Sonntag, 12. Juli 2026

Putin macht Wahlkampf für die AfD und für BSW

Russlands Botnetze machen mit viel Aufwand und teils grotesker, meist justiziabler Desinformation Wahlkampf für AfD und BSW. Die Kampagnen zeigen, was Putin will - und dass alle irren, die glauben, in den sozialen Medien ein Abbild der Gesellschaft erkennen zu können. 


Spiegel hier  Eine Kolumne von Christian Stöcker
12.07.2026

So wirbt Putin für AfD und BSW

Eine russische Desinformationskampagne richtet sich gegen alle Parteien – mit zwei Ausnahmen. Die Methoden sind manchmal unfreiwillig komisch, die Motivation glasklar: Wer AfD oder BSW wählt, stimmt für Wladimir Putin.

Man kann bei russischer Propaganda nie klar sagen, wie gut sie wirklich funktioniert. 

Es gibt sogar Anzeichen, dass ihr Einfluss mindestens begrenzt ist: Sowohl in Moldau als auch in Ungarn setzten sich russische Botnetze und Propagandisten in den sozialen Medien massiv für Kandidaten ein , die am Ende doch verloren haben – für Viktor Orbán in Ungarn und Alexandr Stoianoglo von der Sozialistischen Partei des prorussischen Ex-Präsidenten Igor Dodon in Moldau.

Zum Autor : Christian Stöcker, Jahrgang 1973, ist Kognitions­psychologe und Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Dort verantwortet er den Studiengang Digitale Kommunikation und mehrere Forschungsprojekte über digitale Öffentlichkeit und Desinformation. Vorher leitete er das Ressort Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE.

Was russische Propaganda aber in jedem Fall leistet: Sie macht deutlich, was Moskau will. In Deutschland ist das offenkundig, dass die AfD bei den in diesem Jahr anstehenden Wahlen möglichst viele Stimmen bekommt. Putins Botnetze feuern aus allen Rohren, und aktuell gegen alle Parteien – außer den Putin-Freunden von AfD und BSW.

Propaganda nach Baukastensystem

Die breit angelegte Kampagne wirkt wie eine Mischung aus Baukasten und künstlicher Intelligenz.

Die Posts haben inhaltlich alle in etwa dieselbe Struktur. Eine Politikerin oder ein Politiker, stets namentlich genannt, der Linken oder der Grünen, der SPD, der CDU oder der FDP hat angeblich: Sexpartys besucht oder mithilfe von Altersheimen Geldwäsche betrieben oder Angriffe auf politische Gegner organisiert oder ein Verbot von Klimaanlagen und Ventilatoren gefordert oder sexuellen Missbrauch verschleiert oder die E-Mails des politischen Gegners gehackt, von einem Autokonzern Millionen für Lobbyarbeit kassiert oder eine Schmierkampagne gegen Umweltaktivisten organisiert, Deepfake-Pornografie mit den Gesichtern politischer Gegner verbreitet, eine illegale Jagd organisiert, den eigenen Ehepartner mit psychoaktiven Substanzen vergiftet und so eine Psychose ausgelöst oder auch für Tierheime gedachtes Geld veruntreut.

Die Liste der attackierten Parteien ist vollständig. Die Liste der erfundenen Vorwürfe nicht, das würde den Rahmen dieser Kolumne sprengen.

Auffällig ist: Die Linke ohne Sahra Wagenknecht zählt genauso wie alle anderen Parteien zu den attackierten Parteien – anders als das Bündnis Sahra Wagenknecht und die AfD.
Mit Abstand am häufigsten angegriffen werden in den Posts die Grünen. Das kennt man von vorangegangenen Propagandawellen. Der Kreml hasst die Grünen besonders, denn sie bedrohen Russlands fossiles Geschäftsmodell am stärksten.

Manche haben einen gewissen Unterhaltungswert

Alle Posts folgen dem gleichen Muster: Sie enthalten eine oder mehrere der zitierten Behauptungen und ein oder mehrere pseudo-nachrichtliche Videos, zusammengebastelt aus Agentur- und Stockmaterial, dekoriert mit dem geklauten Logo einer Medienmarke, unterlegt mit einem vermutlich KI-generierten Musikloop und einem von einer KI-Stimme auf Englisch eingesprochenen Text. Dieser Text wird in Form großer Untertitel parallel auch im Bild angezeigt.

In einem Video mit dem Logo der »Bild«-Zeitung wird der Linken-Parteivorsitzenden Heidi Reichinnek ausgerechnet angedichtet, sie würde »Parteigelder nutzen, um auf TikTok Desinformation zu verbreiten«. 

Viele der Behauptungen an sich sind so absurd, dass sie einen gewissen Unterhaltungswert haben: Etwa die über einen grünen Finanzpolitiker, bei dem angeblich Zehntausende Bücher mit »revisionistischer Literatur« beschlagnahmt worden seien, die zur Verteilung an Neonazis gedacht gewesen seien. Das Video dazu ist mit einem »FAZ«-Logo dekoriert.

Die Verleumdeten werden stets namentlich benannt, in manchen Videos tauchen im Bild auch Vertreter des angeblich berichtenden Medienhauses auf – in einem vermeintlichen »Stern TV«-Clip zum Beispiel »Stern«-Chefredakteur Gregor Peter Schmitz.

Portugiesisch, Koreanisch, Englisch

Die Accounts, die diese Posts verteilen, stammen X zufolge aus Bangladesch oder Kanada, Thailand oder Kolumbien, Brasilien oder Indonesien. In den seltensten Fällen stimmen die in der Account-Beschreibung angegebenen Länder oder Ortschaften mit den Lokationen überein, die X automatisiert ermittelt. Alle Videos sind auf Englisch, doch die Posts dazu sind mal Portugiesisch, mal Koreanisch, am häufigsten aber ebenfalls auf Englisch. X steht im Zentrum, doch solche Kampagnen findet man immer wieder auch auf Bluesky und TikTok. Auch auf Instagram sind Putins Bots unterwegs.

Auf X, das als Twitter schon seit 2006 existiert, sind viele der Bot-Accounts zehn Jahre alt oder noch älter. Manche haben vor vielen Jahren zuletzt gepostet, und dann meist Werbung für irgendetwas. Mit anderen Worten: Russlands Propagandisten kaufen weiterhin gut abgehangene Botnetze, von denen es nicht nur auf X jede Menge gibt. Wer glaubt, in den sozialen Medien ein Abbild der Gesellschaft zu erblicken, der irrt gewaltig.

Man kann sogar recht gut abschätzen, wie groß das Botnetz ist, das mit simuliertem Interesse den Algorithmus täuschen und so für echte Reichweite für die Desinformationsclips sorgen soll: Nahezu alle zitierten Posts haben der internen Zählung von X zufolge annähernd die gleiche Reichweite erzielt: 120.000 oder 121.000 Accounts sollen jeden dieser Posts »gesehen« haben. Da sich diese beiden Zahlen bei mehreren Dutzend entsprechenden Posts in der gleichen Höhe wiederfinden, kann man davon ausgehen, dass es sich hier um die immer gleiche gekaufte Reichweite handelt. Das ist schon ein ziemlich großes Botnetz.

»Der Westen HASST den Osten«

Die Kampagne zu den deutschen Landtagswahlen läuft schon seit vielen Wochen, zuletzt hat sich jedoch die Stoßrichtung geändert. Wie die Kollegen Max Hoppenstedt Heinrichs und Marcel Rosenbach hier im SPIEGEL Ende Juni berichteten , hatte die vorangegangene Welle das zentrale Thema einer vermeintlich tief gespaltenen Nation: »Der Westen HASST den Osten«, war da zum Beispiel auf einer gefälschten »Bild«-Titelseite zu lesen. Auch in Videos vom gleichen Schema wie oben beschrieben, jeweils mit Fake-Medienlogos, wurden angeblich eskalierende innerdeutsche Konflikte beschworen. Die Kollegen bekamen ihre Beispiele damals von dem Aktivistenkollektiv »Antibot4Navalny«, ebenso wie die »FAZ« diese Woche .

Die Beispiele, die ich in dieser Kolumne beschreibe, habe ich vom »dTeam« bekommen, einem weiteren Kollektiv von Freiwilligen, diese aus den USA, die unermüdlich russische Desinformationsnetzwerke auf diversen Plattformen beobachten. Dass es sich um russische Desinformationskampagnen, in diesem Fall aus dem sogenannten Matrjoschka-Netzwerk , handelt, darüber kann kaum ein Zweifel bestehen – das Muster und die Formate, die Soundtracks und der Duktus der »Berichterstattung« sind praktisch deckungsgleich mit zahlreichen anderen russischen Kampagnen. Leute, die wie ich Desinformation erforschen und beobachten, kennen es seit Jahren; diese Art von Kampagnen waren in dieser Kolumne schon diverse Male Thema.

Wer die AfD wählt, wählt Putin

Wie gesagt: Ob all das irgendeine Wirkung entfaltet, sei dahingestellt – insbesondere bei X darf das mittlerweile vermutlich sogar bezweifelt werden. Die gleichen Videos werden aber oft auch bei TikTok und anderswo verbreitet, und dort ist noch viel schwieriger zu ermitteln, wer was tatsächlich gesehen hat.

Viel wichtiger aber ist diese Erkenntnis: Wladimir Putins Propagandisten machen in Deutschland Wahlkampf, jedenfalls versuchen sie es, unablässig. Jeden Tag mit justiziabler Desinformation, die insbesondere auf X oft tagelang unbehelligt stehen bleibt, trotz gefälschter Senderlogos, trotz geklauten Bildmaterials, trotz offensichtlicher übler Nachrede, die auf konkrete Personen zielt.

Putin macht Wahlkampf für die AfD – und Elon Musks Plattform tut dagegen rein gar nichts. Man fragt sich einmal mehr, warum Union und FDP sich nicht dazu durchringen konnten, diese toxische Plattform gemeinsam mit Grünen, Linken und SPD  zu verlassen.

Alle, die in den nächsten Monaten in Deutschland wählen dürfen, müssen vor allem dies wissen: Eine Stimme für die AfD oder das BSW ist eine Stimme für den Kreml, seinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg und seine hybriden Attacken auf europäische Länder . 

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