Mich macht die Welt, oder genauer die Menschheit gerade mal wieder fassungslos.
Da brennt es wie nie zuvor in Südeuropa. Bei uns tobt die nächste Hitzewelle, und die Reaktion ist Resignation. Oder wie soll man das sonst nennen, wie wir gerade auf die sich verschärften Umweltkrisen - nicht - reagieren.
Ja, die Feuerwehr löscht. Aber sonst? Wo ist mehr Umweltschutz, wo werden Städte begrünt und war da nicht was mit dem Klima?
Brände, Hitze und vor allem unsere Ignoranz machen mich fassungslos
Immer schneller folgt eine Umweltkatastrophe der nächsten. Warum verlangen wir nicht lauter, dass Regierung und Parteien den Schutz der Natur zur Chefsache machen?
Ist das jetzt der Anfang vom Ende? Immer mal wieder habe ich mich das gefragt, wenn in den vergangenen Jahren eine Katastrophennachricht kam. Seit jedoch die Feuer an der französischen Küste und auf der spanischen Hochebene toben, die nächste Hitzewelle schon da ist und damit weitere Trockenheit, ist er schlimmer denn je – dieser Gefühlscocktail, diese Mischung aus Sorge, Trauer, Wut und einer wachsenden Angst.
Und eine Frage stellt sich mit immer neuer Wucht: Machen wir von der Natur bald so viel kaputt, dass unsere Umwelt nicht mehr repariert werden kann?
Diese Frage zu verdrängen, gelingt in diesen Tagen immer schlechter. Auch der Versuch, die Angst mit Fakten zu verdrängen.
Erfahrung und Wissen sagen: »Anfang vom Ende« ist nun doch ein bisschen dick aufgetragen. Es mag schrecklich sein, wenn in Spanien und Frankreich hunderttausend Menschen ihre Häuser verlassen müssen und ein weiteres Stück Erde für lange Zeit in eine schwarze Hölle verwandelt wird. Doch in vielen Ländern müssen Menschen das schon lange hinnehmen, Millionen werden jedes Jahr in Afrika und Asien vertrieben, durch Dürren oder Fluten. Und selbst diese Katastrophen bedeuten nicht das Ende der menschlichen Zivilisation.
Die Erfahrung sagt weiter: Wahrscheinlich werden wir alle bald wieder vergessen: die Dürre, die Hitze, die Brände, das Verschwinden von Arten. Hochwasserdemenz nennen Experten es, wenn Menschen wieder am gleichen Ort siedeln, kaum dass das Wasser abgeflossen ist. Die Hitzedemenz wird wahrscheinlich schon im Herbst einsetzen.
Noch kann ich mich nicht damit abfinden.
Wann, wenn nicht jetzt, wäre der Moment, unseren Umgang mit der Welt grundsätzlich infrage zu stellen, damit unser Leben nicht radikal verändert wird?
Wann werden wir aufhören, Boden zu betonieren, Wasser zu vergeuden, den Straßenbau zu beschleunigen, den Schutz der Natur zu reduzieren, wie es die Bundesregierung vor wenigen Tagen tat?
Ja, ich weiß, wie hilflos er klingt, der Wunsch nach der großen Einsicht und dem radikalen Wandel. Zu oft habe ich bei meiner Arbeit als Korrespondentin in Berlin schon gesehen, wie unglaublich schwer selbst kleinste politische Veränderungen sind. Ich weiß zu gut: Wer glaubt, mit einem großen Wumms könnten Kanzler Friedrich Merz oder sonst jemand Land und Leute umkrempeln – und Schluss mit den SUVs, dem Fliegen, den Pools im Garten machen –, ist entweder naiv oder ein Populist. Wir werden nicht über Nacht ein anderes, überlebensfähigeres Land werden, geschweige denn eine andere Menschheit, die mit der Welt sorgsamer umgeht.
Der Klimaforscher Stefan Rahmsdorf hat das Problem gerade auf den Punkt gebracht. Er hatte mit seiner Lebensgefährtin im französischen Lacanau Urlaub gemacht, die Brände dort hautnah miterlebt und dann meiner Kollegin Annika Joeres auf deren Frage nach der Veränderungsfähigkeit der Politik gesagt: »Kurz keimte in mir diese Hoffnung auf. Aber dann fiel mir wieder ein: Ich war auch schon 2002 nach der Elbeflut optimistisch, dass die Politik die Dramatik der Klimakrise erkennt. 2003 folgte eine große europaweite Hitzewelle mit 70.000 Toten. Und wieder dachte ich: Jetzt muss etwas passieren. Jetzt verstehen alle, wie die Klimakrise buchstäblich unser Leben bedroht.« Passiert sei trotzdem viel zu wenig. Und genau so sei es auch aktuell wieder. »Statt Emissionen zu senken, reden wir lieber über Klimaanlagen.«
Klimaanlage statt Klimaschutz – dass wir so reden, liegt sicher an uns – aber eben auch an den Politikern, die wir gewählt haben. Wenn eine fundamentale Krise, eine, die die Grundfesten unseres Lebens in den kommenden Jahren stark bedrohen wird, immer längere Schatten wirft – wäre es Aufgabe der Regierung, uns Orientierung zu geben und Ängste aufzugreifen.
Leider gibt es im politischen Berlin gerade niemanden, der solche Sorge artikuliert – und unsere Zukunft in den kommenden heißen Sommern zu einem politischen Thema macht.
Vielleicht liegt es daran, dass gerade Ferien sind und so manch ein Politiker an einem der Strände liegt, an denen es noch nicht brennt. Die CDU-Fraktion jedoch war gestern fast vollständig in Berlin, hat im klimatisierten Bundestag diskutiert, allerdings über andere Probleme. Und selbst wenn sie die nicht hätte: Mein Vertrauen darauf, dass Friedrich Merz für meine Sorgen Zeit hat, ist eher gering. Bei Vizekanzler Lars Klingbeil ist das leider nicht anders, denn auch die SPD ist, bis auf ihren eifrigen, aber machtlosen Umweltminister, bei diesem Thema völlig weggetaucht.
Nicht mal die Grünen schaffen es, Worte dafür zu finden, dass jetzt genau das eintritt, wovor sie immer gewarnt haben. Hörbar ist nur der Blödsinn der AfD-Politiker: Früher gab es auch schon heiße Sommer.
Dabei ist sonnenklar: Um diese Art von Krisen zu lösen, braucht es Politiker, die das Thema ernst nehmen. Die anerkennen, dass sie Konzepte und Ideen entwickeln müssen für den Schutz der Natur, den Umbau der Wirtschaft, der Städte, der Wälder. Und die uns dann ermöglichen, dabei mitzumachen.
Nein, es ist kein Naturgesetz, dass die Welt vor die Hunde geht. Es ist menschengemacht. Menschen können es also auch ändern.
Hier bei der ZEIT enden Artikel wie dieser deswegen gerne mit etwas Hoffnungsvollem, mit Beispielen, was einzelne Menschen verändert haben. Das ist wichtiger, als sich der Verzweiflung hinzugeben – über die Politik, den Menschen, die Wirtschaft. Denn viele Menschen leiden schon heute unter den Veränderungen der Welt. Sie verlieren ihr Haus, sterben an der Hitze oder am Hunger.
Krönchen richten, weitermachen – stand mal auf einer meiner Frühstücktassen. Stimmt. Und trotzdem: Es gibt Momente, in denen möchte ich mir nur noch die Decke über den Kopf ziehen. Wenn es dafür nicht längst viel zu heiß wäre.
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