe Regulierung und zu langsame Fortschritte beim Bürokratieabbau. Diese Faktoren haben Verunsicherung geschaffen und Investitionen erschwert. Dafür tragen die Grünen – gemeinsam mit SPD und FDP – politische Verantwortung.

Ebenso wenig haltbar ist jedoch die Behauptung, die Grünen seien Hauptverursacher der wirtschaftlichen Schwäche. Dafür gibt es keine belastbaren wissenschaftlichen Belege.

Umgekehrt haben grün geführte Ministerien Maßnahmen umgesetzt, die nach Einschätzung vieler Fachleute erhebliche Schäden begrenzt haben: den beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energien, die Diversifizierung der Gasversorgung, die Verringerung der Abhängigkeit von russischer Energie sowie schnellere Genehmigungen im Energiebereich. Ohne diese Maßnahmen wären Energiepreise, Versorgungsrisiken und wirtschaftliche Schäden wahrscheinlich größer ausgefallen.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Viele strukturelle Probleme entstanden lange vor der Ampel. Während der 16 Jahre unionsgeführter Bundesregierungen wurden die Abhängigkeit von russischem Gas ausgebaut, Investitionen in Infrastruktur, Digitalisierung und Bildung blieben vielfach hinter dem Bedarf zurück und der Ausbau der erneuerbaren Energien verlor zeitweise deutlich an Dynamik. Viele Ökonominnen und Ökonomen sehen darin wichtige Ursachen für die heutige geringere Krisenfestigkeit Deutschlands.

Die wissenschaftlich fundierte Bilanz lautet daher: Die Grünen tragen Mitverantwortung für Fehler der Ampel, haben aber zugleich wesentlich dazu beigetragen, die Energiekrise zu bewältigen und größere wirtschaftliche Schäden zu verhindern. Ebenso wenig lassen sich die heutigen Probleme verstehen, ohne die Versäumnisse der vorherigen unionsgeführten Regierungen einzubeziehen.

Wer die Verantwortung ausschließlich den Grünen zuschreibt, ignoriert zentrale wissenschaftliche Erkenntnisse. Wer jede Verantwortung der Grünen bestreitet, ebenso.
Deutschlands wirtschaftliche Lage ist das Ergebnis internationaler Krisen, langjähriger struktureller Defizite und politischer Entscheidungen mehrerer aufeinanderfolgender Bundesregierungen.

Aus Fehlern kann man lernen. Bashing ist einfach nur zerstörerisch.



Alexander Fink

Drei Unternehmen – SAP, Siemens und Siemens Energy – sind heute an der Börse mehr wert als BMW, Mercedes-Benz und Volkswagen zusammen. 

Allein dieser Vergleich zeigt: Die industrielle Wertschöpfung verändert sich grundlegend. Die Frage ist deshalb nicht nur, ob Industrie verschwindet, sondern welche Industrie entsteht.

Vor diesem Hintergrund fand ich das Interview mit Prof. Dr. Harro Heilmann sehr erhellend. Seine zentrale These lautet: 

Deutschland erlebt keine Deindustrialisierung, sondern eine tiefgreifende Transformation.

Besonders spannend finde ich seinen Hinweis auf den öffentlichen Diskurs. Viele Aussagen stützen sich auf den Rückgang des Produktionsindex von rund 10 bis 20 Prozent. Heilmann bezweifelt, dass dieser Indikator die tatsächliche Entwicklung der Industrie angemessen beschreibt. Denn er bildet den strukturellen Wandel vieler Geschäftsmodelle nur unzureichend ab.

Ähnliches gilt für den häufig angeführten sinkenden Industrieanteil am Bruttoinlandsprodukt. Tatsächlich beobachtet man diesen Trend seit Jahrzehnten – nicht nur in Deutschland, sondern in nahezu allen entwickelten Volkswirtschaften. Gleichzeitig entstehen aber immer mehr wissensintensive Dienstleistungen rund um industrielle Wertschöpfung: 

  • Softwareentwicklung, 
  • Datenanalyse, 
  • KI-Anwendungen, 
  • Engineering, 
  • digitale Plattformen oder 
  • industrielle Services. 
Statistisch werden diese Bereiche vielfach der Dienstleistungswirtschaft zugerechnet, obwohl sie häufig unmittelbar mit industrieller Produktion verbunden sind. Vielleicht sollten wir deshalb nicht nur auf die Industrie, sondern stärker auf das gesamte industrielle Ökosystem blicken.

Auch beim Thema Industriestrompreise lohnt sich eine differenzierte Betrachtung.
Für manche Industriekunden liegt der Strompreis inflationsbereinigt heute sogar unter dem Niveau von 2015.
Gleichzeitig bleibt der internationale Wettbewerbsnachteil bestehen: Energieintensive Unternehmen zahlen in Europa weiterhin deutlich höhere Strompreise als ihre Wettbewerber in den USA oder China. Beides ist gleichzeitig richtig.

Mein Eindruck ist daher: Wir führen die Debatte häufig mit Schlagworten, obwohl wir zunächst über die richtigen Indikatoren sprechen müssten. 

Wer Transformation mit den Messgrößen der Vergangenheit bewertet, läuft Gefahr, falsche Schlussfolgerungen zu ziehen

Im Interview fällt ein Satz, der hängen bleibt: „Zu viel Planung, zu wenig Fertigung.“ Ich würde ihn gerne ergänzen: „Zu viel Planung, zu wenig strategisches Denken.“

Denn die entscheidende Frage ist aus meiner Sicht nicht, wie wir die Industrie der Vergangenheit bewahren, sondern wie wir die industrielle Wertschöpfung der Zukunft gestalten.

… hier der link zu NTV: https://www.n-tv.de/wirtschaft/Das-ist-kein-Niedergang-sondern-eine-Veraenderung-id31044676.html

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