Samstag, 18. Juli 2026

Update: Damit fällt übrigens auch die Argumentation für den Redispatch-Vorbehalt in sich zusammen.

 

Tim Meyer 19.7.26 / LinkedIn

Intelligenz schlägt Kupfer. 

Infrastruktur, die höher ausgelastet wird, kostet spezifisch weniger. 

Entgelte für ein Stromnetz, das z.B. zu 40% ausgelastet wird statt nur zu 20%, können um die Hälfte sinken.
Ein extremes Beispiel, aber in vielen ländlichen Regionen vermutlich nicht weit weg von der Realität. 

Der Monitoringbericht der Bundesregierung weist aus, dass etwa 30% des Investitionsbedarfes in die Stromnetze durch Digitalisierung und Flexibilisierung eingespart werden könnten. Wobei vermutlich auch bei dieser Zahl mein Mantra zutrifft: Innovation wird unterschätzt. 

Womit wir bei der heutigen Meldung im PV Magazine wären über ein erfolgreiches Pilotprojekt der Thüga: 260% mehr Solarstrom im ländlichen Mittelspannungsnetz durch einen sogenannten Längsregler. Der kann ohne zusätzliche Bauarbeiten in bestehende Trafostationen integriert werden. Deutlich günstiger und schneller als eine Netzverstärkung. Wie das?

 Bei Verteilnetzen ist „voll“ nicht gleich „voll“. Gerade im ländlichen Raum besteht die Begrenzung für mehr Einspeisung oder zusätzlichen Verbrauch oft nicht in der Überlastung von Leitungen durch zu viel Strom. Sondern darin, dass durch ein Mehr an Einspeisung oder Verbrauch die zulässigen Spannungsgrenzen verletzt würden. Konkret würde eine zu hohe Spannung am Ende einer langen Leitung bei noch mehr Einspeisung entstehen oder eine zu niedrige Spannung am Anfang einer Leitung bei noch mehr Verbrauch. 

Ein „Mittelspannungslängsregler“ wird in einen solchen Netzzweig integriert. Er erlaubt die aktive Steuerung der Spannung und damit das Einhalten der Grenzen auch bei deutlich höherer Auslastung des Netzes. Er ist damit kein Allheilmittel gegen jeden Engpass im Netz. Aber wenn es schon der „regelbare Ortsnetztrafo“ auf Niederspannungsebene in den Wortschatz vieler Energiewende- und Modernisierungsbefürworter geschafft hat, hat es der „Mittelspannungslängsregler“ vielleicht auch bald verdient. 

Es bleibt zu hoffen, dass die Netzbetreiber solche Regler mit möglichst einheitlichen technischen Standards einsetzen und Hersteller wie hier Hitachi dadurch tatsächlich schnell und günstig liefern können. 

Fazit: auch im Netzbetrieb gibt es reichlich Innovation. Die spart Zeit und Geld. Um eine grundlegende Reform des Verteilnetzbetriebes kommen wir dennoch nicht herum. Allen voran müssen die wirtschaftlichen Anreize und Möglichkeiten der Netzbetreiber endlich so ausgerichtet werden, dass sich hohe Netzauslastung, Standardisierung, Digitalisierung und Effizienz wirklich lohnen. Es ist ein Unding, dass das Jahresergebnis von Netzbetreibern vor allem daran hängt, wie viel Kupfer und Trafos verbaut werden und eben nicht daran, wie gut diese ausgelastet werden oder wie gut der Service für Netzkunden tatsächlich ist. 

Bereits heute könnten Netzkunden so ca. 5 Mrd. EUR pro Jahr sparen und bis 2045 über 12 Mrd. EUR pro Jahr. Mehr dazu in meiner Studie "Kostensenkungspotentiale im Verteilnetz".  


Joachim Plesch / LinkedIn 9.7.26

Mit Pragmatismus den Netzausbau beschleunigen - Thüga Energie GmbH machts vor.

Die Energiewende steht vielerorts vor einem Nadelöhr: dem Verteilnetz. 

Allein im Netzgebiet der Thüringer Energienetze (TEN) sind aktuell 17 Mittelspannungsbereiche „voll“ – sie können vorerst keinen weiteren Solarstrom aufnehmen. Ein massives Problem, das Netzbetreiber in ganz Deutschland teilen.

Doch statt jahrelang auf langwierige Tiefbauarbeiten für den Netzausbau zu warten und dabei keine neuen Erzeuger ans Netz zu lassen, zeigt ein neues Pilotprojekt in Hopfgarten bei Weimar (Thüringen), wie smarte, pragmatische Technologie Abhilfe schaffen kann.

Hier kommt weltweit erstmals ein neuartiger Kompakt-Mittelspannungslängsregler (MSLR) zum Einsatz. Das von der Thüga-Gruppe initiierte und von Hitachi Energy entwickelte Gerät ist ein echter Gamechanger:

  • 260 % mehr Solarstrom: Berechnungen zeigen, dass durch den Einsatz des Reglers im Beispielnetz rund 260 Prozent mehr PV-Leistung integriert werden kann. 

  • Pragmatismus pur: Der MSLR ist standardisiert, kompakt (etwa so groß wie ein großer Ortsnetztrafo) und lässt sich ohne zusätzliche Bauarbeiten direkt in bestehende Trafostationen integrieren. 

  • Millionen-Einsparungen: Bis 2035 könnten einzelne Netzbetreiber durch den gezielten Einsatz dreistellige Millionenbeträge an Netzausbaukosten einsparen. 

  • Schnelle Skalierung: Hitachi Energy wird den Regler in Serie fertigen, womit kurzfristig große Stückzahlen bereitstehen.

Der MSLR versteht sich als schnelle Ergänzung zu Speichern, regelbaren Ortsnetztrafos oder Redispatch, wenn zügig Netzkapazität gebraucht wird. Ein starkes Beispiel dafür, wie wir mit praxisnahen Innovationen das Tempo der Energiewende spürbar anziehen können - und v.a. gleichzeitig die Netzenpässe lösen.

Damit fällt übrigens auch die Argumentation für den Redispatch-Vorbehalt in sich zusammen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen