Freitag, 17. Juli 2026

Lieber Herr Bundeskanzler Friedrich Merz, Gesprächsangebot!

Niklas Höhne, LinkedIn

Ihre Äußerungen bei der Bundespressekonferenz machen mich etwas stutzig, weil Sie Dinge zu suggerieren scheinen, die nicht dem wissenschaftlichen Stand entsprechen. 

Ich bin sicher eine Reihe von Klimawissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern wäre jederzeit bereit für ein kurzes Briefing zu aktuellen Lage der Klimakatastrophe und einem möglichem Umgang damit. 

Im Detail:

  • Sie haben trotz Nachfrage die über 5000 Hitzetoten von Juni (RKI: https://lnkd.in/dgETrmf2) nicht erwähnt oder gar bedauert oder den Helfenden gedankt.

    Ich glaube der fragende Malte Kreutzfeldt erwartete von Ihnen eine Anerkennung, dass wir ein massives Problem haben, das auch nicht wieder weg geht.
    Die jetzige Situation ist nicht das neue Normal, sondern erst der Anfang.
    Solange die Welt Kohle, Öl und Gas verbrennt wird es weiter wärmer werden. Wir müssen also dringend Emissionen reduzieren und uns an die neue Situation anpassen.

    Frankreich ist da viel besser aufgestellt und hat durch zentral organisierte Maßnahmen verhindert, dass sich eine Katastrophe mit 15000 Hitzetoten von 2003 wiederholt, trotz inzwischen höherer Temperaturen.   

  • Sie sprechen bei den Hitzeereignissen von "Wetter".
    Das ist schon lange nicht mehr nur Wetter, sondern die menschangemachte Klimakrise. Diese Ereignisse in ihrer Häufigkeit und Heftigkeit wären ohne den menschangemachten Klimawandel nicht möglich. (Weather attribution center: https://lnkd.in/dVBcaGnA)

  • Sie sprechen von "auch von Menschen gemachtem Klimawandel", was suggeriert, dass es auch andere Faktoren gibt. Gäbe es, aber die sind mal positiv mal negativ und um ein vielfaches kleiner als der menschliche Einfluss. (carbon brief: https://lnkd.in/dMsj-rek)

  • Sie sprechen von der Notwendigkeit Wirtschaft und Klimaschutz zu vereinbaren.
    Das suggeriert, das es einen Widerspruch zwischen den beiden gibt, was nicht zwingend der Fall ist. Wenn Teile der Wirtschaft lahmen wenn der Ölpreis hochgeht, ist nicht die Klimapolitik schuld, sondern die Abhängigkeit sind von niedrigen Öl- und Gas-Preisen - die wir nicht unter Kontrolle haben.

  • Auf die Frage der Verschiebung der Klimaziele, stehen Sie nicht direkt zu den gesetzlich verpflichtenden Klimazielen und erwähnen, Deutschland solle Technologie entwickeln, die andere dann auch nutzen wollen. Diese Technologien gib es bereits mit Solarenergie und Windenergie, auch die Wärmepumpe und das Elektroauto gehört dazu. Bei Großwärmepumpen ist Deutschland international führend, bei Elektroautos nicht. Ihre Politik könnte viel mehr darauf abzielen, dass schon bestehende Produkte (gerne auch in Deutschland hergestellt) auch genutzt werden.


Malte Kreutzfeldt

Ich hatte heute die Gelegenheit, Friedrich Merz in der Bundespressekonferenz zu seinem bisherigen Schweigen zu den vielen tausend Hitzetoten und zu den Forderungen aus seiner Partei nach einem Verschieben des deutschen Klimaziels zu fragen. 

Ein paar kurze Anmerkungen zu seinen Antworten: 

Merz sagte zunächst, er habe dazu ja gerade etwas gesagt. Das stimmt aber nicht. In seinem Eingangsstatement hat er nur erwähnt, dass sich der Nationale Sicherheitsrat künftig auch um den "Schutz der Bevölkerung vor Hitzewellen" kümmern soll. Zu Toten und Helfern gab es auch da kein Wort.

Bemerkenswert fand ich die Formulierung, man dürfe nicht leugnen, "dass es auch vom Menschen gemachten Klimawandel gibt". Leider gab es keine Möglichkeit mehr, nachzufragen, was er mit dem besonders betonten Wort "auch" gemeint hat.

Auf die Frage nach der Forderung zur Verschiebung des deutschen Klimaziels hat er sich nicht explizit zu diesem bekannt, sondern gesagt, diese Diskussion gebe es "nicht nur in meiner Partei, sondern in ganz Deutschland". Was daraus folgt, bliebt offen.

Stattdessen wieder die Aussage, der wichtigste Beitrag Deutschlands gegen den Klimawandel wäre es, wenn wir "Technolgien entwickeln, die so gut sind, dass andere sie auch nutzen wollen" - als ob es die notwendigen Technolgien nicht längst gäbe.


Quelle der Videos ist Phoenix, die komplette PK gibt es hier


Tagesspiegel hier Ein Kommentar von Jan Krüßmann 18.7.26

Merz’ Schweigen zu den Hitzetoten: Klimaschutz muss wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken

Ganze 5100 Tote forderte die Hitzewelle Ende Juni. Diese Warnung sollten wir ernst nehmen.
Wann, wenn nicht jetzt, ist die Zeit für entschlossenes Gegensteuern?

5100. So viele Menschen hat die Hitzewelle Ende Juni nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts getötet. Man stelle sich einmal vor, was in diesem Land los wäre, wenn ein Terroranschlag 5100 Opfer fordern würde, fast doppelt so viele wie 9/11. Die Bestürzung, die öffentliche Anteilnahme – ja, auch die Wut und die Forderungen nach politischen Folgen wären zu Recht unüberhörbar.

In den Tagen nach der verheerenden Hitzewelle herrschte stattdessen nur dröhnendes Schweigen. Kein Wort von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU).

Jan Krüßmann berichtet für den Tagesspiegel schwerpunktmäßig über Klima- und Energiepolitik. Er sagt: So hohe Todeszahlen dürfen sich bei den nächsten Hitzewellen auf keinen Fall wiederholen.

Die Szene, die sich am Mittwoch während seiner Sommerpressekonferenz entspann, war vor diesem Hintergrund geradezu peinlich. Auf die Frage, warum von ihm bisher nichts zu den Hitzetoten zu vernehmen gewesen sei, vermerkte er pikiert, „wenn sich diese Wetterentwicklungen fortsetzen“, werde er „gegebenenfalls auch öffentlich etwas sagen“.

Das ist eine reichlich seltsame Antwort. Sind 5100 Tote nicht genug für ein Wort der Anteilnahme vom Bundeskanzler? Reichen 6,3 Milliarden Euro Wirtschaftsschaden binnen weniger Tage nicht für ein Umdenken? Wann ist die Schwelle erreicht, bei der er doch etwas sagen will? Also, gegebenenfalls.


Klimaschutz muss wieder
ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken –
mit der ihm angemessenen Dringlichkeit und
mit einer Erzählung,
die Lust auf eine saubere und gesunde Zukunft macht.

Jan Krüßmann


Merz’ Schweigen ist bedauerlich. Viel schlimmer aber ist seine Weigerung, angemessene Maßnahmen zu ergreifen. Jetzt braucht es eine gemeinsame Kraftanstrengung und einen Kanzler, der sagt: Wir machen Hitzeschutz zur Priorität. Wir bauen unsere Städte um, um sie fit für 40 Grad zu machen – mit Entsiegelung, Bäumen, Trinkwasserspendern. Wir schaffen Kälteinseln in allen Pflegeheimen und Krankenhäusern.

Stattdessen schoben sich Bund, Länder und Kommunen in der Woche nach der großen Hitze gegenseitig die Verantwortung zu. Ja, die föderale Ordnung macht kraftvolles Handeln nicht leichter. Aber wenn etwas passieren soll, muss jemand vorangehen und eine Aufbruchsstimmung erzeugen. Das ist Aufgabe des Kanzlers.

Noch mehr als für die Linderung der Symptome gilt das für den Kampf gegen die Ursache. Die Fridays-for-Future-Proteste haben 2019 eindrucksvoll bewiesen, wie zuvor politisch Undenkbares plötzlich möglich wird, wenn eine gesellschaftliche Dynamik entsteht. Klimaschutz muss wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken – mit der ihm angemessenen Dringlichkeit und mit einer Erzählung, die Lust auf eine saubere und gesunde Zukunft macht. 

Die Chance dafür ist jetzt, Herr Bundeskanzler. Nutzen Sie sie!

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