Hohe Einkommensverluste und mehr Arbeitslose
Was, wenn die AfD ihr Programm umsetzt? Ökonomen haben dieses Szenario durchgerechnet: Finanzielle Einbußen drohen vor allem den Menschen in den Hochburgen der Partei.
43,1 Prozent. So hoch fiel das AfD-Zweitstimmenergebnis bei der Bundestagswahl 2025 im Wahlkreis Mansfeld aus, tief im Südwesten von Sachsen-Anhalt.
Nirgendwo im ganzen Bundesland lief es besser für die Rechtsextremen. Zugleich könnte es für die heimische Wirtschaft kaum schlechter laufen: Die Einwohnerzahl des Landkreises Mansfeld-Südharz schrumpft seit Jahren, die wirtschaftliche Perspektive ist trübe.
Und es könnte noch schlimmer kommen – falls die AfD, die derzeit in allen Umfragen vorn liegt, in Zukunft die Bundesregierung anführen sollte.
Denn darunter würden Regionen mit hohem AfD-Stimmenanteil ökonomisch besonders stark leiden. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, die dem SPIEGEL vorliegt.
Die Politik der Rechtsextremen träfe demnach insbesondere die Menschen in Sachsen-Anhalt hart. »Durch die von der AfD geforderte Politik würden Menschen dort im Durchschnitt jährlich rund 1600 Euro pro Kopf an Einkommen verlieren«, schreibt DIW-Präsident Marcel Fratzscher in der Studie. »Zudem könnten rund 10.000 Arbeitsplätze verloren gehen.«
Fratzschers Berechnungen sind keine präzise Prognose, sondern ein Szenario auf der Grundlage von Zahlen aus wissenschaftlichen Studien, das er auf bis auf die Ebene von Landkreisen und kreisfreien Städten heruntergerechnet hat. Besonders stark betroffen wären neben Sachsen-Anhalt auch sämtliche Regionen in Thüringen und Sachsen sowie weite Teile von Rheinland-Pfalz und das Saarland. Einzelne auffällige Ausreißer in den Daten für einzelne Städte und Kreise solle man jedoch nicht überschätzen, so Fratzscher: Diese seien auf regionale oder statistische Sondereffekte zurückzuführen.
Der Ökonom hat untersucht, welche wirtschaftlichen Folgen es bundesweit hätte, wenn die AfD ihr Wahlprogramm tatsächlich umsetzen würde – darunter ein Ausstieg aus der EU und dem Euro. Das würde »nationale Schocks« auslösen, schreibt Fratzscher: »Ein Kurs gegen Europa und den Euro, Abschottung und Grenzschließungen, der Abbau staatlicher Institutionen, Investitionen und Leistungen sowie eine zunehmende Polarisierung machen die Lage der meisten Menschen messbar schlechter.«
Höhere Inflation, mehr Arbeitslose, weniger Wachstum
Über einen Zeitraum von fünf Jahren, so die Annahme in Fratzschers Szenario, würde das Wirtschaftswachstum um etwa sechs Prozentpunkte zurückgehen, die Inflation um gut fünf Prozentpunkte steigen, die Arbeitslosigkeit um zwei Prozentpunkte zulegen.
Entscheidende Faktoren dafür seien die AfD-Forderungen nach einem Zuwanderungsstopp sowie nach staatlichen Kürzungen. Den ebenfalls geforderten Austritt aus Euro und EU könnte eine AfD-geführte Bundesregierung jedoch nicht ohne Weiteres umsetzen.
»Unzufriedenheit schürt AfD-Unterstützung,
aber AfD-Politik verschärft die Probleme weiter und
führt in eine Abwärtsspirale.«
Marcel Fratzscher, DIW-Präsident
Anfällig wären laut Studie vor allem Regionen mit einer kleinteiligen Wirtschaft und vielen Beschäftigten mit geringerer Qualifikation – jene Gegenden also, in denen die Rechtsextremen besonders erfolgreich sind. Etwa Sachsen-Anhalt, wo die AfD schon in einigen Wochen die Landtagswahl gewinnen und anschließend die Landesregierung anführen könnte .
Regelrecht einbrechen würden etwa die Zuwanderungszahlen. Allein nach Sachsen-Anhalt kämen dann jährlich 16.000 bis 23.000 Menschen aus dem Ausland weniger als bisher – was den Fachkräftemangel massiv verschärfen und die Gesundheitsversorgung gefährden würde.
Die größten Einkommensverluste von bis zu acht Prozent drohen laut Berechnung den Menschen in den sachsen-anhaltischen Kreisen mit den höchsten AfD-Anteilen: im Burgenlandkreis, Mansfeld-Südharz und im Salzlandkreis. Die realen Löhne dürften laut DIW in Sachsen-Anhalt um rund acht Prozent sinken, durchschnittlich etwa 200 Euro monatlich.
Der Partei werde das aber kaum schaden, befindet Fratzscher. Er rechnet mit einem Effekt, den er als »AfD-Paradox« bezeichnet: »Unzufriedenheit schürt AfD-Unterstützung, aber AfD-Politik verschärft die Probleme weiter und führt in eine Abwärtsspirale.«
Die Beliebtheitswerte der Rechtsextremisten sind der Studie zufolge systematisch mit der wirtschaftlichen, demografischen und sozialen Lage einer Region verbunden. Der Effekt dieser strukturellen Faktoren auf den Erfolg der AfD hat sich demnach seit 2021 mitunter verdoppelt.
Die Studie kommt auch zu dem Schluss, »dass die AfD eben nicht die Partei der Arbeitslosen oder der Einkommensschwachen ist« – und dass Einkommen und Arbeitslosigkeit eine eher nachgeordnete Rolle für deren Erfolg spielten. Wichtigster Faktor hingegen sei die Demografie: Je mehr Alte in einer Region leben, während gut ausgebildete Junge wegziehen, desto mehr Zuspruch erfahren die Rechtsextremisten. Auch ein niedriger Ausländeranteil gehe mit AfD-Erfolgen einher.
Das passt zu den Wahlergebnissen vor allem im ländlichen Ostdeutschland, wo die Bevölkerung seit Jahren schrumpft
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