Dienstag, 28. Juli 2026

Wassernotlagen? Willkommen im neuen Normal

 

Petra Pinzler /  ZEIT. 

Was passiert, wenn man eines Morgens feststellt: Das Bild, das man von sich hat, stimmt nicht mehr?

Es gibt drei mögliche Reaktionen: Man kann die neue Wirklichkeit ignorieren. Man kann sie akzeptieren und trotzdem nichts an seinem Verhalten ändern. Oder man verändert sich.

Genau in dieser Situation stecken wir alle – und es ist noch nicht klar, wie die Reaktion ausfallen wird. Denn das Deutschland, in dem wir bisher gelebt haben, existiert so nicht mehr. Das war ein Land mit einem Überfluss an Wasser. Jetzt müssen wir damit umgehen, dass wir immer entweder viel zu wenig oder viel zu viel haben.

Noch aber ignorieren wir das und verschleudern das kostbare Nass. 

Und die Industrie bekommt es viel zu billig. 

Warum Deutschland dringend eine Wasserpolitik braucht, darüber habe ich heute auf der Zeit Webseite geschrieben.

Und es scheint vielen ähnlich zu gehen wie mir: ein Leser schreibt: „Meist ist es so trocken, dass ich mindestens die neu angepflanzten Sträucher und Stauden einen Sommer lang regelmäßig gießen muss. Aber manchmal ist es so nass, dass im Garten die Enten schwimmen“ 


Zeit hier  
Aus der Kolumne: Fünf vor acht von Petra Pinzler  27. Juli 2026

Wassernotlagen? Willkommen im neuen Normal

In Deutschland wird Wasser knapp. Trotzdem bekommt die Industrie es oft zum Schleuderpreis. Zeit für einen neuen Umgang mit dem kostbaren Gut und eine neue Wasserpolitik.

Was passiert, wenn man eines Morgens feststellt: Das Bild, das man von sich hat, stimmt nicht mehr?

Es gibt drei mögliche Reaktionen: Man kann die neue Wirklichkeit ignorieren. Man kann sie akzeptieren und trotzdem nichts an seinem Verhalten ändern. Oder man verändert sich.

Genau in dieser Situation stecken wir alle – und es ist noch nicht klar, wie die Reaktion ausfallen wird. Denn das Deutschland, in dem wir bisher gelebt haben, existiert so nicht mehr. Das nämlich war ein Land, in dem die Sommerferien idealerweise aus Sonnen, Faulenzen und Baden bestanden. Und in dem es zwischendrin trotzdem regelmäßig regnete, was uns oft geärgert hat, aber dazu führte, dass es an jedem Ort genug Wasser gab. Für den Kaffee und das morgendliche Duschen, fürs Rasensprengen und den Plastikpool. 

Wasser war eine Selbstverständlichkeit,
über die kaum jemand lange nachgedacht hat.

Vergangen, vorbei. Das neue Normal sind staubige Flächen, wo einst grüner Rasen wuchs. Schwimmbäder, die wegen Wassermangel schließen. Flüsse mit Niedrigwasser. Dürren. Städte wie München oder ganze Regionen wie in Sachsen-Anhalt verbieten tagsüber das Rasensprengen, das Nutzen eigener Pumpen oder das Füllen der Pools. Rund 80 Kommunen müssen nach Angaben des Deutschen Städtetags inzwischen in jedem Hitzesommer sogenannte Allgemeinverfügungen erlassen, die die Nutzung von Trink- oder Grundwasser einschränken. Und in den ersten Orten, so in Teilen des bayrischen Thurmansbang, musste Trinkwasser schon per Tankwagen gebracht werden. Weil die Quellen dort versiegt sind.

Willkommen im neuen Normal!

Noch ist die Lage hierzulande weit entfernt von dem Drama, das sich gerade in Frankreich und Spanien abspielt, wo unkontrollierbare Feuer Landstriche verwüsten und Hunderttausende Menschen evakuiert werden müssen. Wo heiße Winde die Flammen über verdorrte Wiesen und Felder treiben. Und dennoch brennt es auch hier immer wieder und immer heftiger, und die ausgetrockneten Wälder lodern wie Zunder. An diesem Wochenende wurden sieben Hektar im brandenburgischen Teltow-Fläming vernichtet, vor wenigen Tagen 40 Hektar im Naturschutzgebiet Gohrischheide in Sachsen.

An anderen Orten und zu anderen Zeiten fällt wiederum so viel Regen, dass die Flüsse über die Ufer treten, Täler und weite Landstriche verwüsten. Und im schlimmsten Fall viele Menschenleben fordern. Das Gedenken der Ahrtal-Katastrophe vor fünf Jahren hat gerade daran erinnert, wie bitter die Folgen sein können.

»Instationarität« – also ein ständiger Wechsel zwischen zu viel und zu wenig Wasser – nennt der Wissenschaftliche Beirat für globale Umweltfragen (WBGU) dieses Phänomen. Als Folge kommt es zu »Wassernotlagen«, die verschiedene Formen haben und unterschiedlich dramatisch sind. Diese Notlagen treten – das ist das Besorgniserregende – nun nicht mehr nur alle paar Jahrzehnte auf, sondern immer häufiger. Willkommen im neuen Normal!

Noch reagieren wir darauf überwiegend mit Ignoranz

Nur ganz langsam sickert die Erkenntnis ein, dass sich da etwas fundamental ändert und dauerhaft anders bleiben wird. Waldbrände oder Wassermangel machen – solange es keine menschlichen Opfer gibt – oft nur lokal und kurz Schlagzeilen.

Aus verständlichen Gründen: Neben den Nachrichten über Kriege, Attentate und große Feuerkatastrophen, wie sie gerade rund um Madrid und Bordeaux toben, wirkt unsere Wassernot klein. Folglich interessiert das Thema die große Politik wenig. Und es gibt keine öffentliche Diskussion darüber, wie wir besser vorsorgen könnten – als Gesellschaft und privat. Doch genau das wäre nötig. Wir alle werden viel sparsamer mit Wasser umgehen müssen als in der Vergangenheit.

Beginnen wir im Privaten: Wer hat einen sparsamen Duschkopf? Wer eine Toilette mit Sparknopf? Wer hat den Pool stillgelegt und den Rasen durch Pflanzen ersetzt, die mit weniger Wasser und mehr Sonne umgehen können? Klar, jede einzelne dieser Maßnahmen klingt für sich genommen läppisch: Was ändert es schon, wenn ich morgens beim Zähneputzen den Wasserhahn ausstelle?

Rechnen wir also kurz nach: Pro Minute laufen da zwischen sechs und zwölf Liter Wasser in den Abguss. Da man sich zwei Minuten die Zähne putzen soll, sind das zwischen 12 und 24 Liter Wasser. Dazu kommen das Duschen, die Toilette, das Kochen, sodass jeder von uns täglich rund 126 Liter Wasser verbraucht. Hinzurechnen muss man den indirekten Wasserverbrauch, der in den Produkten steckt, die wir konsumieren – den Äpfeln, dem Brot, den Klamotten. Insgesamt verbrauchen wir Deutschen etwa 7.200 Liter pro Person und Tag. Ja, richtig gelesen.

Das Wasser muss herangeschafft, gereinigt, transportiert und wieder gereinigt werden. Selbst wenn man das Nass rausrechnet, das in den importierten Produkten steckt und daher im Ausland verbraucht wird, bleibt der Wasserverbrauch in Deutschland enorm

Wobei der größte Teil von Industrie und Bergbau genutzt wird. Umstellen müssen also nicht nur wir Konsumenten, sondern auch die Wirtschaft – was nicht freiwillig passieren wird. Denn viele Unternehmen bekommen Wasser heute zum kleinen Preis oder sogar umsonst. Was bekanntlich nicht animiert, sparsam mit der Ressource umzugehen.

Was also müsste konkret passieren? Die EU hat das 2025 in ihrer sogenannten Wasserresilienzstrategie anerkannt und viele sinnvolle Ideen aufgeschrieben. Unter anderem soll die Wasserpolitik »sozial ausgewogen und partizipativ« sein. Klingt klug und gleichzeitig fürchterlich unkonkret. Die Wortwahl verkleistert zudem den schwelenden Verteilungskonflikt – also die Frage, wer künftig noch wie viel von der knappen Ressource bekommen soll.

Es braucht eine andere Wasserpolitik

Die Kampagnen-Organisation Campact hat im vergangenen Jahr versucht, eine Debatte anzuzetteln. Hat nicht geklappt. So hat sie die Tatsache bekannt gemacht, dass allein der Energiekonzern RWE für seinen Braunkohletagebau rund 500 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr verbraucht: Das entspricht der Menge, die zehn Millionen Menschen in Deutschland nutzen. Auf Nachfrage des ReaktionsNetzwerks Deutschland gab RWE zu, dass es höchstens fünf Cent pro Kubikmeter Wasser zahlt. 

Der Kohleausstieg wäre damit eine der größten Wassersparmaßnahmen Deutschlands. 
Doch die Kampagne verpuffte


Und noch eine Branche sollte man in den Blick nehmen: die Getränkeindustrie. Weil sie das, was wir – zum großen Erstaunen vieler Menschen aus anderen Ländern – einfach aus dem Wasserhahn trinken können, in Flaschen abfüllt und zu Geld macht. Aldi, Coca-Cola und andere haben sich dafür Quellen gesichert, aus denen es in absehbarer Zeit weniger sprudeln wird – mit Folgen auch für die öffentliche Versorgung. Immer öfter kommt es in solchen Fällen zu Gerichtsverfahren.

Umweltminister Carsten Schneider ist die Wassernotlage klar. In der vergangenen Woche warnte er vor »ernsthaften Konflikten«, die wir künftig ums Wasser haben werden. Zugleich fehlen ihm die Mittel, um dagegen etwas zu tun. Ein Beispiel: Ein Drittel des Grundwassers in Deutschland ist mit Schadstoffen belastet, vor allem durch Dünger und Pestizide, die die industrielle Landwirtschaft auf die Felder bringt: Ändern ließe sich das durch eine andere Agrarpolitik – für die nicht der Umwelt-, sondern der Landwirtschaftsminister zuständig ist.

Dann mag man sich fragen: Soll ich beim Zähneputzen nicht den Wasserhahn weiter laufen lassen? Nein, am Ende zählt jeder eingesparte Liter – jedenfalls in einem trockenen Sommer in trockenen Gegenden. Klar ist aber auch: Es reicht nicht, dass wir Verbraucher und Verbraucherinnen den Wasserhahn häufiger zuzudrehen. 

Nötig ist eine andere Wasserpolitik. Und damit die kommt, müssen wir endlich darüber streiten, wer wie viel Liter zu welchem Tarif bekommt. Und wer sparen sollte – damit wir nicht immer häufiger auf dem Trockenen sitzen.

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